Adora-Kapitel 18

Als Rayan die Lichtung betrat, bemerkte er, dass Adora sich an ihm festkrallte. Sie wirkte sehr schwach auf den Beinen, was ihn Sorgen machte. Er hatte gehofft, dass die Natur sie etwas beruhigen konnte, doch dem war nicht so. Es schien eher das Gegenteil zu sein.

Als er sich genau umblickte, verstand er auch, warum.

Die Wiese, die eigentlich voller wilder Pflanzen sein sollte, besaß große Flecke, die aussahen, als hätte jemand versucht, die Erde zu verbrennen.

„Dort haben sie gelegen“, erklärte Nil angespannt. „Wir mussten sie in Tücher wickeln, damit wir sie wegbringen konnten. Vorher haben wir beobachtet, ob sich die Kreise ausbreiten.“

Das war sehr schlau, denn niemand konnte sagen, ob diese verbannte Erde von den Leichen ausgingen.

„Die Körper sahen nicht aus, als wären sie verbrannt wurden“, bemerkte Adora leise und mit belegter Stimme.

Rayan gab ihr Recht. Die Körper hatten lediglich ausgetrocknet gewirkt. Wie erklärten sich also diese verbrannten Flächen.

Nil schluckte. „Glaubt Ihr, es könnte mit den wilden Landen zu tun haben?“, fragte sein Stallmeister.

Rayan hatte diese Frage kommen sehen. „So weit im Inneren?“, fragte er, als würde er es nicht glauben. Dabei dachte er genau daran und wollte den älteren Mann nur beruhigen. „Vielleicht spielt uns auch jemand einen grausamen Streich. Es könnte auch eine Finte sein, um mein Königreich zu schwächen, damit es leichter angegriffen werden kann.“

Nil nickte zustimmend. „Daran habe ich auch gedacht, aber … wie haben sie die Leichen so hinbekommen?“, fragte er, bevor er schauderte. „Ich habe sie genau angesehen. Sie wirkten, als wären sie einfach auf der Stelle verschrumpelt und dann gestorben. Die Haltung …“ Nil schüttelte seinen Kopf.

Rayan konnte verstehen, wie sehr ihn dieser Anblick schockierte. Er selbst hatte auch damit zu kämpfen.

„Ich denke das wie ist im Moment nicht so wichtig. Mich interessiert erst einmal eher das wer“, sagte Rayan ernst.

Ihm machte auch zu schaffen, was er in letzter Zeit immer hörte.

Sein Bruder Aaron war viel unterwegs. Viel häufiger als sonst.

Rayan hatte gehofft, dass er vielleicht eine Liebelei aufrecht hielt, doch mittlerweile machte er sich auch Sorgen, dass mehr dahintersteckte.

Das Dorf und auch die Leichen waren nicht das Einzige, was im Moment nicht stimmte. Auch die Krankheit, die sich unter seinen Dienern breit machte, konnte damit zusammenhängen.

Viele seiner Diener waren in den letzten Wochen krank geworden. Sie waren blass, schwach und teilweise sogar bettlägerig. Heilung schien nicht immer in Sicht. Manche erholten sich, andere wirkten, als wären sie plötzlich sehr schnell gealtert.

Dieser Gedanke ließ ihn zucken. „Was, wenn diese Krankheit damit zusammenhängt“, sagte er angespannt.

Nil blickte auf. „Denkt Ihr?“, fragte er, während Adora wissen wollte, von welcher Krankheit er sprach.

Vor ihr hatte er diese Sache geheim halten wollen, denn die Gefahr, dass sie sich ansteckte, war sehr hoch. Daher war es auch gut, dass sie viel bei ihm war und nicht so viel Kontakt mit anderen hatte.

„Unter den Dienern geht eine Krankheit um, die dafür sorgt, dass sie sich schwach und ausgelaugt fühlen“, erklärte Rayan mit ruhiger Stimme. Er wollte, dass sie dachte, es wäre etwas Alltägliches. Sie sollte nicht in die Sache hineingezogen werden.

Adora musterte ihn nachdenklich. „Das erklärt, warum viele Dienstleute so oft wechseln“, sagte sie, als hätte sie sich bereits ihre eigenen Gedanken darum gemacht.

Rayan streichelte ihre Hand, als würde er sie beruhigen wollen. Er spürte jedoch, dass es nicht sonderlich viel brachte. Sie war ähnlich angespannt wie er.

„Wir sollten jetzt zurückkehren“, sagte Rayan, der Adoras Hand nahm und sie sanft, aber bestimmt mit sich zog.

Adora, die etwas überrascht war, stolperte ihm hinterher. „Was ist denn los?“, fragte sie vorsichtig. Sie schien nicht zu verstehen, was Rayan wollte.

