Kapitel 15 – Vampirische Machtausstrahlung

Kapitel 15 – Vampirische Machtausstrahlung

 

Xelus

Ich hatte meinen Abkömmling verängstigt. Von heute auf morgen eine neue Vaterfigur zu bekommen, schien nicht das zu sein, was sie sich wünschte. Vielleicht, weil sie ihre richtige Familie vermisste? Sollte ich sie fragen, ob sie diese besuchen wollte? Es könnte durchaus sein, dass ihre Familie gar nichts mit ihrem Auftauchen im Wald zu tun hatte. Aber egal, wie; ich hatte sie verschreckt.

Zudem kam, dass sie diese Nacht offenbar schrecklich geträumt haben musste. Und so, wie sie sich aus meinen Armen zu winden versucht hatte, war ihr entweder die Nähe oder die Berührung nach diesem Traum zuwider. Was ich erst reichlich spät erkannt hatte. Was war ich nicht für ein toller Vampirmeister.

Aber noch weitaus schlimmer war, dass ich sie meine Machtausstrahlung hatte spüren lassen. Ich war dermassen wütend gewesen, allein über den Gedanken, dass man sie zu Hause geschlagen haben könnte …! Dabei konnte ihr Reflex, sich die Arme schützend vors Gesicht zu heben, auch von einem brutalen Ehemann stammen oder … ach verdammt! Ich wusste nichts über meinen Schützling! Nichts!

Es hatte schon seinen Grund, wieso nur die wenigsten Vampire rote Augen hatten! Nur die Mächtigsten, um genau zu sein. Wir waren in der Lage, eine viel grössere Macht auszustrahlen als normale Vampire. Damit konnten Leute eingeschüchtert werden oder wir unterstrichen einen unserer Befehle damit. Ansonsten war es eine beliebte Foltermethode. Aber das wurde nicht zur Erziehung von Jungvampiren verwendet! Niemals!

Die vampirische Ausstrahlung, wie es genannt wurde, funktionierte nur bei jemandem, der einen schwächeren Geist als man selbst besass – was zumeist auf jeden zutraf, bei dem sich nicht ebenfalls rote Iriden ausgebildet hatten. Aber auch unter den Rotäugigen galt: Umso älter, desto stärker.

Im Moment war ich gänzlich darauf konzentriert, meine Machtausstrahlung wieder in den Griff zu bekommen. Dennoch entging mir ihre Reaktion nicht. Das Zittern, der Angstschweiss – alles natürliche Anzeichen der Panik, die diese Macht im Betroffenen auslöste. Vermutlich dachte sie, ich hätte ihre zitternden Hände noch nicht wahrgenommen, denn bis ich mich wieder unter Kontrolle hatte, hatte sie die Hände hinter ihrem Rücken versteckt und mir gegenüber bewusst verborgen. Ihr ganzes Verhalten liess mich immer wieder darauf schliessen, dass sie früh gelernt hatte, absoluten Gehorsam zu zeigen und Schwächen zu verstecken. Das konnte von einem strengen Elternhaus kommen. Aber ihre Narben …

Ich hatte lediglich etwas über ihre Vergangenheit erfahren wollen. Und dann … dann hatte sie mir seelenruhig geantwortet. Die Stimme frei von Angst und Anspannung.

„Meister …“, quiekte ihr zartes Stimmchen zu mir hoch. „Ihr … Ihr könnt mich wieder loslassen. Mir geht es gut!“, nuschelte sie peinlich berührt an meine Brust – an die ich sie die letzten zehn Minuten unerbittlich gedrückt hatte, auch wenn das Zittern längst verflogen war.

„Könnte ich“, antwortete ich daraufhin, machte aber keine Anstalten, sie meiner Arme zu entlassen. Mein innerer Vampir schnurrte zufrieden. Wir hatten sie beruhigt.

„Würdet … Ihr mich nun bitte auch loslassen?“ kam gedrückt und leicht beschämt die Antwort.

„Nein.“

Stille.

„Und wieso?“ Jetzt klang sie schon etwas angesäuert.

„Du hast gezittert.“ Meinetwegen.

„Ja. Das war seltsam …“ Kurzzeitig versank sie in ihren Gedanken. „Meine Hände, mein ganzer Körper war … panisch. Dabei war ich die Ruhe selbst.“

Mit einem erschrockenen „Was?!“ drückte ich sie von mir weg, um ihr in die Augen sehen zu können. Ihrer Stimme hatte ich diese Ruhe entnommen, war jedoch davon ausgegangen, sie hätte die Panik einfach gut überspielt.

