Kapitel 12
12
Das Gespräch mit Marijke am nächsten Morgen fand bereits vor dem Frühstück statt. Das Mädchen ließ sich nicht länger vertrösten und stampfte mit dem Fuß auf den Boden, als Rick versuchte, es noch etwas aufzuschieben. Schließlich nahm Kim ihre Tochter auf den Schoß und redete lange mit ihr. Er ging unterdessen in die Küche, um Pfannkuchen zu machen. Würde Kim ihr die Wahrheit sagen oder bei ihrer geschönten Version bleiben? Er hörte Marijkes protestierende Stimme, die immer wieder von Schluchzern durchbrochen wurde. Schließlich knallte eine Tür. Rick zog die Pfanne vom Herd und ging ins Wohnzimmer, wo er eine weinende Kim vorfand, die nur hilflos mit den Schultern zuckte.
»Ich kümmere mich um sie«, sagte er. »Schaust du nach den Pfannkuchen?« Als sie nickte, öffnete er die Tür zu Marijkes Zimmer. Was noch vor einem halben Jahr ein verlotterter Sauhaufen gewesen war, war nun ein hübsches Mädchenzimmer mit einem hellen Anstrich und Postern an den Wänden. Leider auch mit einer gewissen Unordnung. Rick hob ein Buch vom Boden auf und legte es in den Bücherschrank, als ihm bewusst wurde, dass er das Unvermeidliche nur unnötig hinauszögerte. Seufzend setzte er sich neben Marijke, die auf dem Bett lag und den Kopf im Kissen vergraben hatte. Beruhigend strich er ihr über den Rücken, als sie sich umdrehte und ihn mit einem Schwall Niederländisch überschüttete.
»Tut mir leid, Kleines, ich verstehe kein einziges Wort.«
Doch sie schimpfte weiter. Bis Rick sie an sich drückte und einfach nur festhielt. Marijke wurde still, dann fing sie an zu weinen. Immer lauter, immer heftiger, bis sie von Schluchzern geschüttelt wurde.
»Ich weiß, Kleines.« Rick strich ihr über den Rücken. »Was hat deine Ma dir denn gesagt?« Er war sich plötzlich nicht mehr sicher, dass Kim bei ihrem Plan geblieben war, ihre Tochter anzulügen. Dafür war die Reaktion des Mädchens zu heftig.
»Sie sagte, dass sie sehr krank ist und es eine Weile dauern kann, bis sie wieder gesund wird. Aber ich kenne Ma. Sie hat gelogen.«
Rick zuckte erschrocken zusammen. »Wie kommst du darauf?«
»Sie ist nicht gut darin. Ich merke immer, wenn sie mir nicht die Wahrheit sagt. Sie konnte mich gar nicht anschauen und sie hat fast geheult. Heißt das, dass sie stirbt?«
Mit großen nassen Augen sah Marijke ihn an, in ihnen das stumme Flehen, ihr eine gute Nachricht zu geben. Was sollte er nur tun? Er konnte ihr nicht sagen, dass alles gut werden würde.
Sein Zögern hatte zu lange gedauert. Sie hatte ihn durchschaut. »Nein«, rief sie. »Nein, das darf sie nicht. Sag, dass sie nicht stirbt.«
Das konnte er nicht. Im Moment konnte er überhaupt nichts sagen. Der Kloß in seinem Hals drückte seine Stimmbänder vollkommen zu. Er schluckte krampfhaft und räusperte sich zweimal. »Vielleicht geht es ihr bald wieder besser«, quetschte er heraus und hörte selbst, wie lahm seine Ausrede klang.
