Kapitel 26 – Das Debüt

Kapitel 26 – Das Debüt

 

Cyrus

Die Panik stand Aurelie förmlich ins Gesicht geschrieben. Fürsorglich legte ich einen Arm um sie und zog sie etwas näher an mich. Das führte allerdings dazu, dass sie sich noch mehr versteifte. Ich ließ meinen Blick über den Thronsaal schweifen. Ein paar Diener räumten bereits die Stühle fort. Im Flur vor der großen, halboffenen Doppeltür standen eine Handvoll Vampire, und ich ahnte, dass sie absichtlich dort stehen geblieben waren. Der heutige Tag war besonders wichtig, denn nun musste ich den Gästen meine Qualitäten als fürsorglicher Ehemann vorführen. Sie würden mich nur als ihren König akzeptieren, wenn ich mich auch an unsere heiligsten Gesetze hielt. Wie eben, einem Vampirkind kein Haar zu krümmen, es zu umsorgen und zu beschützen.

Sanft zog ich Aurelie vom Balkon fort, zurück zum Thron. Dort nahm ich meine schwere Krone ab, legte sie auf das Sitzkissen und wiederholte selbiges bei Aurelie. Danach hob ich ihren Kopf an, indem ich zwei Finger unter ihr Kinn legte. „Gab es einen Tanz, den du besonders gern mochtest?“ Ich schenkte ihr ein Lächeln und überblickte aus den Augenwinkeln den Saal. „Wir können hier ein paar Schritte üben, bevor wir hinausgehen.“ Ich sah, wie es förmlich hinter ihrer Stirn arbeitete. Ihr Blick glitt stirnrunzelnd durch den Saal. Ich nahm ihre Hand und führte sie ein paar Schritte in den Raum hinein. „Was hältst du von einer Palé? Du hast die Palé von Ignis-Robur sicher oft üben müssen?“ Sie nickte leicht und ihre Nase kräuselte sich dabei etwas. Der Tanz gefiel ihr nicht, was ich gut verstehen konnte. Meine Mundwinkel zuckten. Zu ihr vorgebeugt flüsterte ich: „Ich finde die Palé auch sehr langweilig. Aber die Schritte sind einfach und sehr langsam.“

Aurelie wirkte noch immer sehr unsicher. Kurzentschlossen nahm ich Haltung an und führte sie die ersten Schritte. Sie war tatsächlich sehr unbeholfen. Mehrmals drohte sie, über ihre eigenen Füße zu stolpern, zudem guckte sie immerzu stur auf den Boden. Und trotzdem trat sie mir schon nach kurzer Zeit auf den Fuß. Mit jedem falschen Schritt wurde sie unsicherer. Ihr Herz klopfte so wild, dass ich dadurch fast aus dem Takt kam. Ihr Atem beschleunigte panisch.



„Mach dir keine Gedanken, Aurelie“, murmelte ich sanft. „Jeder weiß, dass du noch sehr jung bist. Niemand wird ein Wunder von dir erwarten, also musst du dich nicht selbst unter Druck setzen.“ Sie verzog das Gesicht. Ich sah ihr an, dass sie darauf etwas erwidern wollte, es aus Sorge oder Angt jedoch dabei beliess. „Du kannst ruhig auch kleine Fehler machen. Durch dein langes Kleid sieht niemand, wenn du zwei, drei kleine Schritte machst, um wieder mit dem rechten Fuß zu beginnen.“

Je mehr ich redete, desto sicherer wurde sie. Ob es an meinen Worten oder an meiner Stimme lag, vermochte ich nicht zu sagen. Vielleicht die Mischung aus beidem, vielleicht auch schlichtweg das Üben an sich.

„Jetzt kommt der Teil, indem ich vor dir aufs Knie gehe. Du wirst später am Takt der Musik hören, wann du um mich herum gehen musst.“ Ich ging auf ein Knie. Sofort wollte Aurelie vor mir zurückweichen. Mein Griff um ihre Hand wurde fester, sanft übte ich Druck auf ihren Handrücken aus. Nicht schmerzhaft, sondern beruhigend, so hoffte ich zumindest. „Ich klopfe mit dem Daumen auf deine Hand, dann machst du einen Schritt. Es wird ganz einfach sein.“

Ihr Blick huschte gehetzt durch den Saal, trotzdem ging sie den langsamen Kreis um mich herum. Immer ein Schritt, wenn ich ihr auf den Handrücken tippte. Nur über meinen Fuß wäre sie fast gestolpert. Ich erhob mich wieder und wir wiederholten die Tanzschritte. „Du wirst merken, dass es mit Musik noch viel einfacher wird.“

„Ich habe noch nie … Also …“, stotterte sie flüsternd und ihr Herzschlag, der sich während der Wiederholung wieder erholt hatte, klopfte nun noch heftiger in ihrer Brust.

