Neues Sein

Willy spähte hinter der Ecke eines fest montierten Wandschranks hervor. Er traute seinen Ohren nicht. Die kalte Laborluft roch nach Ozon und verbranntem Metall. Was hatte Evelyn da gerade gesagt? Es ging ihr gar nicht um günstige Energie, die Weltherrschaft und das ganze Gedöns? Sondern um … ja, wen eigentlich? Den Namen Lucilla hatte sie vorher nie erwähnt. Das klang fast wie Luzifer. War aber sicher nur ein Zufall. Den Teufel hätte sie sich deutlich einfacher rufen können.
Vincent schien es ähnlich zu gehen. Er hielt in seinem Zerstörungswahn inne. Seine Hände waren noch um ein verbogenes Metallrohr gekrallt. Er sprach dieselbe Frage laut aus: »Wer ist Lucilla?«
»Meine Frau«, antwortete Evelyn kaum hörbar. Ihre Stimme war brüchig wie altes Pergament. »Der einzige Mensch in diesem Multiversum, für den ich sprichwörtlich alles tun würde.«
Für ein paar Sekunden herrschte Schweigen. Nur das leise Summen der Energietanks durchbrach die Stille. Der Höllenfürst schien einen Moment zu brauchen, das zu verdauen.
»Deine Frau, eine gequälte Seele in der Hölle? Bist du dir sicher?«, hakte er nach.
Sie lachte freudlos. Ein Klang wie splitterndes Glas. »Oh, ja. Sie war wahrhaft böse. Eine Idee fieser als die andere. Jede Nacht eine neue. Ihr gegenüber bin ich ein Nichts. Sie war brillant. Sie hat nie aufgegeben, und sie war immer für mich da. Am Ende hätten wir es beinahe geschafft, die Weltherrschaft an uns zu reißen. Wäre da nicht das Klavier gewesen, das in unsere Motorhaube gekracht ist.«
»Äh … ja. Müsste man ihren Namen dann nicht kennen?«
»Oh, nein. Nein, nein, nein.« Sie winkte abwehrend mit ihren Händen. Diese zitterten im bläulichen Schein der Energietanks. »Wir waren immer äußerst diskret. Keines unserer Opfer hat gewusst, dass wir dahinter steckten. Das World Trade Center zu 9/11, das Atomkraftwerk von Fukushima, die Boeing 737 MAX-Software, das Corona-Virus, Trump als Präsident … Soll ich weitermachen?«
»Trump? Ernsthaft? Dafür habt ihr beide wirklich nicht Besseres verdient, als beim Boss persönlich zu schmoren. Aber wie hätte diese Seelensaugerei dabei geholfen, sie zu dir in die Oberwelt zurückzuholen?«
Genau das hatte Willy sich gerade gefragt. Mit entsprechend perfektionierter Technik hätten sie blind Hunderttausende Seelen zerstört.
»Wieso zurückholen? Geht das? Nein, ich wollte sie erlösen. Wenn ich alle Seelen der Hölle auslösche, befreie ich am Ende auch sie.« Ihre Augen glänzten feucht im künstlichen Licht.
»Und schwingst dich gleichzeitig hier zur Weltherrscherin auf.«
»Ja, Win-win würde Willy das vermutlich nennen.«
So war es. Vor allem hätte er sich gerne die Energie von ein paar weiteren Seelen einverleibt. Um wieder ein Mensch zu werden. Vincent würde sich von der rührenden Geschichte über diese Ultra-Bösewichtin jedenfalls nicht aufhalten lassen. Im Gegenteil. Jetzt war klar, dass es ihr nicht nur um einen Teil ging, sondern um die Vernichtung der gesamten Höllendimension. Daran konnte er erst mal nichts Verwerfliches finden. Er würde ihr jederzeit wieder dabei helfen. Im Zweifelsfall gäbe es danach einen unangenehmen Platz weniger, an dem er nach seinem erneuten Ableben landen könnte. Aber konnte er sein Minimalziel noch erreichen? Einen menschlichen Körper?
Durch jede Menge Seelenenergie. Und die strahlte bläulich aus dem Tank, den Vincent gleich aus der Wand reißen würde.
Ohne einen echten Plan zu haben, sprintete er los in Richtung des Dämons. Seine kleinen Rattenpfoten tappten hastig über den kalten Laborboden. Der gab dem Tank einen kräftigen Tritt. Schweißnähte rissen leicht ein. Es strahlte bereits bläulich heraus.
