Kapitel 15
15
»Natürlich ist das okay.« Rick lächelte seine Tochter an, die ihm vom Display seines Smartphones entgegensah. »Warum denn nicht?«
»Ich hatte mir immer vorgestellt, dass wir beide zusammen nach Holland fahren.«
»Pläne ändern sich. Wir holen das mal nach. Genieß du jetzt die Zeit mit Arjen und seiner Familie.«
»Ich hoffe, dass sie nett sind.«
»Warum sollten sie das nicht sein? Mach dir nicht so viele Gedanken.«
»Und wenn mich doch jemand erkennt?«
»Warum darf dich niemand erkennen?« Daniela trat hinter Rick. »Hallo Marijke. Schön, dich zu sehen.«
»Hi Daniela. Ist eine Weile her.«
»Oh ja. Ich hätte dich nicht mehr erkannt. Was mich zu meiner Frage bringt.«
»Da gibt es keine schnelle Antwort drauf. Aber Pa kann sicher die Langfassung erzählen.«
»Na, da bin ich mal gespannt.« Daniela warf Rick einen bedeutsamen Blick zu und ließ ihn wieder mit seinem Telefonat allein. Kurz darauf folgte er ihr in die Küche, wo sie ein geradezu fürstliches Frühstück vorbereitet hatte.
»Du verwöhnst mich«, konstatierte er.
»Ich will dich nur lange genug hier halten, um den Rest deiner Geschichte zu erfahren. Warum befürchtet Marijke, dass man sie erkennen könnte? Und was hat das mit indischen Wasserlilien zu tun?«
Rick lachte. »Nicht wirklich was.« Er ließ den Blick über den gefüllten Brotkorb und das umfangreiche Angebot an Wurst, Käse und süßen Aufstrichen gleiten. »Du musst ja denken, dass ich ausgehungert bin.«
»Bist du das nicht?«, schmunzelte Daniela. »Immerhin warst du letzte Nacht ziemlich aktiv.«
Er spürte, wie er rot wurde. Was sollte er darauf sagen? Doch sie hatte ein Einsehen.
»Kaffee?«
»Ja, gerne.«
Sie schenkte ihm aus einer Thermoskanne ein. »Bedien dich und lass es dir schmecken. Und dann bin ich sehr gespannt auf den Fortgang deiner Geschichte.«
»Die ich dir anscheinend immer nur beim Essen erzählen kann.«
Sie zuckte mit den Schultern und reichte ihm den Brotkorb. »Ist nicht die schlechteste Methode.«
Rick seufzte innerlich. Er kam wohl nicht darum herum, auch diesen Teil seines Lebens zu erzählen. Zwar hatte er sich entschieden, sich Daniela anzuvertrauen, doch es fiel ihm trotzdem schwer. Es war schon so lange her und immer noch machte ihn der bloße Gedanke an Kim traurig. Aber ein wenig konnte er es noch hinausschieben. Er zog den Teller mit Aufschnitt zu sich heran und ließ sich das Frühstück schmecken.
’s-Hertogenbosch, April 2008
Rick trat vor die Tür und atmete die frische Morgenluft ein. Sogar mitten in der Stadt roch es eindeutig nach Frühling. Er winkte einem Nachbarn zu, der gerade in sein Auto stieg, und sah in den blauen Himmel. Es würde wieder ein schöner Tag werden. Es war noch frisch und in seinem dünnen T-Shirt fröstelte er unwillkürlich, doch die Sonne bedachte ihn bereits mit wärmenden Strahlen. Er machte sich Sorgen. Er konnte sehen, dass es Kim von Tag zu Tag schlechter ging. Sie versuchte, es zu überspielen, vor allem, damit Marijke nichts mitbekam, aber es gelang ihr immer weniger. Am Vortag war sie im Krankenhaus zu Untersuchungen gewesen und die Ergebnisse waren nicht gut. Sie hatte noch stärkere Schmerzmittel verschrieben bekommen und sie wussten beide, dass das Ende nahte. Sein Herz blutete für Kim, aber vor allem für seine Tochter, die bald ihre Mutter verlieren würde. Seufzend ging er hinein und erklomm die steile Treppe, die für Kim immer mehr zum Hindernis wurde. Sie sträubte sich dagegen, ein Bett im Wohnzimmer aufzustellen, doch irgendwann würde das die einzige Option sein. Er kuschelte sich an ihren Rücken und küsste ihren Nacken. »Wie geht es dir heute?«
»Nicht schlecht«, murmelte sie verschlafen.
