Kapitel 14 – Deal

Kapitel 14 – Deal

 

Aurelie

Die letzten Stunden waren erschütternd gewesen. Mein Weltbild war dermassen aus seinen Fugen gesprengt worden, dass ich nicht mehr sagen konnte, was nun gut und was schlecht war. Wer war böse und wer war gut?

Wieso brachte Fürst Cyrus meine ganze Familie kaltblütig um, nur um mich im nächsten Augenblick, aus dem Kerker zu holen und sich geradezu rührend, um mich zu kümmern? Immerhin hatte er eine Kräuterhexe rufen lassen. Für mich. Einen Sklaven. Ich verstand es nicht.

Die Kräuterhexe war gegangen. Mein Körper fühlte sich wieder fit. Nur noch leicht erschöpft von den erlittenen Strapazen, aber insgesamt ging es mir wieder gut; auch wenn das Gebräu absurd schrecklich geschmeckt hatte, hatte es doch seine Wirkung nicht verfehlt. Die Scham, sowohl vor der Kräuterhexe als auch vor dem Fürsten nackt durch das Zimmer getragen worden zu sein, wurde einzig von der brodelnden Wut in mir überboten, die darauf fundierte, was Ulras in der Wanne gemacht hatte. Oder hatte machen wollen.

Jetzt schritt der Fürst gerade wieder ins Zimmer. Er war der Kräuterhexe nachgelaufen und hatte noch einige Worte mit ihr gewechselt. Jedes davon hatte ich verstanden.

„Menschen reagieren nicht so auf Vampirgift“, hatte er ihr selbstsicher vorgeworfen.

„Da habt ihr Recht. Das tun sie nicht“, hatte sie geantwortet. Und mir war bei diesen Worten das Blut in den Adern gefroren. Sie hatte ihm gesagt, was ich war. Nicht direkt vielleicht, aber eins und eins konnte ein Fürst ziemlich sicher zusammenzählen.

Er stand lange einfach nur an der Tür und starrte mich an. Dann strich er sich durch seine Haare und im nächsten Moment war er vor mir und hockte sich vor das Sofa, auf dem ich lag. Auf den Boden. Seine blau-grauen Augen durchbohrten mich. Dann legte er eine Hand auf meine Schulter, ich verspannte mich, allerdings zog nur die Decke dabei etwas höher.

„Warum hast du Angst?“

Angespannt schluckte ich. Wieso ich Angst hatte? Er hatte meine ganze Familie abgeschlachtet! Also wären sie … Vieh! Sie waren tot! Alexander war tot! „Ich … ich muss … sollte arbeiten gehen!“ Schnell machte ich mich daran, mich aufzurappeln. Diese grau-blauen, tiefgründigen Augen; sie starrten mich nieder, eindringlich, als sähen sie mir direkt in die Seele. Doch im nächsten Moment drückte mich seine grosse Hand an meiner Schulter zurück in die weichen Kissen.



„Arbeiten? Bist du verrückt geworden? Warum hattest du die Kleider einer Sklavin an? Warum musstest du beim Bankett das Essen servieren?“ Seine Wangenknochen traten leicht hervor; sein Kiefer mahlte. Die Hand, mit der er vorhin noch die Bettdecke höher gezogen hatte, ballte sich zur Faust.

Bei seinem energischen Tonfall zuckte ich ängstlich zusammen. „Ich wollte nur … Ihr versteht nicht! Ich bin nur eine Sklavin! Ich bin nur eine Sklavin! Nicht mehr! Nur …“ Ich brach in Tränen aus und riss meine Hände unter der warmen Decke hervor, um damit mein Gesicht zu bedecken. „Ich bin nichts wert. Und nutzlos. Und ich mache alles immer falsch!“, schluchzte ich jämmerlich in meine Hände hinein. Er durfte mich nicht für mehr halten!

