Noshiko-Kapitel 19

Ich erwachte, weil der wunderbare Duft von Kaffee den Raum erfüllte.
Schnuppernd, aber noch müde richtete ich mich auf, bevor ich meine Augen aufschlug. Im Zimmer stand ein Wagen mit Kaffee und Essen. Überrascht sah ich mich um und bemerkte, das Yuri gar nicht da war. Wo war er hin? War er schon wieder verschwunden?
Es ärgerte mich, weshalb ich das Frühstück nicht einmal richtig genießen konnte. Ich nahm mir den Kaffee und schlürfte ihn langsam, während ich hoffte, dass Yuri zurückkehrte. Es war jedoch nur Eris, die in den Raum kam und sich leicht verneigte. „Lord Hashita wünscht, dass Ihr heute im Zimmer bleibt“, informierte sie mich.
Ich nickte zwar, doch eigentlich hatte ich das Gegenteil vor.
„Kannst du mir aus der Bibliothek ein paar Bücher bringen?“, fragte ich, weil ich es als Vorwand nutzen wollte, um sie wegzuschicken. Dabei knabberte ich auf dem Brot herum, damit sie sah, dass ich etwas aß.
Eris knickste erneut. „Wie Ihr wünscht“, sagte sie und verließ das Zimmer. Ich schlang einen Pfannkuchen hinunter und eine Orange, bevor ich mich erhob. Wie ich angenommen hatte, war ich nicht festgekettet. Das musste Yuri wohl vergessen haben. Nun kam es mir sehr gelegen.
Schnell schlüpfte ich zur Tür hinaus und lief die Flure entlang, die von der Bibliothek wegführten.
Ich wusste nicht wirklich, was ich jetzt machen sollte, doch ich wollte mir die Beine vertreten. Vielleicht konnte ich auch nach Yuri suchen und ihn beobachten. Es war schön, dass aktuell nicht so viel Unterricht war. Wir hatten ein paar Tage frei und bald standen auch die Winterferien an. Nicht, das ich mich darauf freute, diese mit Großmutter zu verbringen, doch solang ich hier sein konnte, hatte ich mehr Zeit mit Yuri.
Meine Beine trugen mich hinaus in den Garten, wo bereits Schnee lag. Ich lief durch diesen und genoss die leichten Flocken, die hinabrieselten. Obwohl ich keinen Mantel trug, war mir nicht kalt. Im Gegenteil. Ich mochte es so sehr gern. Die Flocken auf meiner Haut zu spüren war schön.
Ich schlenderte durch den Garten und beobachtete die Schüler. Es waren nicht viele draußen. Mir war klar, dass die meisten wohl die warmen Räume nutzten, wo man abhängen konnte.
Langsam entfernte ich mich vom Hauptteil der Schule. Hier ging der Teil los, den man eigentlich nicht so ohne weiteres betreten durfte. Yuri hatte es mir einmal gezeigt und sehr darauf bestanden, dass ich hier nichts zu suchen hatte. Daher ging ich davon aus, dass er hier sein musste.




Ich hätte mir gewünscht, dass er bei der Ärztin war, doch irgendwie kannte ich ihn mittlerweile so gut, dass ich wusste, dass er dort nicht sein würde. Als würde er sich mit seinen Problemen helfen lassen.
Mein Herz klopfte aufgeregt, als ich den Weg durch den Garten nahm, damit man mich nicht so schnell sah.
Wie schon das letzte Mal war hier kaum jemand. Ich erkannte nur ein paar wenige Männer und Frauen, die ich alle nicht zuordnen konnte. Keiner davon kam mir bekannt vor. Was mir an ihnen auffiel war, dass sie teilweise große Kisten oder schwere Taschen trugen.
Auf einen der Kisten lagen ein paar Bücher, die dafür sorgten, dass ich mich fragte, ob sie vielleicht wirklich nur Lehrmaterialien für die Lehrer durch die Gegend trugen.
Mein Blick glitt umher und ich erkannte den breitschultrigen Lehrer, den ich oft mit Yuri zusammen hatte.
Dass sogar ein Lehrer in die Sache verwickelt war, wunderte mich ehrlich gesagt nicht sonderlich. Wie sonst konnte das hier unentdeckt bleiben? Wobei ich mir nicht einmal sicher war, ob nicht noch jemand davon wusste. Vielleicht sogar meine Großmutter. Immerhin hatte mich Satoru vor Yuri gewarnt.
Innerlich lachte ich über mich selbst. Wie dumm war ich eigentlich? Es gab keinen Grund, warum Yuri hier involviert sein oder davon wissen sollte. Ich hatte ihn hier nicht gesehen. Zudem wusste ich auch gar nicht, was die hier taten.
Vielleicht war es wirklich nichts Schlimmes. Meine Fantasie ging wohl mit mir durch.
Trotzdem wurde auch meine Neugier geweckt. Was konnte ich tun, außer aus meinem kleinen Versteck zu beobachten? Ich wollte gern wissen, was in dem Haus war.
Als ich mir gerade überlegt hatte, hinaufzuschweben und durch die Fenster zu schauen, legte mir jemand von hinten eine Hand auf den Mund und zog mich fest an sich.
Zuerst strampelte ich panisch und versuchte auch mich mit Magie zu befreien, doch dann bemerkte ich einen bekannten Geruch. War das Yuri?
Etwas stach an meiner Schulter und drückte seltsam, was dafür sorgte, dass ich erneut versuchte, mich zu verteidigen. Allerdings machte mein Körper schlapp und langsam wurde mir schwarz vor Augen. Die Panik nahm ab, als hätte ich Beruhigungsmittel bekommen. Schließlich sackte ich zusammen.



