Kapitel 23 – So wie eine Mutter
Kapitel 23 – So wie eine Mutter
Aurelie
Als der Fürst die Tür hinter sich zuschlug, schluchzte ich das erste Mal richtig auf. Es war kein Wimmern, kein Weinen, nein. Es war dieser Laut, der einem entkam, wenn man vor lauter Druck auf der Brust keine Luft mehr bekam und röchelte, dabei aber gleichzeitig weinen, schreien und alles um sich herum zerstören wollte. Doch ich blieb stehen, zu einer Säule erstarrt, bebend am ganzen Leib und zerfetzte mich innerlich selbst. Den ganzen Kampf trug ich in mir, mit mir aus, und das so leise wie möglich. Schnodder lief mir aus der Nase über meinen Mund und wenngleich es kitzelte, nahm ich es nicht wahr und wischte ihn auch nicht weg. Immer wieder entkam mir dieser röchelnde, jaulende, herzzerreißende Laut. Ich krampfte, schlang meine Arme fest um meine Mitte und brach auf dem Boden zusammen.
Es tat alles weh. Meine Rippe stach, meine Hand brannte und mein Kopf drohte zu explodieren. Ich konnte nicht sagen, wie lange ich da lag. Sekunden, Minuten oder gar Stunden? Meine Knie waren angewinkelt und ruhten seitlich von mir am Boden, während mein Oberkörper auf dem Rücken lag, starrend Richtung Zimmerdecke. Meine Augen waren offen. Sie brannten. Aber ich schaffte es nicht, sie zu schließen. Ich stellte mir vor, wie ich direkt durch die Zimmerdecke hindurch sähe. Wie ich Ora-Fides zusammen mit Ignis-Robur am Himmelszelt stehen sähe, in Bestätigung und Huldigung der Verbindung, die ich heute einzugehen gezwungen worden war. Da standen sie am Himmel und blickten höhnend auf mich herab. Ich hatte gewusst, dass die Götter nichts für mich übrig hatten. Ich hatte längst verstanden, dass mir Ignis-Robur nicht wohl gesonnen war. Aber ihre Folter war schlimmer als jene, die mir Ashur die letzten Jahre zugemutet hatte. Denn gegen eine Göttin gab es keinen Kampf. Gegen eine Göttin gab es nur Versagen. Denn schlussendlich lag mein Leben in ihrer grausamen Hand.
Irgendwann rappelte ich mich auf. Ich spürte, wie meine Augen geschwollen und trocken waren. Sie brannten unentwegt und verlangten nach Ruhe, sowie auch mein restlicher Körper. Und Geist. Die Erlebnisse der letzten Stunden waren zu viel gewesen. Ich wollte nur noch schlafen. Ich wollte mich in einen traumlosen, schwerelosen und zeitlosen Zustand bringen, in dem ich vergessen könnte.
Träge griff ich nach dem Schal am Boden und wickelte ihn um meine noch immer leicht blutende Hand. Der Schmerz war dumpf, betäubt, aber er war da. Am Boden lag eine kleine Lache. Ich schleppte mich zum Bett hin, welches noch immer leicht nach meinem nun Verbundenen roch, und legte mich hin. Unwillkürlich rümpfte ich die Nase. Eigentlich müsste mich der Geruch beruhigen. Jetzt, nach dem Blutschwur, müsste ich seine Gegenwart, seinen Geruch und sein ganzes Sein eigentlich als beruhigend wahrnehmen. Als eine Art sichere Zuflucht. So hatte ich es zumindest einst gelesen. Doch dem war nicht so. Nein, ganz im Gegenteil. Dieser Mann machte mir furchtbare Angst. Ich hatte gespürt, was er gewollt hatte. Er hatte es direkt an meine Hüfte gepresst. Wobei das eher mein Unterbauch gewesen war, so groß wie die Götter ihn geschaffen hatten. Trotz dessen, dass ich meine Reife noch nicht erreicht hatte, war er bereit gewesen … Aber was wunderte es mich? Ulras hatte sich auch nie für mein Alter, meine Reife oder gar mein Befinden interessiert. Also wieso sollte es beim Fürsten anders sein. Einem Mann, der grundlos die ganze Königsfamilie abgeschlachtet hatte.
Nicht alle, kam es mir siedend in den Sinn. Der Schlimmste unter ihnen lebte noch.
