Rosa und Paul

Rosa und Paul
„Sieh mal, Paul kommt uns wieder besuchen!“, sagt Rosa mit einem jugendlichen Leuchten
in den Augen zu ihrem grauschnäuzigen Jagdhund, als sie den zarten Sonnenstrahl in der
großen alten Hainbuchenhecke entdeckt, welcher sich langsam die große Wiese entlang am
Schwimmteich vorbei und auf ihre Terrasse zu bewegt.
Seit Rosa sich erinnern kann, lebt sie in diesem alten Bauernhaus und auf diesem Hof
inmitten einer Lichtung im hügeligen Wald.
„Gütlein“ hat man früher diese kleinen Fachwerkhäuser mit Scheune und kleinem Stall
genannt.
Das letzten Rind und das letzte Schwein haben Rosa und Paul hier jedoch vor vielen Jahren
gemeinsam gemolken und gefüttert.
Denn ihr Mann Paul starb bereits vor über 10 Jahren.
Und ihre beiden Kinder Jean und Käthe sind auch vor sehr langer Zeit in die weite Welt
gezogen.
Jean schenkten sie damals ihren alten orangenen VW-Bus und seither zieht er damit als
Fotograf und Lebenskünstler quer durch die ganze Welt. Ab und an entdeckt Rosa eine
Fotografie von ihm in einer Zeitschrift oder eine Postkarte mit seiner Handschrift steckt in
ihrem Briefkasten.
Und Käthe zog es schon als junges Mädchen nach Amerika. Hier lebt sie nun in der wilden
und nie schlafenden Stadt New York und hat sich einen Namen als Modedesignerin
gemacht.
Seither jedoch lebt Rosa mit Rudolf, ihrem Hund, den Katzen Flick und Flack und
unzähligen wild und frei lebenden Tieren alleine auf ihrem Hof.
Zielsicher schwebt der warme Sonnenstrahl zuerst über den saftig grünen Rasen, erfrischt
sich bei den dicken Goldfischen im Schwimmteich und springt dann auf die alten Dielen der
Holzveranda, um kurz darauf auf den felligen Bäuchen der laut schnurrenden Katzen zu
verweilen. Zart berührt der Strahl jetzt Rudolfs Kopf, wirbelte frech um seine lange
Schlappohren und gesellt sich dann zu Rosa auf die Holzbank. Ganz liebevoll streichelt er
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über ihre mit einer Schürze bedeckten Knie und gleitet vorsichtig über ihre rechte Hand und
ihren rechten Arm nach oben zu ihrem Gesicht. Sanft schmeichelt er ihrem grauen Haar und
nestelt an der großen Bussardfeder, welche sich Rosa heute Morgen in ihren Zopf gesteckt
hat. Rosa wird es nun ganz warm, sie schließt die Augen und spitzt ihre Lippen zu einem
Kussmund. Der zarte Sonnenstrahl berührt erst Rosas Bäckchen und lässt sich dann sanft
auf ihren Lippen nieder. Man könnte fast meinen, Rosa und der Sonnenstrahl würden sich
küssen.
Nach Pauls Tod hat es ein halbes Jahr gedauert, bis es Rosa gelang, ihren Paul in diesem
zarten Sonnenstrahl wahrzunehmen und für beide eine ganz wundervolle neue Zeit begann.
Links neben der alten Holzbank, auf der Rosa und Paul nun in trauter Zweisamkeit sitzen,
steht eine alte blaue Metallkiste. Diese blaue Metallkiste hatte ihre besten Zeiten wohl schon
hinter sich. Die Lackierung ist schon ganz stumpf und abgeblättert, an manchen Stellen
kommt sogar schon etwas Rost zum Vorschein und auch der schwere Riegel lässt sich nur
noch mit etwas Geschick und Mühe öffnen.
Paul und Rosa jedoch lieben diese Kiste!
Vielmehr lieben sie ihren Inhalt.
Denn in dieser Kiste bewahren sie einen großen und äußerst wertvollen Schatz auf!
Ja, auch etwas Gold und kleine Perlen kann man darin finden, aber der noch wertvollere
Schatz besteht nicht aus Edelmetallen oder Schmuck … ihr wertvollster Schatz ist ihre
gemeinsame Erinnerung!
Und diese bewahren sie in Form von Bildern, Briefen, kleinen Gegenständen, Fundstücken
und besonderen Gerüchen in dieser Kiste auf.
Oft nimmt Rosa unter Pauls Beisein ein kleines Erinnerungsstück aus dieser Kiste,
betrachtet es gütig oder streichelt es liebevoll.
