Noshiko-Kapitel 8

Die Stadt war ein sehr belebter Ort und ich bemerkte, dass sogar viele der Schüler hier waren.
Yuri führte mich durch die Straßen, während ich mich umsehen konnte, ohne verloren zu gehen. Er hielt mein Handgelenk, wie er es eigentlich immer tat.
Ich spürte, dass die Tabletten wieder wirkten und meine Gefühle abklangen. Noch war ich nicht in dieser Scheiß-egal-Stimmung, doch so richtig da war ich auch nicht mehr. Das bemerkte ich, als ich in Yuri hineinrannte, weil er stehenblieb.
Er drehte sich zu mir, bevor er mich eingängig musterte. „Dort gibt es ein Café“, sagte er und deutete nach vorn. Ich folgte seinem Finger und entdeckte ein kleines, gemütlich scheinendes Café in einer Gasse. „Sie haben ganz angenehme Frühstücksangebote“, sagte er, als würde er mich nach meiner Meinung fragen. Ich nickte lediglich. Es war mir im Grunde egal, solange es Kaffee gab.
Yuri musterte mich intensiv. „Du wirst etwas essen“, sagte er mit ernster Stimme. Erneut nickte ich. Ich kannte dieses Spiel bereits. Wenn ich nichts aß, bekam ich meinen Kaffee nicht. Irgendwie hatte ich mich bereits daran gewöhnt.
Yuri tätschelte mir den Kopf. „Sehr gut“, sagte er, bevor er mich zum Café zog. Mir kam in den Sinn, dass er mir bisher einige Sachen gekauft hatte und scheinbar nun auch der Meinung war, dass er das Essen bezahlen musste, denn ich hatte nicht einmal eine Tasche dabei, geschweige denn Geld. Normalerweise wäre es mir peinlich und ich hätte darauf bestanden zu bezahlen, doch jetzt war es eben so. Wahrscheinlich störte es ihn auch nicht.
Woher kam er überhaupt? Was machten seine Eltern und hatte er viel Geld? Wenn er auf dieses Eliteinternat ging, musste er reich sein. Von Großmutter wusste ich, dass es nicht billig war.
Gemeinsam suchten wir uns einen Platz, bevor wir uns draußen auf der Terrasse niederließen. Sie war trotz der Kühle noch geöffnet. Ich fand es irgendwie seltsam, da kaum jemand hier war, doch es interessierte mich nicht genug, um nachzufragen. Stattdessen sah ich mir die Karte an. Es gab wirklich sehr viel Auswahl an Frühstücksangeboten.
Ich entschied mich für eine Waffel mit Erdbeeren, was Yuri neugierig zur Kenntnis nahm. „Magst du Erdbeeren und Schokolade?“, wollte er wissen. Ich nickte.




„Schon“, antwortete ich, da ich früher sehr gern Erdbeeren in Schokolade gegessen hatte. Allerdings schon lange nicht mehr. Ich hatte bisher nicht das Bedürfnis verspürt, diese zu essen. Jetzt, wo es angeboten wurde, griff ich allerdings zu.
Yuri gab ein Geräusch von sich, das sehr zufrieden klang.
Schließlich bestellten wir. Es dauerte auch nicht lange, bis die Getränke geliefert wurden. Sofort griff ich nach meinem Kaffee und nahm einen Schluck. Yuri beobachtete mich zwar, griff aber nicht ein.
„Wie geht es dir?“, fragte er. Etwas, was er bisher noch nie gemacht hatte, weshalb die Frage mich überraschte.
„In Ordnung“, antwortete ich, da ich nicht wusste, was ich sonst sagen sollte. Vielleicht war ich geistig nicht ganz da, aber mir tat nichts weh.
Yuri runzelte die Stirn. „Ich habe in der Stadt noch etwas zu erledigen“, sagte er und nahm einen Schluck. „Glaubst du, ich kann dich für etwa eine Stunde allein lassen, ohne dass du dich in Probleme bringst?“, fragte er, was mich überraschte, doch ich zeigte kaum eine Regung.
„Ja“, antwortete ich und fragte mich gleichzeitig, warum ich mich in Probleme bringen sollte? Oder spielte er auf die Sache mit Kean an?
Yuri suchte meinen Blick und ich erwiderte ihn. „Sollte dich jemand bedrängen, dann lass ihn nicht an dich ran. Ich will nicht, dass dir jemand anderes zu nahekommt“, sagte er ernst. Es klang wie ein Befehl, weshalb ich nickte.
Yuri beugte sich über den Tisch und streichelte meine Wange. „Versprich mir, dass du niemanden an dich heranlässt, während ich nicht da bin“, bat er innig.
„Ich verspreche es“, antwortete ich, denn seine hartnäckige Art und wie sehr er darauf beharrte, zeigte mir, dass es ihm wirklich wichtig war.
Yuri zog sich zurück. Unter anderem auch, weil das Essen kam.
Er selbst hatte sich ein Omelett mit Speck und Zwiebeln bestellt. Etwas, was ich durchaus auch ganz gern aß.
Schweigend genossen wir das Essen und ich musste gestehen, dass es mir sogar besser gefiel als in der überfüllten Mensa. Hier war es ruhig, weshalb ich mich nicht ständig so bedrängt fühlte. Nicht, dass es wirklich einen Unterschied machte, doch es gefiel mir einfach besser.
Yuri legte das Geld auf den Tisch und erhob sich. „Trink ruhig deinen Kaffee in Ruhe. Bestell dir noch einen, wenn du möchtest“, sagte er, bevor er zu mir herumkam und mir die Stirn küsste. „Ich bin gleich wieder da“, versprach er. „Du kannst dich auch umsehen, ich finde dich.“