„Was hast du noch nie? Getanzt? Es ist sicher schon einige Jahre her, aber ich konnte mich ja soeben davon überzeugen, dass du die Schritte nicht vergessen hast.“ Ich lächelte ihr aufmunternd zu.

„Noch nie vor … vor so vielen Leuten“, gestand sie leise und senkte ihren Blick.

„Ich würde ja sagen, dass du mich nur ansehen solltest, aber vermutlich hilft dir das auch nicht sonderlich. Es sei denn, ich habe plötzlich rote Haare und Brüste“, scherzte ich. Diese Frau … Ich musste unbedingt mit Lee über sie reden.

Geschockt sah sie zu mir auf. „Bitte tut Irina nichts!“ Kurz schweifte ihr Blick hinunter zu meiner Brust, und ihre Mundwinkel zuckten. „Außerdem bezweifle ich, dass Euch das besonders stünde“, flüsterte sie kaum hörbar und sah gleich darauf peinlich berührt zu Boden.



Ich seufzte leise. War ich gestern zu grob zu ihr gewesen? Hatte ich sie zu sehr bedrängt und bedroht? „Ich habe ja nun, was ich will. Warum sollte ich also dir oder einem deiner Freunde etwas tun?“ Ich versuchte zu lächeln, aber so recht wollte mir das nicht gelingen. War ich zu weit gegangen? Mit einem Räuspern griff ich wieder ihre Hand. „Komm, wir haben genug geübt. Die Gäste warten.“

Unter leichtem Protest führte ich Aurelie aus dem Thronsaal. Der große Saal für Bankette und Empfänge war am Ende des Flures, und ich merkte mit jedem Schritt, wie Aurelie ihren Kopf ein wenig mehr anhob und Haltung annahm. Bevor ich mit ihr den großen Saal betrat, warf ich einen Seitenblick auf meine viel zu junge Frau. Sie presste die Lippen leicht zusammen und ihre Nase reckte blasiert in die Luft. So hatte sie auch schon kurz vor der Hochzeit und der Krönung ausgesehen. Die Arroganz und Hochnäsigkeit in Person. Das opulente Leben als Prinzessin des Goldenen Reiches hatte aus ihr ein verwöhntes Kind gemacht. Zwar war sie die letzten Jahre offensichtlich schlecht behandelt worden, aber hier zeigte sich ihr wahres Naturell. Das Trauma, das ihr vermutlich Ashur zugefügt hatte, würde schon bald vergessen sein. Und dann würde sie mir in den Rücken fallen, um das Zepter, welches sie heute nicht bereit gewesen war, gänzlich abzugeben, komplett an sich zu reißen. Ja, vermutlich würde sie sogar versuchen, den Tod ihrer Familie zu rächen. Noch war sie schwach, teilweise sogar tollpatschig, wie die kurze Tanzübung zeigte. Aber sobald sie ihre Reife durchlebt hätte, würde sie zu meinem größten Feind werden. Und dennoch müsste ich sie weiterhin beschützen. Zumindest ein paar Jahre lang. Bis meine Herrschaft gesichert war.

Jetzt galt es allerdings, die Gäste zu unterhalten und sie von mir zu überzeugen. Kaum hatten wir den Saal betreten – umgeben von den ehrerbietig geneigten Köpfen der Adeligen –, führte ich Aurelie zum Buffet, nahm ein kleines Stück Obst und hielt es ihr an die Lippen. „Wir essen erst. Danach können wir mit einem Tanz den Ball eröffnen. Lass die Gäste ruhig etwas warten, Liebes. Dein Wohl als junge Königin geht vor. Das wird jeder hier verstehen.“

Überrascht sah sie zu mir empor. Trotz der fürchterlichen Arroganz in ihren Augen konnte ich ihre zukünftige Schönheit beinahe schon vor Augen sehen. Doch zugleich waren da diese kindlichen Züge an ihr. Nicht nur an ihrem noch ungereiften Körper, sondern auch in ihrem Verhalten, ihrer Art zu denken, fielen sie auf. Ihr Schwur immer brav zu sein beispielsweise …



Um uns herum hatte sich eine Schar aus schaulustigen, gespannten Gesichtern versammelt. Als Aurelie nicht weiter auf mich reagierte, wurde mein Blick warnend. Schnell besann sie sich und öffnete den Mund. Ich sah ihre Unsicherheit. Zweifel, wie sie mit der Situation umzugehen hatte. Vielleicht war sie aber auch von meiner momentanen Freundlichkeit verwirrt. Als ihr Mund weit genug geöffnet war, schob ich ihr das Fruchtstück vorsichtig hinein. Damit sie sich nicht daran verschluckte, hielt ich in der Mitte inne und sie biss zu. Langsam, sachte und mit einer Vorsicht, die ihr ihre Angst gebot.

