Kapitel 25 – Unerwartete Hilfe

Kapitel 25 – Unerwartete Hilfe

 

Aurelie

„Ihr seid alles, was das Volk noch habt, nun, wo der König tot ist. Bald verbreitet sich die Nachricht im ganzen Land. Und ihr fehlt, um das Chaos zu verhindern.“

Jetzt, wo der König tot ist. Der König tot ist? Jetzt wo …

Es dauerte, bis seine Worte zu mir durchgesickert waren. Ich riss die Augen auf. „Was?!“ Doch mein Entführer hatte den Raum längst verlassen. Aber das konnte nicht sein. Es musste gelogen haben! Oder er meinte den ehemaligen König! Meinen Onkel! Ja, das musste es sein. Und doch war jede Faser meines Körpers aufs Äußerste gespannt. Ich hätte es spüren müssen, wenn Cyrus gestorben wäre … oder? Ich meine, Seiblings Gattin hatte es gespürt. Sie war vor Schmerz direkt vor seinem hängenden Leichnam zusammengebrochen. Aber ich fühlte nichts!

Nach einer Weile spürte ich, wie mir Tränen über die Wangen hinab über meine Lippen liefen und sie befeuchteten. Salz drang mir in den Mund und machte mich darauf aufmerksam, wie durstig ich eigentlich war. Mein Blick huschte zum Tisch. Sowohl die Laterne als auch das Essen standen noch da. Aber nichts zu trinken. Und ich würde mich hüten, noch mehr Schwäche zu zeigen! Dass ich mich selbst für blöd verkauft hatte, hatte den einfachen Grund gehabt, Zeit zu schinden. Ich würde ganz sicher keine Almosen von meinen Entführern entgegennehmen!

Scheinbar wollte mich der eine ermorden und der andere plädierte halbwegs auf die Gesetze, die Vampirkinder schützten. Seiner Aussage nach käme ich hier wieder lebendig raus, sollte ich unterschreiben.

Bevor ich es unterdrücken konnte, entkam mir ein hysterisches Lachen. Für wie blöd hielt mich dieser Mann? Ich hatte ihre Gesichter gesehen. Ich hatte ihre Stimmen gehört. Ich wusste, wie sie rochen. Wenn sie mich wieder freilassen würden, wären sie dümmer als ich mich stellte!

Aber sollte Cyrus wirklich tot sein … dann hatten sie recht. Dann lag das Reich wirklich nur noch auf meinen Schultern und damit auch die volle Entscheidungsgewalt.

 

Ich musste eingeschlafen sein, denn ich wurde wach, weil mir plötzlich bitterkalt war. Tropfend klebten mir die Kleider am Körper, Wasser lief mir über die Augen, den Mund, und als ich einatmen wollte, auch noch in die Nase. Panisch ruderte ich mit den Armen und war froh, festen Boden unter mir zu spüren. Erst dann schlug ich die Augen auf und sah in das grinsende Gesicht des hünenhaften Vampirs. Hinter ihm stand der andere, der zufrieden nickte und sich dann wieder an den Tisch setzte. „Gut, dann können wir weitermachen.“



Eisige Kälte breitete sich in mir aus, aber ich konzentrierte mich darauf, nicht zu zittern. Ich durfte keine Schwäche zeigen! Folglich biss ich fest die Zähne zusammen und erwiderte nichts.

„Das dritte und letzte Dokument, das Ihr unterschreiben werdet.“ Er hob es hoch und begann damit, es vorzulesen. Es sollte Immunität für alle Vampire geben, die an der Entführung beteiligt waren. Kein Vampir sollte für dieses Vergehen geahndet werden können. Sämtliche Straftaten, die darüber hinaus folgten, dienten einem höheren Ziel und durften ebenfalls nicht belangt werden. „Steht auf, setzt Euch und unterschreibt die Dokumente!“

Ich lachte hysterisch auf, um meine Schwäche zu verstecken. Mein ganzer Körper zitterte wie verrückt und es schauderte mich durchweg. Beim Klang meines Lachens wurde ich an den Wahn meines kranken Bruders erinnert. Vielleicht lag das Verrücktsein ja in der Familie. „Träumt weiter“, spottete ich und rieb mir das Wasser aus den Augen, das mir von den Haaren tropfte. Meine ganze Kleidung war bis auf den letzten Stofffetzen durchnässt und klebte mir wie eine zweite Haut am Körper. Angespannt linste ich zu meiner Brust. Ich hoffte nur, sie sahen nichts … trotz der Bandagen hatte ich das lockere Hemd nicht ohne Grund gewählt.

