Kapitel 11 – Drei Mädchen, drei Rätsel

Kapitel 11 – Drei Mädchen, drei Rätsel

 

Cyrus

Ich betrat den Kerker und verzog direkt das Gesicht. In einer schnellen Bewegung zog ich ein Taschentuch aus meiner Tasche und hielt es vor meine Nase. Es stank hier geradezu bestialisch. Ekelerregend. Fackeln an den Wänden tauchten die dunklen Gemäuer in ein schauriges Licht, wärmten aber herzlich wenig. Bis eben hatte ich noch Stimmen gehört, doch die waren nun verstummt. Langsamen Schrittes ging ich an den Zellen vorbei und schaute hinein. Sie waren voll. Jede einzelne! Wie viele Mädchen hatte Carina hier eingesperrt? Ich trat an die erste Zelle und sah acht jungen Frauen entgegen. Alle blond, mit trüben Augen und abgemagerten Körpern. Innerlich seufzte ich tief. Ich hatte Carina keine genauere Beschreibung gegeben, daher hatte sie wohl absolut jede blonde Frau gefangen genommen. Das konnte ich ihr kaum vorwerfen.

Die Tür quietschte, als ich den Schlüssel im Schloss herumdrehte und sie öffnete. „Geht. Ihr seid frei. Das war eine Verwechslung“, erklärte ich knapp, wobei meine Stimme durch das Tuch gedämpft klang. Ich trat bereits auf die nächste Zelle zu, mein Blick galt allerdings noch immer den Weibern von zuvor. Aufmerksam beobachtete ich sie. Einige waren fast noch Kinder, andere schon junge Erwachsene. Immer wieder warfen sie mir ängstliche Blicke zu, aber keine von ihnen bewegte sich. Sie blieben verängstigt in der Zelle sitzen, eine Falle witternd.

Ich ließ sie und wandte mich der nächsten Zelle zu. Auch hier blickte ich musternd in die Runde, doch auch hier passten sie nicht. Ich hatte die weißblonden Haare des Mädchens gesehen. Ihre Länge, die Haube, die sie trug, die aber nicht den ganzen Kopf bedeckt hatte. Die unsichere Haltung, die Größe. Ich hatte ein Mädchen gesehen, keine Frau, dessen war ich mir sicher. Und keine derer, die ich in den Zellen sitzen sah, passte.

Fünf weitere Zellen öffnete ich. Mit einem Mal rannten alle Frauen aus den offenen Zellen hinaus, die Treppe hinauf und in die Freiheit. Ihre Herzen schlugen aufgeregt und ängstlich zugleich.

In der letzten Zelle saßen drei Mädchen. Diese passten schon eher … Die hellen Haare, die zierliche Statur und die kindlichen Züge im Gesicht waren unverkennbar. Sie waren blutjung, vermutlich noch nicht einmal zur Frau gereift. Doch, anders als die ganzen anderen Frauen, sahen sie schrecklich aus. Die fadenscheinige Kleidung von Dreck durchdrungen und teilweise mit Blut befleckt. Ich öffnete die Zelle und trat ein. Die Augenbrauen tief ins Gesicht gezogen, sah ich mir die Kinder genauer an.



Sie alle trugen die Kleidung von Sklaven. Schlichte, bodenlange und ungefärbte Leinenkleider, welche jedoch dringend einer gründlichen Reinigung bedurften. Eines der Mädchen hatte Blut und Spuren von Schlamm und anderem Gedüngs, welches hier im Kerker zu finden sein dürfte, im Gesicht und lag reglos am Boden. Hätte ich ihren leisen Herzschlag nicht gehört, hätte ich gedacht, es wäre tot. Ein zweites Mädchen hatte Blut auf der Kleidung. Ihr Gesicht zeigte Spuren eines Kampfes und ihre Augen blitzten mich wütend an. An ihrem Ellbogen prangte eine Wunde, die wohl für die Blutflecken auf ihrem Kleid verantwortlich war. Außerdem hielt sie sichtlich Abstand zu dem liegenden Mädchen. Das Dritte schlang sich schützend die Arme um ihren Körper, als mein Blick auf sie fiel. In ihren Augen lag sowohl Neugier als auch Sorge. Wie die anderen beiden hatte sie ebenfalls helles, blondes Haar, war völlig verdreckt und hatte eingefallene Wangen.

Obwohl ich hätte erleichtert sein sollen, dass ich das gesuchte Mädchen vermutlich gefunden hatte, war ich erschüttert über den Zustand der dreien. Manchmal war ein schneller, schmerzloser Tod eine Erlösung. Die Sklaven hier hatten jedoch jahrelange Folter erleiden müssen. Die abgemagerten Körper sprachen eine deutliche Sprache.

Das Mädchen mit den längsten Haaren, das Zweite, welches auch die Wunde trug, erhob sich ruckartig und wollte sich direkt an mir vorbei aus dem Kerker drängen. Mit dem Ausstrecken meines Armes versperrte ich ihr den Weg.