»Du lügst«, sagte Marijke ihm auf den Kopf zu. »Genauso wie Ma. Warum lügt ihr mich an?«
»Das tu ich nicht. Deine Ma ist stark. Sie kann die Krankheit bekämpfen.«
»Warum hat sie mir nicht gesagt, dass sie so krank ist?«
»Weil sie nicht wollte, dass du dir Sorgen um sie machst und unglücklich bist.«
»Warum ist sie dann weggegangen?«
»Sie dachte, dass man ihr in Amerika helfen kann. Sie hat es für dich getan, damit es ihr besser geht. Leider hat es nichts gebracht.«
»Warum nicht?«
Rick wusste nicht, wie viele dieser Warum-Fragen er noch aushalten konnte. Das Sprechen fiel ihm jetzt schon schwer. »Das weiß ich nicht, mein Schatz. Es ist halt manchmal so, dass Medizin nicht immer hilft. Und manche Krankheiten sind einfach nur gemein und fies.«
»Ich will nicht, dass sie stirbt. Vielleicht, wenn ich ganz, ganz brav bin …«
Rick drückte sie auf Armeslänge von sich und sah sie ernst an. »Hör mir jetzt genau zu, Ricky: Dass deine Ma so krank ist, hat absolut nichts mit dir zu tun. Das kommt nicht davon, dass du nicht brav warst oder sie geärgert hast. Und leider hilft es gar nichts, wenn du ab sofort ein superbraves Kind bist. Das würden wir auch gar nicht wollen. Niemand hat Schuld daran und du schon überhaupt nicht. Verstehst du das?«
»Ich weiß nicht.«
»Wenn du etwas tun willst, dann sei einfach lieb zu deiner Ma, erzähle ihr, was wir zusammen unternommen haben, berichte ihr aus der Schule und bring sie zum Lachen. Das hilft ihr viel mehr, als nur brav zu sein.«
»Ist sie an meinem Geburtstag noch da?« Das dünne Stimmchen zitterte.
»Natürlich. Wir werden alle zusammen feiern. Und wie ich deine Ma kenne, ist sie an deinem zwanzigsten Geburtstag auch noch da. Wir müssen fest daran glauben, dass sie es schafft, okay? Und jetzt gehen wir Pfannkuchen essen. Du darfst dich nicht hier im Zimmer vergraben, wenn du die Zeit mit deiner Ma verbringen kannst.«
Marijke biss sich auf die Lippe, dann nickte sie. »Fannkuchen«, sagte sie mit Tränen in den Augen. »Ich muss Ma sagen, dass sie Fannkuchen heißen.«
Die Stimmung beim Frühstück war gedrückt. Immer noch wirbelten die unterschiedlichsten Gedankenfetzen durch Ricks Kopf. Obwohl er sich entschieden hatte, zu Kim zu stehen, grübelte er über alle möglichen »was-wäre-wenn«-Szenarien nach. Marijke stocherte ebenfalls lustlos in ihren Pfannkuchen herum.
»Was soll denn das, Leute?«, tadelte Kim plötzlich. »Weg mit den Leichenbittermienen.« Sie warf Rick einen fragenden Blick zu. »So sagt man doch, oder?« Als er knapp nickte, legte sie ihrer Tochter den Arm um die Schultern. »Ich weiß, dass es schlimm ist, was du heute erfahren hast, doch im Moment geht es mir gut. Ich will fröhlich sein und mit euch lachen. Wir können es nicht ändern, dass ich krank bin, aber wir müssen nicht ständig daran denken. Was können wir machen? Hat München nicht einen tollen Zoo?«
»Ja«, rief Marijke, »der ist super.«
»Also, das ist der Plan. Ich lege mich nach dem Frühstück noch eine Stunde hin, weil mir der Jetlag ein wenig in den Knochen steckt, und dann gehen wir in den Zoo. Einverstanden?«
Rick nickte erleichtert. Es war besser, sich zu beschäftigen, als immer nur zu grübeln. Und Marijke würde die Ablenkung ebenfalls guttun. Sie waren zwar schon dreimal im Zoo gewesen, aber sie konnte von den Tieren gar nicht genug kriegen. Sie konnte es auch jetzt kaum erwarten, die Vorfreude verdrängte die Sorge um ihre Mutter, die für das Kind im Moment noch zu abstrakt war. Unablässig sah sie auf die Uhr und fragte Rick, wann sie endlich so weit wären. Aber er wollte Kim etwas mehr Ruhe gönnen. Sie war immer noch unnatürlich blass und hatte müde ausgesehen. Das konnte natürlich wirklich am Jetlag liegen, er vermutete jedoch, dass auch ihre Krankheit mit hineinspielte.
Als es endlich so weit war, hüpfte Marijke aufgeregt die Treppe hinunter, doch Kim blieb plötzlich stehen. »Mir ist schlecht«, murmelte sie und drehte um. »Ich komme gleich.« Eilig lief sie zurück in die Wohnung, die Rick gerade absperren wollte.