„Euch wird klar sein, dass Ihr hier nur lebend rauskommt, wenn ihr diese Dokumente unterschreibt. Wobei mich brennend interessiert, wie diese Welt nach ein paar Jahrzehnten Anarchie aussehen wird.“ Er musterte mich eindringlich und beugte sich dabei zu mir vor. „Die Menschen werden dann noch weit weniger Schutz besitzen, als wenn Ihr Euch ergebt und unterschreibt. Ist Euch das bewusst?“

Der Große schnaufte verächtlich, packte mich an den Haaren und zog mich schmerzhaft auf die Beine. Ich schrie unter Schmerzen auf, schlug und trat nach ihm, aber es kümmerte ihn nicht. Er grinste nur wieder. Dieser elende Sadist! „Sie ist doch selbst zur Hälfte ein Mensch. Das macht sie schwach!“

Dagegen konnte ich irgendwie nur schwerlich etwas sagen. Ich war zur Hälfte Mensch, auch wenn ich noch von keiner Vampirschwangerschaft gehört hatte, bei der ein Menschenkind geboren worden war.

„Wieso tut ihr das alles?“ Wo blieb mein Rettungskommando?



„Weil die Änderungen zu weit gehen. Ursprünglich wollten wir Euch nur gefangen nehmen und König Cyrus damit erpressen. Aber, dass der nun tot ist, macht die Sache einfacher.“

Als ob das funktioniert hätte. Cyrus wäre froh gewesen um meinen Tod. „Woher wollt ihr das wissen? Dass er tot ist?“

Nun lächelte der Mann das erste Mal. Jedoch war es ein kaltes, herzloses Lächeln. „Er hat den Toten Wald betreten. Ein Ort ohne Wiederkehr, der seinem Namen alle Ehre macht. Und die Tatsache, dass seine Grigoroi unauffindbar sind, spricht für sich.“ Er wurde wieder ernst und nickte dem anderen Mann zu. Dabei deutete er mit einer Hand auf den Stuhl. „Erspart uns also Euren falschen Heldenmut und unterschreibt diese Verfügungen.“

„Eher sterbe ich“, knurrte ich und kniff wütend die Augen zusammen. Ich versuchte, mich aus dem Griff des Großen zu winden, erfolglos. Seine Hand in meinem Haar klammerte sich mit einer ungeheuren Kraft fest.

„Wenn es das ist, was Ihr wünscht, werden wir Euch diesen Wunsch erfüllen. Dann soll diese Welt brennen und untergehen.“ Er nickte dem Mann zu, dessen Hand noch immer schmerzhaft an meinen Haaren zog. Kurz darauf landete seine Faust mit voller Wucht in meinem Magen.

„Hmph!“ Und so fühlte es sich an, wenn etwas gebrochen war. Großartig. Aber mit einer gebrochenen Rippe konnte man durchaus noch kämpfen! Tränen nahmen meine Augen ein. „Ihr foltert also ein Kind, ja? Wer ist hier erbärmlich?“, brachte ich hustend hervor.