»NEEIIN!«, schrie Evelyn erneut. Ihre Stimme hallte von den Laborwänden wider.
Willy erreichte den Dämon. Er kletterte an seinem Anzug hoch. Die Finger krallten sich in den groben Stoff. Vincent war voll auf sein Zerstörungswerk konzentriert. Entweder er bemerkte ihn nicht oder er ignorierte ihn absichtlich. Er kam oben auf der Schulter an. In diesem Moment zertrat der Höllenfürst mit einem letzten Wutschrei die Abdeckung.
Blaues Licht brach in gleißenden Strahlen hervor. Es erfüllte den Raum mit surrender Energie.
Und Willy sprang hinein.
⌁⋅⌁
Strahlendes Weiß stach in seine Augäpfel, als er aufwachte. Er kniff die Lider zusammen. Ein metallischer Geschmack lag auf seiner Zunge. Hatte er es in den Himmel geschafft? Das war nicht besonders wahrscheinlich. Auch die hämmernden Kopfschmerzen sprachen dagegen. Vorsichtig öffnete er nochmals die Augen. Eine Taschenlampe blendete ihn.
»Ey, nehmt die weg.« Er wischte mit der Hand durch die Luft.
Moment.
Hand? Nicht Pfote?
»Was? Habe ich es etwa geschafft?«
Er richtete sich auf und schaute sich um. Um ihn herum befand sich das vollständig zerstörte Labor. Hier lag kein Stein mehr auf dem anderen. Tische, Stühle, Geräte und alles andere waren zu Kleinholz und Schrott verarbeitet worden. Staub wirbelte in der Luft und reizte seine Nase. Ob durch die Explosion oder Vincents konsequentes Aufräumen, war schwer zu sagen. Vor ihm hockten die beiden in stiller Eintracht und schauten ihn an. Evelyn, ähnlich zerschlagen, verbeult und zerkratzt wie der Rest des Raumes. Vincent wie aus dem Ei gepellt.
»Warum sagt ihr nichts? Bin ich wieder ein Mensch?«
Nochmals betrachtete er seine Hand. Sie sah normal aus. Mit zu langen Fingernägeln und kleinen Härchen. Genau wie früher. Auch der Rest seines – nackten – Körpers war ihm vertraut. Vielleicht etwas blasser. Aber noch mit den gleichen Speckröllchen an den passenden Stellen. Trotzdem passte irgendwas nicht so ganz. Er konnte es beim besten Willen nicht greifen.
»Hallo? Habt ihr die Sprache verloren? Ich bin wieder ein Mensch! Es hat funktioniert.«
Vincent räusperte sich. Ein raues Geräusch. »Ähem. Ich sage mal, die Form passt. Zumindest grob.«
»Hä?« Was wollte er ihm damit sagen?
Endlich erhob er sich, um sich nochmals gründlicher umzuschauen. Jetzt wurde ihm klar, was nicht in Ordnung war. Die Perspektive. Sie war nicht mehr so bodennah wie bei seinem Rattenkörper. Aber sein Kopf reichte Vincent maximal bis zum Oberschenkel.
»Ich bin ein Zwerg?!«
Diesmal war es Evelyn, die sich räusperte. Sie konnte ein Schmunzeln nicht ganz verbergen. »Nicht nur das.« Sie deutete auf eine Stelle über ihrem Kopf.
»Was meinst du? Ich …« Er fuhr mit seinen Händen über sein Haupt und zuckte zurück. Als hätte er sich verbrannt. Waren das …? »Hörner?! Ich habe gottverfickte Teufelshörner?«
»Das auch. Ja.«
War da noch mehr? Das konnte nicht sein! Erneut tastete er seinen Körper ab. Mit den Händen blieb er an seinem Steiß an einem lederartigen Fortsatz hängen. »Und einen Schwanz?!«
»Na ja, das kennst du ja schon, oder?«, meinte Vincent mit einem schiefen Grinsen.
»Ja, aber nicht als Mensch!« Das letzte Wort brüllte er fast. Seine Stimme überschlug sich.
Der Dämon schaute ihn an und grinste böse. Seine Zähne blitzten im trüben Licht. »Wie kommst du auf die abwegige Idee, dass dich das Aufsaugen von massig Höllenenergie zu einem Menschen machen würde?«
Oh, verflucht.





































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