Nachdem wir beide ein paar Happen gegessen hatten, führte ich sie etwas beiseite und winkte Lee heran. „Sie sollen eine Palé spielen. Aber etwas langsamer als üblich.“

Leeander verneigte sich und entfernte sich wieder. Mit meinem Blick folgte ich ihm, bis er in der Menge verschwand. Alle Vampire tratschten, lachten und aßen, als wäre es völlig normal, dass ein König gestürzt und ein neuer König gekrönt wurde. Aber unter dieser Fassade erkannte ich Unsicherheit und Angst. Würde sie in Wut und Hass umschlagen? Hatte ich nicht nur die Grigoroi von Ashur zu fürchten? Würden sie es überhaupt wagen, noch mal einen Fuß in dieses Schloss zu setzen?

Als die Musik ertönte, positionierte ich uns mittig auf der Tanzfläche, legte einen Arm locker hinter meinen Rücken und verneigte mich vor Aurelie. Zeitgleich knickste sie und senkte dabei demütig den Kopf. Nach einem kurzen Vorspiel begann der Tanz. Vampirkinder waren ungeschickt, tollpatschig und zumeist nicht gesellschaftstauglich. Dafür hielt sich die Kleine erstaunlich gut. Für eine Königin jedoch, ar ihr Auftritt grottig.

Dadurch, dass die Musik etwas langsamer gespielt wurde, kam sie besser mit. Trotzdem trat sie mir einmal auf den Fuß und zum Ende hin stolperte sie über ihre eigenen Füße und wäre gestürzt, hätte ich sie nicht rechtzeitig festgehalten. Schnell nutzte ich die Gelegenheit und baute eine spontane Drehung ein, sodass ihr Fehler kaum bemerkt wurde. Stattdessen brachte es uns bewundernde ‚Ahs‘ und ‚Ohs‘ ein. Am Ende des Tanzes verbeugte ich mich wieder und deutete einen Kuss auf ihren Handrücken an. „Ein wunderbarer Tanz, meine Königin. Vielen Dank.“



Auch sie führte einen Knicks aus und hackte sich kurz darauf in meinen dargebotenen Arm ein. „Dem kann ich nur zustimmen, mein König.“ Leiser fügte sie hinzu: „Danke für Eure vergängige Hilfe.“

Überrascht sah ich sie an. Doch sie blickte nicht zu mir auf, sondern hatte ihr Gesicht dem Rand des Geschehens zugewandt. Die Verwirrung aus meinem Gesicht tilgend, setzte ich ein Lächeln auf und führte sie aus der Masse hinaus in Richtung Wand, wo des Anlasses wegen einige Canapés aufgestellt worden waren.

„Setz dich, ich hole dir etwas zu trinken“, bot ich an und deutet auf die komfortable Sitzgelegenheit.

Dankend nickte sie und setzte sich, während ich bereits wieder zwischen den Vampiren verschwand und das Buffet ansteuerte. Jeder Gast machte mir bereitwillig Platz, sodass ich schnell bei den Getränken war. Ich nahm ein Glas Wein und setzte direkt an, es in einem Zug leerzutrinken. Meine Fangzähne fuhren aus und drückten unangenehm gegen das Glas, während ich trank. Mein Blick glitt über die Gäste. Carina näherte sich mir. Ihr Kleid war aus schwarzer Spitze und bei jedem Schritt schimmerte ihre perfekte Haut durch den dünnen Stoff. Das Kleid lag eng an, selbst an den Oberschenkeln, sodass sie nur kleine Schritte gehen konnte. Das sah so ungemein gut aus, dass sich bei mir schon bald ein gewisses Körperteil bemerkbar machte. Aber hier, unter all den Gästen, konnte ich mir kaum an die Hose greifen, um meinem kleinen Freund etwas mehr Platz zu geben!

„Mein König“, flüsterte Carina leise und vollführte einen galanten Knicks, der mir einen tiefen Einblick in ihr aufreizendes Dekolleté ermöglichte.

Ich reichte Carina eine Hand, um ihr aufzuhelfen. Diese ergriff sie sofort und unsere Blicke begegneten sich. Zu gerne würde ich sie nun von dieser Veranstaltung fortlocken, eine leere Kammer aufzusuchen und sie mit meinem Samen befüllen. Später. „Du musst mir deinen ersten Tanz freihalten.“

„Sehr gerne, Eure Majestät“, flüsterte sie verführerisch.