»Soll ich dir das Frühstück heraufbringen?«
»Nein, ich will nicht den ganzen Tag im Bett verbringen wie eine Sterbenskranke.« Sie drehte sich um und grinste ihn schief an. »Lass uns etwas unternehmen.«
»Au ja.« Der begeisterte Ausruf kam von der Tür her. Gleich darauf warf sich Marijke aufs Bett neben ihre Mutter. »Gehen wir in den Efteling?«
»Was ist das?« Rick runzelte die Stirn.
»Das weißt du nicht?« Gespielt tadelnd schüttelte Kim den Kopf. »Der größte Vergnügungspark der Niederlande und zufällig ganz in der Nähe.«
»Vergnügungspark?« Er strich Marijke über die Haare. »Ich weiß nicht, ob das nicht zu anstrengend für deine Ma ist.«
»Ooch.« Das Mädchen zog einen Flunsch. »Bitte, bitte, wir waren schon so lange nicht mehr dort.«
»Aber in einem Vergnügungspark muss man viel laufen, und …«
»Man kann dort einfache Rollstühle mieten«, unterbrach Kim ihn.
»Au ja«, johlte Marijke. »Dann brauchen wir nirgendwo anzustehen und kommen überall gleich rein.«
Rick lachte. »Das ist natürlich ein unschlagbares Argument.« Er musterte Kim besorgt. »Denkst du wirklich, du schaffst es?«
»Ich muss ja nicht viel machen. Ich sitze einfach gemütlich da und beobachte euch beim Achterbahnfahren.«
»Gehst du da nicht mit?«, fragte Marijke ernüchtert.
»Nein, mein Schatz, Achterbahnen sind nichts mehr für mich. Aber Pa begleitet dich bestimmt gern. Und ich freue mich auf den Droomvlucht und die Fata Morgana.«
»Na gut.« Rick stand auf. »Dann richten Ricky und ich das Frühstück und du kommst langsam in die Gänge.«
Marijke war eifrig bei der Sache und deckte den Tisch. Als sie auf Kim warteten, schmiegte sie sich an Rick. »Ma geht es ziemlich schlecht, oder?«, fragte sie bedrückt.
Er umarmte sie. Was sollte er sagen? Er wollte das Kind nicht anlügen. »Ja«, gab er zu. »Aber heute hat sie einen guten Tag.«
»Sie stirbt bald, nicht wahr?«
Ricks Augen füllten sich mit Tränen.
»Ma hat mir gesagt, dass ich nicht traurig sein soll, weil sie zu ihren Eltern geht, die im Himmel auf sie warten, und sie sich schon so sehr darauf freut, sie wiederzusehen. Und dann wird sie dort auf uns warten. Aber ich will nicht, dass sie geht.«
»Ich weiß, mein Schatz, das will ich auch nicht. Aber Gott fragt nicht danach, was wir wollen.«
»Das ist unfair.«
»Ja, das ist es, nur können wir uns das Schicksal nicht aussuchen. Aber wir können jeden Tag mit deiner Ma, der uns bleibt, auskosten und genießen. Sie möchte, dass du fröhlich bist, also mach dir nicht allzu viel Gedanken. Noch ist sie bei uns.«
Sie hörten langsame Schritte auf der Treppe. Rick wischte sich über die Augen und strich eine einzelne Träne von Marijkes Wange. Sie sahen sich an und lächelten. Sie würden sich Kim gegenüber nicht anmerken lassen, worüber sie gesprochen hatten.
»Darf ich nochmal, Ma? Bitte.« Atemlos kam Marijke angerannt und saß, nachdem Kim lachend genickt hatte, sofort wieder auf einem der Pferde des alten Dampfkarussells. Kim und Rick waren eine Runde mitgefahren und hatten festgestellt, dass das Fahrgeschäft seinem Namen alle Ehre machte und ordentlich Dampf hatte. Kim war schwindlig geworden und seitdem begnügten sie sich mit der Zuschauerrolle. Sie freuten sich beide, wie viel Spaß Marijke hatte und Rick war erleichtert, dass sie die traurigen Gedanken vom Morgen beiseitegeschoben hatte und einfach nur ein ausgelassenes Kind war.
