Kapitel 17 – Abendessen bei Kerzenschein

Kapitel 17 – Abendessen bei Kerzenschein

 

Aurelie

Am späten Nachmittag saß ich erschöpft auf dem Sofa im Ruheraum meiner privaten Gemächer; Kaldor auf meinen Beinen liegend. Sachte strich ich ihm mit meinen Händen durch das weiche Fell. Es war so unglaublich kuschelig, dass ich mir sein Fell als Bett wünschte.

„Oh, Götter, das war jetzt aber missverständlich! Also wirklich“, murmelte ich und rügte mich selbst. „Nie und nimmer würde ich dich töten lassen! Nein! Nie und nimmer! Vergiss es!“, raunte ich ihm zu und näherte mich mit meinem Kopf mit jedem Wort, dem seinen, bis mein Gesicht schließlich in dem grauen Fell vergraben war. „Niemals.“

Viel zu schnell sprangen meine Gedanken zu den Beratern und dem vorherigen Gespräch mit ihnen zurück. Leeander hatte es zwar nicht ausgesprochen, aber ich hatte mich mit dem Herzog beinahe in eine Katastrophe manövriert. Schließlich war zwar alles gut gegangen, aber dennoch …

Morgen würden die beiden wegen der Unterlagen vorbeikommen. Darüber musste ich Graf Targes noch informieren, aber das konnte ich frühmorgens bei unserem Training tun. Ich hoffte doch sehr, dass mein … emotionaler Ausbruch heute Morgen ihn nicht verschreckt hatte. Oh, und da war noch etwas, was ich tun musste … Götter, konnte Cyrus bitte endlich zurückkommen? Ich schaffte das alles nicht allein!

„Emili?“, rief ich durch meine Gemächer.

Wenig später erschien sie im Türrahmen zum Ruheraum. „Naya? Was machst du denn hier drin? Den Raum hast du doch noch nie benutzt?“

Ich nickte müde. Mir fielen fast schon die Augen zu. „Ich muss mit den Angestellten reden, die in der letzten Woche mit Eber zu tun hatten. Ich muss wissen, ob er sich benimmt.“ Ich unterdrückte ein langes Gähnen. „Kannst du erst mal zwei aussuchen und in meinen Wohnbereich bringen?“

„Blödsinn!“, schnaufte sie. „Du bist die Königin, du redest nicht mit Dienern. Das werden Aurillia, Irina und ich übernehmen.“ Sie kam auf mich zu und legte eine Decke über meine Beine. „Du solltest dich ausruhen.“

„Aber ich kann doch nicht…“ Ich gähnte ausgiebig. Emili verschränkte ihre Arme vor der Brust und stierte streng auf mich hinunter. „In Ordnung“, gab ich schließlich nach, legte mich richtig hin und kuschelte mich an Kaldor. „Kannst du mich vor dem Abendessen wecken?“ Wieder ein Gähnen. „Oh, und sag Gilead, ich möchte heute Abend mit ihm speisen …“ Meine Augen flatterten zu und meine Welt wurde schwarz.



 

Mein Atem ging unendlich schwer und Schweiss stand mir auf der Stirn. Ich saß kerzengerade auf einem Sofa. Im Ruheraum, wie ich nach kurzem Umblicken feststellen konnte. Keuchend fasste ich mir an den Kopf. Was war geschehen? Was war das gewesen? Hatte ich schlecht geträumt?

Kaldor kam schwanzwedelnd zu mir hin und legte mitfühlend seinen Kopf an mein Bein. „Was?“, hauchte ich überfordert. „Oh.“ Stirnrunzelnd sah ich auf meine nasse Hand, die so eben noch über meine kitzelnde Wange gestrichen hatte. Wieder machte Kal auf sich aufmerksam und sprang an meinen Beinen hoch, um meine Hand abzulecken.

Ich ließ es geschehen. Danach schmiegte er sich erneut an mich, sein Köpfchen drückte er meiner Hand entgegen.

„Ach, Kal.“ Ich seufzte. „Es ist alles gut.“ Dabei klang meine Stimme gebrochen. „Ich habe nur geträumt“, erklärte ich dem jungen Wolf, der mich mitfühlend anschaute. Hatte er einen sechsten Sinn? Woher wussten diese süßen Augen um meinen Schmerz? Er spiegelte sich in ihnen wider, klar und deutlich. Während sich eine meiner Hände weiter in seinem Fell vergrub, wischte die andere über meine Wangen, um sie zu trockenen.

