Kapitel 16 – Vision
Kapitel 16 – Vision
Aurelie
Unter Tränen stand ich vor einem Wasserkessel und wusch mir den Mund aus. Sein Geschmack lag noch immer bitter auf meiner Zunge. Die ganze Welt um mich herum war nichts weiter als ein verschwommenes Wirrwarr und in meinen Ohren klingelte es. Ich spürte die Wut auf mich selbst, auf das, was ich getan hatte, den Ekel, der mich mit all seiner Macht einnahm und meinen Körper zum Erzittern brachte. Und ich wusch. Meinen Mund, meine Zunge, meine Lippen und weiter. Meine Hände schrubbten mein Gesicht, meine Arme, und doch war es nicht genug. Es reichte nicht!
„Asha!“
Ich füllte meinen Mund mit Wasser, spuckte es aus und half mit meinen Händen nach, bis meine Zunge vom Kratzen meiner Nägel schmerzte.
„Was ist mit ihr?“
„Ich weiss nicht. Asha! Hey!“
Arme schlagen sich um meine Mitte und zogen mich weg. Zogen mich nach hinten, weg vom Wasserkessel. Ich streckte meine Hände danach aus. Ich rief und wehrte mich. Irgendwann kauerte ich mich zusammen und nahm die Arme, die mich umgaben, an. Aus einem Augenwinkel sah ich, wie jemand nach einem Lappen griff und das Wasser rund um den Kessel herum wegwischte.
„Asha.“
Ich zuckte zusammen. Es dauerte eine ganze Weile, bis ich realisierte, in wessen Armen ich lag und wer mit sanften Berührungen über meinen Kopf strich.
„Emili?“, brachte ich schluchzend hervor, ungläubig. Was machte sie hier? Wieso war sie hier? Von hinten kam eine weitere Präsenz heran, weitere Arme, die sich um mich schlangen und mich zerquetschten „Aurillia?“
„Mach sowas nie wieder, verstanden! Du hast mir Angst gemacht.“
Ich wusste nicht mehr, wie es dazu gekommen war, aber ich lag halb auf Emili und Aurillia halb auf mir. Irgendwann waren wir zu Boden gesunken, angelehnt an der Wand, gegenüber der Wassereimer.
„Was ist denn passiert?“, fragte Emili einfühlsam, was bei mir dazu führte, dass ich mich versteifte. Ich schüttelte den Kopf und löste mich von ihr, was dazu führte, dass Aurillia mit einem überraschten Schrei nach hinten zu Boden kugelte.
„Du solltest dich vielleicht einmal anziehen, Schatz“, empfahl die mittlerweile wieder stehende Aurillia, mit einem prüfenden Blick meinen malträtierten Körper.
Überrascht hob ich den Kopf. Ich war noch immer nackt? Hatte ich denn mittlerweile Kleidung bekommen?
„Sie liegen im Zimmer. Warte, ich hole sie dir!“ Mit diesen Worten war Aurillia verschwunden und Emili berührte mit sorgenvollem Blick meine Schulter.
„Was ist passiert, Asha?“
„Nichts!“ Die Lüge schmeckte bitter auf meiner Zunge. „Ich hatte nur Panik.“
„Hier!“ Aurillia platzte herein und die beiden Mädchen halfen mir beim Ankleiden. Alles um mich herum lag wie in einem dichten Nebel. Ich wollte nichts fühlen, ich wollte an nichts denken. Ich wollte noch nicht einmal hier sein.
„Das Kleid ist wunderschön“, seufze Emili leise und ich spürte, wie ihre Hände über den Stoff glitten.
Aurillia schnaufte. „Klar. Für einen Vampir natürlich immer nur das Beste!“, brummte sie unzufrieden. „Will der doofe Fürst etwa irgendwas von dir, Asha?“
Ich zuckte bei der Frage zusammen. Sobald er wusste, wer ich wirklich war, würde er einzig und allein meinen Tod wollen.