»Soll ich mitkommen?«
»Nein, alles in Ordnung.«
»Gut, ich lasse den Schlüssel stecken und schau nach Ricky.«
Das Mädchen war bereits hinausgelaufen und Rick beeilte sich, ihr zu folgen. Als er auf die Straße trat, stutzte er. Marijke unterhielt sich mit einer jungen Frau, die ihm bekannt vorkam. Als er sie erkannte, sog er scharf die Luft ein. Sie sah auf und lächelte. »Hallo Rick.«
»Daniela.« Er musste schlucken. »Das ist aber eine Überraschung.« Er ging auf sie zu. Konnte er sie einfach umarmen? Nein, dafür kannten sie sich zu wenig, obwohl er es gerne getan hätte. Er mochte sie und hätte nichts dagegen gehabt, die Bekanntschaft zu vertiefen. Nur war es nicht der richtige Zeitpunkt. »Was machst du denn hier?«, fragte er.
Sie zuckte mit den Schultern. »Eigentlich ist es Zufall, dass ich hier durchlaufe. Aber als ich Marijke aus der Tür kommen sah, musste ich sie doch schnell fragen, wie es ihr geht.«
»Das ist nett von dir. Und wie geht es dir?«
»Gerade nicht so toll. Ich habe mich von meinem Freund getrennt.«
»Upps, das tut mir leid.«
»Muss es nicht. Es ging einfach nicht mehr. Am Ende war er nicht der Mann, mit dem ich mein ganzes Leben verbringen will.« Sie sah ihn bedeutungsvoll an und ihm wurde heiß. Wollte sie damit eine Andeutung machen?
»Und wie ist der Mann deines Lebens?«
»Weiß nicht. Aber ich würde es gerne herausfinden.« Sie lächelte verlegen. »Vielleicht hast du ja mal Lust, mit mir Essen zu gehen?«
Als er nicht sofort antworte, senkte sie den Blick. In dem Moment kam Kim aus dem Haus und Marijke lief auf sie zu und umarmte sie.
Daniela wurde blass. »Ist das ihre Mutter?«
»Ja.« Rick verfluchte das Timing.
»Ach so, natürlich, wie blöd von mir.«
»Nein.« Er streckte die Hand nach ihr aus, ließ sie dann aber unsicher fallen. »Es ist nicht so, wie du denkst.« Oh Gott, dieser bescheuerte Satz, den Leute verwendeten, anstatt zu sagen, was Sache war. Er hatte sich geschworen, nie etwas so Dämliches von sich zu geben, und jetzt tat er es doch. Aber es widerstrebte ihm, ihr von Kims Krankheit zu erzählen. Das ging sie im Grunde nichts an und Kim würde es vermutlich nicht wollen. »Wir sind nicht zusammen«, stammelte er. »Nicht wirklich.«
»Nicht wirklich?« Daniela zog die Augenbrauen hoch und fuhr sich unsicher durch die langen blonden Haare. »Wie kann man nicht wirklich zusammen sein?«
»Es ist kompliziert.«
»Ja, das ist es immer.« Ihre Stimme bekam einen verächtlichen Tonfall.
»Ist es wirklich, aber es hat nichts mit dir zu tun. Ich würde dich echt gern wiedersehen, nur ist es im Moment gerade nicht so ideal.«
»Kann ich mir vorstellen.« Sie runzelte die Stirn, als sie Kim und Marijke beobachtete, die miteinander lachten.
Rick konnte es einfach nicht dabei belassen. Sie dachte bestimmt, dass er ein glücklicher Familienvater war. »In ein paar Monaten sieht es vermutlich anders aus. Wie kann ich dich denn erreichen?«
Daniela sah ihn lange prüfend an, dann gab sie sich einen Ruck und reichte ihm eine Visitenkarte. »Du kannst dich ja melden, wenn sich deine Situation entkompliziert hat.« Mit einem letzten, enttäuschten Blick auf ihn drehte sie sich um und lief mit schnellen Schritten davon.
»Das mache ich, versprochen«, rief er ihr nach. Am liebsten wäre er ihr nachgelaufen, aber er musste sich erst mal um Kim kümmern, bevor er wieder an seine eigenen Bedürfnisse denken konnte. Seufzend drehte er sich um.
»Hab ich dir ein Date vermasselt?« Kim legte ihm die Hand auf die Schulter. »Das tut mir leid.«
»Nein, es ist schon gut.« Rick wandte sich nochmal um, doch Daniela war bereits um die Ecke verschwunden.
»Ricky sagte, das ist die Frau, die sie damals heimgebracht hat.«
»Ja, Daniela. Ich war ihr so dankbar. Du kannst dir nicht vorstellen, wie ich mich gefühlt habe. Ricky hätte weiß Gott was passieren können.«
»Ach, du meinst, eine Mutter kann sich diese Ängste nicht vorstellen?« Kim grinste.