Kräftige Hände packten mich plötzlich und zogen mich fest an seine Brust. Eine Hand legte er an meinen Hinterkopf und streichelte sanft darüber. Seine Stimme klang wesentlich sanfter, als er dieses Mal sprach: „Weine nicht. Du bist weder wert- noch nutzlos. Du bist noch nicht erblüht, das ist alles. Die Reife kommt noch und dann wird es so viel einfacher, glaub mir.“

„Aber wann?!“, rief ich verzweifelt aus, ohne Gedanken daran zu verschwenden, was er in diese Aussage hineininterpretieren könnte. Für den Moment war ich für ihn lediglich ein beliebiges Vampirkind. Er wusste nicht, dass meine Reife längst überfällig war! Dennoch, obwohl ich mir mehr als bewusst war, wer er war, klammerte ich mich instinktiv an ihn und erwiderte damit seine Umarmung. Ich sollte ihn hassen. Ich sollte ihn verabscheuen, für das, was er getan hatte! Aber für den Moment war ich einfach nur ein Kind, welches seine Eltern, seinen Bruder und seinen Halt verloren hatte. Nicht einmal Irina war mehr bei mir geblieben.

„Das ist bei jedem Vampir unterschiedlich. Bei den einen kommt es früher, andere hingegen sind Nachzügler. Es gibt kein festes Alter dafür.“ Seine Hand streichelte noch immer über meinen Kopf. Ganz sanft fuhren seine Finger über mein Haar. „Wie alt bist du denn? Asha, richtig?“

Ich schluckte schwer. Das war es, was ich befürchtet hatte. Was sollte ich darauf antworten? Konnte er hören, wenn ich log? Manche Vampire behaupteten, dass das Herz dann für den Bruchteil einer Sekunde aussetzen würde. Die Wahrheit fiel weg. Wäre ich genauso alt wie die verstorbene Prinzessin, wäre das zu auffällig. Zudem wirklich kein einziger Vampir mit hundertdreizehn seine Reife noch nicht hinter sich gebracht hatte! „Ja“, schniefte ich leise und vergrub meinen Kopf unsicher in seiner Halsbeuge. Aber es fühlte sich so gut an. Etwas befremdlich zu Beginn, aber dann spürte ich die Wärme seines Körpers, die starken Arme, die mich hielten und von Sicherheit und Stabilität sprachen. Von Zuneigung, wie ich sie die letzten Jahre von meiner Spezies gemisst hatte. Und der Name war keine Lüge. Ich war schon lange nicht mehr Aurelie Nayara Athanasia. Diese Namen, die ironischerweise von Wert und dem Erwünscht-sein sprachen, waren nicht mehr meine.



„Ich bin dreiundneunzig“, hauchte ich und schloss die Augen. Ich erwartete den Schmerz. Er würde kommen, das war so sicher, wie dass die Nacht dem Tag folgte. Die Grigoroi hatten immer bemerkt, wenn ich versucht hatte zu lügen. Ich war nicht gut darin. Ich glaube, man hörte es an meiner Stimme, die dann immer ganz zittrig und belegt wurde. Er würde mich schlagen. Ich würde wieder in den Kerker kommen.

Seine Hand, die mich festhielt, legte sich noch enger um mich. Er drückte mich noch fester an sich. Aber sein Griff blieb sanft. „Das bist noch jung, Asha. Meine Tante war über einhundert Jahre alt, als sie erblühte.“ Die Hand, die bisher auf meinen Hinterkopf gelegen und ihn liebkost hatte, löste sich. Schon spannte sich mein Körper an, in Erwartung eines Schlags. Doch stattdessen legte er sie unter meine Knie. Im selben Moment hob er mich auch schon auf seine Arme.

Überrascht quiekte ich auf. Unter der Decke war ich noch immer nackt und die Decke war auf dem besten Weg, von meinem Körper zu rutschen! Schnell griff ich danach und hielt sie so gut wie möglich an Ort und Stelle, während ich meinen Körper an den Mörder meiner Familie presste, damit sie auch wirklich da blieb, wo sie war.

Er trug mich in einen anderen Raum. Irgendwann legte er mich auf einem grossen, stattlichen Bett ab, wo ich mich allerdings sofort dazu anschickte, mich wieder aufzusetzen. Ich fühlte mich furchtbar verletzlich, wenn ich lag und jemand grösseres vor mir stand.

Dieses Mal liess er mich gewähren, wenn auch mit einem Seufzen. Seine Hand aber verliess zu keinem Zeitpunkt meinen Rücken. Er setzte sich neben mich, immer noch bereit, mich im Falle des Falles zu stützen. Er übte auch leichten Druck an meiner ihm abgewandten Seite aus, damit ich mich an ihm anlehnte, was ich nach kurzem Zögern auch tat. Dieses Mal allerdings mehr aus Angst vor den Konsequenzen als aus Wohlbefinden.

