Epilog

Epilog

 

Aurillia

Natürlich sprachen Sharifa und Lyssa nur noch über das Kind und die Königin. Als gäbe es keine interessanteren Themen. Selbst Boris war davon genervt und verdrehte die Augen.

„Wisst ihr was?“, meinte er und sprang auf. „Ich habe noch zu üben. Redet ihr nur weiter über eure Frauenthemen.“

Ich nahm mir noch ein Brot und belegte es mit Wurst. „Ja, dann mach du mal deinen Männerkram.“

„Mache ich auch! Der ist tausendmal besser als euer langweiliger Kram!“ Mit den Worten verschwand Boris und knallte die Tür unnötig laut hinter sich zu.

Genervt blies ich mir eine Strähne aus dem Gesicht. Dieser Junge war so kindisch!

„Huch!“, machte Lyssa und sah ihm nach. „Was ist denn in ihn gefahren?“

Gleichgültig hob ich die Schultern. „Er will nicht über Kinder reden.“ Ich biss in mein Brot und musste Boris irgendwie zustimmen. Ich hatte auch keine Lust, darüber zu reden. „Sharifa? Reitest du noch?“

Verlegen lächelnd schüttelte sie den Kopf. „Nein, ich habe damit aufgehört. Viel zu gefährlich.“

„Schade. Ich habe bei Darleen ein wenig Reitunterricht genommen und mochte es.“

„Galderon bringt es dir sicher gerne bei“, entgegnete Sharifa und lächelte ihr typisches … irgendwie gekünsteltes, Lächeln.

„Mhm“, machte ich. „Mal sehen.“ Für mich war jedenfalls klar, dass ich nicht Nayaras Zofe bleiben wollte. Sie zog sich sowieso immer selbst an und ließ ihr Kleid manchmal von Cyrus schnüren. Mich brauchte sie nicht mehr. Deswegen hatte sie Emili und mich auch weggeschickt. Auf der Reise hierher hatte sie mich auch nicht gebraucht. Sie war jetzt erwachsen. Und guter Hoffnung. Es war … komisch. Und trotzdem mochte ich Naya und wollte bei ihr bleiben. Aber nicht als Zofe, sondern als … als …

Als Eheweib von Leonard? Ich könnte Gärtnerin werden, dachte ich verbittert. Dabei würde ich lieber als Goldschmiedin arbeiten und Schmuck herstellen. Aber Naya trug keinen Schmuck. Und mein Leo hatte bestimmt schon eine neue Freundin. Also konnte ich weder Eheweib noch Goldschmiedin werden.

Während ich noch überlegte, wie ich mich auf andere Art nützlich machen konnte, kam Boris zurück in den Speisesaal gestürmt. Er war etwas blass um die Nase und sein Blick ging gehetzt durch den Raum. „Da sind falsche Diener im Schloss! Und sie tragen Waffen!“



„Falsche Diener?“, wiederholte Lyssa irritiert.

„Ja!“, rief Boris und kam auf uns zu. „Wir müssen hier weg! Die können nichts Gutes im Sinn haben!“

„Aber ich will hier nicht weg!“, protestierte Sharifa. „Es gefällt mir hier!“

Boris sah mich an und sein Blick flehte förmlich darum, ihm zu helfen. Ich seufzte tief und nickte kurz. „Waffen, ja? Das ist tatsächlich kein gutes Zeichen. Wir sollten zumindest mal nachsehen.“

Gesagt, getan. Als wir die Tür zum Flur öffneten, schrie ich beinahe auf, denn wenige Meter weiter lag jemand auf dem Boden. Das Blut verteilte sich unter dem Mann. Sein rechtes Bein war grässlich abgeknickt.

„Wir müssen hier weg!“, flüsterte Boris leise, aber eindringlich.

Lyssa hielt Sharifa die Augen zu und nickte knapp. „Wo lang?“

Ich sah mich um. Hier in der Nähe hatte ich Naya ein paar Mal in der Wand verschwinden sehen. „Dort hinten! Da ist irgendwo ein geheimer Gang“, flüsterte ich.

Wir rannten zu der Stelle. Boris fand den Auslöser so schnell, dass ich mir beinahe sicher war, dass er diesen Gang bereits kannte. Aber es war keine Zeit, danach zu fragen. Lyssa ging mit Sharifa vor, dann schubste Boris mich in den Geheimgang und trat kurz darauf hinter mich.

„Wo lang?“, fragte Lyssa zaghaft.

Mein Mund wurde trocken. Erinnerungen an meine erste Flucht, als wir auf die Banditen im Wald trafen, tauchten vor meinem inneren Auge auf. Erinnerungen an die unzähligen Tage, die wir brauchten, um in die Ostlande zu kommen. Ich wollte nicht wieder weglaufen! Ich wollte hierbleiben! Bei Naya! Sie brauchte mich doch!

Boris schob uns vor und übernahm die Führung. Alles in mir rebellierte. Ich wollte nicht wieder weglaufen! Ich verstand nun, warum Nayara so unbedingt den Umgang mit dem Schwert lernen wollte. Weglaufen war so falsch! Wir sollten die falschen Diener finden und töten!

Sharifa schniefte immer wieder leise, Lyssa blieb still und Boris fluchte ständig. Eine tolle Truppe war das. Lyssa war zu nichts zu gebrauchen, aber wenigstens ruhig. Sharifa war noch ein Kind, genauso wie ich. Und Boris war auch nicht viel älter und hatte auch noch gar keine Erfahrung! Wohin sollten wir laufen? Wir hatten doch gar keine Chance! Wieso musste ich immer weglaufen?



Ich überlegte schon, den ganzen Weg zurückzugehen, als plötzlich Licht in den Gang flutete. Boris hatte den Ausgang gefunden. Umständlich kletterten wir aus der Öffnung, die ein Stück höher lag. Boris half uns. Nicht, dass ich Hilfe gebraucht hätte, denn ich kam auch gut ohne Hilfe zurecht!

Als ich mich umsah, blieb mir der Atem beinahe im Halse stecken. Wir standen mitten im Innenhof! Oder viel eher hinter einer der dort befindlichen, dicken Stützsäulen. Der Innenhof war wie leergefegt. Einzig drei auf dem Boden liegende Körper, nahe der Schlossmauer konnte ich erkennen. Irgendwo schrien Menschen, aber die Soldaten waren es ganz sicher nicht mehr.

Ich atmete nervös aus; zwang mich, den Blick von den toten Soldaten zu nehmen, denen das Emblem der Palastwache stolz auf der Brust prangte. Wie die feigen Kinder, die wir waren, hasteten wir reichlich unkoordiniert zum nächsten Busch und hielten dort schwer atmend inne. „Wohin?“, fragte ich und sah zu Boris.

„Zum Stall. Zu den Pferden!“

Wir kämpften uns durch die dicken, blickdichten Büsche, die den Schlossgarten vom Innenhof trennten, und pirschten uns auf der Seite des Gartens zu den Stallungen heran. Aber schon von Weitem sahen wir, dass die Stallungen brennen mussten. Dichter, schwarzer Rauch stieg in den Himmel und die verzweifelten Schreie wurden lauter, je näher wir kamen. „Die Pferde werden weggelaufen sein!“, knurrte ich. Wahrscheinlich waren sie tot. Aber dann würde Sharifa noch anfangen zu heulen.

„Lia!“, rief es auf einmal von der gegenüberliegenden Seite des Gartens. Mein Kopf schoss herum. „Lia, hier lang!“

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