Schritte erklangen. „Nayara ich wollte dich“, Emili tauchte im Türrahmen auf und lächelte, „wecken.“ Als ihr Blick den Meinen fand, verschwand das Lächeln und sie hastete auch mich zu. „Was ist passiert?“, wollte sie besorgt wissen, doch ich winkte ab.

„Weiß ich selbst nicht. Vermutlich nur ein schlechter Traum. Ich habe ihn schon wieder vergessen.“

„Es ist schon fast Abend. Aber ich habe es nicht übers Herz gebracht, dich früher zu wecken.“ Emili trat näher und streichelte Kaldor kurz das Köpfchen. „Soll ich dir später eine leichte Suppe zum Abendessen bringen?“

„Nein! Ich sagte doch, ich möchte mit Gilead speisen! Es wird höchste Zeit, dass ich mich seiner endlich annehme. Die letzte Woche ließ mir keine Sekunde für ein Gespräch!“ Und tatsächlich ging von ihm eine mögliche Bedrohung aus, die ich nicht unterschätzen durfte.

Emili zuckte kurz zurück, nickte dann aber. „Dann lasse ich den Speisesaal eindecken. Abendessen in einer Stunde?“

Ich stimmte zu. Sobald sie verschwunden war, seufzte ich tief. Es war nicht meine Absicht gewesen, sie zu erschrecken. Ich schätze … der Traum und die ganze letzte Woche hatten mir doch mehr zugesetzt, als ich mir das selbst eingestehen wollte.



Ich schlurfte ins Wohnzimmer, wo ich Aurillia sitzen sah. „Aurillia?“, fragte ich leise. „Könntest du mir bei meinen Haaren helfen?“ Ich war es mir nicht gewohnt, sie bei der Länge, die sie mittlerweile hatten, selbst hochzustecken. Und früher hatten das immer meine Zofen übernommen.

„Natürlich, Naya.“ Bald saßen wir an meinem Frisiertisch. „Deine Haare sind so lang und schön geworden“, schwärmte sie leise, während sie meine Haare brüstete, ein paar Zöpfe hineinflocht und diese anschließend zu einer kunstvollen Frisur hochsteckte. Sie wurde von Tag zu Tag besser darin.

„Ja. Sie haben beinahe schon wieder ihre ursprüngliche Länge. Langsam fällt das aber auf …“

Als sie fertig war, machte sie sogleich einen Schritt zurück und gab mir somit die Möglichkeit, mich zu erheben. So fremd und ungewohnt die neuen Aufgaben für Emili und Aurillia waren, sie hatten sich schneller in ihre neue Position eingelebt als ich.

„Brauchst du noch etwas? Möchtest du Schmuck tragen?“

„Nein, danke.“ Ich war absolut kein Freund von Schmuck. Abgesehen davon sähe der, mit Cyrus‘ Kleidung kombiniert, wohl auch ziemlich fehlplatziert aus. „Aurillia?“

„Hm?“

„Wenn ich jemals so werde wie die erwachsenen Vampire … dann schnapp dir Emili und flieh.“

„Meinst du, was das Trinken angeht oder dieses körperliche … Ding?“, fragte sie stockend und griff sich an den Hals. „Glaubst du, du wirst später von mir trinken wollen?“

„Weiß ich nicht. Beides vielleicht. Ich hab doch keine Ahnung“, murmelte ich. „Aber ich will nicht so werden und erst recht will ich euch nichts antun.“ Ich presste die Lippen aufeinander und drehte mich um, um meine Tränen zu verstecken. Mit bebender Stimme fuhr ich fort: „Ich werde euch demnächst zeigen, wie ihr ungesehen aus dem Schloss kommt. Für den Notfall. Falls Cyrus durchdreht, oder sonst wer euch bedroht.“

„Und dann?“, fragte sie leise, resignierend. „Soll Emili als Wahrsagerin arbeiten und ich als Hure, damit wir da draußen überleben? Wir können nicht einfach weglaufen, Naya.“

Erschrocken drehte ich mich zu ihr um. „Sicher nicht! Wie kommst du auf so eine Idee?!“ Fassungslos starrte ich sie an. „Ihr könntet … nach Osten! Darleen ist vernünftig! Sie würde euch im Notfall aufnehmen!“ Vermutete ich. „Und wenn nicht, könntet ihr sicher auch eine Stelle in einem Haushalt bekommen. Es ist nur … falls hier jemand durchdreht.“ Falls ich nach meiner Reife genauso würde wie der Rest meiner Familie.