Als ich erwachte, lag ich im Bett und Yuri hielt mich in den Armen. Ich drehte mich ein Stückchen und schmiegte mich an Yuris Brust.
Mein Kopf tat ein bisschen weh. Hatte ich schlecht geträumt? Aber was? Ich erinnerte mich nicht mehr daran.
„Wie hast du geschlafen?“, fragte Yuri, der sich aufsetzte, um mich zu mustern. Ich erwiderte seinen Blick und suchte nach den Kratzspuren in seinem Gesicht. Sie waren weg, obwohl ich mir sicher war, dass ich das blaue Auge nicht geheilt hatte. Immerhin hatte ich nur die Schmerzen gelindert.
„Ich habe … seltsam geträumt“, gab ich von mir und griff an meinen Kopf, da dieser erneut schmerzte.
„Was hast du denn geträumt?“, fragte Yuri, der sich etwas zur Seite beugte und eine Thermoskanne nahm. Dann goss er mir einen Kaffee ein. Der Geruch erfüllte das komplette Zimmer und ließ mich seufzen.
„Ich weiß nicht“, murmelte ich, da mein Kopf schmerzte, sobald ich versuchte, mich zu erinnern.
Langsam nahm ich den Kaffee entgegen und kniff die Augen etwas zusammen, während in meinem Hinterkopf leise flüsterte. „Ich glaube, ich brauche eine Tablette“, murmelte ich. Waren die Kopfschmerzen Nachwirkungen?
Allerdings war die Stimme wesentlich schlimmer. Sie schrie mich an, dass ich Yuri nicht glauben sollte. Dass ich ihn von mir stoßen und umbringen sollte.
Yuri musterte mich skeptisch. „Du sollst sie nur noch nehmen, wenn es nötig ist“, sagte er, wobei es mir schwerfiel, seine Stimme herauszuhören. Die Stimme in meinem Kopf, die irgendwie viel drängender und panischer klang als sonst, war einfach zu laut.
Mein Herz klopfte heftig, während ich mich samt Kaffee versuchte, aus dem Bett zu schälen und an meine Tabletten zu gelangen. Dabei verschüttete ich den Kaffee, doch es störte mich nicht. Stattdessen kämpfte ich gegen die Kraft an, die in mir tobte und mich zwang, sie freizulassen. Aber ich wollte Yuri nicht verletzen! Ich brauchte die Tabletten oder musste von hier weg.
Schließlich packte mich Yuri, bevor ich noch komplett aus dem Bett fallen konnte. „Hier“, sagte er und hielt mir die Tablette sogar an den Mund. Ich schnappte förmlich danach und schluckte sie, bevor ich den Rest heißen Kaffee hinunterstürzte.
Die Tablette schlug nicht schnell genug an und ich spürte, wie ich die Kontrolle verlor. Die Stimme in meinem Kopf wurde lauter und der Schrank hob vom Boden ab. Mein Atem wurde schwerer und eigentlich wollte ich auf die Tür zustürzen, um wegzurennen, doch Yuri packte mich von hinten und zog mich an sich.




Ich spürte, wie meine Magie plötzlich zu ihm geleitet wurde. Panik, dass ich ihn damit verletzen würde, machte sich in mir breit.
„Schon gut“, flüsterte er beruhigend. „Es ist alles in Ordnung.“
Seine Umarmung und seine Stimme beruhigten mich, doch die Magie floss immer noch. Trotzdem landete der Schrank und einige Bücher, die Bettdecke und eine Nachttischlampe folgten unsanft. Noch immer ging meine Magie in Yuri über.
Fast so, als würde dieser sie aufsaugen.
Es dauerte eine gewisse Weile, doch schließlich fühlte ich mich beruhigt und müde. Mein Herz wurde ruhiger und auch mein Atem. „Was … war das?“, fragte ich erschöpft.
Yuri tätschelte mich. „Alles wieder gut?“
„Ich glaube schon“, antwortete ich flüsternd.

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