Rick nickte. »Doch, vermutlich schon. Geht es dir besser?«
»Ja, bestimmt habe ich einen Pfannkuchen zu viel gegessen. Lass uns fahren, bevor Ricky ein Loch in den Asphalt tritt.«
Er lächelte seiner Tochter zu, die aufgeregt von einem Bein aufs andere hüpfte und reichte Kim seinen Arm. Für Daniela hatte er jetzt einfach keine Zeit.
Augsburg, Juni 2024
»So war das also«, murmelte Daniela, als Rick seine Erzählung für den Moment beendete. »Dann war es wirklich anders, als ich dachte.«
»Ein blöder Spruch, ich weiß. Aber ich konnte dir einfach nicht erzählen, was Sache war.«
»Verstehe ich. Wir haben uns ja gerade erst zum zweiten Mal gesehen. Wie ging es denn weiter?«
»Wir haben zwei Tage später Marijkes neunten Geburtstag gefeiert. Mit ein paar Freundinnen aus ihrer Klasse und einem tollen Spielenachmittag. Kim hat es sehr genossen, sie wusste, dass es wahrscheinlich der letzte Geburtstag ist, den sie mit ihrer Tochter feiert. Einige Tage später habe ich sie heimgebracht und bin dortgeblieben. Ich konnte sie einfach nicht allein lassen.«
»Und dann?«
Rick schüttelte lächelnd den Kopf. »Nicht so schnell. Sonst brauchen wir kein Treffen mehr, wenn ich dir jetzt schon alles erzähle.«
»Ach, du meinst, dass ich dich nur eingeladen habe, um deine Geschichte zu hören?« Zärtlich strich Daniela über seinen Arm.
»Natürlich. Was sonst?«
»Weißt du, dass ich damals keineswegs zufällig in deiner Straße war?«
»Nicht?«
Langsam schüttelte sie den Kopf. »Nein, meine Beziehung war schon seit einiger Zeit nicht mehr so prickelnd. Mein Freund hatte völlig andere Interessen als ich, das konnte auf Dauer nicht gut gehen. Und ich musste ständig an dich denken. Wie erleichtert du warst, als ich mit Marijke auftauchte und wie du sie umarmt hast. Ich habe mich bei dem Gedanken ertappt, dass ich mir wünschte, du würdest mich genauso umarmen. Du hast mir gefallen.« Verlegen sah sie auf die Tischplatte.
»Du mir auch«, gestand Rick. »Aber als du sagtest, du hättest einen Freund, habe ich mir diese Gedanken ganz schnell aus dem Kopf geschlagen. Außerdem war ich mit der Situation mit Marijke ziemlich überfordert, da konnte ich keine Ablenkung brauchen. Aber du wolltest mir erzählen, warum du nicht zufällig in meiner Straße warst. Hast du mich gestalkt?«
»Gab es das Wort damals schon?« Daniela lachte hell und Rick spürte einen Stich im Herz. Einen aufgeregten, freudigen Stich. »Nein, ich habe dich nicht gestalkt, aber ich bin immer wieder ganz zufällig durch deine Straße gelaufen, in der Hoffnung, dich zu treffen. Ich wollte einfach mal ausloten, ob du noch Interesse an einem gemeinsamen Abendessen hast. Ich kam mir so unsagbar blöd vor, als Kim zu euch trat. Ich hatte überhaupt nicht in Erwägung gezogen, dass Marijkes Mutter irgendwann zurückkommt und du selbstverständlich eine Beziehung mit ihr hast.«
»Nicht wirklich.«
»Ja, das sagtest du damals. Nicht wirklich. Jetzt verstehe ich es. Aber ich war einfach nur wütend auf dich. Oder eher auf mich selbst, weil ich mich so blamiert hatte.«
»Hast du nicht.«
»In meinen Augen schon. Wie wirkt das denn, wenn ich einem Mann nachlaufe, der ganz augenscheinlich glücklich mit Frau und Kind ist? Und trotzdem spukten immer deine Worte in meinem Kopf herum. Dass sich die Situation ändern wird und du dich dann meldest. Warum hast du es nicht getan?«
Rick seufzte. »Es ist wirklich …«
»Sag jetzt nicht kompliziert.«
Er zog einen Mundwinkel hoch. »Ist es aber. Du weißt noch vieles nicht.«
»Dann bin ich gespannt auf den Rest deiner Geschichte.« Daniela klang etwas verstimmt.