„Wir kommen zu zweit doch niemals bis in den Osten! Und ich glaube auch nicht, dass es in einem anderen Haushalt besser aussieht! Und…“ Aurillia machte ein überraschend ernstes Gesicht. „Und ich glaube kaum, dass sich besonders viele Vampire an die neuen Gesetze halten. Die versklaven uns doch sofort wieder!“ Aurillia kam auf mich zu, setzte sich zu meinen Füßen und schlang die Arme um meine Taille. „Wir wollen bei dir bleiben. Also zumindest ich. Aber Emili wird sicher auch so reagieren. Du kannst uns vor allem beschützen! Auch, wenn du vielleicht mein Blut irgendwann trinken willst. Das nehme ich in Kauf.“

„Ich kann euch nicht vor Cyrus beschützen“, schniefte ich überfordert. „Und wenn ich irgendwann genauso irre werde wie Ashur …“

„Du wirst niemals so werden, weil du weißt, wie es ist, auf der anderen Seite zu stehen!“ Sie stand auf, zog mich dabei mit auf die Beine und küsste meine Wange. „Und nun komm, deine Verabredung zum Abendessen wartet.“

Ich konnte nur beten, dass sie recht hatte, und der Wahnsinn, der in meiner Familie lag, mich verschonte. Schnell wischte ich die Tränen fort und warf schließlich noch einmal einen Kontrollblick in den Spiegel. Meine Haare waren gemacht, die Kleidung saß – einigermaßen, meine Brüste waren abgebunden und meine Augen rötlich.

 

Als ich das große Speisezimmer betrat, war das Geschirr bereits minutiös korrekt aufgedeckt worden; ein goldener Kerzenleuchter mit fünf weißen Kerzen erhellte den Bereich beim Tisch, und an den Wänden waren die zahlreichen Kerzen ebenfalls entzündet worden. Ein dunkelroter Tischläufer verlief mittig über das dunkle Holz der Tafel, die sich mittig im von Kerzen beleuchteten Saal befand.

Gilead saß bereits bei Tisch, erhob sich jedoch augenblicklich bei meinem Eintreten. Leeander, welcher in der Tat nicht sehr glücklich über dieses Abendessen zu zweit war, presste die Lippen zusammen und stellte sich auf meine Anweisung hin, mit Elok, welcher momentan Kindermädchen für Gilead spielte, vor die Tür des Speisezimmers.

Die beiden Grigoroi schlossen die Tür. Und da stand ich. Gilead hatte sich erhoben, den Blick zu mir gewandt. Kaum hatte sich die Tür geschlossen, ging er von seinem Platz weg und stellte sich hinter den Stuhl am Tafelende. „Meine Königin. Bitte.“



Schluckend bewegte ich mich auf ihn zu, setzte mich und ließ mir den Stuhl zurechtschieben. „Danke, Gilead.“ Mir war durchaus bewusst, was für einer Gefahr ich mich hier aussetzte. Gilead hätte mich binnen eines Sekundenbruchteils in der Mangel und mein Genick wäre schneller gebrochen, als ich ‚Hilfe‘ schreien könnte. Aber Vertrauen musste man sich verdienen und ich wollte seins. Angefangen damit, dass ich ihm mit solchem entgegenkam.

Er stockte kurz.

Erst jetzt realisierte ich, dass ich ihn gerade beim Vornamen angesprochen hatte. „Verzeiht …“

„Nicht doch. Ihr dürft mich ansprechen, wie es Euch beliebt, Majestät.“ Er griff zur Weinkaraffe, nahm meinen Kelch und füllte ihn zur Hälfte. Dasselbe Vorgehen wiederholte er bei seinem eigenen. „Wie geht es Euch? Ihr seht ein wenig müde aus, wenn ich mir die Anmerkung erlauben darf.“

Ich lächelte verlegen. „Ist das so offensichtlich?“

„Nun, ich kenne mich damit aus, wenn man die ganze Nacht durchgemacht hat“, entgegnete er mit einem angedeuteten Grinsen im Gesicht.