Ich nickte und sah ihm dann hinterher. Mit schnellem Schritt verließ er das Café und ließ mich zurück.
Jetzt war ich wieder allein.
Weil ich nicht wusste, was ich machen sollte, widmete ich mich meinem Kaffee, doch auch dieser war bald darauf leer. Die Kellnerin kam, nahm das Geld entgegen und ich erhob mich. Vielleicht konnte ich die Zeit totschlagen, indem ich etwas durch die Stadt lief. Ich hatte kein wirkliches Ziel, doch das störte mich nicht. Eigentlich war ich es sogar gewohnt ziel- und planlos durch die Gegend zu wandern.
Ich lief in die Richtung, in die meine Beine mich trugen und war nicht einmal verwundert, als ich an einer Gasse vorbei kam, in der ich Yuri bemerkte.
Mich interessierte es, was er tat, weshalb ich mich in einen Sichtschild hüllte. Etwas, das wir erst in den letzten Unterrichtsstunden beigebracht bekommen hatten. Es fiel mir verhältnismäßig leicht, weshalb ich hoffte, dass er mich nicht bemerkte.
Langsam lief ich in die Gasse und bemerkte, dass Yuri jemanden gegen die Wand drückte. Er hatte seinen Arm an dessen Kehle und als ich näherkam, bemerkte ich das Messer mit dem er ihm einen Kratzer über die Wange verpasste. „Das nächste Mal kommst du nicht so glimpflich davon“, bemerkte er mit rauer Stimme, während der Mann ihn panisch anstarrte.
Ich blieb im Gang stehen und beobachtete die Szene. Bedrohte er einen Mann? Warum? Was sollte das?
Ich wusste, dass ich nicht hier sein sollte, weshalb ich mich langsam wieder zurückzog. Was Yuri hier tat, ging mich nichts an. Es sollte mir egal sein und trotzdem hatte ich ein ungutes Gefühl.
In meinem Kopf flüsterte eine leise Stimme, dass ich mich vor ihm in Acht nehmen sollte. Dass mehr dahintersteckte, als ich sehen konnte, doch ich verdrängte diese Stimme. Ich durfte ihr nicht zuhören oder ihr glauben. Das würde nur in einem erneuten Blutbad enden.
Als ich aus der Gasse verschwunden war und man mich von da aus nicht mehr sehen konnte, ließ ich den Sichtschutz fallen und rannte los. Panik durchflutete mich und das Rennen war meine Art mit dieser klarzukommen. Ich hatte erst zwei Tabletten genommen und diese würden ausreichen, um mich zu beruhigen, doch dazu musste ich mithelfen. Ich musste meine Gedanken fokussieren und durfte nicht an die Vergangenheit denken. So einfach war das aber nicht.




