Kapitel 18 – Ein grausames Geschenk

Kapitel 18 – Ein grausames Geschenk

 

Aurelie

„Was ist denn los, Asha?“

„Wieso redet sie nicht? Sie sieht irgendwie verstört aus.“

„Ach, was du nicht sagst.“

„Asha? Hey!“

Hände umgriffen meine Schultern und rüttelten heftig daran. Aber ich war nicht hier. In meinem Kopf sah ich es immer wieder. Immerzu wiederholte sich dieser Albtraum vor meinem inneren Auge. Wieder und wieder!

 

„Deshalb wird sie heiraten. Ihr Gatte wird regieren, solange sie noch nicht dazu imstande ist. Eigentlich war sie ja für Ashur bestimmt, aber dieser Gedanke ist nun wohl nichtig.“

„Aurelie, setz dich hin.“ Ich tat wie geheissen und blickte unsicher auf. Der Fürst schien mit sich zu ringen. Doch nur kurz und der Moment war vorbei. „Ich werde sie heiraten.“

„Nein!“, schrie ich. „Krönt ihn, aber ich will das nicht!“

Beide Männer sahen mich kurz an. Der Priester, von dem ich wusste, dass ich ihm vertrauen konnte, den ich seit klein auf kannte, als wäre er Teil meiner Familie, lächelte beruhigend. „Es wird alles gut, Aurelie“, sagte er.

Von dem Fürsten erhielt ich nur einen kalten Blick ohne Emotion.

 

„Asha!“ Wieder wurden meine Schultern geschüttelt. Ich sah die Tür aufgehen, aber nahm es nicht wahr. Ich sah ihn eintreten, doch ich reagierte nicht.

„Nehmt ihr beiden die Stelle an?“

„Ja!“, hallte es einstimmig im Raum wider, ehe er mit gähnender Leere gefüllt wurde. Trotz ihrer schnellen, entschlossenen Antwort hatten sie ihm nicht einmal einen Blick zukommen lassen. Ihre Augen lagen nur auf mir, besorgt und ängstlich.

„Was ist nur mit ihr los?“

„Asha!“ Ein weiteres Mal schüttelte Aurillia mich an meinen Schultern.

„So heisst sie nicht. Ihr Name ist Aurelie Nayara Athanasia. Eure zukünftige Königin. Ihr werdet den Platz ihrer Zofen einnehmen.“

Beide Mädchen standen wie vom Donner gerührt da, erstarrt zu Eissäulen, die sich genauso wenig bewegten wie ich. Langsam, fast in Zeitlupe, glitten ihre Blicke zu mir. Fragend, verwirrt, entsetzt und Aurillias wütend.

Ich hingegen war noch dabei zu verarbeiten, wie er mich genannt hatte. Diese Person, die ich jetzt plötzlich wieder sein sollte; man hatte sie mir ausgetrieben. Mit Folter, Verrat und Erniedrigung! Wie könnte ich noch immer diese Person sein? Wie konnten sie erwarten, dass ich wieder zu dieser Person werden würde?



„Aurelie?“, fragte Emili sanft. Sie war nicht wütend, nur verletzt. Und verwirrt. Ich sah es in ihren Augen. Bei diesem Namen zuckte ich unwillkürlich zusammen und schüttelte den Kopf. Tränen traten mir in die Augen, und das Schütteln meines Kopfes wurde heftiger. Meine Finger krallten sich in den grauen Stoff des Kleides, das einst der Person gehört hatte, die auch diesen Namen getragen hatte. Doch sie war tot! Sie war gestorben! Unten im Kerker dieses Schlosses!

„Du … möchtest nicht so genannt werden?“, versuchte Aurillia sich und atmete scharf aus, als mein Kopfschütteln abrupt ein Ende fand.

Emili runzelte die Stirn, nickte aber langsam. Ihre Hand kam beruhigend auf meiner Schulter zum Liegen. Sie strahlte Wärme aus. Halt. Sie strahlte Sicherheit aus, und ich lehnte mich der Berührung wimmernd entgegen.