Rick legte die Hand auf ihren Arm. »Nicht böse sein, ja? Diese ganze Story ist sehr emotional für mich. Ich will, dass du alles erfährst, aber lass mir ein wenig Zeit dafür, ja?«
Sie streichelte seine Hand. »Okay«, meinte sie versöhnt. Abwesend starrte sie auf das Bild eines Stilllebens, das an der Wand hing. »Ich habe auf deinen Anruf gewartet. Monatelang bin ich mit keinem anderen Mann ausgegangen, weil ich nichts anfangen wollte. Weil ich darauf gehofft habe, dass du dein Wort hältst und dich meldest. Irgendwann, von irgendwoher. Erst ein Jahr später habe ich mich wieder verliebt, aber auch das war nicht von Dauer.«
»Tut mir leid«, murmelte Rick betroffen. »Die Ereignisse haben sich damals überstürzt und dann konnte ich nicht mehr. Es war einfach eine verfahrene Situation, in die ich dich nicht mit hineinziehen wollte.«
Sie musterte ihn abwartend. »Ich sehe schon, das willst du mir jetzt nicht erzählen. Da muss ich mich wohl gedulden.«
»Ein wenig, ja.« Rick beugte sich zu ihr und sah ihr in die Augen. Zärtlich legte er die Hand in ihren Nacken und zog sie näher zu sich. Als er sie küsste, explodierte etwas in ihm. Gefühle, die er seit sechzehn Jahren unterdrückte, schossen an die Oberfläche und drohten, ihn zu übermannen.
»Musst du heute noch nach Hause?«, murmelte sie an seinem Mund.
»Nein.«
»Dann bleib diese Nacht bei mir.«
Marijke seufzte genüsslich, als sie aufwachte und auf die Uhr schielte. Kurz vor acht Uhr. Die erste Vorlesung begann um zehn. Sie hatte noch jede Menge Zeit. Sie streckte sich, verschränkte die Arme hinter dem Kopf und sah zur Decke. Ihr Vater war letzte Nacht nicht nach Hause gekommen. Sie hatte gegen sieben Uhr im Halbschlaf sein Auto gehört, als er es im Hof direkt vor ihrem Fenster abgestellt hatte. Rick war nur fünfzehn Minuten lang daheim gewesen, bevor die Eingangstür zuschlug und sein Fahrzeug wieder gestartet wurde. Marijke grinste, als sie sich vorstellte, wie ihr Vater in aller Eile geduscht und sich in seine schicke Arbeitskleidung geworfen hatte. Hoffentlich hatte er eine schöne Nacht bei Daniela verbracht. Sie gönnte ihm das Glück, sich zu verlieben, von ganzem Herzen. Was sie zu ihrem eigenen Dilemma brachte. Wie sollte es mit Arjen weitergehen? War sie wirklich schon bereit für eine neue Beziehung? Wäre es nicht besser, erst mal wenigstens ein paar Monate allein zu bleiben, um ihre Gefühle zu sortieren? Sie konnte direkt hören, wie Lea sie auslachte. »Was willst du denn sortieren?«, hörte sie die Stimme ihrer Freundin im Ohr. »Mit Dominik ist Schluss und dein Neuer steht in den Startlöchern. Vermassle es nicht.«
War es nicht unfair Arjen gegenüber, dass sie sich nicht völlig auf ihn einlassen konnte? Sie mochte ihn, sehr sogar, aber war das genug? Würden sich die wenigen flatternden Schmetterlinge in ihrem Bauch vermehren, wenn sie länger mit ihm zusammen war? Mit Dominik damals hatte es keine Zweifel gegeben. Warum jetzt? Sie fand an Arjen absolut nichts auszusetzen. Und er schien sie wirklich zu vergöttern. Sie kicherte. Für den späteren Nachmittag hatten sie sich verabredet und sie freute sich darauf. Sie könnte ihn einladen, ihren Vater zu treffen. Sie legte auf Ricks Urteil großen Wert, vielleicht konnte er ihr sagen, was sie tun sollte. Leise stöhnte sie auf. Sie war fünfundzwanzig und wollte ihren alten Herrn fragen, welchen Mann sie daten sollte. Auch dazu konnte sie Leas Kommentar regelrecht hören. Aber es war trotzdem eine gute Idee, Arjen ihrem Pa vorzustellen. Die Zeit würde dann schon zeigen, ob die zarten Bande, die sie geknüpft hatten, eine Zukunft bekamen.