Ein wunderschönes Fotoalbum aus rotem Samt gehört zu ihren liebsten Stücken.
Dieses Album hat Paul ihr während des Zweiten Weltkrieges gestaltet und ihr nach seiner
Gefangenschaft geschenkt.
Jede einzelne Seite hat er mit wunderschönen liebenden Worten und Gedichten
geschmückt, hat Erinnerungsfotos und getrocknete Blumen eingeklebt. Seine tiefe Liebe,
seine Sehnsucht und sein unendlicher Wunsch nach Frieden ist auf jeder einzelnen Seite
dieses Albums zu spüren.
Rosa berühren diese Seiten auch nach über 50 Ehejahren immer noch sehr und ihre Augen
füllen sich meist mit kleinen Tränen. Es sind jedoch keine Tränen der Trauer; es sind Tränen
des Glücks und der Liebe!
Heute nimmt Rosa jedoch einen alten Autoschlüssel aus ihrer Kiste der Erinnerungen.
Pauls Sonnenstrahl beginnt neben ihr wilde Kreise zu drehen. Er freut sich!
Der alte Schlüssel gehörte zu ihrem Lieblingsauto! Einem apfelgrünen Opel Kadett B!
Was hatten sie nur für einen Spaß mit diesem kleinen Auto!
Einmal sind sie im Sommer mit ihrem Opel in eine nahe gelegene Stadt in ein Autokino
gefahren!
Pappsüße Coca Cola und salziges Popcorn haben sie in rauen Mengen getrunken und
gegessen und voller Begeisterung dem Quatsch von Oliver Hardy und Stan Laurel alias
„Dick und Doof“ gelauscht! Und als der Film zu Ende war, hielt Paul auf dem Heimweg an
einem Feldrand an und sie rissen sich die Kleider vom Leib und sind in der lauen
Sommernacht nackt durch das Maisfeld gerannt, um sich dann bei Mondschein innig zu
lieben.
Rosas Wangen röten sich.
Ein anderes Mal sind Paul und sie an einem Faschingsdienstag als Sträflinge verkleidet, gut
gelaunt und fröhlich singend von einem geselligen Abend bei Freunden nach Hause
gefahren, als auf einmal Blaulicht hinter sowie auch vor ihnen sichtbar wurde. Bei der
nächsten passenden Gelegenheit musste Paul den Kadett stoppen und sie wurden von
mehreren Polizisten mit strenger Miene von Kopf bis Fuß kontrolliert. Das wirklich in der
Nacht zwei Sträflinge aus einem Gefängnis ausgebrochen waren, wussten sie bis zu diesem
Zeitpunkt noch nicht. Erst am nächsten Morgen lasen sie mit einem verschmitzten
Schmunzeln auf ihren Gesichtern davon aus der Tageszeitung.
Rosa lächelt.
Und einmal, es war gerade ein furchtbares Unwetter im Gange, entdeckten sie ein verletztes
Schaf im Straßengraben. Sie luden es behutsam auf ihre Rücksitzbank und fuhren damit zu
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einem alten Schäfer. Das pudelnasse Schaf war jedoch während seiner ersten Autofahrt so
aufgeregt, dass es unentwegt lautstark blökte und Rosas liebevoll gehäkelte Schondecken
auf dem Rücksitz zuerst voll köttelte und zu guter Letzt auch noch riesige Löcher rein fraß.
Der alte Schäfer war den beiden allerdings von ganzem Herzen dankbar, denn er hatte
dieses Schaf schon vermisst und wollte sich schon auf die Suche nach ihm machen.
Auch heute wird Rosa noch ein bis zwei Mal im Jahr, immer dann, wenn die Schafe von der
Sommerseite zur Winterseite getrieben werden, von den Töchtern des Schäfers auf ihrem
Hof besucht. Voller Freude erzählt Rosa dann den Frauen, während sie sich einen Kaffee
und ein Stückchen Rotweinkuchen schmecken lassen, wieder ihre Schafsgeschichte und
zeigt ihnen die schon lange geflickte Häkeldecke, welche sich das Schäflein hat schmecken
lassen.
Rudolf spitzt die Ohren und hebt seinen Kopf. Er blickt in Richtung des alten morschen
Gartentores.
Rosa und Paul schwelgen immer noch glückselig in ihren Erinnerungen und bekommen gar
nicht mit, dass Rudolf sich langsam aufrichtet und ruhigen Schrittes zu dem Gartentor läuft.





























































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