Kapitel 18 – Eine Kräuterfrau
Kapitel 18 – Eine Kräuterfrau
Cyrus
Ich beobachtete Aurelie skeptisch, wie sie sich auf den Rücken des Pferdes kämpfte. Ihre Hand schmerzte immer noch, das konnte ich ihr deutlich ansehen. Dennoch biss sie die Zähne zusammen und ließ sich die Zügel geben.
Ihr Blick ging zu Sharifa, Gilead und Lyssa, die auf der anderen Seite standen und miteinander sprachen. Die drei wirkten wie eine glückliche Familie. Selbst Lyssa konnte wieder lächeln. Nur Aurelie nicht. Dabei hatte ich angenommen, sie würde sich für ihre Freundin freuen. Oder aber sie hielt Distanz, um Lyssa nicht in eine unangenehme Situation zu bringen. Immerhin kannten sie sich meiner Lüge nach kaum.
Boris merkte nichts von alledem. Er trabte glücklich auf seinem Pferd und strahlte dabei von einem Ohr bis zum anderen. Seit heute bekam er auch Unterricht im Schwertkampf. Entweder von mir oder Timm. Aurelie hatte dabei zugesehen und jedes Wort und jede Geste wie ein Schwamm aufgesogen.
„Es reicht für heute“, entschied ich nach über einer halben Stunde. Sharifa hatte keine Lust mehr, bei Aurelie wurde die Hand steif – auch wenn sie es nie zugeben würde – und bei Boris machte sich der Muskelkater bemerkbar. „Morgen sehen wir uns wieder.“
Mein Blick klebte an Aurelie, die sich vom Pferd sinken ließ. Lächelnd streichelte sie den Kopf von ihrer Stute. Zu diesem dummen Tier konnte sie zärtlich sein. Da konnte sie Zuneigung zeigen. Mich hingegen behandelte sie wie Luft. Nur, weil ich mich von meinen Trieben hatte übermannen lassen. Was schon Ewigkeiten zurücklag!
Ich ging zurück in mein Arbeitszimmer. Die Briefe stapelten sich. Es war mir egal. Mein Weg führte mich ohne Umwege zum Scotch, den ich in grossen Schlucken aus der Flasche trank.
Timmok, der mir gefolgt war, seufzte tief. „Cy … du musst damit aufhören. Das Goldene Reich braucht einen König. Du musst die Anträge lesen, die Forderungen und Bitten deiner Bürger.“
Ich leerte die halbe Flasche und wischte mit einer Hand über meinen Mund. Naja, eher die Nase. „Gib es meiner geliebten Gattin. Sie liebt es doch, Königin zu spielen und wichtig zu sein.“
„Cy …“
„Nenn mich nicht so!“, schrie ich Timm an und deutete auf meinen Schreibtisch. „Schaff es weg! Und dann geh!“
Timm wusste glücklicherweise, wann es keinen Sinn mehr hatte, sich mir in den Weg zu stellen. Er nahm die lästige Arbeit mit und ließ mich für den Rest des Tages allein. So konnte ich in Ruhe nachdenken. Und trinken. Es betäubte die Schmerzen, das Hungergefühl und den Wunsch, Aurelie zu sehen. Nay …
Die nächsten Tage wurden nicht besser. Sharifa hatte keine Lust mehr zu reiten, sie wollte lieber Zeit mit Lyssa und Gilead verbringen. Boris jammerte und meckerte nur, dass ihm alles weh täte. Angeblich würde ich bei den Schwertübungen keine Rücksicht nehmen. Aber das würde in einem echten Kampf auch niemand! Nur Aurelie jammerte nicht, beklagte sich nicht. Sie bat sogar, längere Zeit auszureiten. Ich schickte Ikzil mit. Hauptsache, sie war weg von mir. So weit weg, dass ich ihren Duft nicht mehr wahrnehmen konnte.
Nach einer Woche hatte Sharifa den Reitunterricht abgebrochen, die Woche darauf hatte sich Boris die Hand verstaucht. Angeblich meinetwegen, weil ich ihm das Holzschwert zu fest aus der Hand geschlagen hätte. „Schwächling“, knurrte ich. Er war eine Enttäuschung. Hätte ich ihn bloß bei Tyra gelassen. In der dritten Woche ging ich gar nicht mehr auf den Reitplatz. Das Licht störte. Das Wiehern der Pferde und die Hufe waren einfach zu laut. Der Gestank reizte meine Nase und brachte mich an meine Grenzen.