„Wie sollen wir dich nennen?“, fragte sie leise, sanft, als würde ihre Stimme auf dem strahlenden Weiss der Wolken schweben und schwerelos durch den Himmel gleiten. Doch ihre Frage wusste ich nicht zu beantworten. Wie sollten sie mich nennen? Asha? Es war der Name einer Sklavin. Einer Enttäuschung und einer Verratenen. Mehr verband ich damit nicht. Aber Aurelie existierte schlichtweg nicht mehr. Sie war tot. Gestorben, durch Ashurs Hand. Durch die Hand ihres Bruders.

„Die richtige Anrede ist ‚Eure Hoheit‘ und ab morgen ‚Eure Majestät‘. Ihr werdet die Prinzessin nicht mit ihrem Vornamen anreden.“

Ich hob leicht den Blick und sah, dass Cyrus immer noch im Schlafzimmer stand. Er zog einen silbernen Schal aus dem Kleiderschrank. Seinem Kleiderschrank, immerhin war dies hier ja auch sein Zimmer.

„Ehm … dürfen wir … Also …“, begann Emili zögerlich. „Eure Majestät hat heute noch nichts gegessen.“

Wie auf Kommando knurrte mein Magen, dabei hatte ich den Hunger noch nicht einmal gespürt. Allerdings wurde mein Magenknurren übertönt, denn der Fürst begann zu lachen. „Ihre Majestät“, korrigierte er Emili.

„Warum denn jetzt ihre und nicht eure? Wer soll sich denn den Scheiss merken?“, blaffte Aurillia genervt.

„Ich werde Ulras auftragen, euch die wichtigsten Regeln und Umgangsformen beizubringen.“ Aus den Augenwinkeln sah ich, wie er weitere Dinge aus dem Schrank holte und sie auf das Bett legte. Edle Stoffe in Schwarz, versetzt mit der Farbe seines Fürstentums: Silber. „Lasst euch zeigen, wo die alten Kleider der Prinzessin sind, und holt sie her. Und dann könnt ihr für sie etwas zu Essen besorgen.“ Etwas milder fügte er hinzu: „Esst ruhig mit ihr und leistet ihr Gesellschaft.“



Ich starrte immer noch auf den Boden und sah, dass er an mir vorbeiging. Aber selbst, als die Tür ins Schloss gefallen war, konnte ich noch nicht beruhigt aufatmen.

„Alsooo … Ihre Hoheit …“, begann Aurillia zögerlich.

Ich zuckte zusammen. In mir krampfte alles. „Bitte nicht“, flüsterte ich schwach. „Nennt mich nicht so.“

Stirnrunzelnd sahen mich die beiden an. „Was ist denn mit dir los? Du bist eine Prinzessin und führst dich auf, als wäre das dass schlimmste der Welt! Ich hatte als Kind kaum zu Essen und wurde von meinen eigenen verfluchten Eltern verkauft! Und ich verhalte mich nicht so kläglich! Ihre Hoheit!“

„Eure Hoheit“, murmelte ich leise.

„Was?“

Ich sah auf. Aurillia sah mich an, als hätte ich den Verstand verloren. Ihre grünen Augen funkelten mir entgegen und ihr hellblondes Haar fiel ihr in leichten Wellen über die schultern.

„Ich … könnt ihr mich Nayara nennen? Zumindest, wenn niemand anderes dabei ist …“, murmelte ich leise, unsicher, ob ich die richtige Entscheidung traf. Die ganze Königsfamilie hatte stets Erstnamen mit A getragen. Aber ich war davon längst kein Teil mehr. „Bitte.“ Ich liess den Kopf sinken und stützte ihn in meine Hände.

„Was immer du willst“, erwiderte Emili und nahm mich spontan in den Arm.