Unbeholfen saß Arjen am Küchentisch und knetete seine Finger.
»Warum bist du denn so aufgeregt?«, lächelte Marijke.
»Was ist, wenn er mich nicht mag? Und mein Deutsch schrecklich findet?«
»Wenn dir die deutschen Wörter nicht einfallen, sag sie einfach auf Holländisch. Mein Vater versteht einiges. Und warum sollte er dich nicht mögen? Du bist doch ein netter Kerl.«
Er sah hoch. »Danke. Trotzdem, dem Vater seiner Freundin vorgestellt zu werden, ist ein großer Schritt.«
»Nicht wirklich. Ich möchte einfach, dass ihr euch kennenlernt.« Sie sah auf die Uhr. »Ich hoffe, er ist pünktlich.« Marijke überging die Tatsache, dass Arjen sie seine Freundin genannt hatte. Waren sie schon so weit? Sie war sich nicht sicher.
»Du sagtest bei unserem Kennenlernen, dass du bereits in Den Bosch warst. Wann war das?«
»Ich bin dort geboren.«
»Wirklich?« Arjen strahlte. »Warum hast du mir das nicht erzählt?«
Marijke zuckte mit den Schultern. Weil ich dich nicht kannte und dir nicht getraut habe, schien nicht die passende Antwort zu sein. »Zuerst fand ich es nicht so wichtig und danach kam es nicht mehr zur Sprache«, erklärte sie.
Arjen küsste sie. »Es ist cool, dass wir den gleichen Geburtsort haben. Wann warst du zuletzt dort?«
»Als ich neun war.«
»Seitdem nicht mehr?«
»Nein. Auch nicht in den Niederlanden generell.«
»Warum nicht?«
Sie zuckte mit den Schultern. »Hat sich nicht ergeben«, meinte sie beiläufig.
»Würdest du mal gerne wieder hin?«
»Ja, schon.« Ihre Stimme bekam einen sehnsüchtigen Klang. Sie und Rick hatten öfter darüber gesprochen, aber sie hatte das Gefühl, dass er sich bei dem Gedanken, zurückzukehren, immer noch unwohl fühlte.
»Ich fahre Anfang Juli für eine Woche heim. Möchtest du mich begleiten?«
»Was?« Marijke zuckte zusammen. Das kam ziemlich plötzlich. »Nein, das geht nicht.«
»Warum denn nicht?«
»Ich habe bis Ende Juli Vorlesungen und dann muss ich mich auf meine Bachelorarbeit vorbereiten.«
»Es sind doch nur ein paar Tage. Kannst du dir das nicht leisten? Wäre es so schlimm, einige Vorlesungen zu versäumen?«
»Ich weiß nicht«, zögerte sie.
»Warum nicht? Liegt es an mir?«
»Nein. Ich war nur schon so lange nicht mehr dort.«
»Das ist kein Grund, es noch weiter aufzuschieben. Ganz im Gegenteil.«
Die ins Schloss fallende Haustür enthob Marijke einer Antwort. Mit einem fröhlichen »Hallo« kam Rick herein, legte seinen Aktenkoffer auf die Garderobe und warf sein Sakko darauf.
»Oh, wir haben Besuch.« Mit einem offenen Lächeln ging er auf Arjen zu und reichte ihm die Hand. »Hallo, ich bin Rick.«
»Arjen Timmermans. Ich freue mich, Sie kennenzulernen, Herr Deisser.«
»Bitte nicht so förmlich. Das mögen die Niederländer doch nicht so sehr, oder?«
»Nein, wir sind generell etwas ungezwungener als die Deutschen. Diesen Eindruck habe ich zumindest.« Aufmerksam musterte Arjen Rick, der sich sofort ungemütlich fühlte.
»Ich gehe mich mal umziehen«, raunte er Marijke zu und verschwand in seinem Schlafzimmer. Nachdem er in eine schwarze Jeans und ein einfaches graues T-Shirt geschlüpft war, besah er sich kurz im Spiegel und fuhr sich durch die dunklen Haare. Vielleicht sollte er mal wieder zum Friseur gehen, aber er gefiel sich mit längeren Haaren. Noch tat es seinem CFO-Ansehen keinen Abbruch, sie durften nur nicht zu lang werden. Dann begannen sie sich im Nacken zu ringeln und das mochte er gar nicht. Was Rickys Freund wohl über ihn dachte? Er schob eine Strähne aus der Stirn. Nun, wichtiger war es vermutlich, welchen Eindruck er von Arjen gewann. Er gönnte seiner Tochter ein neues Glück und warum sollte es kein Niederländer sein? Er war trotzdem nervös.