Das Bett war weich und kuschelig. Die Laken sauber und angenehm auf der Haut. Und doch tat ich kein Auge zu. Mein Körper hatte sich längst beruhigt. Mein Herzschlag dürfte wieder abgeflacht sein – vermutlich war er sogar zu langsam. So kam mir auch meine Atmung vor. Viel langsamer, als sie sein sollte, aber ich fühlte mich nicht danach, schneller zu atmen. Generell zu atmen eigentlich. Würde mein Körper es nicht von sich aus tun, hätte ich ob meiner Lustlosigkeit einfach damit aufgehört. Ich fühlte mich ruhig. Nicht wohl, aber ruhig. Es erschien mir beinahe schon wahnwitzig. Völlig absurd. Gerade eben hatte sich der Fürst beinahe noch an mir vergangen, meine komplette Welt stand auf dem Kopf und wer wusste, wo Irina war? Die Einzige, die mir die letzten Jahre eine Freundin, ja gar eine … Familie gewesen war?
Meine Augen hatte ich geschlossen. So brannten sie nicht so sehr. Aber obschon meine Lider mir die Sicht verdeckten, tat ich diese Nacht kein Auge zu.
„Jetzt hör schon auf zu zappeln! Du weckst sie noch!“, flüsterte es von meiner Rechten.
„Ich bin halt eine unruhige Schläferin!“, zischte es von meiner Linken zurück. Zusätzlich wackelte das ganze Bett.
Stöhnend öffnete ich die Augen. Als ich mich allerdings aufsetzen wollte, hinderte mich irgendetwas daran.
„Jetzt hast du sie geweckt!“, kam es vorwurfsvoll von Rechts. Verwirrt blinzelnd erblickte ich Emili, welche einen Arm um mich geschlungen hatte. Als mein Kopf zur anderen Seite ruckte, lag da eine frech lächelnde Aurillia, die mich aber ungewöhnlich besorgt musterte.
„Alles in Ordnung, Prinzesschen?“, fragte diese auch sogleich in ihrer typisch neckenden Art.
„Was macht ihr hier?“, wollte ich schlaftrunken wissen.
„Du … Ihr habt…“
„Noch einmal das ‚Ihr‘ und ihr hattet einmal eine Arbeit“, knurrte ich und beschloss meine brennenden Augen einfach wieder zu schließen.
Aurillia kicherte, während Emili sich korrigierte: „Du hast unruhig geschlafen. Wir sind von deinen Schreien wachgeworden und wollten nach dir sehen.“ Mit ihrem Arm zog sie mich näher an sich und umarmte mich so von hinten.
„Naja, also ich wollte nach dir sehen. Emili war sich sicher, dass er noch bei dir liegen würde und wir euch in Ruhe lassen sollten.“ Eine kurze Pause trat ein, und ich konnte förmlich durch meine geschlossenen Lider sehen, wie die beiden einen Starwettkampf ausfochten. „Aber bei deinen Schreien wären wir sowieso gekommen. Ganz gleich, ob Herr Fürst noch bei dir gel… eh, sich befunden hätte.“
Ganz egal wie viel die beiden Streithähne sich noch an den Kopf warfen, im Moment war ich froh, sie zu haben. Im Moment waren sie ja auch das Einzige, was ich hatte …
Von einem Klopfen wurden meine tristen Gedanken unterbrochen. Im nächsten Moment schwang die Tür auf und Leeander trat herein.
„Prinzessin, Ihr sollt Euch vorbereiten.“
„Worauf?“, fragte Aurillia neugierig, während sich bei mir ein mulmiges Gefühl im Bauch breitmachte.
„Auf die Krönung. Gen Mittag sollt ihr bereit sein. Fürst Cyrus wird jemanden schicken Euch abzuholen.“ Mit diesen Worten wandte er sich schon wieder ab und wollte zur Tür hinaus.
„Nur die Krönung?“, fragte Emili stirnrunzelnd nach, weshalb sich der Grigoroi wieder umdrehte.
Mit einem Grinsen auf den Lippen antwortete er: „Nein. Es wird auch noch die offizielle Hochzeit stattfinden.“
Jetzt zog sich mein Magen erst recht zusammen.