„Ja, es ist schon seltsam“, murmelte Emili. Sie nahm meine Hand und zog mich etwas bei Seite, sodass ich vor einem grossen Spiegel stand.
Nur langsam hob ich den Blick. Zuerst sah ich den bodenlangen, edlen Stoff. Dunkles Grau mit schwarz-roter Borte. Die roten Fäden schimmerten bei jeder noch so kleinen Bewegung. Sie sollten das Feuer symbolisieren. Die ruhende Kraft des Königshauses. Rot war die Farbe meiner Familie. Zögerlich glitt der Blick höher. Der Rock fiel weich, aber an meiner Hüfte lag er eng an. Durch die Schnürung schmiegte sich der Stoff wie angegossen an meinen abgemagerten Körper. Auch am Oberteil verzierte die Borte kunstvoll das Kleid. Selbst am Saum der langen Ärmel schimmerte die Borte in Schwarz und Rot.
Hastig griff ich nach den Ärmeln und zog an der Borte. Weil das nicht viel half, versuchte ich es mit den Zähnen. Panik stieg in mir auf, denn das war früher eines meiner Kleider gewesen! Nein, eines der Kleider der Prinzessin Aurelie Nayara Athanasia! Das Kleid passte mir nach drei Jahren immer noch! Und wenn der Fürst mich darin sähe, wüsste er sofort, wer ich war!
„Was machst du da?“, fragte Aurillia entsetzt und wollte den Ärmel aus meinem Mund ziehen.
Meine Augen füllten sich mit Tränen. Ulras hatte es Fürst Cyrus doch gesagt! Er hatte ihm gesagt, wer ich war! Die Erniedrigung vorhin hatte bloss seinem Vergnügen gedient! „Es muss ab!“, presste ich zwischen den Zähnen hervor.
Die Stirn gerunzelt, wandten sich die Mädchen einander zu, nickten dann jedoch kurzentschlossen. „Wir helfen dir. Komm, setz dich.“ Emili führte mich zur Bank, gegenüber dem Bett. Beide begannen sie im Schlafzimmer umherzuhuschen, bis Aurillia stolz ein kleines Obstmesser hochhielt. Dann begann sie damit, die Nähte der Borte zu lösen.
Ich war nicht in der Lage, ein Wort zu sagen. Mein Blick war panisch auf die Tür gerichtet. Zu meiner Erleichterung öffnete sich diese nicht. Niemand sah mich im Kleid der Prinzessin. Nur Aurillia und Emili, die jedoch keine Fragen stellten. Erstere nahm die Borte und ging damit in die Wohnstube. Nur Sekunden später verteilte sich der Geruch von verbranntem Stoff in den Gemächern des Fürsten.
„Was machst du da?“
Mir stockte der Atem; meine Augen weiteten sich. Das war der Fürst. Niemand anderes als der Fürst des Ostens! Der Thronräuber! Mörder!
„Das Kleid war etwas zu lang“, stammelte Aurillia, und rauschte noch im selben Moment zurück ins Zimmer. „Huch, ist der eigentlich auch einmal gut gelaunt?“
Sowohl Emili als auch ich wussten nicht, was wir darauf antworten sollten. Schnell fuhr ich mir mit dem Handrücken über die Wangen, um meine Tränen wegzuwischen.
„Na kommt. Wir setzen uns. Hast du schon etwas gegessen, Asha?“ Mit diesen Worten legte Emili vorsichtig eine Hand in meinen Rücken und führte mich zum Sofa.
„Moment, müssen wir dich jetzt so förmlich ansprechen, wie diesen idiotischen Fürsten?“, warf Aurillia plötzlich ein, die mit ihren Gedanken offenkundig irgendwo anders war.
Meine Stirn legte sich in Falten. „Wieso solltet ihr?“ Bitte nicht. Bitte nicht!