„Habe ich nicht“, widersprach ich. „Aber die Woche war lang. Und mein Schlaf die letzte Zeit nicht der Beste“, gestand ich etwas leiser. Auffordernd hob ich den Blick. „Aber eigentlich wollte ich Euch fragen, wie es Euch ergangen ist? Ich habe gehört, Ihr habt Freude an der Bibliothek gefunden?“

„Ja, ich bin in der Tat fasziniert davon, wie gut die Bibliothek gefüllt ist. Tatsächlich sind mir Bücher die liebste Gesellschaft.“ Er lächelte kurz, zwinkerte dann aber. „Nun, von Eurer Gesellschaft einmal abgesehen.“

Schnell griff ich nach dem Weinkelch und nippte daran, um die aufkommende Röte in meinem Gesicht zu verbergen. Der anzügliche Unterton war mir keineswegs entgangen. Vermutlich war er nur auf Entzug. „Dann seid Ihr ein Bücherwurm?“

„Ich bilde mich gern. Ich bin der Meinung, dass sich mit hoher Bildung viele Probleme lösen lassen. Allerdings nur, wenn diese jedem zugänglich ist. Was derzeit bedauerlicherweise nicht der Fall ist.“ Er nahm sein Glas, schwenkte es und trank einen Schluck daraus.

Meine Augen verengten sich leicht, das Lächeln residierte aber weiterhin auf meinen Lippen. Was wollte er andeuten? Dass alle Vampire Zugang zur königlichen Bibliothek haben sollten? Oder spielte er auf die Rate der Analphabeten unter den Menschen an? Könnte es gar sein, dass er eine Meinung, gänzlich konträr der seines Vaters hatte, was Menschheit und Sklaverei betrafen?



Die Türen öffneten sich und zwei Diener brachten den ersten Gang. Eine Tomatensuppe. Ich winkte das Mädchen zu mir, welches mir sichtlich nervös entgegenkam. „Majestät?“

„Bringst du mir bitte noch ein Glas Wasser?“, bat ich. Der Wein schmeckte bitter auf meiner Zunge. Kurz zögerte ich. „Und … jemanden der bereit wäre, zu spenden.“

Ängstlich zuckte sie bei meinen letzten Worten zusammen, nickte aber ergeben und folgte dem jungen Mann, dem anderen Diener, wieder aus dem Saal. Bevor die Türen sich erneut schlossen, konnte ich Lee’s brennenden Blick auf mir spüren, doch ich ließ mich nicht davon irritieren.

„Nun“, setzte ich an. „Was würdet Ihr in unserem Bildungssystem denn ändern? Die königliche Bibliothek steht den Vampiren nach einem schriftlichen Gesuch offen. Unter uns Vampiren gibt es wohl kaum Analphabeten und auch unter Grigoroi sollte dies nur selten der Fall sein.“ Langsam griff ich nach dem Löffel und tunkte ihn in die Suppe.

„Mir geht es nicht um Analphabetismus. Oder nicht nur. Wir Vampire stellen uns als höhere Wesen hin und beschränken das Wissen der Menschen auf ein Minimum.“ Er nahm ebenfalls etwas von der Suppe, sprach dann aber nach dem ersten Löffel weiter. „Meiner Meinung nach beschränken wir uns darauf, den aktuellen Zustand beizubehalten, anstatt etwas zu ändern. Wir leben, wie schon vor tausenden von Jahren. Alles, worauf wir uns konzentrieren, ist, die Menschen klein zuhalten, anstatt Fortschritt zu fördern.“

Seine Worte klangen … ehrlich. Überraschenderweise. Nur konnte ich ihm beim besten Willen nicht glauben, dass er die Ziele von Cyrus und mir wirklich unterstützte. Und dennoch hatte er sich soeben explizit gegen das ausgesprochen, was ich mit meinen Worten angedeutet hatte. Er hatte widersprochen, indem er Menschen ins Spiel gebracht hatte. Und dazu auch noch klar und deutlich ausgesprochen hatte, dass er uns Vampire nicht für eine Überrasse hielt

„Ihr wisst, mit Worten wohl umzugehen“, gestand ich ihm zu, meine Mundwinkel zuckend.