„Finde ich gut. Pf!“ Aurillia verschränkte die Arme vor der Brust. „Immerhin heisse ich schon Aurillia, das würde nur zu Verwechslungen führen.“ Sie ging ein paar Schritte aufs Bett zu und betrachtete, was der Fürst darauf abgelegt hatte, während Emili die Umarmung langsam löste.

„Wir sollten nach etwas zum Essen gucken. Und nach Kleidung. Und Aurillia, das sind nicht deine Sachen!“, mahnte Emili, als die Grünäugige mit grossen Augen über den silbernen Schahl des Fürsten strich.

 

Wenig später sassen wir zusammen auf dem Sofa, ein kleines Büfett vor uns habend. Aurillia schluckte gerade ihren zweiten Bissen hinunter, da war ihre Geduld aufgebraucht. „Wieso hast du dich als Sklave ausgeben? Ich meine, du musst alles gehabt haben!“ Nachdenklich rieb sie sich das Kinn. „Oder hast du dich erst nach dem blutigen Bankett verkleidet? Damit dich niemand findet? Wie hast du überhaupt überlebt? Ich meine, ich war nicht dabei, aber ich habe gehört, es war ein regelrechtes Gemetzel. Die Königsfamilie soll keine Chance gehabt haben.“



Die Pastete blieb mir im Halse stecken und brachte mich zum Husten.

„Aurillia!“, zischte Emili leise und stiess sie in die Seite.

Empört erhob die Jüngere die Arme. „Was denn? Welche Prinzessin gibt sich schon als Sklave aus? Freiwillig? Naja, ausser eben, es geht ums Überle…“ Ein weiterer Ellbogenstoß von Emili brachte sie zum Verstummen. Gemeinsam fochten die beiden einen Kampf mit ihren Augen aus, bis sich Emili schliesslich leise räusperte.

„Was Aurillia, nicht sehr schön formuliert, fragen wollte, war …, wieso?“ Alle beide sahen mich erwartungsvoll an, Neugierde in ihren Augen glänzend.

Müde, aber bereit dazu, ihnen ihre Antworten zu geben, holte ich einmal tief Luft. Das hatten sie verdient, nachdem sie mir heute mehr als einmal geholfen hatten. Und aus für mich unerfindlichen Gründen weiter zu mir standen, kannten sie mich doch kaum. „Das habe ich nicht. Ich habe mich nie als Sklave verkleidet. Ich bin keine Prinzessin.“

Beide Mädchen legten den Kopf schräg.

„Nicht mehr zumindest“, fügte ich leise hinzu. „Meine Familie hat mich vor Jahren verstossen.“

„Warum denn das?“, bohrte Aurillia ungewohnt empathisch nach. Die Neugierde schien ihren Hunger anzufachen, denn sie schaufelte sich schnell den nächsten Bissen in den Mund, den Blick unablässig auf mich gerichtet.

„Das ‚wie‘ ist doch nicht so wichtig“, ging Emili sanftmütig dazwischen. „Nicht für den Moment. Es ist viel passiert und bald schon wird sie den Fürsten heiraten. Du wirst Königin sein, Nayara.“

„Na, das will ich sehen!“, polterte Aurillia energisch, kniff aber im nächsten Moment die Augen zusammen. „Der Fürst macht das doch nur der Krone wegen … Sobald er hat, was er will, tötet er sie, genauso wie ihre gesamte Familie!“

Bei den harschen Worten zuckte ich zusammen. Ich kniff meine Augen zu und stützte meinen Kopf in meine Hände. Ich wollte das alles hier nicht. Ich wollte frei sein, zusammen mit Irina irgendwo ein neues Leben aufbauen und alles, was in diesen Mauern jemals geschehen war, nur noch vergessen!

Es wurde angeklopft, kurz darauf streckte ein junger Mann den Kopf durch die Tür und trat ein. Er hatte aschblondes Haar, dunkle Augen und auf seinen Wangen zeichnete sich der Ansatz eines Dreitagebartes ab. Er trat näher, sein Blick fokussiert auf mir liegend.