„Ihr seid es, die sich den Tod wünscht. Ich würde Euch sofort gehen lassen.“

Nun landete eine Hand in meinem nassen Gesicht. Die Wucht des Schlages ließ meinen Kopf zur Seite schnellen. In meinem Ohr hallte ein schriller Ton, meine Wange wurde brennend heiß. Dadurch, dass ich noch nass war, schmerzte es umso mehr. Einen Moment lang sah ich schwarze Punkte vor meinen Augen tanzen. Ich griff nach dem Arm des großen Kerls und wollte mich abstützen, bis ich wieder klare Sicht hatte. Allerdings schubste der mich von sich, sodass ich auf dem nassen Boden landete und schmerzhaft aufstöhnte. Meine Hand flog zu meiner Lunge, der plötzlich jede Luft fehlte. Röchelnd sah ich auf. Vielleicht war es das Dümmste, was ich jemals sagen würde. Oder vielleicht brachte es mich hier raus. „Dann macht …“ Wieder musste ich husten und wälzte mich auf dem Boden. Stach mir die Rippe jetzt etwa in die Lunge, oder wieso tat das so fürchterlich weh? Erstickt sprach ich weiter: „… es gefälligst richtig und richtet mich mit dem Schwert!“ Ich spuckte, dann rappelte ich mich langsam und mit gequältem Gesicht wieder hoch. Lange, nasse Strähnen fielen mir über die Augen. „Na los!“, schrie ich wie von Sinnen.



Keiner von beiden trug ein Schwert bei sich. Hätten sie das, hätte ich längst einen Versuch gewagt, es ihnen abzunehmen.

Der Mann am Tisch seufzte schwer. „Ihr bekommt eine Stunde. Wenn Ihr dann immer noch den Wunsch verspürt, zu sterben, gewähre ich ihn Euch.“

Die beiden verliessen den Raum. Ich hörte, dass sie draußen vor der Tür noch miteinander sprachen. Aber ich verstand kein Wort davon.

Schluchzend brach ich zusammen. So viel dazu. Würde ich jetzt wirklich sterben? Mein verheulter Blick glitt zu den Pergamenten auf dem Tisch. Und für den Tausendstel einer Sekunde war ich versucht, meine Unterschrift unter die Dokumente zu setzen. Aber sollte ich wirklich sterben, dann wäre es besser, die Gesetzeslage so zu belassen, wie sie momentan war. Außerdem war es nicht sicher, dass Cyrus tot war … er könnte es, vielleicht …

Wimmernd vergrub ich mein Gesicht in meinen Händen. Nein. Es war nicht möglich, jemals wieder aus diesem Wald zu entkommen. Cyrus hatte sein eigenes Todesurteil unterschrieben. Und meins damit gleich mit. Und wenn die Nachricht bereits bis in die Hauptstadt durchgedrungen war, dann war er schon seit einigen Tagen zwischen diesen verfluchten Bäumen verschollen und hauchte vermutlich gerade seinen letzten Atemzug aus. Ein verzweifeltes Lachen drang meine Kehle hoch. „Vielleicht stirbt er ja gleichzeitig wie ich.“ Das wäre dann doch immerhin ein dramatisches Ende der Monarchie.

Aber wenn ich schon starb, dann konnte ich zumindest einen meiner Entführer gleich mitnehmen, dachte ich grimmig und erhob mich entschlossen. Ich wischte die Tränen aus meinem Gesicht; meine Miene verfinsterte sich. Ich sah mich um. Ich brauchte irgendeine Waffe. Dabei blieb mein Blick an einem der Stühle haften. Genauer gesagt, an dessen Beinen. Das gäbe doch vier wunderschöne Pflöcke. Da hatte mir der Tod meiner Mutter ja doch noch etwas Nützliches beigebracht.

Entschlossen ging ich auf den Stuhl zu, eine Hand an meinen schmerzenden Brustkorb gedrückt. Jeder Atemzug war eine Zumutung. Beim Tisch angekommen, griff ich nach dem schweren Holzstuhl. Dabei tat sich schon das erste Problem auf. Ich konnte das Teil in meiner momentanen Verfassung kaum heben. Also legte ich ihn hin und sprang auf eines der Stuhlbeine. Der Stuhl kippte, das andere vordere Bein schlug mir an die Schienbeine und ich fiel nach hinten. „Auuu!“ Jännerlich heulte ich auf, über die Schmerzen in meinem Steiß und meinen Schienbeinen jaulend, stand aber so schnell wie möglich wieder auf. Schwarze Schlieren nahmen mein Sichtfeld ein. Vielleicht wäre es gar nicht so blöd gewesen, doch etwas zu essen. Ich versuchte es nochmal. Und nochmal. Immer mit dem gleichen Ergebnis. „Ah!“ Wie hatte das bei Cyrus auch nur so leicht wirken können?! Meine Fäuste landeten mit einer Wucht auf der Sitzfläche des Stuhls. Ich konnte nicht mehr! Frust, Wut, Stress und Verzweiflung wurden immer mehr. Doch als meine Hände auf dem massiven Holz landeten, splitterte es plötzlich, als wäre ein Hammer eingeschlagen. Fassungslos starrte ich auf den Stuhl – der jetzt eher ein Holzgestell ohne Sitzgelegenheit war.