Er musterte Kim. Auch sie schien glücklich. Zufrieden lächelnd beobachtete sie ihre Tochter und winkte jedes Mal, wenn sie auf einer neuen Runde vorbeischwebte. Doch das Lächeln konnte nicht über die eingefallenen Wangen und die eingesunkenen Augen hinwegtäuschen, auch nicht über die kränkliche Blässe oder die allgemeine Schwäche. Zuerst war es Kim noch gut gegangen. Sie hatten am Eingang einen der simplen Rollstühle gemietet und Marijke hatte ihre Mutter mit Feuereifer geschoben. Als erstes waren sie in der Fata Morgana gewesen, wo sie in einem großen Boot durch ein Tausend-und-eine-Nacht-Ambiente gefahren waren, einschließlich Krokodile im Wasser und einem riesigen Dschinn, der von der Decke herabsah. Anschließend waren sie zum »Droomvlucht« geschlendert, dem Traumflug, unter dem sich Rick überhaupt nichts hatte vorstellen können. In Dreiergondeln schwebten sie durch einen Feenwald, wo es von Elfen, Kobolden und Gnomen nur so wimmelte. Es war eine entspannte, ruhige Stimmung und Kim schien jede Einzelheit mit den Augen aufsaugen zu wollen.
»Droomvlucht ist meine absolute Lieblingsattraktion«, vertraute sie ihm an. »Es ist wie ein Zauberwald, in dem Wunder geschehen können.«
Ein Wunder konnten sie gut brauchen, doch Rick hatte aufgehört, auf eines zu hoffen. Er sah, dass Kim erschöpft war. Er war mit Marijke in die Achterbahnen gegangen, während sie gewartet hatte, sie hatten zusammen eine lange Bootsfahrt gemacht und waren natürlich im Zug von einem Ende des Parks zum anderen gefahren. Es war schön hier. Die Attraktionen waren nicht so dicht aufeinander gepackt, sondern ließen Platz für Wiesen, Bäume und Natur. Natürlich fehlten auch nicht die vielen Fressbuden und Andenkenläden. In einem davon erstanden die Mädchen kichernd ein T-Shirt für ihn, auf dem groß »World’s Greatest Daddy« gedruckt stand, und Marijke bestand darauf, dass er es sofort anzog. Eine ganze Weile hatte er sich dann mit Kim ausgeruht, während ihre Tochter alle Fahrgeschäfte der Umgebung durchprobierte. Inzwischen war es Nachmittag und sie arbeiteten sich wieder Richtung Ausgang vor.
»Ich denke, wir sollten es damit bewenden lassen«, meinte er mit einem sorgenvollen Blick auf Kim. »Du bist völlig kaputt.«
»Es geht schon. Ich möchte unbedingt noch in den Märchenwald.«
»Märchenwald? Den gibt es auch noch?«
»Natürlich. Damit hat der Efteling angefangen. Ursprünglich war es nur ein Märchenwald.« Kim schien in irgendeinem Depot etwas Energie gefunden zu haben und puffte ihn in die Seite. »Komm schon, es wird dir gefallen.«
Rick taten bereits die Füße weh, aber das hätte er nie und nimmer zugegeben, und so spazierte er mit Kim und Marijke durch das Märchenreich. Es war ungemein liebevoll gestaltet, mit vielen Animationen, märchenhaften Gebäuden und verschlungenen Pfaden. Sie brachten hier fast eine Stunde zu, bis sie zu einem großen Platz kamen, auf dem ein Springbrunnen sein Wasser in eine gemauerte Einfriedung ergoss. Dahinter standen zwei buddhistisch wirkende Wächterfiguren, die ein lang gestrecktes Gebäude bewachten.
»De indische waterlelies«, erklärte Marijke. »Das ist Ma’s Lieblingsmärchen.«
Rick war ein einziges Fragezeichen.
»Du kannst es mit indische Seerosen übersetzen«, lächelte Kim. »Die Attraktion ist an ein Märchen der belgischen Königin Fabiola angelehnt. Komm, wir gehen rein.«
Vor einer eisernen Tür mussten sie kurz warten, dann fanden sie Plätze auf einer erhöhten Tribüne. Es gab nur Stehplätze und Kim stand auf und lehnte sich schwer auf das Geländer. Es war dunkel, doch Rick konnte eine Art Dschungel erkennen und im Vordergrund einen See, in dem große geschlossene Seerosen trieben.