Als er im Kühlschrank nach einem Bier griff, zögerte er. Würde Arjen denken, dass er ein Trinker war? Er streckte schon die Hand nach einer Wasserflasche aus, da besann er sich wieder anders. Er wollte sich nicht verstellen und gerade jetzt hatte er Lust auf ein Feierabendbier.
»Magst du was essen?«, fragte Marijke.
»Nein, danke. Ein Kollege hat am Nachmittag Kuchen ausgegeben. Für den Moment bin ich satt. Und du?« Rick schloss die Kühlschranktür und schenkte sich das Bier ein.
»Arjen und ich waren vorhin in einem Schnellimbiss.«
»Dann hat sich das ja schon erledigt.« Er hob sein Glas in Richtung des Gastes. »Auch ein Bier?«
Der junge Mann zuckte zusammen. »Nein danke.«
»Okay. Soll ich euch allein lassen?«
»Nein«, widersprach Marijke. »Arjen will dich kennenlernen. Das kann er nicht, wenn du dich vor der Glotze vergräbst.«
»Tu ich doch gar nicht.« Wieso sprach sie das ausgerechnet jetzt an? Es stimmte schon, dass er sich nach einem anstrengenden Arbeitstag gerne auf die Couch fallen ließ und den Fernseher anschaltete. Aber meistens kamen gerade zu dem Zeitpunkt Nachrichten. Das war doch nichts Schlechtes, oder?
Sie warf ihm einen seltsamen Blick zu. »Komm her und setz dich«, forderte sie ihn auf.
Eine unangenehme Stille entstand. Er wusste nicht, was er mit ihrem neuen Verehrer reden sollte, der nur verlegen auf sein Wasserglas starrte. Schließlich räusperte sich Rick. »Ich habe gehört, Sie kommen aus ’s-Hertogenbosch?« Trotz seiner Worte zuvor entschloss er sich, den jungen Mann zu siezen. Es erschien ihm angebrachter.
»Ja.« Erleichtert sah Arjen auf. »Kennen Sie die Stadt?«
»Ich habe ein paar Wochen dort gewohnt. Das ist aber eine Ewigkeit her.«
»Und seitdem waren Sie nicht mehr in der Gegend?«
»Nein. Es hat sich einfach nicht ergeben.«
Schließlich ergriff Marijke das Wort, erzählte Rick eine witzige Geschichte von Lea und brachte beide Männer dazu, etwas lockerer zu werden. Als sich Arjen nach fast zwei Stunden verabschiedete, war die Atmosphäre durchaus freundschaftlich.
Rick schenkte sich gerade ein zweites Bier ein, als Marijke wieder ins Zimmer kam. »Was war das denn?«, fragte sie.
»Was war was?«
»Wieso warst du so nervös?«
Er zuckte mit den Schultern. »Ich wollte einen guten Eindruck machen. Und außerdem …«
»Hast du Angst, er entführt mich in die feindlichen Niederlande?«
Er seufzte. »So weit hergeholt ist der Gedanke nicht. Er geht sicher wieder zurück. Und wenn du mit ihm gehst …«
»Dann bist du armer Tropf ganz allein. Apropos, wie war es denn gestern Abend bei Daniela? Und in der Nacht?«
Er schnitt eine Grimasse. »Du hast gemerkt, dass ich nicht zuhause war?«
»Zumindest war dein kurzer Auftritt heute früh nicht zu überhören. Keine Rede von etwas Rücksicht einer schlafenden Tochter gegenüber.«
»Tut mir leid. Ich war ziemlich spät dran.«
»Weil du dich nicht von Daniela trennen konntest?«
»So ungefähr.« Rick grinste schief.
»Wird das was zwischen euch?«
»Vielleicht. Aber lenk jetzt nicht ab. Was ist mit dir und Arjen?«
»Wenn ich das nur wüsste.« Marijke seufzte und setzte sich.
»Du hast gesagt, du magst ihn.«
»Klar mag ich ihn. Sonst würde ich gar nicht mit ihm ausgehen. Aber ich hätte mehr Aufregung erwartet, Bauchflattern und Schmetterlinge, wenn du verstehst, was ich meine.«
Er nickte. Die Schmetterlinge, die in seinem Bauch Saltos schlugen, wenn er an Daniela dachte, oh ja, er verstand sehr gut, was sie meinte.