„Ich habe noch zu tun und muss mich mit Rosalia treffen“, sagte er angespannt. „Und ich muss mit dir reden. Unter vier Augen.“

Adora lief etwas schneller, damit er sie nicht hinter sich herziehen musste. Dabei spürte Rayan jedoch an seiner Hand, dass sie noch immer unruhig und angespannt war.

Rayan hatte erwartet, dass sie fragen würde, doch sie schwieg, während sich beide mit schnellen, großen Schritten dem Schloss näherten.

Die Wachen ließen sie ein und neigten leicht die Köpfe, bevor sie das große Tor wieder schlossen.

Adora folgte Rayan weiter, der sie direkt in sein Zimmer brachte. Dort blieb er stehen und atmete aus. Dabei bemerkte er, dass Adora hinter ihm angestrengter atmete. Der Weg hierher und sein Tempo mussten ihr zugesetzt haben.

Er drehte sich zu ihr und lächelte schief. „Tut mir leid. Setzt Euch“, bat er und schob sie regelrecht Richtung Bett.

Adora ließ sich darauf fallen und atmete erst einmal tief ein und aus. „Mir tut es leid. Ich bin so langes und schnelles Laufen nicht gewohnt“, entschuldigte sie sich. Es klang, als hätte sie Angst, dass sie für ihn eine Last sein würde.

Rayan fuhr sich durch die Haare. „Ich hätte auf Euch achten sollen. Es ist nur … ich hatte das Gefühl, die Bilder verfolgen mich und ich müsse davor wegrennen.“ Es war ein Geständnis, das dafür sorgte, dass er rot wurde. Es war ihm peinlich, weil es seine Schwäche offenbarte. Das gehörte sich nicht für einen Prinzen und doch konnte er es nicht vor Adora geheim halten.

„Ich verstehe, was Ihr meint“, sagte sie, wobei sie erschöpft und traurig klang. Dann hob sie die Hände und legte sie an ihre Arme, um diese zu reiben. „Diese Bilder verfolgen mich auch“, flüsterte sie, wobei ihr Blick scheinbar leer wurde.

Sofort kam Rayan zu ihr, denn diesen Anblick konnte er nicht ertragen. Er zog sie fest in seine Arme. „Ich passe auf Euch auf“, versprach er, wobei es nicht nur dazu diente, Adora zu beruhigen. Auch ihn.

Sie lehnte sich leicht an ihn, doch die Entspannung kam nur langsam. „Ihr wolltet mit mir reden?“, sagte sie leise. Wohl, um das Thema zu wechseln.

Rayan nickte. „Ich habe eine Bitte an Euch“, begann er zögerlich und fühlte sich schlecht. Das, was er vorhatte war nicht gerade nett, doch es musste sein. Im Moment war es für ihn sehr schwer Vertraute zu finden. Warum er Adora vertraute, konnte er nicht genau sagen, doch dem war so. Zumindest auf eine gewisse Art und Weise. Ob dieses Vertrauen gerechtfertigt war, würde er testen müssen.

„Was immer Ihr wünscht“, antwortete Adora, obwohl er noch nicht gesagt hatte, was er wollte.

Rayan atmete tief durch. „Seit für die nächsten Wochen die Hofdame meines Bruders“, bat er, was ihm schwerer fiel, als er erwartet hatte.

Adora wirkte überrascht. „Wenn das Euer Wunsch ist“, sagte sie, doch etwas zögernder als sonst.

Rayan blickte ihr nun direkt in die Augen. „Ihr müsst für mich herausfinden, ob er etwas mit der Krankheit zu tun hat“, sagte er fest. „Er ist in letzter Zeit sehr viel unterwegs und könnte auf Dinge gestoßen sein oder Dinge tun, die mir schaden“, flüsterte er, wobei Trauer in seiner Stimme mitschwang. Er wollte seinem Bruder vertrauen, doch in seiner Familie waren so oft Verwandte für den Untergang verantwortlich gewesen, dass er es einfach nicht konnte. Zudem war da noch etwas anderes. Auch Aaron hatte von ihm eine Aufgabe erhalten. Er sollte Adora im Blick haben. Das Ganze hatte angefangen, seitdem sie hier war und er wollte wissen, ob es vielleicht nachließ, wenn sie mit seinem Bruder unterwegs war.

Er wollte keinen von beiden etwas unterstellen, doch Vorsicht war besser als Nachsicht. Das war er seinem Volk schuldig. Dieses stand über der Familie und musste geschützt werden. Selbst, wenn es ihn viel kostete.

Adora straffte die Schultern. „Wenn Ihr das wünscht“, sagte sie noch einmal, dieses Mal aber sicherer. „Ich werde tun, was ich kann, um Euch zu unterstützen.“

Sie war eine faszinierende Frau. Schön, stark und selbstbewusst. Gleichzeitig aber nicht hochnäsig. Genau das, was Rayan sich an seiner Seite wünschte, aber wohl nie bekommen würde.

 

Ende der Leseprobe.

Ihr findet die vollständige Geschichte und Band 2+3 hier:

>