Mit einem durchdringenden Gong startete die Show. Eine Stimme aus dem Off begann zu erzählen. Kim dolmetschte für Rick. »Es geht im Prinzip darum, dass diese Seerosen früher Sterne waren, die in Vollmondnächten mit dem Mond und anderen Sternen auf dem Wasser getanzt hatten. An einem Morgen hörten einige Sterne nicht, als der Mond sie in den Himmel rief, und tanzten einfach immer weiter, bis eine Hexe erschien und sie zur Strafe in Seerosen verwandelte. Nur in hellen Mondnächten kommt die Hexe zurück und dann dürfen sie wieder tanzen.«
Plötzlich wurde eine Stelle rechts im Urwalddickicht erhellt, wo eine weiße Frau erschien und mit hoher, schriller Stimme sang. Rick war nur mäßig begeistert, bis die Hexe im Dunkeln verschwand und eine Froschband auftauchte, die den Afrikaan Beat von Bert Kaempfert anstimmte. Gleichzeitig öffneten sich die Seerosenblätter und kleine Elfen erschienen, die sich im Takt zu der schwungvollen Musik drehten. Im Lauf des Liedes gesellte sich ein Gänsetrio dazu und vervollständigte die Combo. Es hatte etwas Magisches und Rick sah fasziniert zu, bis sich zuletzt die Seerosen schlossen, alles wieder in der Dunkelheit versank und die Vorführung mit einem Gong beendet war.
»Ich würde es gerne noch einmal sehen«, meinte Kim. »Habt ihr was dagegen?«
»Natürlich nicht«, stimmte Rick zu, doch er sah Marijke an, dass sie lieber wieder ins Freie wollte. »Du kannst gern zum nächsten Märchen vorausgehen«, schlug er ihr vor, »aber warte dort bitte auf uns.«
»Mach ich«, rief sie fröhlich und war schon verschwunden, während sich die Ränge bereits wieder mit neuen Besuchern füllten.
Noch zweimal sahen sie sich das Märchen an, bis Kim sich erschöpft in ihren Stuhl fallen ließ und Rick sie hinausschob. Er musste blinzeln, als sie ins helle Licht traten, und hielt kurz inne. »Warum gefällt dir das so sehr?«, fragte er.
»Ich weiß auch nicht.« Kim zuckte mit den Schultern. »Ich war zum ersten Mal mit meinen Eltern hier, als ich vier Jahre alt war. Ich hatte Angst vor der Hexe und Pa nahm mich auf den Arm und zeigte mir die Elfen in den Seerosen und die Froschband. Ich fühlte mich so geborgen bei ihm und wusste, dass ich vor nichts Angst haben musste, so lange meine Eltern bei mir waren. Irgendwie habe ich immer noch den Hauch dieses Gefühls, wenn ich die Musik höre und den tanzenden Elfen zusehe. Es ist ein Gefühl, das ich nach dem Tod meiner Eltern für lange Zeit vermisste.«
»Also kommst du hierher, um ihnen nahe zu sein?«
»Das hast du schön gesagt. Irgendwie ist es tatsächlich so. Ich kann noch den starken Arm meines Vaters spüren und die tröstende Hand meiner Mutter, die mir über den Rücken streicht.«
Rick beugte sich zu ihr hinunter und drückte ihr einen Kuss auf die Wange.
»Ich habe keine Angst vor dem Tod«, sagte sie plötzlich. »Ich glaube fest, dass es irgendwie und irgendwo weitergeht. Dass ich meine Eltern wiedersehe, und darauf freue ich mich. Klingt das blöd?«
»Nein, gar nicht.«
»Ich bin nur so traurig, dass ich meine Kleine zurücklassen muss. Ich will ihr das nicht antun, aber ich kann es nicht ändern. Es ist mir eine große Beruhigung, dass du dich um sie kümmern wirst.« Sie nahm seinen Arm. »Du hältst dein Versprechen doch, oder?«
»Natürlich tu ich das.« Rick kniete sich neben sie und umarmte sie. »Du kannst ganz beruhigt sein. Wir werden gut aufeinander aufpassen.«
Kim lehnte sich an ihn. »Du weißt gar nicht, was mir das bedeutet«, flüsterte sie. »Ich war mir nicht sicher, ob du ein guter Vater sein wirst und wie ihr euch verstehen würdet, und ich bin so froh, dass alles gut geworden ist.«
»Hattest du das geplant? Ich meine, dass Marijke bei mir bleibt?« Rick fühlte sich plötzlich etwas überrumpelt.