Verlegen senkte sie den Blick wieder zum Balkonboden. Warum schämte sie sich für alles Mögliche?

„Sieh mich an“, forderte ich streng, in einem Ton, der keinen Widerspruch duldete.

Langsam erhob sie die Lieder und schaute mir verlegen in die Augen. Hätte sie noch die Fähigkeit besessen, rot zu werden, hätte sie heute schon mehrmals mit einer Tomate in Konkurrenz gestanden.

„Was hast du genau gespürt? In dem Moment?“

„Ich …“ Ihr Blick ging nachdenklich in die Leere. „Mein Körper fühlte sich an, als hätte er Angst. Meine Hände haben … gezittert.“

„Und dann?“, hakte ich ungeduldig nach.

„Da war eine Ruhe. Sie kam gleichzeitig mit dem Zittern“, fuhr sie nach kurzer Überlegung fort. „Es war unbeschreiblich schön. Wie, wenn man sich unter Wasser befindet und nichts mehr hört, alles um einen herum still ist und es in diesem Moment nichts und niemanden gibt, vor dem man sich zu fürchten oder in Acht zu nehmen braucht. Diese Art von Ruhe.“ Bei der Beschreibung klang ihre Stimme beinahe schon selig.

Die Sehnsucht, mit der sie von einem inneren Frieden sprach, liess mich aufhorchen. So wie das eigentliche Kuriose an ihrer Aussage. Denn sie hätte Todesangst empfinden müssen, keine Ruhe!

Gerade wollte ich zu einer nächsten Frage ansetzen, da klopfte es unten an die Haustür. Ich seufzte leise. „Ich gehe zur Tür. Bleibe du hier, ruh dich noch etwas aus oder nutze das Bad. Ganz, wie du magst.“

Als ich an der Haustür unten ankam und diese öffnete, wurde meine Miene augenblicklich hart. Zwar war es nur schwach, doch schlug mir der Geruch von Vampirblut entgegen.

Als der junge, menschliche Mann vor der Tür mich erblickte, wich seine lockere Haltung einer Geduckten und Vorsicht machte sich in seinem Blick breit. Als er mit seiner Musterung bei meinen Augen ankam, war auch das letzte bisschen seiner Ruhe hinfort. Schon machte er Anstalten, sich umzudrehen und wegzulaufen. Wieso dachten Menschen scheinbar immer, dass sie vor einem Vampir weglaufen könnten?

Ich packte ihn unsanft am Arm und zog ihn mit ins Haus. Jetzt machte ich mir keine Sorgen mehr um meine vampirische Machtausstrahlung und schleudere sie ihm mit voller Wucht entgegen. Mein Gesicht verriet keine Gefühle, doch mein Inneres brodelte regelrecht vor Wut. Wie konnte ein Mensch dermassen nach Vampirblut riechen?

Der Mensch fing sofort an zu zittern, was mich zwar teilweise befriedigte, mich aber längst nicht zufrieden stimmte. Er selbst glich mehr noch einem Jungen als einem Mann. Seine Arme zierten so gut wie keine Muskeln, und seine Haltung war gebückt und schwach. Das strahlte er folglich auch aus. Schweiss rann ihm über unter dem blonden, matten Haar hervor, und seine Beine waren kurz davor, unter ihm wegzubrechen.

Im Wohnzimmer angekommen, warf ich ihn auf einen Sessel und baute mich davor auf. „Bitte, verrate mir doch, was dich zu diesem Haus führt“, forderte ich kalt. Zweitausend Jahre und ein paar zerquetschte machen sich in solchen Situationen bemerkbar. Man lernte, sich zu kontrollieren, selbst wenn die Fänge darauf pochten, einem Menschen die Kehle aufzureissen.

„Wo … wo ist D…dorfvor…steher Gledriol?“

Gledriol hatte er also geheissen. „Er hatte das Bedürfnis, eine lange Reise anzutreten“, in den Tod, direkt in die Hände seines Gottes.

„Nun, dann … dann mache ich mich wieder auf den We…eg“, stotterte der Junge weiter und wurde zunehmend nervöser, während er zurück zum Eingangsbereich spähte und dort die neue Innendekoration bewunderte. Die Leichen hatte ich entsorgt, aber das Putzen hatte ich mir gespart.

„Das glaube ich nicht“, stellte ich klar.

