Kapitel 12 – Ein Bad

Kapitel 12 – Ein Bad

 

Aurelie

Die Dunkelheit umgab mich, umschmeichelte mich zart streichelnd. Leise Stimmen drangen an mein Ohr, doch noch schienen sie so unendlich weit entfernt. Ich hörte ein Summen wie das von Bienen im Sommer, wenn man den Garten für einen Spaziergang besuchte. Langsam wurde es immer leiser; mir fremde Stimmen wurden in den Vordergrund gerückt. Doch wollte ich diese nicht hören. Ich wollte lieber wieder zurück. In die Vergessenheit. In die Schmerzlosigkeit.

„Da! Sie ist wach!“

„Sie hat gestöhnt, du Meise. Das muss nicht heissen, dass sie …“

„Jetzt hat sie gezuckt!“ Schnelle Schritte erklangen und kurz darauf spürte ich eine sanfte, warme Berührung. Weiter hinten erklang ein genervtes Stöhnen. „Es ist alles gut, Asha. Komm, mach die Augen auf!“ Die Stimme klang unglaublich fürsorglich. Lieblich, auf eine umsorgende Weise, sodass man sich sofort geborgen fühlte.

Blinzelnd öffnete ich meine schweren Lider. Das fürchterliche Brennen in meinem Körper wollte nicht abklingen. Wie lange konnte so ein Gift wirken? Wie lange musste ich noch dagegen ankämpfen? Mit schwachem Stöhnen versuchte ich, mich aufzusetzen.

Emili schickte sich sofort an, mir zu helfen. Sie stützte meinen Rücken und positionierte sich so hinter mir, dass ich mich mit dem Rücken an ihre Brust lehnen konnte.

„Danke Emili“, sagte ich leise, mit einer Stimme, rau und kiesig, als hätte ich mir zuletzt die Seele aus dem Leib geschrien.

Zu meiner Linken wurde eine Tür geöffnet. Zwei starke Knaben traten ein und trugen beide jeweils zwei Kessel, gefüllt mit heissem Wasser. Sehnsüchtig verfolgte mein Blick dem aufsteigenden Dampf, während die Knaben in den nächsten Raum weitergingen.

„Wir sollen uns waschen“, meinte Emili leise.

„Geht ihr ruhig zuerst. Ich komme später nach“, krächzte ich, als mich die Müdigkeit wieder übermannte und meine Augenlider sich bereits drohend wieder schlossen.

Emili wollte aufstehen, stockte aber in der Bewegung. „Aber du brauchst doch Hilfe dabei!“

„Sehe ich auch so. Du wirst das nicht allein auf die Reihe bekommen. Du kannst ja noch nicht einmal sitzen“, mischte sich Aurillia ein, fügte aber hinzu: „Trotzdem werden Emili und ich vorgehen. Wenn wir sauber sind, helfen wir dir.“



Emili, die nichts dagegen einzuwenden hatte, legte mich vorsichtig zurück in die horizontale und erhob sich. Ich selbst hatte die Augen bereits wieder geschlossen. Die Trägheit in meinem Körper wollte nicht schwinden. Ganz im Gegenteil. Sie nahm immer mehr zu.

 

„So, wir sind fertig!“

Erschrocken fuhr ich hoch, liess mich im nächsten Moment mit einem schmerzerfüllten Stöhnen und einem unterbewussten Griff an meine Rippe aber wieder in die weichen Polster unter mir sinken. Mein traumloser Schlaf, fiebrig und unruhig, hatte keine nennenswerte Erhohlung geboten.

Emili und Aurillia halfen mir ins Badezimmer. Sie stützten mich, doch als sie mich ausziehen wollten, genierte ich mich. Seit dem Ashur seine Lieblingsbeschäftigung an mir ausgelebt hatte, hatte ich niemandem mehr meinen Körper gezeigt.

„Könnt ihr beiden bitte draussen warten? Den Rest schaffe ich selbst. Danke“, fügte ich schnell hinzu. Ich wollte auf keinen Fall undankbar wirken. Dass mich die beiden so gut, ja fast schon liebenswürdig behandelten, war nicht normal unter Sklaven. Die anderen hatten mich immer gehasst und verabscheut. Aber vielleicht waren diese beiden noch zu jung gewesen, als ich meine Stellung verloren hatte. Vielleicht erinnerten sie sich nicht an meinen ehemaligen Stand. Vielleicht waren sie damals aber auch noch gar nicht im Schloss gewesen.