»Nicht zu Beginn. Ich hatte ja fest damit gerechnet, dass ich in Amerika Heilung finden würde. Als sich diese Hoffnung immer mehr als Trugschluss erwies, habe ich mir natürlich Gedanken gemacht, was mit meinem Kind wird, wenn es zum Äußersten kommt. Maarten und Antje hätten Ricky sicher gern zu sich genommen, aber ich wollte nicht, dass ihr das Gleiche passiert wie mir. Dass sich raffgierige Verwandte mein Geld unter den Nagel reißen wollen, indem sie die Vormundschaft für mein Kind einklagen. Der Gedanke, sie bei dir zu lassen, nahm immer mehr Gestalt an. Bei unseren Telefonaten habe ich gemerkt, wie viel sie dir bedeutet und wie viel du ihr bedeutest. Es ist einfach die beste Lösung.« Sie schwieg einen Moment. »Wenn du darüber hinwegsehen kannst, dass sie vielleicht gar nicht deine Tochter ist.«
Rick seufzte. »Wir könnten einen Vaterschaftstest in die Wege leiten.«
»Und wenn herauskommt, dass Vincent ihr Vater ist? Was machst du dann?«
Er biss sich auf die Lippe.
»Du kannst natürlich jederzeit einen Test veranlassen.« Kim klang so verzweifelt, dass er ihre Hand nahm.
»Reg dich nicht auf. Marijke ist meine Tochter und ein dummer Vaterschaftstest wird daran nichts ändern. Ich liebe sie und ich werde mich um sie kümmern. Versprochen. Noch einmal.«
»Danke dir.« Sie schloss kurz die Augen und atmete tief durch. »Wenn wir verheiratet sind, wird es leichter. Dann ist sie, ganz abgesehen vom Ergebnis eines Tests, zumindest deine Stieftochter.«
Rick lachte leise. »Das sind alles nur Formalitäten. Mach dir keine Sorgen. Uns wird es an nichts fehlen. Auch wenn es mir sehr schwerfällt, das zu sagen, aber du kannst in Frieden gehen.« Seine Stimme versagte ihm, als ein dicker Kloß im Hals seine Stimmbänder abdrückte. Kim hatte ebenfalls Tränen in den Augen, die sie jedoch energisch wegwischte. »Genug der trüben Gedanken. Sehen wir nach, was Ricky treibt.«
Kim verschlief den ganzen Abend. Sie verpasste ein köstliches Essen bei Maarten und Antje, doch sie war so erschöpft, dass sie keinen Hunger hatte. Rick brachte Marijke allein zu Bett, aber als er einige Stunden später neben Kim unter die Decke schlüpfte, legte sie ihm die Hand auf die Schulter.
Er drehte sich um. »Fühlst du dich besser?«, fragte er mitfühlend.
»Etwas, ja. Ich hätte nicht gedacht, dass bloßes Herumsitzen so anstrengend sein kann.«
»Du bist ja nicht nur herumgesessen. Ganz im Gegenteil, du warst sogar sehr aktiv. Es war ein schöner Tag.«
»Das war es. Ich habe ihn wirklich genossen. Vielen Dank dafür.«
»Mir hat es auch Spaß gemacht.« Er musterte sie im Dämmerlicht des Mondes, das durch das Fenster fiel. »Du hast doch noch etwas auf dem Herzen.«
»Ich würde gerne einen weiteren Ausflug machen. In ein paar Tagen, wenn ich wieder zu Kräften gekommen bin.«
»Natürlich. Wohin?«
»Zur Zaanse Schans.«
Rick schnaubte. »Da war ich sogar schon mal. Damals, mit der Klasse.«
»Hat es dir gefallen?«
»Diese ganzen Windmühlen waren durchaus beeindruckend«, gab er zu. »Warum willst du dort hin?«
»Ich habe dir doch erzählt, dass meine Eltern mit mir nach Neuseeland auswandern wollten. Ein paar Tage vor dem Brand in der Firma kam im Fernsehen ein Bericht über die Zaanse Schans. Mir hat das so gut gefallen, dass ich sie gebettelt habe, mir mit hinzufahren. Es hat überhaupt nicht in ihren Zeitplan gepasst, noch einen größeren Ausflug zu unternehmen, aber sie haben mir versprochen, es vor unserer Abreise irgendwie möglich zu machen.«
»Ein Versprechen, das sie nicht halten konnten.« Rick nickte verstehend.