„Was soll das!?“, zischte sie wütend und erhob tatsächlich die Hand gegen mich. Aber der schwache Schlag, mit der flachen Hand gegen meine Brust glich der Berührung einer Feder. „Lass mich raus!“ Grüne Augen blitzten mir respektlos entgegen.

Prüfend blickte ich zu den anderen beiden Mädchen, die sich jedoch nicht gerührt hatten. Erst dann wandte ich mich an das aufbrausende Kind vor mir. Mutig. Das musste ich ihr lassen. „Wie ist dein Name?“, fragte ich, ohne auf ihre Forderung einzugehen. Dabei nahm ich das Tuch von meiner Nase und legte die Hand unter ihr Kinn, um sie genauer anzusehen. Widerspenstig drehte sie den Kopf, um meinem Griff zu entkommen, woraufhin ich ihn festigte, bis sie schmerzerfüllt auszischte. Meine Augenbraue hob sich.



„Das geht dich gar nichts an, du ekelhafter Vampirabschaum!“, presste sie zwischen zusammengepressten Zähnen hervor und senkte kein einziges Mal den Blick.

Eines der anderen Mädchen, das mit blauen Augen, welches entspannt an der Wand angelehnt gesessen hatte, hatte sich bei ihrer Beleidigung verkrampft. „Wirst du uns wohl nicht in noch größere Schwierigkeiten bringen? Sag ihm schon deinen Namen!“ Nachdem die Grünäugige noch immer keinerlei Anstalten machte, zu reden, mischte sich das blauäugige Mädchen erneut ein: „Sie heisst Aurillia. Ich bin Emili und das hier ist Asha.“

Das Mädchen, auf das sie zuletzt deutete, lag noch immer regungslos am Boden. Erst hatte ich gedacht, sie schliefe, jetzt allerdings kam es mir merkwürdig vor. Hätten die anderen Mädchen sie nicht wecken müssen? Oder noch wichtiger: Wie konnte sie hier unten schlafen? In diesem Dreck? In dieser Situation?

„Aurillia, also hm?“ Ich hielt sie weiter fest, betrachtete sie aus allen Winkeln. War sie es, die Ashur auf dem Schoß gehabt hatte? Ich wandte mich an das kooperative Mädchen und deutete mit dem Kinn auf das schwache Ding, das dort lag. „Was ist mit der da?“

„Ihr … gehts nicht so gut“, gab das Mädchen, diese Emili, zögerlich zur Auskunft und schlang ihre Arme noch enger um ihren Oberkörper. „Sie liegt die ganze Zeit schon so da. Vorhin hat sie Blut gespuckt …“

„Was erzählst du denn da? Die hat nicht nur Blut gespuckt, die hat zuerst an mir genuckelt!“, fuhr ihr das mutige – oder dumme – Mädchen aufbrausend dazwischen.

„Bestimmt hatte sie nur Durst! Es geht ihr doch nicht gut!“, warf die andere, Emili, erzürnt ein.

„Genug!“, herrschte ich die beiden Mädchen an. Ich ließ die Vorlaute los, schubste sie aber zeitgleich zurück in die Zelle und trat hinaus in den Gang. Hatte das kranke Ding wirklich versucht, Blut zu trinken? Kein Wunder, dass sie es wieder ausspuckte. Menschen vertrugen kein Blut. Innerlich seufzend, musterte ich die Mädchen noch einmal. Sie alle drei passten vom Alter und der Statur. Ich würde sie mir genauer ansehen müssen. Oder Kretos darum bitten. Er hatte sie immerhin in der Vision gesehen.

„Bestimmt ist sie auch so ein abscheuliches Ding, wie der da!“, zeterte die Grünäugige weiter, die Arme in einer wütenden Geste in Richtung des bewusstlosen Mädchens erhoben.



Sie lag im Dreck, ihr Gesicht durch verschmiertes Blut und dem feuchten, braunen, stinkenden Gemisch, welches hier überall den Boden säumte, verdreckt. Ihre Augen waren fest geschlossen. Das Einzige, was noch auf ein Lebenszeichen hinwies, war der sich langsam hebende und senkende Brustkorb und der kindliche, leicht schnelle Herzschlag, der sich aber bedrohlich schwach anhörte.

„Sie hat es doch aber wieder ausgespuckt!“, hielt das andere Mädchen entgegen. Dieses schickte sich nun auch an, zu dem bewusstlosen Mädchen hinüberzukriechen, um vermutlich nach ihr zu sehen.

Ich beachtete sie nicht weiter und schloss die Tür wieder zu. „Leeander!“, rief ich und schritt den Gang entlang. Noch bevor ich den Kerker verlassen musste, stand er bereits vor mir und ich deutete zurück in den Gang, aus dem ich gekommen war. „Da sind drei Mädchen. Sorge dafür, dass sie gewaschen und in saubere Kleidung gesteckt werden.“

Lee nahm den Schlüssel entgegen, nickte und ging den Flur entlang. Aber anstatt den Kerker einfach zu verlassen, überlegte ich es mir noch einmal anders und folgte Lee zurück zu der Zelle. Ein Grigoroi würde mit drei schwachen Mädchen zurechtkommen. Aber ich traute dieser Aurillia zu, dass sie sofort eine Flucht wagen würde, bekäme sie die Chance dazu. Und Leeander war kein Mann, der ein bewusstloses Mädchen deswegen einfach fallenlassen würde.