Emili schüttelte den Kopf. „Wer soll sie zum Traualtar geleiten?“
Überrascht hob der Grigoroi die Brauen. „Wir haben keine solchen Bräuche, Mädchen. Vampire heiraten normalerweise noch nicht einmal vor irgendwelchen Augenzeugen. Das wird heute einzig gemacht, weil es sich um eine königliche Vereinigung handelt.“
„Aber sie kann doch nicht ganz allein zum Traualtar schreiten!“, protestierte nun auch Aurillia, doch der Grigoroi schüttelte nur den Kopf, wandte sich ab und ging zur Tür hinaus.
Als ich den Blick durchs Zimmer gleiten ließ, stachen mir die ersten Sonnenstrahlen in die Augen. So lange hatte ich lang nicht mehr geschlafen. „Ich sollte mich vorbereiten“, flüsterte ich niedergeschlagen und setzte mich auf. Ich kletterte über die laut maulende Aurillia und kam schließlich neben dem Bett zum Stehen, wo ich mich streckte, gähnte und gleich noch ein paar Tränen weg blinzelte.
Königin. Ich sollte Königin werden. Etwas, was mir niemals bestimmt war.
„Na komm, hoch jetzt“, versuchte Emili Aurillia zu motivieren, welche sich mit dem frühen Aufstehen scheinbar schwertat. „Aurillia holst du das Frühstück? Ich mache derweil das Bett“, dirigierte Emili, woraufhin Aurillia sie einen Moment kurz verständnislos ansah, gleich darauf aber große Augen bekam.
„Nein! Nein, ich will auch das Bett machen!“
Emili biss sich auf die Lippen. „Jetzt geh schon!“, ordnete sie an, mit einer Stimme, die sonst überhaupt nicht der ruhigen, besonnenen Emili entsprach. Tatsächlich, und sehr zu meiner Überraschung, zog Aurillia den Kopf ein und verließ ohne ein weiteres Wort das Zimmer.
Mit großen Augen sah ich ihr nach. Emili aber deutete mir, mich ins Badezimmer zu begeben. „Ich komme gleich und helfe Eu… dir, dich zu waschen.“
Ich winkte ab. Das wollte ich nicht. Und außerdem konnte ich mich sehr gut allein waschen.
Als ich aus dem Bad zurückkam, hatte Emili die Decke über das Bett ausgebreitet und suchte sie mir ihren Augen ab. Als sie mich bemerkte, drehte sie sich abrupt um, atmete aber erleichtert auf, als sie bemerkte, dass es nur ich war.
Emili knetete nervös ihre Hände. „Hat er… hat er …“ Schwer atmete sie aus. „Hat er dir weh getan?“, fragte sie zögerlich und machte sich daran, die Kopfkissen auszuschütteln. Dabei widmete sie ihrer Arbeit nur wenig Aufmerksamkeit, denn ihr Blick lag nach wie vor auf mir.
„Nicht … direkt“, antwortete ich, während die Bilder von letzter Nacht in meinem Kopf auftauchten. „Er hat mir nur ein Versprechen abgenommen. Dann ist er gegangen.“
„Welches?“, fragte sie neugierig.
„Dass ich ihn auch wirklich kröne. Was ich sowieso getan hätte, dafür hätte er mich nicht so behandeln müssen“, fügte ich mürrisch hinzu. Ich war mit diesem Mann verbunden. Ich könnte nicht mehr ohne ihn sein. Zumindest nicht der Aussage meiner ehemaligen Lehrer nach. Also wieso sollte ich ihn nicht krönen, wenn ich ihn doch zum Leben brauchte?
Emili nagte an ihrer Unterlippe und ich sah ihr an, dass sie gerne weitere Fragen gestellt hätte, aber sie schwieg, ging zur Tür, nahm die Klinke in die Hand, verharrte aber einen Moment und sah mich wieder an. „Willst du reden …?“
Als es an der Tür vom Gang her klopfte, zuckte sie zusammen öffnete aber sogleich. Sie sprach mit einer anderen Person, einer Frau, die ich nicht sehen konnte.
„Das passt jetzt nicht. Wirklich nicht.“
„Ich muss aber zu Asha!“, brauste die Person auf und meine Augen wurden feucht.