„Prinzessin Aurelie, ich soll Euch darüber informieren, dass ihr diese Nacht den Blutschwur mit Fürst Cyrus eingehen werdet.“ Sein Blick schweifte zu den anderen beiden, die neben mir sassen und mitten in ihrer Bewegung erstarrt waren. Aurillia hielt gerade ein Stück Weissbrot auf dem Weg zum Mund in der Hand, den Mund schon halb geöffnet. „Ihr beide sollt sie vorbereiten. Kleidet sie einer Prinzessin würdig“, sagte er mit strengem Blick zu meinem grauen Kleid.

Emili schluckte lautlos. „Natürlich, wie Ihr wünscht …“

Die Augen des Blonden huschten zu ihr. Minuziös musterte er ihr Gesicht, ehe sein Blick für den Bruchteil einer Sekunde über ihren Körper schweifte. Emili war auf dem besten Weg, zu einer erwachsenen Frau zu reifen. Ihr Körper unterschied sich zwar noch nicht gross von meinem, aber ihr Gesicht zeigte bereits die schönen Züge einer jungen Frau.

„Leeander“, vervollständigte er und nickte ihr zu. „Das soll ich Euch noch geben, Prinzessin.“ Mit diesen Worten hielt er mir eine schön verzierte Schmuckschatulle entgegen. Ich nahm sie nicht an. Ich wusste, was sich darin befand und ich wollte es nicht haben.

„Das nehme ich“, sagte Aurillia etwas zu energisch und riss ihm die Schachtel praktisch aus der Hand.

„Gut. Dann überlasse ich Euch nun den … sicher fähigen Händen Eurer Zofen.“

Er war genauso schnell wieder verschwunden, wie er gekommen war. Emili strich sich verwirrt eine Haarsträhne hinter ihr Ohr und spielte dann gedankenversunken mit einer ihrer schönen, beinahe weissen Strähnen. Indessen beschäftigte sich Aurillia anderweitig. Mit der Schachtel, die sie Leeander aus den Händen gerissen hatte, um genau zu sein.

Plötzlich erklang ein klatschendes Geräusch. Sofort erwachte Emili aus ihrer verträumten Starre und auch ich sah auf. Es war alles so surreal, ich konnte einfach nicht glauben, was hier geschah. Und was Leeander vorhin gesagt hatte.

„Nayara …! Das ist … wunderschön!“, hauchte Aurillia berührt und fasste sich ans Herz. Vor ihr lagen die Kronjuwelen meiner Familie. Genauer gesagt, das Prinzessinnendiadem, welches sie fasziniert in die Höhe hielt und dabei beobachtete, wie es im untergehenden Licht der Sonne funkelte. Als auch Emili aufstand und aus der Schatulle zwei in Gold gefasste Rubinohrringe nahm, keuchte ich erschrocken auf. Irgendjemand hatte die Ohrringe der Königin in die Schatulle hineingelegt. Die, die sie noch getragen hatte, als …



Reflexartig presste ich meine Hand auf meinen Mund und stürmte aus dem Raum hinaus, ins Badezimmer. Über die Schüssel gebeugt und würgend, fanden mich die beiden kurz darauf. „Das …“ Ich keuchte. „Das ziehe ich nicht an!“ Mir war so schlecht. Die Nachricht war eindeutig. Er wollte, dass ich die Kronjuwelen trug, dass ich meinen Platz als Prinzessin meines Reiches wieder einnahm, damit er König werden konnte. Aber wieso die Ohrringe?

„Das Collier dann auch nicht?“, fragte Aurillia, eine Grimasse ziehend, während Emili damit begann, mir meine Haare aus meinem Gesicht zu ziehen. Aurillia hielt ein Rubincollier hoch, die Steine gefasst in wunderschön gearbeitetes Gold.

Doch allein beim Gedanken daran, dass beide Stücke noch vor wenigen Stunden getragen worden waren; wessen Hals dieses Collier vor kurzer Zeit noch geschmückt hatte, liess mich krampfhaft nach vorne beugen und erneut würgen.

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