14 (Un)freiwillige Umarmung

(Un)freiwillige Umarmung

Ich sitze auf der Bettkante und hänge an Mariels Schulter, um mich auszuheulen. Tränen, deren Ursprung ich nicht genau benennen kann, rinnen mir übers Gesicht. Ich weiß nur, dass alles zu viel ist, aber was „alles“ ist, kann ich nicht sagen. Ich fühle mich allein, obwohl ich von den anderen umgeben bin. Einerseits will ich nicht weinen, andererseits ist das alles was ich gerade kann. Die Gefühle sind heftig und eine unklare Mischung als allem – Wut, Traurigkeit, Verwirrtheit, Ohnmacht, Nähe suchend oder doch lieber Distanz? Ich weiß es nicht, der Strudel aus Gefühlen droht mir den Verstand zu rauben…
Dann geht die Tür auf und ich hebe den Blick, um zu sehen, wer da ist. Es ist Balthasar. Sofort richte ich mich auf, stehe sogar auf, straffe Schultern und wische mir die Tränen aus dem Gesicht.  Ich will nicht, dass er mich so sieht, ist mein Gedanke. Ich will mir ein Rest Würde behalten. Balthasar fragt was los ist. Nicht vorsichtig oder besorgt, sondern fordernd. Fordernd nach Antworten, die ich nicht geben will. Ich will nicht zugeben, dass ich quasi grundlos weine. Mein Leibarzt Toraniel wagt es ihm anstelle meiner zu antworten: „Schwangerschaftsinduzierte Stimmungsschwankungen“ Ich bringe ihn mit einem Blick zum Schweigen. Beschämt und demütig schlägt er die Augen nieder und wagt es nicht einmal mich anzusehen. Gut so. Ich bin Uriel und selbst wenn diese Diagnose stimmt, so hat niemand das Recht dies zu sagen. Ich wende mich wieder Balthasar zu und bin verwundert darüber, dass Mariel ihm offensichtlich was zuflüstert. Ich hatte nicht bemerkt wie sie aufgestanden ist. „Es ist nichts. Geh!“ sage ich zu Balthasar und mache ihm damit klar, dass ich ihn nicht sehen will. Doch er bleibt stehen, rührt sich nicht. „Hast du mich nicht gehört!? Du sollst gehen!“, versuche ich es erneut, diesmal energischer. Meine Wut steigert sich, weil er nicht spurt und einfach geht. Ich will nicht, dass er mich so sieht. Er geht aber nicht, sondern schaut mich nur prüfend an. Ich will schon vor Wut explodieren und ihm was verbal Unschönes an den Kopf werfen, als er plötzlich meine Hand ergreift. Ein Ruck und ich finde mich in seinem Armen wieder.  Er hat mich dabei um 90 Grad gedreht und hält mich in fester Umarmung. Ich versuche mich zu befreien, da erklingt seine ruhige, raue Stimme an mein Ohr: „Beruhige dich – denk an unseren Sohn.“ Ich höre auf mich zu wehren und gebe nach. „Und? Weiter?!“, sage ich kampfeslustig. Er greift um, eine Hand legt sich an meinen Kopf und zieht mich an sich, während sein anderer Arm mich unterhalb der Brust fest hält – mir Halt gibt. „Alles ist gut, ich bin da.“ Er legt seine dunklen Flügel schützend um mich – versteckt mich vor den anderen. Es wird dunkel, aber auf eine angenehme Art und Weise. Ich kann nicht anders als loszulassen und meinen Gefühlen freien Lauf zu lassen. Heiße Tränen rinnen mir übers Gesicht und Balthasar macht nichts weiter als mich zu halten. Doch das ist alles, was ich jetzt brauche, wie mir bewusst wird. Nach einer Weile verebben die Tränen und ich fühle mich erleichtert. Langsam öffnet Balthasar die Flügel wieder und das Licht kehrt zurück. Mein Leibarzt und Araton sind gegangen, vermutlich um nicht zu stören. Mariel blickt zufrieden rein und wendet sich zum Gegen, jetzt wo klar es, dass es mir besser geht. Balthasar hält mich noch immer. „Danke, aber ab jetzt kann ich wieder alleine stehen.“, sage ich zu ihm, er nickt und entfernt sich von mir. Als er sich zurückzieht, überkommt mich Bedauern – ein Teil von mir möchte noch mehr Nähe. Doch der Stolz und die Vernunft in mir verbietet es. Wir hatten Nähe von ihm – mehr als jemals zuvor. Und ich will ihn nicht überfordern. Ich will ihm beweisen, dass ich wieder gefestigt bin und er sich keine Sorgen um mich machen muss. Er schaut mich prüfend an und ich schenke ihm ein entwaffnendes Lächeln: „Mir geht es wirklich wieder gut. „Bitte entschuldige mein Gefühlsausbruch.“ Er beobachtet, nickt dann und wendet sich zur Tür. An der Tür schaut er noch mal zurück und fragt: „Es ist wirklich in Ordnung, wenn ich jetzt gehe?“ „Ja und danke.“, ist alles was ich sage und er geht. Ich setzte mich wieder auf die Bettkannte und horche in mich hinein. Der Sturm ist vorbei und eine tiefe Müdigkeit überkommt mich. „Gefühle sind anstrengend.“, flüstere ich zu mir selbst und lege mich hin. Nur ein paar Minuten …