Ich saß auf dem Balkon und hielt eine Flasche Cherry in die Abendsonne. Sie war beinahe leer. Und heute betäubte sie mich nicht. Als hätten meine Grigoroi den Inhalt mit Wasser gestreckt.
„Cyrus. Wir müssen reden.“ Ich sah zur Tür. Timmok stand dort und sah mich ernst an. „So geht es nicht weiter.“
„Lass mich in Ruhe!“
„Nein, Cyrus. Du musst zur Vernunft kommen! Wir können dein Verhalten nicht mehr länger mit ansehen.“
„Wir?“ Ich schnaufte. „Meiner geliebten Königin ist es egal, was ich den ganzen Tag über mache. Hauptsache, ich lasse sie in Ruhe!“
„Ich meinte eher, die anderen Grigoroi und ich. Boris hat letzte Nacht versucht, wegzulaufen.“
Ich knurrte. „Was bildet sich der Bengel ein? Hat er etwa erwartet, dass wir ihn mit Samthandschuhen anfassen?“
„Nein! Aber er erwartet, dass du ihn mit einem gewissen Respekt behandelst! Gestern hast du ihn beim Schwertkampf geschlagen!“
„Natürlich. Ich gewinne schließlich jeden Kampf!“
„Cyrus! Verdammt noch mal! Du hast ihm eine Ohrfeige verpasst!“
Hatte ich das? Daran konnte ich mich gar nicht mehr erinnern. „Dann hat er sie verdient“, entgegnete ich und setzte die Flasche wieder an.
„Nein, hatte er nicht! Und es reicht jetzt!“ Timmok schlug mir die Flasche aus der Hand. Sie zersprang vor meinen Füßen in tausend Teile und der Inhalt verteilte sich auf dem Boden.
„Jetzt bist du zu weit gegangen!“ Ich sprang auf und stürmte auf Timmok zu. Aber dieser Bastard sprang viel schneller zur Seite, als ich erwartet hatte. Er packte mich an der Seite. Sofort landete meine Faust in seinem Magen. Seine landete in meinem Gesicht. Ich hörte, wie meine Nase brach und roch mein eigenes Blut.
Der Kampf war unschön, heftig, blutig. Am Ende lag ich mitten in den Scherben, mein Gesicht in der Pfütze aus Cherry und Blut. Timmok saß auf meinem Rücken und fixierte mich.
„Kein Alkohol mehr!“, rief er. „Ansonsten sind wir morgen weg. Boris, die anderen Grigoroi und ich!“
„Dann geht doch! Lasst mich doch alleine!“
„Was ist nur aus dir geworden, Cyrus? Was ist nur passiert, dass du dich so gehen lässt?“ Timmok seufzte. „Schon wieder!“
„Lass mich!“
„Du bist erbärmlich, Cyrus. Du willst König sein? Sieh dich nur an! Die Königin macht die ganze Arbeit, während du dich in Selbstmitleid ertränkst!“
Ich bäumte mich unter ihm auf. Niemals hätte ich geglaubt, dass Timmok mir mal ebenbürtig sein würde. Ich war immer der Stärkste gewesen. Aber nun lag ich im Dreck.
Als ich am nächsten Morgen aufwachte, lag ich in meinem Bett. Außerdem war ich gefesselt. Sofort zog ich an den schweren Ketten. Aber mir fehlte die Kraft, sie zu zerreißen.
Timmok und Galderon betraten mein Zimmer. Ich fauchte und knurrte. Kopfschmerzen hämmerten hinter meiner Stirn. Ich fühlte mich mies. Verdammt mies. Geistig wie körperlich. „Bringt mir Wein!“, rief ich. Meine eigene Stimme schmerzte in meinem Kopf.
Galderon hielt mir etwas an die Lippen und ich trank es gierig. Als ich merkte, was es war, spuckte ich es sofort wieder aus. „Milch? Was soll das?“
„Ihr müsst wieder nüchtern werden, mein König“, entgegnete Galderon sachlich.
„Ich will Wein! Scotch! Schnaps!“
„Du bekommst rein gar nichts.“ Timm hielt mir einen Brief vor das Gesicht. „Deine Cousine hat geschrieben.“
„Gib es der Königin.“ Ich hatte keine Lust, mich um die Problemchen meiner kleinen Cousine zu kümmern.