„Irina“, hauchte ich. „Emili! Lass sie rein!“
Emili drehte fragend den Kopf zu mir, aber ich deutete ihr, den Weg freizumachen. „Kann ich gehen? Ich wollte dein Kleid holen …“
Ich nickte ihr zu. Sie brauchte sich nicht um mich zu sorgen. Nicht, wenn Irina hier war. Die Tür wurde ganz geöffnet und Irina eilte auf mich zu und schloss mich in ihre Arme, kaum hatte sie mich erblickt. Fest drückte sie mich an sich und strich mit einer Hand über meinen Rücken. „Asha, was ist nur passiert? Warum bist du hier?“
Ich seufzte tief und schüttelte nur meinen Kopf an ihrer Brust. Ich war einfach froh, ihren mir bekannten Geruch einzuatmen. Aber da war auch etwas, was mich störte. Etwas, was meine Nase zucken ließ, ich aber noch nicht zuordnen konnte.
Sie löste sich von mir, um mir in die Augen sehen zu können. „Was ist passiert, Kleine?“
„Er hat herausgefunden, wer ich einmal war.“ Mehr musste ich nicht sagen.
Irina verstand und schlug sich sofort die Hand vor den Mund. „Und was machst du jetzt hier? Ist das hier nicht sein Zimmer? Seine Gemächer?“
Ich nickte steif. „Naja, ich bin jetzt ja auch seine … Frau.“ Allein es auszusprechen, ließ mich beinahe würgen. „Sag mal Irina …“, fing ich langsam an, und begann wieder an ihr zu schnüffeln. „Wieso riechst du nach ihm?“
„Oh …“, machte Irina, trat einen Schritt zurück und riss dann die Augen auf. „Oh!“ Sie blinzelte ein paar Mal und fuhr sich mit einer Hand durch das Gesicht. „Ich wusste nicht … also … Er hat mich die Nacht auf dem Flur gesehen und … und er hat mich aus dem Schloss geworfen.“
„Oh. Tut mir sehr leid. Er ist nicht sehr … freundlich.“ Betrübt senkte ich den Kopf und warf mich erneut in Irinas Arme, welche die Umarmung auch sofort erwiderte.
„Alles gut, meine Kleine. Aber jetzt müssen wir dich hier rauskriegen. Irgendwie. Wir fliehen zusammen. Ich habe dir ein besseres Leben versprochen und hier werden wir es sicher nicht finden.“
„Was?!“ Empört ließ ich sie los und ging ein wenig auf Abstand. „Irina, ich kann nicht! Ich habe mein Wort gegeben! Ich habe geschworen, an seiner Seite zu stehen! Und außerdem … bin ich jetzt mit ihm verbunden. Ich werde niemals imstande dazu sein, ein Leben ohne ihn zu führen“, presste ich mit knirschenden Zähnen hervor.
„Was? Wie … Du meinst, du stirbst ohne ihn? Das ist doch Quatsch! Du brauchst ihn nicht!“ Sie griff nach meiner Hand und achtete nicht darauf, dass dieselbe noch dick eingewickelt war.
„Ah!“ Ich schrie laut auf; meine Hand zog ich reflexartig zurück. Augenblicklich stachen mir Tränen in die Augen, ohne dass ich es hätte verhindern können.
„Was ist denn …?“ Ihr Blick glitt zu meiner halbherzig verbundenen Hand. „Ach du meine Güte! Asha, was ist passiert?“
„Das Ritual erforderte Blut“, murmelte ich abwesend. „Irina“ Schmerzlich sah ich zu ihr auf. „Es ist richtig, genau das heißt es. Ich kann ihn nicht ausstehen, das stimmt, aber dennoch würde es mich dahinraffen, bliebe ich ihm fern!“
„Und wie weit entfernt kannst du ihm sein? Er war immerhin die Nacht draußen und ist davon nicht gestorben.“ Sie schnaufte, nahm meine Hand und wickelte vorsichtig den notdürftigen Verband ab.
Genau in dem Moment wurde die Tür geöffnet. Aurillia trat ein, die ein großes Tablett in den Händen hielt. Als sie Irina erblickte, fiel es ihr fast herunter, aber sie schaffte es gerade noch, das Tablett abzustellen.
„He! Was machst du da?“, fuhr sie Irina wütend an und war nach wenigen Schritten bei ihr, um Irina von mir wegzuziehen. „Lass sie in Ruhe!“
„Nicht, Aurillia! Das ist Irina. Sie war mir die letzten Jahre wie eine Mutter!“
Augenblicklich hielt Aurillia inne. „Deine Mutter?“
„Wie meine Mutter!“, knurrte ich. Wo meine Mutter war, wusste sie ganz genau.