„Na, wegen dem ganzen Adelig sein und so“, erwiderte Aurillia und verschränkte anklagend die Arme. „Ich finde, du hättest uns sagen müssen, dass du auch ein Blutsauger bist.“
Meine Hand flog zu meinem Mund; die weggewischten Tränen hatten meine Augen erneut für sich eingenommen. „Was?! Aber ich habe doch … wer hat euch das gesagt?“, fragte ich zittrig und klammerte meine andere Hand in das weiche Polster des Sofas unter mir.
„Eh, dein Liebhaber.“ Aurillia schnaubte und schaute mich anklagend an.
„Was?“, quietschte ich – zwei Oktaven höher. Hatte Ulras ihnen etwa von … von dem berichtet, was ich getan hatte? Nein. Das würde er … Andererseits, was hatte er zu verlieren? Es verschaffte ihm einen unvergleichlichen Ruf!
„Der Fürst hat gefragt, ob wir für dich arbeiten möchten“, erklärte Emili in ihrer typischen, ruhigen Stimmlage.
„Der Fürst? Der Fürst hat euch gesagt, was ich bin?“ Mein Herz schlug so schnell und laut in meiner Brust, dass es mich nicht überrascht hätte, wenn die beiden Menschenmädchen es hätten hören können.
„Wer denn sonst?“, setzte Aurillia ironisch an, riss aber keinen Wimpernschlag später die Augen auf. „Willst du mir sagen, du hast noch einen zweiten Liebhaber?!“
„Nein! Nein, und er ist nicht mein … Liebhaber! Ich bin noch ein Kind!“, entgegnete ich aufgebracht. Daraufhin atmete ich einige Male tief ein und aus, um mich zu beruhigen. Die streitenden Blicke der anderen beiden registrierte ich nur am Rande.
„Na schön“, gab Aurillia nach einem Moment der Stille stöhnend von sich und setzte sich neben mich. „Aber von mir lässt du in Zukunft deine Zähne weg! Das ist meine Bedingung.“
„Aber ich…“
„Und Emili solltest du besser auch nicht versuchen anzuzapfen. Sie ist giftig.“
„Was fällt dir ein?!“, fuhr Emili sie plötzlich an. So aufgebracht hatte ich sie noch nie erlebt.
„Na, ist doch wahr!“, entgegnete Aurillia grinsend. „Wenn unser kleines Vampirchen hier ihre Zähne in dich schlagen würde, würde sie umfallen. Lichter aus, niemand mehr Zuhaus.“
Emili lief rot an. „Das ist nicht lustig!“
„Hei!“, rief ich dazwischen. „Das ist doch alles völlig egal.“ Ich wusste zwar nicht, was mit Emili war, aber sie war eine der ersten, die mir seit Jahren Freundlichkeit und Güte entgegengebracht hatte. „Ausserdem trinke ich doch noch gar kein Blut. Ich bin ein Kind!“ Demonstrativ öffnete ich meinen Mund und deutete auf meine doch noch sehr menschlichen Zähne. Aurillia, die neben mir sass, steckte mir ihren Finger in den Mund und fuhr sachte über meine Eckzähne, was mich leise zum Kichern brachte. „Siehst du?“, fragte ich, als sie mit ihrer Erkundung fertig war.
„Ja, stimmt. Die sind fast normal. Ein klein wenig spitzer, aber nicht sehr lang.“
„Sobald ich erwachsen bin, kann ich sie ausfahren“, erklärte ich stolz. Die Erinnerung daran, dass das vielleicht niemals passieren würde, liess mich verstummen. So oder so hatte ich nicht mehr lange zu leben. Irgendwann würde jemand reden. Ein Grigoroi, ein Sklave oder einer der Minister. Und sobald einer der Fürsten wusste, wer ich einmal gewesen war, wäre es aus. Ganz gleich, ob Kind oder nicht. Sie wollten die königliche Familie stürzen. Sie ausmerzen.