„Die Königin, die Euch schon zum dritten Mal beim Rat entschuldigt? Sie macht alles ganz alleine! Arbeitet von früh bis spät und findet kaum noch Schlaf!“
Wütend knurrte ich auf. Es war mir egal, was sie machte, oder wie es ihr ging! „Verschwindet!“
Tatsächlich gingen die beiden Grigoroi. Jedoch ließen sie mich den ganzen Tag im Bett gefesselt liegen.
Als die Sonne am nächsten Morgen durch das Fenster schien, war der Nebel in meinem Kopf weitestgehend verschwunden. Dafür hatte ich Hunger. Unglaublich großen Hunger. Obwohl ich all meine Kraft nutzte, konnte ich die Ketten nicht zerreißen. Mir fehlte Nahrung. Blut. Bewegung. Aurelie.
Ein weiterer Aspekt dessen, dass der Alkohol aus meinem Körper verschwunden war, war der, dass mir meine Gattin fehlte. Ich sehnte mich nach ihrem Duft. Ihrer Stimme. Ihrem Lächeln.
„Vollidiot!“, schimpfte ich mich selbst aus. „Sie lächelt in meiner Gegenwart nicht!“ Sofort hatte ich das Bedürfnis, wieder zur Flasche zu greifen. Zu vergessen, wie es sich anfühlte, wenn ich sie berührte. Wenn sie mit mir sprach. Wenn sie einfach nur in meiner Nähe war. „Schwächling!“, knurrte ich und konnte nicht verhindern, dass aufkommende Tränen in meinen Augen brannten. Was war das nur für ein Fluch? Warum wollte ich diese Frau so sehr in meiner Nähe haben? Sie hatte dieses Bedürfnis nicht!
Erst am Abend kamen Galderon und Timmok wieder. Sie gaben mir wieder Milch. Und Brei. Obwohl ich selbst essen wollte, fütterten sie mich.
„Geht es dir besser?“, fragte Timm vorsichtig.
„Nein“, erwiderte ich. Der Alkoholrausch war weg. Aber nun war da dieser unbändige Wunsch, zu Aurelie zu gehen. Ein Wunsch, dem ich nicht nachgeben konnte. Sie ekelte sich vor mir. Weil ich sie vergewaltigt hatte. Mehrfach.
„Kann ich etwas für dich tun?“
Ich sah Timmok lange an. Was sollte er für mich tun können? Er konnte Aurelie nicht für mich töten. Dann würde diese Welt zugrunde gehen. Dieser Blutschwur war die schlechteste Idee, die ich je gehabt hatte. Wenn er ungeschehen gemacht werden könnte …
Mein Kopf ging zur Seite. „Holt den Hohepriester. Ich muss mit ihm reden. Aber zuerst muss ich vorzeigbar sein!“
„Was habt Ihr vor?“, erkundigte sich Galderon skeptisch.
„Der Blutschwur. Ich will mit dem Hohepriester über den Blutschwur reden.“
Die beiden Grigoroi sahen sich irritiert an. Aber dann halfen sie mir tatsächlich, mich zu waschen und neu einzukleiden. Während Timmok mein Schlafzimmer säuberte und die Fenster weit aufriss, holte Galderon den Hohepriester, der kurz darauf mit seinem Lehrling in meinem Arbeitszimmer stand.
Kurz überlegte ich, ihnen einen Sitz anzubieten. Vor allem im Hinblick auf ein fortgeschrittenes Alter. Aber so lange wollte ich auch gar nicht mit ihnen reden. „Ich komme direkt zur Sache, wenn Euch das nichts ausmacht.“
Der Hohepriester neigte nur leicht seinen Kopf.
„Ich will, dass Ihr den Blutschwur zwischen mir und der Königin wieder löst!“
„Unmöglich!“, wehrte der Hohepriester sofort ab. „Der Schwur wurde vor den Göttern gesprochen. Er kann nicht zurückgenommen werden!“
„Unsinn“, knurrte ich. „Man kann jeden Schwur zurücknehmen!“
„Aber keinen Schwur, den man im Beisein der Götter gesprochen hat!“
Ich musste mich beherrschen, um dem Hohepriester nicht an den Kragen zu gehen. Um meine Kontrolle nicht doch noch zu verlieren, entließ ich die beiden Männer direkt wieder.