Ohne mir zu widersprechen, verliess Aurillia das Badezimmer.

Emili sah mich prüfend an. „Bist du dir sicher?“

Mit zusammengebissenen Zähnen zwang ich ein zuversichtliches Lächeln auf meine Lippen und nickte ihr zu. „Natürlich. Vielen Dank euch.“

Kurz darauf waren die beiden draussen und die Tür geschlossen. Sobald ich mich allein im Raum wiederfand, brachen meine Beine unter meinem Gewicht zusammen. Die Hände an der Wanne fing ich meinen Sturz ab, kaum kam ich am Boden auf, stiess ich ein schweres Keuchen aus. Die Tränen in meinen Augenwinkeln blinzelte ich weg, während sich eine meiner Hände vorsichtig an meine Rippe herantastete.

 

Meiner Kleidung entledigt, hatte ich es mir in der Wanne gemütlich gemacht. Das Wasser war nicht mehr heiss, aber noch immer angenehm warm, sodass ich mich entspannen konnte. Was mich jedoch störte und mich davon abhielt, mich gänzlich fallen zu lassen, war, dass ich mir nicht erklären konnte, was passiert war. Ich war in eine Zelle geworfen worden. Und dann? Ich erinnerte mich an ein kurzes Gespräch mit den beiden Mädchen. Ich erinnerte mich daran, dass ich Aurillias Blut geschluckt hatte, obwohl ich das noch nicht hätte tun dürfen. Solange ein Vampir seine Fänge noch nicht hatte, konnte sein Körper auch noch kein Blut verarbeiten. Daher hatte ich alles wieder ausgehustet. Mein Körper hatte es abgestossen. Doch danach war alles schwarz.



Ich war auf einem Sofa aufgewacht. Der luxuriös gehaltenen Einrichtung nach befand ich mich noch im Schloss. Aber wieso sollte man mich aus der Zelle lassen? Wer sollte sich dazu herablassen, einen Sklaven zu tragen? Emili und Aurillia konnten es unmöglich gewesen sein. Dafür waren sie selbst noch nicht stark genug. Und wo war ich? Ich erkannte diese Räumlichkeiten nicht.

Während sich in meinem Kopf die Gedanken nur so überschlugen, entspannte sich mein Körper zusehends. Es tat unglaublich gut, nach diesen drei Jahren der Qual einfach einmal zu entspannen. Das warme Wasser um meinen Körper herum schmiegte sich sanft an meine strapazierte Haut und beruhigte, dem Gefühl nach, das Gift in mir. Ein wenig zumindest.

Kaum hatte ich die Augen geschlossen, flimmerte das Bild von Alexander vor meinem inneren Auge. Wie er da, mit dem Rücken auf dem Tisch lag, die Arme zu beiden Seiten ausgestreckt. Wie der letzte Funke in seinen Augen erlosch, kurz nachdem er mich erblickt hatte. Kurz, nachdem er mir mit letzter Kraft gesagt hatte, dass ich fliehen solle.

Dass mein Zwilling nicht mehr unter den Lebenden weilte, zerriss mich. Die letzten Jahre war zwar auch er kalt geworden, distanziert, aber was war mit den einhundertzehn Jahren zuvor?! Damals waren wir ein Herz und eine Seele gewesen, hatten uns Jahrzehnte lang, ja fast ein ganzes Jahrhundert, ein Zimmer geteilt und uns immer ins Bett des anderen geschlichen, sobald wir uns sicher waren, dass die Nacht niemand mehr kommen würde! Ich sah es vor Augen, wie er mich schützend in den Arm genommen hatte, als ich vor den großen, bösen Monstern meiner Träume floh. Wie er mich unterstützt und mir beruhigende Worte ins Ohr geflüstert hatte, wenn ich mich zitternd vor Panik neben ihn gekuschelt hatte.

Meine Hände klammerten sich fest um den Wannenrand und eine einsame Träne fand ihren Weg meine Wange hinab.