„Nun, ich habe in den letzten zwei Jahrhunderten erfolglos versucht, eine Akademie oder Ähnliches zu schaffen. Ein Ort, um Wissen auszutauschen.“ Geduldig löffelte er seine Suppe und suchte im Anschluss wieder den direkten Blickkontakt zu mir. „Wusstet Ihr, dass seit beinahe vierhundert Jahren kein neues Buch mehr geschrieben wurde? Wusstet Ihr, dass es sogar verboten ist, zu philosophieren?“



Ich verschluckte mich an meiner Suppe und hustete. „Wie bitte?“, brachte ich mit deutlich höherer Stimme hervor. „Ich …“ Noch einmal überkam mich ein Hustenanfall. Beschämt hielt ich mir die Hand vor den Mund. Als ich mich wieder beruhigt hatte, sah ich wieder zu meinem Gesprächspartner und räusperte mich. „Nein. Das war mir nicht klar. Ich bin mir nicht einmal sicher, ob ich die Beweggründe hinter diesen Gesetzen verstehen will. Wer auch immer diese Gesetze geschaffen hat, war wohl nicht mehr ganz bei Sinnen.“

Gilead fing an zu lachen. Es war ein herzliches, tiefes Lachen und seine Augen blitzten belustigt auf. Er wirkte plötzlich so locker, so … attraktiv. Das Timbre seiner Lache verursachte eine Gänsehaut auf meinem Körper. Eine gute, prickelnde Gänsehaut. Und es war ansteckend. Obwohl ich nicht wusste, worüber er sich dermaßen amüsierte, kicherte auch ich kurz darauf hinter vorgehaltener Hand.

„Wisst Ihr, Majestät …“ Er schnaufte belustigt. „Wahrscheinlich weiß niemand, warum es diese Gesetze gibt und wer sie erschaffen hat. Weil sie schon tausende und abertausende Jahre alt sind.“ Er lachte wieder. „Wie also soll sich jemals etwas ändern? Wir tun Dinge und wissen gar nicht, warum.“

Wir wurden jäh unterbrochen, als sich die Türen erneut öffneten. Ein junger Bursche, etwa von sechzehn Jahren, trat herein und verneigte sich vor mir.

„Meine Königin? Ihr habt um Blut gebeten?“ Ich nickte, deutete jedoch Gilead. Der junge Mann stellte sich wortlos neben den Vampir und bot ihm sein Handgelenk an.

Gilead hob kurz die Augenbrauen. „Wie heißt du?“

Der junge Mann war sichtlich irritiert und sah erst zu mir. Als ich nickte, wandte er sich Gilead zu. „Ich heiße Hennis, Durchlaucht.“

„Wann hast du zuletzt Blut gegeben?“

„Vor ein paar Tagen. W…warum?“

Ich runzelte die Augenbrauen. „Wechselt ihr euch in der Dienerschaft nicht regelmäßig ab?“

„Doch, schon“, kam es zögerlich über die Lippen des Dieners. „Aber wir sind nicht mehr so viele. Seit es keine Sklaverei mehr gibt, ist jeder Zweite von uns fort.“ Er schluckte schwer und sank neben dem Tisch auf die Knie. „Und es gibt keine Menschen mehr, die nur wegen ihres Blutes da sind. Und es will auch nicht jeder freiwillig Blut geben. Bitte verzeiht!“



Gileads Blick ruhte nachdenklich auf mir. Aber bevor ich etwas zu dem Diener sagen konnte, hatte sich Gilead bereits erhoben und legte eine Hand auf die Schulter des Jungen. „Es ist in Ordnung. Nichts, wofür du dich entschuldigen musst. Ich habe erst gestern Blut getrunken. Ich brauche heute keines. Du kannst wieder gehen.“

Der Diener stand hastig auf, eilte zur Tür und verschwand, nachdem er dort noch mal auf die Knie gefallen und sich tief verbeugt hatte.

Zurück blieb ich allein mit Gilead. Doch für den Moment galt meine Aufmerksamkeit nicht ihm. Wie sollte ich die Menschen wieder dazu bringen, für uns arbeiten zu wollen? Und wie brachte ich sie dazu, fortan freiwillig ihr Blut zu spenden? Vampire und Grigoroi konnten ohne Blut nicht leben.