»Richtig. Ich war nie dort. Onkel und Tante machten nie Ausflüge mit mir, später war es mir nicht mehr so wichtig und mit Marijke hat es sich auch nie ergeben. Sie wollte immer lieber in den Efteling oder einen Zoo als Windmühlen anzuschauen. Aber ich habe das Gefühl, als hätte ich noch etwas zu erledigen, bevor ich gehen kann, eine offene Rechnung mit der Zaanse Schans.«
»Damit sich das Versprechen, das dir deine Eltern gegeben haben, erfüllt.«
»Du verstehst mich sehr gut.« Sie kuschelte sich an ihn. »Ich weiß nicht, warum ich plötzlich so sentimental geworden bin. Mir kommen so viele Dinge in den Sinn, die ich noch tun möchte, die ich noch sehen möchte, und ich fühle, wie mir die Zeit zwischen den Fingern zerrinnt.«
Rick schluckte. Dieses Gefühl hatte er auch.
»Wow.« Rick wäre fast auf den Randstreifen gefahren, weil er den Kopf zu dem riesigen Tulpenfeld drehte, das sich zu ihrer rechten Seite ausbreitete. Farbige Streifen leuchteten ihnen entgegen, so weit das Auge reichte. »Das sieht gigantisch aus. Das ist mir bei unserem Besuch damals gar nicht aufgefallen.«
Kim lachte. »Da waren die Felder auch schon längst abgeerntet. Die Hauptblütezeit geht von Ende März bis Mitte Mai, je nach Wetter. Ich liebe diesen Anblick, am liebsten würde ich noch in den Keukenhof fahren.«
»Davon habe ich schon gehört. Das ist ein Park mit lauter Tulpen, oder?«
»Nicht ausschließlich. Du findest dort auch Narzissen, Azaleen und Krokusse. Im Prinzip alles, was jetzt blüht. Es ist wirklich schön.«
»Dann fahren wir in den nächsten Tagen hin. Wo genau ist das?«
»Bei Lisse. Etwa eine halbe Stunde von Amsterdam entfernt.«
»Gut, haben wir doch schon wieder ein Ziel.« Rick lachte Kim an und freute sich über ihren Unternehmungsgeist. Er warf noch einen schnellen Blick aus dem Fenster.
»Dieses Feld allein muss zigtausende Blumensträuße hergeben«, mutmaßte er.
Kim schüttelte den Kopf. »Schnitt-Tulpen, die du als Strauß kaufen kannst, stammen zumeist aus Gewächshäusern. Da ist man nicht von Wind und Wetter abhängig. Diese Tulpen hier züchtet man wegen der Zwiebel, die in alle Welt verkauft werden. Die Blumen selbst werden einfach abgemäht.«
»Wirklich? Das ist aber schade.«
»Muss sein, damit den Zwiebeln nicht unnötig Nährstoffe entzogen werden. Pass auf, da hinten geht es nach Zaandijk, wir sind gleich da.«
Sie hatten nur den Nachmittag für den Besuch eingeplant, damit es für Kim nicht zu anstrengend wurde. Rick schob sie in einem gemieteten Rollstuhl über den Weg und durch einige Läden bis zu den Mühlen. »Und?«, fragte er. »Ist es so, wie du es dir vorgestellt hast?«
»Ja. Es ist ja nicht so, als ob ich noch nie eine Windmühle gesehen hätte. Aber hier stehen sie wirklich gehäuft. Und jede hat einen anderen Zweck.«
»Ich weiß«, rezitierte Rick sein Schulwissen. »Unser Lehrer damals erzählte von einer Ölmühle und einer Poldermühle, das habe ich mir gemerkt.«
»Gut so. Note Zehn.«
»Danke.« Rick schmunzelte.