Das Bild meines Ziehvaters, König Alaric, blitzte vor mir auf. Aber er war mir niemals wirklich ein Vater gewesen. Es hatte keine näheren Blutsbande zwischen uns gegeben. Er war der Bruder meiner Mutter, der Königin, gewesen, mehr nicht. Ich hatte ihn seit jeher immer nur mit ‚König Alaric‘ oder ‚mein König‘ angesprochen. Er war nie in unser Zimmer gekommen, um uns eine gute Nacht zu wünschen. Aber das hatte auch die Königin die letzten Jahre nur äusserst selten getan. Meine Mutter …, Königin Anasthasia, wie ich sie die letzten drei Jahre genannt hatte. Sie war am Boden gelegen, kreischend und kämpfend, mit einer jüngeren Vampirin, die ich nicht kannte. Doch! Ich kannte sie! Sie hatte mich in den Kerker werfen lassen!



Augenblicklich riss ich die Augen auf und setzte mich gerade hin. Dabei schwappte ein wenig Wasser über den Rand. Ein schmerzerfülltes Zischen durchstreifte die Luft, als ich ob der unbedachten Bewegung nach vorn, unliebsam an meine gebrochene Rippe erinnert wurde.

Ja, ich hatte diese Frau wiedergesehen.

Langsam griff meine Hand nach der Seife. Kurz davor hielt ich stockend inne. Sklaven durften keine Seifen verwenden. Sklaven hatten so wertvolles Gut nicht verdient!

Eine ganze Weile verharrte ich regungslos in dieser Position. Schliesslich riss mich eine Stimme vor der Tür aus meinen Gedanken.

„Alles in Ordnung, Asha?“ Emili klang besorgt.

Ich gab Antwort. Es ginge mir gut, hatte ich zurückgerufen. Kurzerhand griff ich nach der Seife, aber nutzte nur wenig. Es reichte für eine schnelle Haarwäsche und um meinen Körper einzuseifen. Aber die Öle und alle anderen Luxusgüter liess ich unangetastet am Wannenrand stehen. Ich traute mich noch nicht einmal, eines der Fläschchen zu öffnen. Ich traute mich nicht, daran zu riechen, obwohl sie bestimmt herrlich rochen. Jede Bewegung verlangte mir Kraft ab. Schweissausbrüche waren zur Normalität geworden, ebenso das Zittern meines Körpers, wenn erneut ein giftiger Schauer ihn durchfuhr.

 

Ich träumte. Anders konnte es nicht sein. Alexander hielt mich sanft im Arm, wie er es schon Jahre nicht mehr getan hatte. Seine Finger strichen zärtlich über die Haut an meinem Arm, mir versichernd, dass alle schlechten Träume nur genau das waren. Fantasien, Manifestationen meiner Angst. Ich fühlte mich geborgen. Er war sanft, seine Hand fuhr meinen Arm beruhigend hoch und wieder runter.

„Du gehörst mir“, flüsterte er zärtlich. Plötzlich war die Hand an meinem Arm verschwunden. Verwirrt schlug ich die Augen auf. Und erschrak. „Du gehörst mir, Sklave“, sagte die raue, unverkennbare Stimme von einem meiner schlimmsten Peiniger, sodass mir ein kalter Schauer den Rücken hinab lief.

Feste Hände packten mich. Eine an meinem Hals, die andere griff nach dem kleinen bisschen Brust, das ich schon hatte, und drückte zu. Instinktiv versuchte ich mich gegen ihn zur Wehr zu setzen, fuchtelte wild mit den Armen, doch aus meinem Mund kam kein Laut heraus. Seine Hand liess es nicht zu. Ich konnte nicht atmen, konnte keine Worte formen. Sein Gesicht kam mir so nahe, dass ich seinen Atem auf meiner Haut spürte. Er grinste so breit, dass ich deutlich seine unebenen Zähne sehen konnte.



Ulras! Wieso nur? Was machte er hier?

Schwarze Punkte tanzten wild vor meinen Augen und ich rechnete schon nicht mehr damit, dass er mich noch einmal zu Atem kommen lassen würde. Ich würde sterben. Doch kurz bevor ich in die süss sanfte Vergessenheit abdriften konnte, verschwand der Druck um meinen Hals. Sofort schnappte ich gierig nach Luft, das Gesicht vor Schmerz verziehend.