Es dauerte eine ganze Weile, bis ich Gileads Blick bemerkte. „Was?“, fragte ich ruhig, sah auf und ließ versehentlich ein müdes Seufzen verlauten. Ein kleiner Einblick für ihn in mein Innerstes. Ein Fehler, den Cyrus bestraft hätte. Eine Königin zeigte keine Schwäche.

„Ihr sehr nicht nur müde, sondern auch bekümmert aus, Eure Majestät. Ich beneide Euch wahrlich nicht. Mit steigender Verantwortung steigt auch die Distanz.“

Die Suppe wurde abgeräumt und es folgte eine leichte Speise mit Fisch und frischem Gemüse. Sobald die Diener den Raum wieder verlassen hatten, senkte sich mein Kopf und ich schüttelte ihn traurig. „Meinst du wirklich, ich wollte deiner Schwester den Bruder nehmen?“, flüsterte ich erstickt. Mir war selbst der Bruder genommen worden. Niemals hatte ich das jemand anderem antun wollen.

„Meine Mutter wird sie gut verheiraten, sobald sie die Reife hinter sich hat. Ich hätte sie dann ebenfalls verloren. Einzig die Möglichkeit, Briefe mit ihr auszutauschen, wäre mir geblieben. Was also ändert sich für mich, außer der Tatsache, dass diese Situation früher eingetreten ist?“ Gilead lehnte sich ein wenig zurück. „Ich verurteile Euch nicht für Eure Entscheidung, Majestät. Ich verurteile nur das System, in dem wir leben und welches uns so sehr einengt.“

Überrascht sah ich auf, biss mir im nächsten Moment aber auf die Zunge. Ich hatte nicht gesagt, dass es mir um ihn leidgetan hätte. Er war ein erwachsener, selbstständiger Vampir. Aber sie war noch ein Kind, das nun ihr Vorbild verloren hatte. Und so sehr ich es auch nicht einsehen wollte, erkannte ich mich doch in dem Mädchen wieder.



„Euer Vater war mit diesem System mehr als glücklich“, merkte ich vorsichtig an.

„Wie jeder, der davon profitiert“, meinte Gilead, griff nach Messer und Gabel und begann zu essen. Aber nach kurzer Zeit legte er den Kopf leicht schief und musterte mich. „Und Ihr gehört nun auch dazu. Ihr profitiert davon.“

Ich schaute an mir hinunter. „Das ist der Eindruck, den ich mache?“, erwiderte ich gespielt amüsiert.

„Kleidung ändert nichts daran. Manch einer lässt sich von der Aufmachung eines Vampirs vielleicht blenden. Aber viel wichtiger als das Äußere sind die inneren Werte.“ Gilead trank wieder von seinem Wein, bevor er ein wenig Gemüse auf seine Gabel schob. „Sagt mir, Eure Majestät, welche inneren Werte sind Euch wichtig?“

„Ich …“ Bisher hatte ich mir noch nicht viele Gedanken über mein Volk oder meine Herrschaft gemacht. Keine Sekunde hatte die Frage, was für eine Königin ich sein wollte, meine Gedanken beherrscht. Dafür war ich die letzte Zeit zu sehr mit mir selbst beschäftigt gewesen. „Also …“ Nervös werdend biss ich mir auf die Unterlippe und schielte zum Tisch, zu dem Essen, das unangetastet vor mir lag. „Ähm …“ Meine Atmung beschleunigte sich und ich konnte keinen klaren Gedanken mehr fassen. Hinzu kam sein aufmerksamer Blick, der ohne Unterbruch auf mir lag. „Mir … ist es wichtig, dass es allen gut geht“, murmelte ich schließlich komplett überfordert. „Ich möchte, dass es niemandem auf dieser Welt an etwas fehlt. Dass alle miteinander auskommen. Aber … das sind die Träume eines Kindes. Allein die Vorstellung ist völlig lächerlich“, gestand ich letztendlich. Mein Herz klopfte so laut, dass ich es selbst hören konnte.