»Was ist?«
»Ach, ich erinnere mich nur gerade daran, wie todunglücklich Marijke war, als sie ihre erste Eins nach Hause gebracht hat. Ich war so stolz auf sie und konnte gar nicht begreifen, warum sie beinahe heulte.«
Kim lächelte. »Eine Eins ist hier absolut unterirdisch, kein Wunder, dass sie fast verzweifelt ist.« Sie sah ihrer Tochter hinterher, die weit vorauslief. »Hat sich das geklärt?«
»Ich habe Ilse um Rat gefragt und sie hat mich aufgeklärt, dass in den Niederlanden das Schulsystem von Eins bis Zehn geht. Sie hat auch Marijke erklärt, dass eine Eins in Deutschland das Beste ist. Da war ihre Welt wieder in Ordnung.«
»Ilse ist ein Engel. Ich mag sie sehr.«
»Ich mittlerweile auch. Sie hat uns wirklich viel geholfen. Ohne Ilse wäre es deutlich schwieriger geworden.«
»Weißt du noch, wie du über sie geschimpft hast?«
Rick stöhnte. »Erinnere mich nur nicht daran.« Er verbarg das Gesicht in den Händen, lachte aber. »Willst du dir ein paar Mühlen ansehen?«
»Gerne. Soweit ich reinkomme. Treppensteigen geht heute nicht so gut.«
Rick wusste nicht, wo sie diesen Galgenhumor hernahm. Inzwischen ging es ihr von Tag zu Tag schlechter und sie konnte nicht mehr in den ersten Stock klettern. Er hatte einmal versucht, sie in ihr Zimmer zu tragen, hatte das jedoch sehr schnell gelassen, weil er befürchtete, mitsamt Kim die steile Treppe hinunterzufallen. Seit zwei Tagen schlief sie auf der Couch im Wohnzimmer, aber das war auf Dauer keine Lösung. Rick döste in einem Sessel und wachte jede Nacht über sie, was sich langsam in seinem Rücken bemerkbar machte.
Kim hielt tapfer durch, als sie einige Mühlen besichtigten und sich die Funktionsweise erklären ließen. Rick verstand kaum etwas, aber das war völlig egal. Irgendwann stieß auch Marijke wieder zu ihnen und verkündete, dass sie Hunger habe. »Da vorn ist ein pannenkoekenhuis«, erzählte sie. »Gehen wir da hin? Bitte, bitte.«
»Pfannkuchen?« Kim schmunzelte. »Gerne. Ich mag auch einen.«
Zusammen gingen sie in das Restaurant nahe des Eingangs und ließen sich Riesenpfannkuchen servieren. Kim schaffte ihren nur zur Hälfte, aber Marijke putzte alle Reste weg.
»Wo stopfst du das nur hin?«, wunderte sich Rick. Das Mädchen strich sich grinsend über den Bauch.
»Sollen wir heimfahren? Deine Ma ist müde.«
Kim rappelte sich auf. »Ich will nochmal in den Käseladen und einen Laib alten Gouda für Antje mitnehmen.«
»Den kann ich doch holen«, bot Marijke sich an.
»Weißt du, wo der Laden ist?«
»Na klar, gleich da hinten.«
»Gut, wir warten draußen auf dich.« Rick gab ihr einen Geldschein und sie rannte los. Er schob Kim hinaus in die Sonne und nahm neben ihr auf einer Parkbank Platz.
»Schön ist es hier«, flüsterte sie müde und schloss die Augen. Eine ganze Weile saßen sie schweigend da und ihr Kopf an seiner Schulter wurde immer schwerer. Er legte den Arm um sie und sah auf das Wasser der Zaan hinaus, die ruhig und völlig unbeeindruckt an ihnen vorüberplätscherte. Das Geschnatter einer großen Touristengruppe verlor sich in Richtung der Windmühlen und es wirkte alles so friedlich. Rick war ebenfalls müde, aber es war eine andere Art der Müdigkeit. Er fühlte sich seelisch ausgelaugt.
»Ik hou van jou, Rick«, hörte er Kims schwache Stimme.
Seine Augen brannten. »Ja«, erwiderte er leise. »Ich liebe dich auch.« Er schluckte, weil seine Kehle schon wieder eng wurde, und drückte ihre Schulter, um seine Worte zu bekräftigen.
Schließlich sah er Marijke mit einer Tasche den Weg entlang laufen. Er strich Kim über den Arm. »Sie ist gleich da. Komm, ich bringe dich nach Hause.«
Sie regte sich nicht.
»Kim?«, fragte Rick alarmiert.
Keine Reaktion.
Mit angehaltenem Atem fühlte er ihren Puls, der ganz schwach unter ihrer Haut klopfte. Doch sie wachte nicht auf.


























































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