Vor der Zelle blieben wir stehen. Aurillia erhob sich sofort und kam mit geballten Fäusten auf uns zu. „Was soll das?“, fragte sie angriffslustig. „Du hast gesagt, alle Sklaven sind frei!“

Lee fiel beinahe die Kinnlade runter. So entsetzt hatte ich ihn noch nie gesehen. „Wie kannst du es wagen, so mit dem Fürsten der Ostlande zu reden? Er wird unser neuer König!“

„Wort ist Wort!“, entgegnete das Mädchen mutig und reckte ihr Kinn. „Und wer seins nicht halten kann, taugt auch ganz sicher nicht zum König!“, fügte sie erhobenen Hauptes an.

Zu ihrem Glück imponierte mir ihr Mut, andernfalls hätte ich sie für ihre dreisten Worte direkt umgebracht. Mensch hin oder her. Es gab Momente, in denen ich durchaus ein Menschenleben nahm. Wie gestern, nachdem ich Blut von der kleinen Sklavin getrunken hatte. Aber eines dieser Mädchen hatte Kretos in seiner Vision gesehen und ich wollte wissen, welches davon! Ich musste wissen, wie es eine Sklavin schaffen sollte, zur Königin gekrönt zu werden! Sie alle drei sofort zu töten, stand nicht zur Diskussion, auch wenn mir meine innere Stimme dazu riet. Es würde meine Probleme schnell und unkompliziert lösen.



Leeander schloss wieder auf, woraufhin ich hinein ging und das bewusstlose Kind in meine Arme hob. „Folgt uns!“ Damit ging ich vor. Lee würde den Abschluss bilden und dafür sorgen, dass keines der anderen beiden Mädchen davonrannte. Er war schneller, stärker und würde jeden Versuch im Keim ersticken.

Natürlich wusste ich nicht, wo sich die Quartiere der Sklaven befanden, allerdings verwarf ich den Gedanken daran sofort wieder. Mit Sicherheit waren sie kalt und stickig. Deswegen schlug ich die Richtung zum Gästeflügel ein und brachte sie direkt zu meinen Gemächern. Ich hatte meine eigenen Diener dabei, die sich nun um diese drei Menschenkinder kümmern konnten.

In meinem Wohnzimmer, welches zugleich als Salon diente, blieb ich stehen und legte das schwache Mädchen auf das Sofa. Die anderen beiden blieben unschlüssig stehen und sahen sich im Raum um.

„In den angrenzenden Zimmern befindet sich mein Schlafzimmer, Ankleidezimmer und Arbeitszimmer. Die sind für euch tabu. Die linke Tür führt zum Ruheraum. Dort könnt ihr euch erst mal schlafenlegen.“ Ich streckte den Arm aus. „Dort ist das Badezimmer. Solltet ihr euch waschen wollen.“

Emili klappte die Kinnlade herunter. Es war ihr anzusehen, dass sie nicht damit gerechnet hatte, dass ein Gast im Schloss so viele Zimmer besaß. Oder war es Fassungslosigkeit über das Angebot, sich waschen zu dürfen? Dabei war es für ein atmendes Wesen eine regelrechte Qual, in der Nähe der Dreien zu sein.

Mein Blick blieb an meinem treuen Freund hängen, der zu dem Mädchen auf dem Sofa hinabsah. Als er meinen Blick spürte, sah er auf.

„Ruf du bitte eine Kräuterhexe. Um das Mädchen hier steht es nicht allzu gut.“

„Gewiss, mein Fürst.“

„Und schicke meine Diener her. Sie sollen ein Bad bereiten, Obst holen und frische Kleidung heraussuchen.“

„Ganz wie Ihr wünscht“, entgegnete Lee steif und verschwand zur Tür hinaus.

Eine seltsame Situation, in die ich mich da gebracht hatte. Ich sah zu Emili und Aurillia. Letztere hatte den Kamin entdeckt und sich davor gestellt. Ihre Finger streckte sie zitternd den Flammen entgegen. Erst jetzt konnte ich die Kinder richtig in Augenschein nehmen. Aurillias Körper wies zumindest bereits Anzeichen von Kurven auf, während Emili weniger nicht hätte entwickelt sein können. So auch Asha. Sie alle mussten aber in etwa gleich alt sein. An Asha blieb mein Blick haften. Warum hatte sie Blut getrunken? War es wirklich aufgrund ihres Durstes gewesen? Dabei war allgemein bekannt, dass sich Menschen davor ekelten, Blut zu trinken. War sie womöglich nicht mehr ganz bei Sinnen? Krank? So etwas konnte der Hunger oder ein einprägsames Leid mit Menschen durchaus anstellen. Gerade beim labilen Verstand eines Kindes.



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