Bestürzt ging ich zurück in mein Schlafzimmer. Die Tür zum Balkon stand offen. Es war recht frisch. Dennoch trat ich auf den Balkon und sah hinauf in die Sterne. „Warum?“, fragte ich leise. „Warum drängt ihr zusammen, was nicht zusammenpasst?“
Später aß ich eine Kleinigkeit. Obwohl ich keinen Alkohol mehr trank, war der Hunger nicht vollständig zurückgekehrt. Ob Aurelie auch weniger aß? Hatte sie überhaupt noch Zeit, um zu essen? Bestimmt. Sie wusste sich die Zeit schon einzuteilen. Ob sie noch ritt?
Ich fluchte leise, verdrängte die Gedanken an mein dummes Weib und griff zu einem Buch. Die Sonne ging gerade unter, als ich zu Bett gehen wollte, da klopfte es leise an der Tür. Stirnrunzelnd lief ich in den Gang, in Richtung Tür. Meine Grigoroi hätten nicht geklopft. Als ich öffnete, zog ich beide Augenbrauen nach oben. „Ja?“
„Majestät.“ Der Lehrling des Hohepriesters nickte zur Begrüßung mit dem Kopf. In seiner Stellung war das angebracht. „Dürfte ich eintreten, Majestät?“
Meine Augenbrauen wanderten noch höher. Dennoch öffnete ich die Tür weiter und ließ ihn herein. „Natürlich.“
Es wirkte fast, als wäre er nervös, als er in meine Gemächer schritt. Seine Bewegungen waren um eine Nuance abgehackter als es sonst der Fall war. Als ich die Tür wieder geschlossen hatte, fing er sofort an zu reden. „Eure Bitte heute … Ich denke, da gibt es vielleicht einen Weg.“
„Welchen?“ Sofort war ich bei meinen Gedanken wieder bei Aurelie. Beim Blutschwur. Und bei der Tatsache, dass man ihn vielleicht doch lösen könnte. Vielleicht hatte ich bald eine Lösung!
„Nun, wenn es Gerüchte gibt, dann werde ich geschickt. Meist, um zu bestätigen, dass es nur Gerüchte sind. So zum Beispiel das Gerücht um eine Kräuterhexe hoch im Norden, die …“ Er senkte den Blick und hob ihn wieder. „…die offenbar eine direkte Verbindung zu den Göttern hat. Ich konnte das Gerücht nie für nichtig erklären. Ich weiß nicht, ob es sie wirklich gibt, aber ich habe auch keinen gegenteiligen Beweis gefunden.
„Und wie steht der Hohepriester dazu?“ Ich verschränkte die Arme vor der Brust. Eine Kräuterfrau, die mit Göttern sprach? Das war nur den Hohepriestern vorbehalten.
„Er empfand es als … Schande, dass diese Fähigkeit einer Frau zugesprochen würde und unterband jedes weitere Wort dazu.“ Der Lehrling rieb sich die Hände. „Deswegen hätte er Euch auch niemals etwas davon berichtet. Vermutlich hat er es auch schon wieder vergessen. Es ist immerhin sicher drei Jahrhunderte her.“
„Wo habt Ihr von dieser Frau gehört?“ Ich hoffte auf eine Antwort, auf einen genauen Ort. Aber auch wenn ich diesen nicht bekäme … Ich wäre mittlerweile auch dazu bereit, den gesamten Norden auf den Kopf zu stellen, wenn es sein musste. „Wisst Ihr, wo sie lebt?“
Zu meiner Enttäuschung schüttelte er den Kopf. „Nein. Ich kann auch nur mutmaßen, dass ihre Nachkommen ihr Werk nach ihrem Tod fortgeführt haben …“
„Nach ihrem Tod?“ Oh. „Vergesst die Frage.“ Kräuterfrauen waren Menschen und diese hatten eine kurze Lebensspanne. Und wenn ich Pech hatte, würde niemand mehr wissen, wer die Frau damals gewesen war. Oder was sie wusste. Die einzige Hoffnung lag also darin, dass ihre Nachkommen ihr Werk fortgesetzt und ihr Erbe in Ehre gehalten hatten. „Danke, dass Ihr mir das mitgeteilt habt.“





































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