Plötzlich japste es hinter mir. „Meister Xelus?“

Erschrocken drehte ich den Kopf zu meinem Schützling um und rügte mich innerlich selbst. Ich war nicht genug aufmerksam gewesen. Natürlich konnte sie nicht einfach im Zimmer bleiben und warten! Dafür war sie offenbar zu neugierig. Eine Eigenschaft, die ich noch nicht von ihr kannte. Bisher hatte sie mich immerhin gerade mal nach meinem Namen gefragt. Aber sie schien aufzutauen und beim Gedanken daran, stahl sich ein sanftes Lächeln auf meine Lippen. Aber der Zeitpunkt war maximal schlecht.

„Wer … bist denn du?“, fragte sie leise an den Jungen gewandt, während dieser sie anstarrte, als hätte er einen Geist gesehen.

„Rjna, geh ins Zimmer zurück.“

„Nein“, bestimmte sie, mit einer Ruhe, die mich überrascht innehalten liess. Dabei ignorierte sie ihre zitternden Hände gekonnt, die sie wieder einmal hinter ihrem Rücken zu verstecken suchte. Auch sie musterte den Jungen interessiert.

Schnell liess ich meine vampirische Machtausstrahlung fallen. Ich konnte sie so nicht sehen. Mein Schützling sollte dem nicht ausgesetzt sein, auch wenn es sie augenscheinlich deutlich weniger tangierte, als es das sollte. Auch der Mensch hörte auf zu zittern – grösstenteils zumindest. Noch einmal wandte ich das Wort an die kleine Jungvampirin. „Rjna, ins Zimmer. Jetzt!“

Und erneut überraschte sie mich. Rjna zog den Kopf ein, nickte schnell und verschwand in Windeseile die Treppe hoch.

Kaum wandte ich mich wieder dem Jungen zu, zitterte er auch schon wieder am ganzen Leib. Dabei tat ich noch nicht einmal etwas. „Ich will Antworten“, knurrte ich. „Und ich würde dir die Wahrheit empfehlen“, fügte ich warnend hinzu, woraufhin er hastig nickte. Sein Blick jedoch wechselte immerzu zwischen der Treppe und mir hin und her.

„Weisst du, was ich bin?“

„Ja, Herr.“

„Wieso bist du hier? Und möchte dir nahelegen, ehrlich zu sein.“

„Ich … ich wollte nachschauen, ob der Dorfvorsteher schon neue … Ware hat.“ Beschämt senkte er den Blick.

„Ware?“, ich wusste ganz genau, was für Ware er meinte. Dafür hatte der Vorsteher seinen Mund weit genug aufgerissen, bevor er einen Kopf kürzer geworden war.

„Vampire, Herr“, gab er kleinlaut zu.

„Und was macht ihr dann mit den Vampiren?“

„Ich glaube, er verkauft sie, Herr.“

„Du glaubst?“

„I…ich habe, also ich bin nicht … nicht wirklich an seinen Geschäften beteiligt, Herr!“

Meine Stirn runzelte sich minimal, ansonsten liess ich kein Anzeichen meiner Irritation zu. „Was willst du dann hier?“, stellte ich die entscheidende Frage.

Ungeachtet dessen, dass ich meine Machtausstrahlung längst nicht mehr wirkte, zitterte und schwitzte er noch immer. Der zu Boden gerichtete Blick wirkte mehr und mehr gehetzt. Er fühlte sich in die Enge getrieben. Dann, völlig unverhofft, sprang er auf und griff an. Er sprang nach vorn, schnell für einen Menschen, für einen Vampir jedoch wie in Zeitlupe, zog ein kleines Messer aus einer Tasche seiner Hose und versuchte mir damit eine Wunde am Handgelenk zuzufügen. Meine Stirn furchte sich. Selbst Menschen sollte bewusst sein, dass das keine lebensgefährliche Zone war.

Als er bemerkte, dass er versagt hatte – seinen Hals fest von meiner Hand umklammert – begann er noch mehr zu zittern. „Bitte“, flehte er. „Ich brauche es! Nur ein klein wenig!“ Es klang, als wäre ihm alles andere, gleichgültig. Selbst sein Leben, wenn man bedachte, dass er gerade einen Vampir angegriffen hatte.

„Was?“ Er wollte an mein Blut. Aber was nützte es ihm?

„Euer … Blut!“

„Wieso?“

„Ich brauche es!“ Und das schien er wirklich, denn sein ganzer Körper schien danach zu lechzen. Wütend knurrte ich, die Faust geballt und bereit, diese schlechte Ausrede von einem Mann für seine Dreistigkeit zu verprügeln!

„Nein!“, schallte ein angstvoller Schrei durch das Haus und liess mich mitten in der Bewegung erstarren. Kurz darauf schluchzte es: „Bitte nicht!“

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