Die Tür öffnete sich wieder und die beiden Männer traten ein. Keiner von beiden hatte ein Schwert dabei. Stattdessen hielt der Große einen Strick in der rechten Hand. Beide blieben sie in der Tür stehen. Der Kleinere mit der Narbe musterte mich.

„Habt Ihr unterschrieben?“, Sein Blick ging zum Stuhl. Offenbar schätzte er ab, ob ich eine Bedrohung darstellte.

„Nein.“ Ich schüttelte stoisch den Kopf. Noch immer war ich fassungslos über das, was soeben mit dem Stuhl geschehen war. „Und ihr habt das Schwert vergessen.“ Wie sollte ich denn mit einem Strick gegen die beiden kämpfen? Mein Blick glitt zu den Holzsplittern vor mir. Das … wäre natürlich auch eine Möglichkeit.

„Die Mehrheit hat abgelehnt, Euch mit dem Schwert zu richten. Das bedaure ich wirklich, denn es wäre ein schneller Tod gewesen.“ Erneut nickte er dem Größeren zu, der mit schnellen Schritten auf mich zukam. Dabei zogen sich seine Mundwinkel verräterisch nach oben. „War mein Vorschlag, dich zu hängen. So, wie du Minister hast hängen lassen! Gute, ehrbare Vampire!“

„Vampire, die versucht haben, mich zu ermorden!“, fauchte ich zurück, griff unauffällig nach einem der größeren Splitter und versuchte mich rückwärts von ihm zu entfernen.

„Was sie versucht haben, wird uns gelingen“, grinste der Große selbstsicher und trat auf mich zu. „Weglaufen bringt dir nichts!“

„Will ich nicht!“ Ich sprang auf ihn zu und zielte mit dem spitzen Holzstück direkt auf sein Herz. Es brauchte aber auch nicht sein Herz zu sein. Es würde mir eigentlich schon reichen, wenn es ihn irgendwo durchbohrte, wo es ihn davon abhalten würde, weiter eine Bedrohung für mich zu sein.

Das Holz durchbohrte seine Haut; augenblicklich flutete der Geruch von Blut den Raum. Allerdings blieb das doofe Stück stecken!

Wütend schlug der Mann nach mir. Mir jedoch kam es so vor, als bewegte er sich in Zeitlupe. Schnell duckte ich mich, die Stirn überrascht gerunzelt. Der große Holzsplitter rutschte mir fast aus meiner Hand, als ich es wieder herauszog. Ich realisierte, dass ich eine Rippe getroffen hatte. Ich müsste ein kleines Stückchen höher oder tiefer …

Erneut holte er aus. Ich drehte mich rechtzeitig zur Seite, hatte die Länge meines Haars aber nicht einkalkuliert. Das verdammte Wasser hatte meine Frisur gelöst, sodass sie mir nun fast bis zur Hüfte reichten! Der Grobian bekam mich an den Haaren zu fassen, riss mich schmerzhaft herum und schlug nach dem Stück Holz in meiner Hand.



Ich sah, wohin er schlagen wollte. Und ich sah, welcher Teil seines Körpers dadurch ungeschützt war. Schnell nahm ich das spitze Holzstück in die andere Hand und trieb es in seinen Bauch. Er ächzte unter Schmerzen auf, schleuderte mich von sich und warf mich mit voller Wucht gegen die Wand. „Diese verdammte Ziege!“, schrie er wütend.