„Schrei ruhig“, flüsterte er leise an meinem Ohr, während seine Finger mit einer meiner empfindlichen Brustwarzen zu spielen begannen. Seine andere Hand legte er schwer auf meinen Nacken. „Aber du kannst es dir auch sparen. Denn es wird dich niemand hören. Dir wird niemand helfen.“ Sein Grinsen wurde noch breiter, wurde geradezu diabolisch, als er sich weiter vorbeugte und sich unaufhaltsam meinem Gesicht näherte. Seine Hand an meiner Brust wurde grober. Er zwickte unsanft in die weiche Knospe, doch ich zuckte noch nicht einmal zusammen. Ich war wie erstarrt. Dennoch bahnte sich ein spitzer Schrei in meiner Kehle an, als ich erkannte, worauf er abzielte. Doch noch bevor ich ihn hätte verlauten lassen können, spürte ich die eiskalten Lippen des Grigoroi auf meinen. Seine Zunge schob sich vor. Ungefragt und ungebeten. Ich presste meine Lippen aufeinander, aber in einer Bewegung, schneller, als ich sie hätte wahrnehmen können, fand sich seine zweite Hand wieder um meinen Hals herum und er drückte zu. Mein Mund sprang instinktiv auf und seine Zunge verschaffte sich Zutritt. Während aus meinem Mund undefinierbare Geräusche des Ekels drangen: Ein unlauterer Hilferuf an jeden, der mich hören konnte, drang aus seinem ein Stöhnen, entsandt aus den tiefsten Tiefen seiner finster-schwarzen Seele.

Tief in meinem Inneren war mir bewusst, dass es keinen Sinn hatte, nach Hilfe zu rufen. Er hatte recht. Wen sollte es interessieren, was ein Grigoroi mit einem Sklaven machte?

Die Hand an meiner Brust fuhr meinen mageren Körper nach unten. Beinahe zärtlich strich seine grobe Hand über meine vernarbte Haut. Über meinen Bauch, so langsam, dass ich mir beinahe schon wünschte, er würde schneller machen. So wäre es schneller vorbei.

Nach einigen groben Bewegungen gegen und in meinem Mund lösten sich seine Lippen von meinen, seine Zunge nahm er mit. Dennoch trat er nicht zurück. Er entfernte sich nicht. „Gib es zu …“ Seine Stimme klänge für einen ausgewachsenen Vampir vermutlich verführerisch.



„Nei…!“

„Doch“, hauchte er gegen meinen Hals und senkte seine Lippen darauf ab.

Als Nächstes spürte ich seine Zähne an meinem Hals, was mein Herz zum Stehen brachte. Wenn ich diese Demütigung von einem Prinzen hinnehmen musste, konnte ich das ertragen. Aber das Blut eines anderen Vampirs zu trinken war, mit das Intimste, was man teilen konnte! Und dass sich ein Grigoroi am Blut eines Vampirs bediente, war … war unentschuldbar!

Aber das war nicht alles. Seine Hand war während unseres kleinen Wortwechsels weiter nach unten gewandert. Im Moment lag sie schwer auf meiner Hüfte, mit der unmissverständlichen Absicht, weiter nach unten zu rutschen. Doch zeitgleich geschah noch etwas Drittes. Und das brachte mein Herz tatsächlich zum Stolpern.

Seine Zähne an meinem Hals, seine Hand auf meinen Hüften und … die Tür wurde aufgerissen. Und ich war vor diesem Scheusal gerettet.

„Ist alles in Ordnung?“, fragte eine tiefe, männliche Stimme.

In dem Moment legte Ulras eine Hand unter meinen Rücken, als würde er mich stützen. Dabei versperrte er mir die Sicht auf den Mann, der eingetreten war.

Mein Peiniger warf mir einen finsteren Blick zu, drehte aber dann den Kopf, um zu dem anderen Mann zu sehen. „Sie drohte, ohnmächtig zu werden. Also habe ich sie festgehalten, damit sie nicht unter Wasser rutscht, mein Fürst.“

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