Seine Worte spukten mir im Kopf herum. Seine Tante hatte ihre Reife mit einhundert Jahren noch nicht erreicht? Konnte das denn sein? War ich also vielleicht doch keine Missgeburt, wie man mich die letzten Jahre nur zu gern genannt hatte? Aber ich traute mich nicht, zu fragen. Ich wusste nicht, wo seine Grenzen lagen. Und ich wollte nicht wissen, was passierte, wenn ich sie überschritt. Immerhin hatte er meine Familie abgeschlachtet, ohne dass sie ihm etwas angetan hätten! Das hätte ich gesehen, immerhin war ich auch im Saal gewesen!



„Deine Eltern …“, fing er leise an und schwieg einen Moment. „Sie sind tot, nicht wahr?“ Seine warme Hand ruhte noch immer an meiner Seite und strich mir sanft mit dem Daumen über die Haut. Doch ich fürchtete mich nicht vor der Berührung. Er hatte mir nichts getan. Nicht … direkt. Seine Annahme jedoch …

Ich lachte hysterisch auf. Meinen Blick jedoch hielt ich gesenkt, mit Tränen in den Augen, blickend auf meinen Schoss. „Ja. Sind sie“, antwortete ich schliesslich, nachdem ich mich beruhigt hatte und mein Lachen abgeklungen war. „Aber ich habe sie schon lange vor ihrem Tod verloren“, fügte ich leise hinzu, mehr an mich selbst als an ihn gerichtet.

„Es muss schrecklich für dich gewesen sein. So jung, wie du bist.“ Ich hörte ihn tief seufzen und spürte, wie seine Lippen für kurze Zeit meinen Scheitel berührten. „Ich lasse dich ein wenig alleine. Ruh dich aus. Später schicke ich Ulras zu dir. Sag ihm, wenn du etwas brauchst.“ Mit den Worten stand er auf, tätschelte unbeholfen meine Schulter und ging.

Wie erstarrt blieb ich zurück. Was spielte er nur für ein grauenvolles Spiel mit mir? Wieso war er in einem Moment nett und schickte kurz darauf dieses Monster zu mir? Schluchzend weinte ich in meine Hände hinein. Doch irgendwann war ich es müde. Ich wollte aufstehen, rennen, weg von hier! Aber ich sackte nur erschöpft aufs Bett. Ich war müde. Ich wollte meine Ruhe. Ich wollte nur noch schlafen und alles um mich herum vergessen.

 

Meine Hoffnung auf ein wenig Ruhe und Frieden, wurde enttäuscht. Eine Ewigkeit wälzte ich mich im Bett herum, als gäbe es kein Morgen und wünschte mir sehnlichst, es hätte kein Heute, kein Gestern gegeben.

Verschwitzt und ausser Atem schreckte ich hoch. Ich roch seinen Geruch überall um mich herum, auf dem Kissen, dem Laken … Es machte mich wahnsinnig! War ich etwa eingeschlafen? Ich musste hier weg! Was machte ich noch hier? Ich musste weg! Fliehen, am besten mit Irina! Wenn ich sie denn jemals wiederfände!

Schnell stand ich auf, flüchtete vor dem Geruch des Mörders meiner Familie. Noch immer war ich nackt. Mein Körper war überzogen mit Schweiss und zitterte vor Kälte.

In diesem Moment schlug die Tür auf und Ulras trat ein. Sein hageres Gesicht war durch ein boshaftes Grinsen zu einer hässlichen Grimasse verzogen. „Na, hast du den Fürsten bezirzt?“, fragte er und deutete auf das grosse Bett.



Panisch sah ich zum Bett, ehe mein Blick meinen Körper hinunterglitt und meine Hände sich hastig vor meine intimste Zone legten.