Der Aufprall mit der Wand entzog mir jegliche Luft. Röchelnd versuchte ich, mich wieder aufzurichten, doch ich spürte nur noch Schmerz. Mein ganzer Körper schien aus nichts anderem mehr zu bestehen. Ich drückte mich mit meinen Armen hoch – und fiel sofort wieder stöhnend zu Boden. „Scheiße“, hauchte ich, als ich realisierte, dass ich mich nicht mehr bewegen konnte. Nicht einmal mehr aufrichten konnte ich mich. Nach wie vor drückte mir meine Rippe in die Lunge. Ich hustete fest – und spürte Blut auf meine Hände spritzen. Ich roch es. Ebenso wie ich das Blut des Großen riechen konnte. Mein Verstand wurde immer verschwommener, während mein Kiefer so sehr anfing zu schmerzen, dass ich laut zu schreien begann. Mein Körper versuchte, sich auf dem Boden zu winden, hatte dafür aber nicht mehr die Kraft.

„Ahh!“ Es war, als würde es in Schüben verlaufen. Immer wieder drückte es, ließ wieder ein wenig nach und begann wieder zu drücken. „Was ist das?“, wimmerte ich verzweifelt, während mir Tränen über die Wangen rannen und dem Blut auf meinen Händen Gesellschaft leisteten. Wieder nahm der Schmerz Fahrt auf und meine Schreie zogen in ein reissendes Crescendo.

„Was hast du gemacht?“, fragte der Kerl an der Tür vorwurfsvoll. Der Mann, der noch etwas Anstand besaß.

„Sie stirbt doch sowieso. Ist doch egal, in welcher Verfassung sie ist, wenn sie erst hängt.“

Langsam, keuchend hob ich meinen Kopf und sah, dass er ein Ende des Seils bereits über einen Balken geworfen hatte und dabei war, eine Schlaufe zu knoten.

Der Kleinere hockte sich neben mich, griff mit einer Hand unter mein Kinn und zog mit der anderen meine Oberlippe hoch. „Ist nicht wahr …“, staunte er sichtlich irritiert. „Sie hat ihre Zähne!“ Er drehte sich halb zum Großen um. „Ihre Reife … Das ändert alles!“

„Das ändert gar nichts!“, rief der Große und griff sich an den Bauch, der mittlerweile nicht mehr blutete. Dennoch klebte das Blut an seinem Hemd und der Geruch erfüllte den Raum.



Nahe der vollkommenen Erschöpfung setzte der grellende Schmerz wieder ein. Ich hatte gar keine Zeit, mich über Worte des Kleineren zu wundern. Meine Schreie schwollen wieder an. Meine Reißzähne drückten sich weiter durch mein Zahnfleisch und ließen mich vor Qual schwarzsehen. „Ahhhh!“ Mein Körper schlug um sich, blind für die Ursache seiner Qual. Schwer nach Luft schnappend, klang mein Schrei ab, bevor er noch ein letztes Mal anschwellen sollte.

Dann lag ich auf dem Boden; mein Körper kapitulierte nach dem ungeheuren Schmerz. Ich konnte mich nicht mehr regen. Nur meine Augen lagen offen und schielten angstvoll zu dem Vampir über mir, während sich mein Brustkorb nur langsam hob und senkte. Deutlich hörbar und mit schwerem Röcheln drang ein klein wenig Luft in meine Lungen. Ich hörte meinen eigenen Herzschlag. Er war langsamer als noch vor wenigen Momenten. Mein Körper hatte die Wandlung vollzogen, wurde mir in dem Moment bewusst. Ich war erwachsen. Normalerweise würde das gefeiert. Als Prinzessin hätte ich mir jetzt einen Sklaven aussuchen dürfen und mich an ihm laben, bis ich nicht mehr konnte. Meine Mutter hätte sich zeremoniell in die Hand geschnitten, ihr Blut in einen Kelch laufen lassen und mir zum Trinken gegeben, als Zeichen der Aufnahme in die Familie.

Meine Zunge schoss vor und benetzte gierig meine Lippen, wobei sie an meinen Fängen anstieß, die mir einen ungläubigen Ton entlockten.

Der Mann vor mir, dessen Hand noch immer meinen Kiefer gehalten hatte, der zugesehen hatte, wie sich meine Fänge durch mein Zahnfleisch geborht hatten, zog seine Hand nun zurück und wirkte unschlüssig.