„Also übergibst du sie dem Fürsten?“, wollte das viel zu neugierige Mädchen nach einer Weile hallender Stille von Irina wissen und neigte den Kopf fragend schief.
Irina schien mit dieser Frage überfordert. „Du siehst mich als eine Art … Mutter?“, fragte sie mich gerührt und ihre Augen begannen leicht zu glänzen.
Plötzlich ging die Tür wieder auf und Emili trat herein, ein schwarzes, spitzen besetztes Kleid auf den Armen tragend.
„Ich habe gerade noch Leeander getroffen! Er hat gesagt, die Zeremonie beginnt in zwei Stunden!“ Mit diesen Worten begannen sowohl Emili als auch Aurillia um mich herum zu hasten, mich einzukleiden, meine Haare zu bändigen und hochzustecken. Ich kam mir vor wie die Mitte eines Sturms, ich war ruhig und um mich herum tobte es. Zum Schluss hielt mir Aurillia wieder die Schmuckstücke der Königin hin, aber ich schüttelte den Kopf. Nie und nimmer würde ich das tragen. Es waren noch nicht einmal zwei Tage seit ihrem Tod vergangen, und ich sollte ihren Platz einnehmen. Das war irrsinnig!
„Hast du schon gegessen?“, warf Irina plötzlich ein, die bisher, eher schweigsam, auf dem Sofa gesessen und hie und da geholfen hatte.
Verneinend schüttelte ich den Kopf. Aber ich bezweifelte auch, dass ich jetzt etwas essen konnte, und das wusste auch Irina. Diese Frau kannte mich manchmal besser als ich mich selbst.
„Nimm ruhig.“ Ich deutete auf das Tablett, gefüllt mit Essen, welches Aurillia vorhin gebracht hatte. Irina lächelte schwach, begab sich schließlich aber zu dem Tablett. So wie die letzten Tage gelaufen waren, hätte es mich nicht gewundert, wäre sie an nichts Essbares gekommen. Insbesondere wenn sie augenscheinlich hier ausgeharrt hatte, bemüht darum, mich zu finden.
Am Ende stand ich in einem langen, schwarzen Kleid vor dem Spiegel. Der Kragen war hochgeschossen, sodass man meinen Hals nicht sah, meine Arme waren frei. In einer roten Stickerei prangte das Wappen der Königsfamilie auf meiner Brust. Ich kannte das Kleid. Ich hatte es immer zu zeremoniellen Anlässen getragen. Heute aber sah es anders aus.
Neben dem rot gestickten Drachen, dem Wappentier der Königsfamilie, fand sich neu auch ein in Silber gesticktes Einhorn auf meiner Brust. Wer auch immer das die letzten Stunden nachträglich hinzu gestickt hatte, hatte definitiv ein Händchen dafür. Es wirkte nicht so, als kämpften die beiden, wie es sonst in jeder jemals existierenden Darstellung gezeigt wurde. Nein, die beiden Tiere umgarnten sich gegenseitig. Es wirkte fast schon wie eine Liebkosung. Geradezu ironisch, wenn man um die Grobschlächtigkeit meines Gemahls wusste.
Mein Haar war in eine Frisur gesteckt, zu der man sowohl Prinzessinnendiadem als auch Krone tragen konnte. Ersteres lag momentan auf meinem Haupt, allerdings nicht wie das letzte Mal eingeflochten in mein Haar, sondern gänzlich lose. Es wäre das letzte Mal heute, dass ich es tragen würde. Die Mädchen hatten mich leicht geschminkt. Nur sehr dezent, immerhin besaßen Vampire generell eine Schönheit, welche die der Menschen übertraf. Sobald man die Reife hinter sich gebracht hatte, zumindest. Irina fummelte derweil gerade noch an meiner Hand herum und verband sie neu. Über den neuen Verband zog ich lange, schwarze Handschuhe an, die mir bis zu den Ellbogen reichten.
Als hätte man uns beobachtet, klopfte es genau in diesem Moment. Der Grigoroi, Leeander, trat ein. „Ich soll Euch abholen, Eure Hoheit.“

































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