»Er hat mich gefragt, ob ich ihn für eine Woche nach Holland begleite.«
Unwillkürlich verstärkte Rick den Griff um sein Bierglas, aber er tat betont gleichmütig. »Und? Willst du mit?«
»Ich weiß nicht. Meinst du, da kann was passieren?«
»Glaub ich nicht. Grenzkontrollen wurden abgeschafft. Und du heißt auch nicht mehr Vermeer. Ich denke nicht, dass jemand eine Verbindung herstellen kann.«
»Aber es gibt Leute in Den Bosch, die mich kennen.«
»Das ist sechzehn Jahre her. Du warst damals ein Kind. Und Den Bosch ist nicht so klein, dass jeder jeden kennt.«
»Zum Glück. Ich will unbedingt Maarten besuchen. Es hat mir so leidgetan, dass wir nicht zu Antjes Beerdigung gehen konnten.«
»Ja, mir auch. Aber vor zehn Jahren war es einfach noch zu kitzlig.«
»Und als Maarten den Herzanfall hatte, hattest du gerade den neuen Job hier angetreten und konntest nicht weg. Es hat nie geklappt.«
»Ich weiß.« Schuldbewusst drehte Rick sein Glas in den Händen. »Es ist mir klar, dass wir seit ewigen Zeiten davon reden, hinzufahren und es passiert nichts. Vielleicht solltest du tatsächlich die Chance ergreifen, es mit Arjen zu tun.«
»Ich kriege schon Herzrasen beim Gedanken daran, obwohl mich die Idee durchaus reizt. Mache ich ihm denn nicht Hoffnungen, wenn ich mitkomme?«
»Sag ihm einfach klipp und klar, was du willst. Oder was du nicht willst. Habt ihr schon miteinander geschlafen?«
»So etwas fragt ein Vater seine erwachsene Tochter nicht.«
»Du musst ja nicht antworten.« Rick nahm einen Schluck Bier.
Einen Moment lang sah sie sinnierend auf die Tischplatte. »Nein«, gestand sie dann. »Es fühlt sich nicht richtig an. Es ist noch zu früh.«
»Aber du kannst Dominik nicht ewig nachtrauern.«
»Da hast du natürlich recht. Und mir kommt es vor, als hätten wir dieses Gespräch schon zwanzig Mal geführt. Mein Plan war, eine Weile allein zu bleiben, um die Trennung zu verdauen. Arjen hat mich überrascht und irgendwie auf dem falschen Fuß erwischt. Es fühlt sich an, als würde ich meinen Gefühlen hinterherrennen. Ich will mich wieder verlieben, gleichzeitig denke ich aber, dass ich Zeit brauche, um meine wunde Seele heilen zu lassen.« Sie lachte und fuhr sich übers Gesicht. »Meine Güte, hört sich das kitschig an. Ich weiß einfach nicht, ob es nicht zu früh ist, mit ihm nach Holland zu fahren. Wenn ich bei ihm wohne, wird er davon ausgehen, dass wir miteinander schlafen. Und das will ich noch nicht.«
»Rede mit ihm darüber. Vielleicht verschiebt er seinen Besuch in der Heimat. Oder du fährst einfach ein anderes Mal mit.«
»Meinst du?« Unsicher sah Marijke auf.
»Er scheint doch ganz vernünftig zu sein. Bestimmt versteht er, dass du nicht so schnell von einer Beziehung zur nächsten wechseln kannst.«
»Du hättest kein Problem damit, dass er Niederländer ist?«
Rick lachte. »Mein größtes Problem bei der ganzen Sache ist die Tatsache, dass ich meine Sprachkenntnisse aufbügeln muss, wenn du eine holländische Verwandtschaft anschleppst.«
Marijke seufzte. »Die schau ich mir erst mal an, ob sie was taugt.«
»Dazu müsstest du mitfahren.« Er grinste. »Womit wir uns einmal komplett im Kreis gedreht haben und du immer noch zu keinem Entschluss gekommen bist. Im Endeffekt ist es deine Entscheidung, da kann ich dir keinen Rat geben. Aber ich bin einverstanden, egal, was du tust.« Rick stand auf und nahm sein Glas. »Und jetzt schaue ich mir wenigstens noch die Spätnachrichten an.«































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