Ich hingegen wusste ganz genau, was ich wollte. Diese Zähne wollten zubeißen. Ich wollte Blut trinken! Dieser Drang war so stark, dass ich sogar das Blut unter der Haut des Mannes wahrnehmen konnte. Das Rauschen, das Pochen seines Herzens! Noch bevor er seine Hand komplett weggezogen hatte, griff ich danach und biss, getrieben von einem Urinstinkt, kräftg in sein Handgelenk. Sofort ließen die Schmerzen ein wenig nach und ich spürte das wohltuende, warme Blut meine Kehle hinunterrinnen. Es benetzte meine Zunge und schmeckte so unendlich gut, dass ich einen Augenblick alles um mich herum vergaß.



Mein Opfer bewegte sich leicht. Sofort schoss mein Blick zu ihm und ich fluchte innerlich, weil ich meine Augen geschlossen hatte. Ausgerechnet hier! Vor den beiden Männern, die mich töten wollten!

Aber der Mann vor mir blieb ruhig. Er versuchte nicht einmal, mir das Handgelenk zu entreißen. Stattdessen beugte er sich noch etwas weiter vor und schirmte mich mit seinem Oberkörper ab. „Lauf“, flüsterte er leise. „Rechts die Treppe hoch, erste Tür links!“

„Hast du was gesagt?“, fragte der Große.

Statt zu antworten, sah der Mann mich eindringlich an und ließ zu, dass ich weiter, wie im Vollrausch sein Blut trank.

Noch einmal schluckte ich, ehe ich mich mit aller Macht dazu bringen konnte, von ihm abzulassen. Ich blickte zu der Wunde, zu ihm, und weiter zum Großen, der sich gerade, sichtlich zufrieden mit seinem Werk, die Hände in die Hüfte stemmte. Mein Mund ging auf, als wollte ich etwas sagen, aber der eindringliche Blick des Mannes, dem ich gerade eben noch das Blut ausgesaugt hatte, ließ mich stumm bleiben und ihn nur ehrfürchtig anstarren.

Als das Blut Wirkung zeigte und meinem Körper beim Heilen half, stieß ich einen stummen Schrei aus. Meine Rippe pochte. Schmerz bedeutet Heilung. Hatte meine Gouvernante das gemeint, als ich vor Jahrzehnten einst vom Baum gefallen war?

Raus! Erinnerte mich mein Verstand. Ich musste hier weg! Rechts eine Treppe, dann links. Meine Augen schielten an den beiden Männern vorbei, zur Tür. Dann fasste ich Mut und rappelte mich langsam auf. In diesem Moment drehte sich der Große zu mir, ein breites Grinsen auf dem Gesicht.

„Na sieh einer an. Sie kann wieder stehen“, brachte er spöttisch lachend hervor. „Dann kann sie ja selbst her zu mir kommen.“ Er rieb sich erwartungsvoll die Hände.

Meine Fänge, vollständig ausgefahren, ließen mich das erste Mal im Leben inbrünstig fauchen. Ein Grollen aus meinem tiefsten Inneren gesellte sich hinzu und ließ das Fauchen zu einem aggressiven Knurren anschwellen. Mein Fokus lag einzig und allein auf dem großen Vampir, der mich geschlagen hatte. Das würde er bereuen!

Ich war kurz davor, anzugreifen, als ich eine Berührung an der Schulter spürte. Der Vampir, an dessen Blut ich mich eben noch gelabt hatte, hatte sich seitlich neben mich gestellt, sodass seinem Kumpanen sein Gesicht verborgen blieb. „Lauf!“, sagte er tonlos, mit einer Eindringlichkeit, die mir einen Schauder durch den Körper fahren ließ.



Ich nickte. Dann rannte ich blitzschnell los, direkt auf die Tür zu. Für einen kurzen Moment verschwamm die Welt um mich herum. Doch kaum war ich durch die Tür, kam ich stolpernd zum Stehen. Das grelle Licht einer Fackel blendete mich und meine Sicht wurde für einen Moment weiß. Es verging keine Sekunde, da spürte ich, wie sich eine kalte Hand um meinen Hals legte und wurde mit dem Rücken gegen eine Wand gedrückt.

 

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