Für einen Moment beherrschte eine hallende Stille den Raum. Sitzend auf dem Sofa, hing jeder seinen Gedanken nach. Diese wurden allerdings unterbrochen, als die Tür plötzlich fest aufgestossen wurde. Fürst Cyrus betrat das Zimmer und kurz hinter ihm ein weiterer, jüngerer Vampir. Es war der Fürst des Nordens. Er hatte sich beim Bankett an mir laben wollen.
Ich zuckte zusammen und senkte schnell den Blick; die Augen weit aufgerissen. Der Blick des Fürsten des Nordens ging mir durch Mark und Bein. Er musterte mich, jeden noch so kleinen Teil von mir. Das nun mehr oder weniger schlichte Kleid, meine helle Haut, meine weissblonden, schulterlangen Haare. Im nächsten Moment stand er vor mir, legte die Hand an mein Kinn und hob es hoch. Nicht fragend, sondern bestimmt. Dabei drückte er mir schmerzhaft den Kiefer zusammen, was meine Lippen dazu brachte, sich leicht zu öffnen. Seine Augen, schimmernd in einem hellen Blau, musterten meine Bernsteinfarbenen. Sein Gesicht war meinem so nah, dass ich die einzelnen Strähnen seines hellbraunen Haares hätte zählen können. Ich hielt den Atem an. Er war mir so nah! Aber ich wagte es nicht, mich seinem Griff zu entziehen.
„Ja, sie ist es. Definitiv“, sagte er und liess von mir ab. Er drehte sich zu Fürst Cyrus um, der jedoch schwieg. „Soll ich versuchen, erneut etwas zu sehen?“
Der Fürst des Ostens machte mit einer Hand eine kurze, auffordernde Geste. Und schon legte der Fürst des Nordens wieder seine Hand an mein Kinn. Er zwang mich, ihm in die Augen zu schauen.
Ich bekam Angst. Mein Körper bebte und mein Blick versuchte, seinem zu entfliehen. „Was …?“ Was sollte das bedeuten? Was war ich? Was wollte er sehen? Seine Augen fingen an zu leuchten. Das einstige, helle blau, wurde weiss, heller noch als das Weisse seiner Augen! Ich schrie auf und fing an zu zappeln. „Was soll das? Was macht er?“, fragte ich ängstlich, mein Blick suchte den des Fürsten des Ostens. Doch er stand nur mit vor der Brust verschränkten Armen hinter Fürst Kretos und sah unbeteiligt zu. „Emili? Aurillia?“ Ich wimmerte, hatte Angst und wusste mir nicht zu helfen.
Aus dem Augenwinkel konnte ich erkennen, dass beide Mädchen wie erstarrt auf die Augen des Fürsten des Nordens starrten. Auch in ihren Augen spiegelte sich Angst und Schrecken.
Der Fürst des Nordens liess mich los und blinzelte mehrmals. Das Weiss seiner Augen zog sich zurück.
„Hast du etwas gesehen?“, fragte Fürst Cyrus und trat näher. Noch immer ruhte sein Blick auf dem anderen Fürsten. Nur kurz schweifte sein Blick zu mir. Ich schaffte es nicht, den Blick zu senken. Was passierte hier?
Der jüngere Vampir nickte leicht und löste seinen Griff. Im nächsten Augenblick waren die beiden schon wieder zur Tür hinaus und liessen mich mit Emili und Aurillia alleine. Die Tür fiel ins Schloss, eine Stille breitete sich aus.
„Gruselig“, kommentierte Emili das Geschehene nach einer Weile, während Aurillia deutlich mehr Worte fand: „Mehr als nur gruselig! Habt ihr gesehen, was mit seinen Augen passiert ist? Das ist doch nicht normal, oder?“
Beide Augenpaare richteten sich erwartungsvoll auf mich.
































Kommentare