„N…nein!“, protestierte ich. „Ich würde nie …!“

Meine Worte stiessen bei ihm auf taube Ohren. Er war sich der Geschehnisse sicher. „War ja klar, dass du dich sofort an ihn ranschmeisst. Deshalb soll ich dir also jeden Wunsch erfüllen.“ Er trat auf mich zu und war plötzlich so schnell, dass ich nicht mehr ausweichen konnte. Mit beiden Händen griff er meine Oberarme und schüttelte mich. „Glaubst du etwa, er will etwas von dir, wo er doch seine Geliebte hat?“ Ulras drängte mich grob zurück zum Bett und verwehrte mir die Chance, meinen Körper weiterhin zu bedecken. Als meine Waden gegen die Bettkante stiessen, setzte ich mich automatisch auf die Matratze. „Was wünschst du dir als Henkersmahlzeit? Oder willst du in einem hübschen Kleid sterben? Soll ich dir etwas anderes bringen, das deinen letzten Tag auf dieser Welt versüsst?“

„L…letzter Tag?“, quiekte ich unsicher, unwissend, was er damit meinte. Hatte er … natürlich. Er würde es ihm sagen. Er würde ihm sagen, wer ich war! „Bitte nicht!“, flehte ich weinerlich.

„Sag mir einfach, was ich dir bringen soll und hör auf zu jammern!“ Er entfernte sich von mir und ging zur Tür. „Also?“

„Ich tue alles, aber bitte sag es ihm nicht!“ Ich war aufgesprungen, vergessen war der Gedanke, mich zu bedecken. Ulras durfte dem Fürsten nicht sagen, wer ich einst gewesen war, sonst wäre mein Tod gewiss!

Er sah mich an, beobachtete mich eindringlich und liess anschliessend gierig seinen Blick über mich gleiten. „Wirklich alles?“ Sein Grinsen wurde noch breiter und er winkte mich mit einer Hand zu sich. Mit der anderen löste er den Bund seiner Hose. „Beweise es mir!“

Ich biss mir auf die Lippe, bis ich Blut schmeckte. Dann senkte ich ergeben den Blick und ging auf ihn zu. Er genoss es. Jede Sekunde, die ich mit gesenktem Haupt näher an ihn herantrat. Als ich vor ihm stand und Anstalten machte, auf die Knie zu gehen, forderte er mich dazu auf, ihm währenddessen in die Augen zu sehen. Also hob ich folgsam meinen Blick und sah direkt in die beiden dunklen Abgründe hinein. Gefüllt mit Lust, Gier und Niedertracht. Meine Knie begannen zu zittern. Den Rest des Wegs zum Boden fiel ich mehr, als dass ich mich hinkniete. Einmal auf meinen Knien, wich mein Blick von seinem Gesicht unweigerlich zu seinem Glied. Zur Hälfte war es schon hart.



„Kopf hoch, habe ich gesagt!“ Ich schluckte. Schwer. Angeekelt. Nicht nur von ihm, sondern auch von mir selbst. Von dem, was ich bereit war zu tun, um zu leben. Eine seiner Hände griff fest in mein Haar, zwang meinen Kopf in den Nacken und führte mich gleichzeitig näher an sich heran. „Na los!“, fuhr er mich an und riss zur Verdeutlichung seiner Ungeduld an meinem Haar. „Ich kann aber natürlich auch gehen, wenn du doch nicht willst“, fügte er schleimig, mit einem grausamen Grinsen auf den Lippen hinzu.

„Nein, bitte! Ich mache es!“ Schnell griff ich mit meinen Händen nach seiner Mitte und bewegte sie ungelenk hin und her. Doch meine Unfähigkeit tat seiner Lust keinen Abklang und bald schon ertönte das erste, leise Stöhnen.

„Nimm ihn in den Mund, Auri.“ Seine Stimme klang weich und sanft, geradezu lieblich, ganz im Gegensatz zu seiner Hand in meinen Haaren und den eigentlichen Worten. Den Spitznamen, den mir Alexander früher immer zugerufen hatte, nun aus seinem Mund zu hören, brachte mein Herz dazu, sich schmerzhaft zusammenzuziehen. Aber ich tat wie verlangt und nahm ihn in den Mund. So tief ich konnte, so wie ich es schon unzählige Male hatte tun müssen. Und dabei schaute ich ihm unablässig in die Augen, ganz so, wie er es wollte. Doch als er hätte anfangen müssen, sich zu bewegen, blieb er ruhig und grinste, ob meiner Verwirrung, nur noch mehr. „Du willst etwas von mir, Prinzesschen. Du arbeitest dafür.“

Wie gut gefällt dir dieses Buch?

Klicke auf einen Stern zum bewerten.

Durchschnitt 0 / 5. Anzahl: 0

Bisher keine Bewertungen

Kommentare