 

Balthasars Rückblick 

Man könnte meinen, man merkt sofort, wenn jemand weint.
Aber das stimmt nicht. Man merkt es erst, wenn es nicht mehr nur Weinen ist, sondern etwas Ungeordnetes. Etwas, das keinen Platz findet.

Als ich eintrat, saß Uriel vorgebeugt, wie ein Haufen Elend auf der Bettkante – und das allein hätte mich stutzig gemacht. Sie sitzt sonst nicht so. Zu wenig Würde für ihren Geschmack. Also wusste ich: Entweder sehr müde — oder sehr weit weg von sich selbst.

Auf meine Frage, was denn sei, antwortete Toraniel an Uriels Stelle, doch ein rascher Blick Uriels brachte ihn zum Schweigen. Sein Glück, sonst hätte ich es getan. Uriel hat selbst eine Stimme und ich weiß aus eigener Erfahrung, dass sie sie zu benutzen weiß – und wenn sie möchte, dass jemand anderes für sie spricht, weiß sie auch dies deutlich zu machen.

Mariel trat an mir vorbei. Oder besser: Sie trat zwischen uns, ohne sich wirklich zwischen uns zu stellen. Ein kleiner Hinweis aufs Offensichtliche. Mehr nicht. Als hätte ich das notwendig.

Zwar schickte Uriel mich fort, doch ich entschied mich zu bleiben. Nicht aus Trotz oder Sorge oder um sie zu provozieren – nichts läge mir ferner. Ich blieb, weil meine Erfahrung mit den jungen Dämonen mich gelehrt hatte, dass eine Person, welche emotional so aufgewühlt ist, wie Uriel derzeit, solch eine Aussage nicht auch so meint, sondern dies eher ein mehr als verzweifelter Hilferuf ist. Und mit wilden Emotionen kennen wir Dämonen uns verdammt gut aus – und seien wir ehrlich: Da Uriel derzeit meinen Sohn in sich trägt, sind es nicht nur die Schwangerschaftshormone, die ihr derzeit zu schaffen machen, sondern auch der Schatten, der noch so lange durch ihre Adern fließen wird, wie sie dieses Kind unter ihrem Herzen trägt. Das war schon bei Lilith so – und ich bin mir sicher, dass dies ein Faktor ist, denn bei jeder anderen Schwangerschaft – und ich habe jede einzelne davon begleitet – war sie sehr viel gefasster.

Als sie es wiederholte, lauter dieses mal, war klar: Jetzt ging es nicht mehr darum, ob ich gehen sollte, sondern ob sie sich noch halten konnte. Und eines habe ich in all den Jahrhunderten gelernt: Wenn Uriel beginnt, sich an Würde festzuhalten, rutscht ihr der Boden unter den Füßen weg.



Ich nahm ihre Hand. Sie reagierte sofort. Natürlich. Uriel wehrt sich gegen jede Nähe, die sie nicht selbst eingeleitet hat. Kein Makel. Konsequenz. Niemals würde sie Hilfe annehmen – geschweige denn, darum zu bitten. Also muss man sie in dieser Hinsicht zu ihrem Glück zwingen.