„Nicht nur die Idee ist kindisch, sondern auch die Antwort.“ Er stützte beide Arme auf dem Tisch ab und beugte sich etwas vor. „Ich meinte mit den inneren Werten Euren Charakter. Ihr scheint ablenken zu wollen. Was wollt Ihr mit Eurer Aufmachung verbergen? Die Tatsache, dass Ihr eine Frau werdet? Wollt Ihr, dass die Euch unterstellten Bediensteten immer noch glauben, Ihr seid ein Kind? Wen wollt Ihr damit belügen? Euch selbst oder die anderen?“

Panisch schnappte ich nach Luft, mein Mund stand vor Fassungslosigkeit weit offen und meine Augen hatte ich vor Schreck aufgerissen. Ich schluckte. Und versuchte zu atmen. Aber scheinbar wollte meine Lunge nicht. Ich schaffte es nicht. Immer schneller folgten meineVersuche, nach Luft zu schnappen, aufeinander, immer verzweifelter.



„Das ist nicht …! Ich werde nicht …!“ Meine Furcht nahm zu. Mein Atem flachte weiter ab und meine Hände ballten sich zu schwitzigen Fäusten. Bei meinem nächsten Versuch, Luft in meine Lungen zu bringen, stand ich hastig auf, meine Augen noch immer auf den Vampir vor mir fokussiert. Meine Arme klammerten sich halt suchend um mich selbst; kreuzten sich direkt vor meiner Brust. „Ich bin noch ein Kind!“, beteuerte ich.

Woher nur kam diese panische Angst? Er hatte nichts gegen mich in der Hand. Vermutlich. Ich … aber war mein Verhalten, meine Panik, nicht schon Beweis genug?

Ich schüttelte den Gedanken ab. Nein! Ich war nur … wer wusste das schon so genau? Was war nur in mich gefahren, mich mit einem erwachsenen Vampir, dem ich keineswegs vertrauen konnte, allein in einen Raum zu begeben?!

Ich stolperte rückwärts. Wieder versuchte ich etwas zu sagen, wusste zugleich aber nicht was, und so blieben meine Worte stumm.

Gilead stand in einer so schnellen Bewegung auf, dass ich nur noch seinen Stuhl umkippen sah. Im selben Moment griff er nach mir und ich stürzte. Aber fiel ich nicht. Gilead hatte sich auf den Boden gesetzt und mich auf seinen Schoß gezogen. Mit beiden Händen hielt er mich fest und drückte mich an sich. „Ihr müsst atmen!“, verlangte er eindringlich. Sein Blick war plötzlich so besorgt. Er ergriff meine rechte Hand und legte sie auf seine eigene Brust. „Tief Luft holen.“ Er machte es vor, sodass ich spürte, wie sich sein Brustkorb hob.

Nach und nach beruhigte ich mich. Sein Gesicht, die Besorgnis, die sich darin widerspiegelte, waren echt. Vielleicht wollte er mir Böses. Vielleicht nicht. Aber im Moment lag meine Hand auf seiner Brust und spürte jedes Heben und Senken davon. Noch immer ging mein Atem schwer, aber lange nicht mehr so flach, wie noch vor wenigen Momenten. Als ich begriff, was ich da tat, wollte ich meine Hand wegnehmen. Ich verkrampfte mich und zog sie weg. Doch gleichzeitig mit der Wärme von Gileads Körper schwand auch meine Ruhe wieder dahin. Beinahe sofort fing ich wieder an, nach Luft zu japsen. Ich saß auf meinen Knien und konnte mich doch kaum noch aufrecht halten.

„Es tut mir leid. Ich habe zu harte Worte gewählt. Das war dumm und leichtsinnig von mir.“ Wieder zog er mich an sich und legte meine Hand auf seine Brust. Sein Atem ging gleichmäßig, nur seinen Herzschlag hörte ich kaum. „Ich wünschte, ich könnte meine Worte ungeschehen machen.“



Kurz darauf spürte ich sein Kinn auf meinem Scheitel. Seine Arme legte er noch enger um mich, wodurch ich mit meiner Wange an seine Brust gedrückt wurde. Unbewusst kuschelte ich mich näher an ihn. Mein Atem wurde ruhiger, bis sich meine Brust gleichmässig und vollkommen ruhig hob und senkte. Zufrieden seufzte ich auf. Die Brust, an die ich lehnte, war warm. Und ich fühlte mich geborgen. Ich wollte nicht mehr denken. Mich nicht mehr fürchten. Nur ruhen, in Armen, die mir nicht meinen Tod wünschten.

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