Meine Füße trugen mich weit und schließlich sogar aus der Stadt hinaus. Ich nahm den einzigen befestigten Weg und fand mich bald darauf körperlich erschöpft auf einer Wiese wieder.
Zitternd ließ ich mich nieder, während ich versuchte, normal und ruhig zu atmen, damit mein Körper sich wieder beruhigte.
Mein Geist wollte allerdings nicht so richtig. Immer wieder glitten meine Gedanken zu der Nacht, in der ich meine Eltern verloren hatten.
Ich kniff die Augen zusammen, weil ich es nicht mehr sehen wollte, doch es half nichts, weshalb ich sie gleich wieder aufriss.
Mir ging es ganz und gar nicht gut, weshalb ich mich wieder erhob und auf den Rückweg zur Stadt machte. Hoffentlich war Yuri fertig. Ich brauchte seine Umarmung. Egal, was ich gesehen hatte, ich sollte mich nicht damit beschäftigen. Ich hatte eigen Probleme und wichtig war nur, dass er mir bei diesen helfen konnte.
Das redete ich mir ein, während ich mich schleppend auf die Stadt zubewegte.
Ich musste mitgenommener aussehen, als mir bewusst war, denn mich starrten ab und an Leute an. Vielleicht bildete ich mir das aber auch nur ein. Ich ignorierte es und versuchte, den Weg zum Café zurückzufinden, landete aber erschöpft in einer Seitenstraße, wo die Katzen im Müll wühlten.
„Was für ein wundervoller Zufall“, bemerkte eine mir bekannte Stimme und als ich aufsah erkannte ich Kean.
Was machte der denn hier? Verfolgte er mich etwa?
Er kam auf mich zu geschlendert und legte eine Hand neben meinen Kopf an die Wand, an der ich lehnte, um mich etwas zu erholen. Seine eisblauen Augen waren dabei auf mich gerichtet. „Das kommt mir gelegen. Wenn ich dich mitnehme, habe ich sicherlich einen Vorteil“, sinnierte er, während seine freie Hand mein Gesicht streichelte.
Für einen Moment war ich sogar dankbar, denn er schaffte es, dass ich die Bilder verdrängen konnte. Gleichzeitig kam mir aber Yuris Bitte wieder in den Sinn.
Weil ich ihn nicht ärgern wollte, hob ich meine Hand und nutzte Windmagie, um Kean von mir zu schleudern. Dabei unterschätzte ich jedoch meine eigene Kraft, weshalb er volle Wucht gegen die gegenüberliegende Wand krachte.
Für einen Moment war ich selbst irritiert und machte mir Sorgen, dass ich ihn vielleicht zu sehr verletzt hatte, doch er rappelte sich wieder auf. Dabei grinste er. „So, so, du kannst also doch selbstständig denken. Das wird lustig“, behauptete er. Kurz darauf spürte ich, dass Magie gewirkt wurde. Ich konnte jedoch den Zauber nicht schnell genug ausmachen, weshalb sich etwas um meinen Oberkörper legte und meine Arme eng an diesen presste. Als würde mich eine riesige Hand halten.




Ich beobachtete, wie Kean auf mich zukam. Würde er mich jetzt töten? Verdient hätte ich es.
Schnell versuchte ich, diesen Gedanken zu verdrängen. Ich würde Yuri sicherlich traurig machen und Großmutter auch. Vielleicht wollte ich nicht für mich leben, aber für sie wollte ich es definitiv.
Als mir Kean erneut nah genug war, hob ich mein Knie und rammte es ihm in die Weichteile. Er keuchte und krümmte sich, während sein Zauber die Wirkung verlor und mich freigab.
Sofort hob ich die Hände, nutzte mehr Magie und schleuderte ihn erneut gegen die Wand. Dann wandte ich mich um und rannte erneut los. Obwohl mein Körper noch erschöpft war, versuchte ich trotzdem, so schnell es mir möglich war, irgendwie unter Menschen zu kommen. Es war weniger der Drang der Gefahr zu entkommen, als die Hoffnung, Yuri zu begegnen.
Allerdings hatte ich meinen Körper wohl in letzter Zeit so sehr vernachlässigt, dass ich nicht sonderlich weit kam. Jemand packte mich am Arm und zog mich zurück in eine Gasse, bevor ich mit dem Rücken gegen eine Wand krachte. Kurz darauf hatte ich Kean Hand an meinem Hals. „Du kleine Furie“, zischte er. „Sei brav, dann muss ich dir nicht weh tun“, knurrte er, wobei er zudrückte.
Damit schnitt er mir die Luft ab, was jedoch nicht wie erwartet Panik in mir hervorrief. Die Angst war zu gering, um gegen die Medikamente anzukommen, was dafür sorgte, dass ich halbwegs klar denken konnte.
Erneut nutzte ich Magie und leitete sie in die Ringe, die noch immer an meinen Brüsten befestigt waren. Yuri hatte gesagt, er könnte mich dadurch finden. Ich hoffte nur, dass dem wirklich so war.
Wie erwartet durchzogen Blitze meinen Körper und gingen sogar in Kean Hand über. Dieser knurrte nur, bevor er mir fest ins Gesicht schlug. Mein Blick verschwamm, während ich Blut in meinem Mund schmeckte.
Ein Versuch, meine Magie zu fokussieren scheiterte. Mein Körper war zu erschöpft.
Mein Blick verschwamm immer mehr, denn der Luftmangel machte sich bemerkbar und ohne es verhindern zu können, sackte ich zusammen.

Wie gut gefällt dir dieses Buch?

Klicke auf einen Stern zum bewerten.

Durchschnitt 0 / 5. Anzahl: 0

Bisher keine Bewertungen

Kommentare