Ich drehte sie — nicht aus Sentimentalität, nicht aus irgendeinem dramatischen Impuls. Ihr Bauch, ihr Kind — einfache Tatsachen. Effizienz. Vorsicht. Alles andere hätte Unfälle riskiert. Praktisch. Rational. Fertig.

Sie wehrte sich. Kurz. Heftig. Wie immer.
Ich erinnerte sie an unseren Sohn.
Kein Trost. Eine Tatsache. Und Tatsachen funktionieren bei ihr besser als gut gemeinte Worte.

Als sie nachgab, hielt ich sie einfach. Kein Plan. Keine Absicht. Manchmal ist das Offensichtliche eben das Richtige, auch wenn man es nicht geplant hat. Ich schloss die Flügel um uns, mehr aus Gewohnheit als aus Sentimentalität. Dunkelheit filtert.

Sie weinte. Lange.
Ich tat nichts. Ich war da. Mehr war nicht nötig.

Irgendwann ließ die Spannung nach. Wie bei einer Saite, die endlich nicht mehr zu reißen droht. Ich öffnete die Flügel wieder, langsam. Alles andere wäre unnötig dramatisch gewesen.

Sie sagte, sie könne wieder allein stehen.
Natürlich konnte sie das.

Ich nickte. Man widerspricht Uriel nicht, wenn sie wieder sie selbst ist. Man akzeptiert es. Anders als Zustimmung, aber es reicht.

An der Tür fragte ich dennoch, ob es in Ordnung sei zu gehen. Nicht, weil ich musste — sondern weil sie hören musste, dass es ihre Entscheidung ist.

Sie bestätigte es. Also ging ich.

Später dachte ich kurz darüber nach, ob ich zu viel Nähe erlaubt hatte.
Dann verwarf ich den Gedanken. Und vielleicht war das genau richtig.

 

Ein Rat vom Herold

Balthasar starrt auf ein Pergament, doch seine Hand liegt unbewusst auf seinem Unterarm, genau dort, wo Uriels Kopf vorhin geruht hat. In der Stille des Zimmers ertönt plötzlich ein leises Plopp, gefolgt von einem Geruch nach frischem Schnee und einem Hauch von altem Pergament.

Ophio sitzt auf der Ecke des massiven Eichentisches. Er hat die Beine übereinandergeschlagen und kaut genüsslich auf einem Stück Kandiszucker, das er irgendwo stibitzt haben muss. Er beobachtet Balthasar eine Weile schweigend, während seine Schwanzspitze rhythmisch gegen die Tischkante tippt.



„Hey, Balthasar“, sagt er schließlich mit seiner hellen, flinken Stimme. „Nicht zu viel grübeln, das macht Falten! Und wenn dein Gesicht noch finsterer wird, denken die Leute in Kitary noch, es gäbe eine Sonnenfinsternis.“

Balthasar hebt den Blick, die Augen kühl. „Ich grüble nicht, Herold. Ich ziehe Bilanz.“

Ophio kichert und ein paar kleine Funken sprühen aus seinen Nüstern. „Bilanz? Über was? Wie viele Liter Tränen ein Erzengel produzieren kann? Oder wie weich sich so ein Lichtwesen anfühlt, wenn man mal aufhört, sie nur als strategisches Ziel zu betrachten?“

Balthasar will gerade zu einer scharfen Erwiderung ansetzen, doch Ophio hebt seine Vorderkralle und bringt Balthasar damit zum Schweigen.

„Lass es gut sein, Principales. Du hast das Richtige getan. Sogar der Ewige hat kurz gelächelt, als er den Wind aus Kitary gespürt hat. Du musst nicht alles verstehen, um es richtig zu machen. Manchmal ist ein Schatten einfach nur dazu da, um dem Licht den Schatten zu geben, den es zum Ausruhen braucht.“

Ophio springt vom Tisch und landet lautlos auf dem Boden. Er klopft sich den Staub von seinem blauen Schuppenkleid.

“Also, guck nicht so grimmig und mach mal was wirklich Spaß macht! Deine Kids wollen bestimmt auch mal mit dir spielen. Aber das ist nur ein Vorschlag. Es ist deine Entscheidung”

Mit diesen Worten verschwindet der kleine Herold und lässt Balthasar alleine.

 

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