Ich gab ihr einen Handkuss und sie entfernte sich. Ich gönnte mir einen Blick auf ihren wohlgeformten Hintern und die ansehnlichen Rundungen ihrer Hüfte. Seufzend riss ich mich von dem Anblick los und sah zu dem Mädchen, das vollkommen ohne Kurven war, dafür aber meine Gattin. Einige Männer standen bei ihr. Meine Stirn legte sich in Falten. Es wirkte, als ob die Vampire gerade meine Königin bedrängten. Wahrscheinlich wollten sie sich einen Tanz sichern, aber selbst das würde ich nicht erlauben. Ein kleiner Fehltritt und das ganze Volk würde über Aurelie spotten. Ganz davon abgesehen, dass es kein Mann wagen durfte, die Königin um einen Tanz zu bitten. Sie war im Rang zu hoch, um direkt angesprochen zu werden.



Eilig griff ich nach einem Glas Saft und ging zurück zu Aurelie, die mich bereits ausgemacht hatte. Es schien mir, als würde sie mit ihrem Blick um meine Hilfe bitten, diese lästigen Männer abzuwimmeln. Mit einem aufgesetzten Lächeln reichte ich Aurelie das Glas und wandte mich mit einem genervten Räuspern an die Männer, die es wagten, meine Frau zu bedrängen.

„Die Königin wird heute nicht mehr tanzen“, entschied ich knapp.

Die jungen Vampire trollten sich – einige eine Entschuldigung murmelnd.

Aufatmend reichte ich ihr das Glas, welches sie wie augenblicklich an ihre Lippen führte, um einen kleinen Schluck zu nehmen. „Danke“, murmelte sie leise, woraufhin ich ihr einen amüsierten Blick zuwarf.

„Wofür denn?“, fragte ich und schmunzelte.

Sie verschluckte sich und hielt errötend eine Hand vor ihren Mund. „Für …“ Sie hustete. Als sie damit fertig war, räusperte sie sich verhalten. „Für beides, nehme ich an.“ Sie traute sich nicht so recht mir in die Augen zu sehen, also blieb ihr Blick auf meiner Brust haften. Leise seufzend setzte ich mich zu ihr und hob mit der Hand sanft ihr Kinn an.

„Heute müssen wir ein paar wichtige Gespräche führen und es wird ein schrecklich langer und vor allem langweiliger Tag. Schaffst du das?“ Ich sah ihr tief in die Augen, denn es war gerade heute wichtig, dass sie trotz fehlender Reife keine Schwäche zeigte. Die Adligen wollten sich heute davon überzeugen, dass das neue Königspaar ihr Land regieren und ihre Interessen vertreten würde. Der heutige Tag war der erste, ganz besonders wichtige Eindruck. Wir durften nicht versagen.

Ich sah sie leicht schlucken, aber sie hielt den Kopf erhoben und nickte mir entschlossen zu. „Ja, das schaffe ich.“ Ihre Augen wanderten durch den Raum. „Wer zuerst?“

Meine Mundwinkel zuckten. Tapferes Mädchen. „Die Fürsten. Du kennst ihre Namen? Alles über ihre Familien?“

Ungläubig hob sie die Augenbrauen, dann fing sie leise an aufzuzählen: „Kretos, Fürst des Nordens. Er ist der jüngste. Er kam gerade ins Amt, als ich … für tot erklärt wurde. Seine Eltern starben in einem Kampf gegen Rebellen. Wappentier Elfe. Geschlecht des Vide-Ludoris. Dann ist da Fürst Andyr und seine Frau Adaline, Fürst und Fürstin des Südens. Sie haben einen gemeinsamen Sohn, Ellroc, aber er ist noch nicht in die Reife gekommen?“ Unsicher sah sie mich an. Doch ich nickte und bestätigte ihr die Information. Ohne Umschweife fuhr sie fort: „Ihr Wappentier ist die Nymphe, ihre Göttin Vitas-Ulcus. Und dann gäbe es noch Euch. Das Einhorn. Aber ich denke, der Osten braucht jetzt einen neuen Führer.“ Sie zuckte die Schultern.



„Was weißt du noch über die Fürsten?“, fragte ich nach und musterte sie. Die bisherigen Informationen waren alle oberflächlich und in jedem Geschichtsbuch nachzulesen.

„Ist das hier wirklich der richtige Ort, um …?“ Sichtlich unwohl sah sie sich in dem großen Saal um, ehe ihr Blick wieder mir galt.

Ich schmunzelte und führte rasch ihre Fingerspitzen an meinen Mund, um mein Lächeln zu verbergen. Sie verstand also, worauf ich hinaus wollte. All der Tratsch, der nur hinter vorgehaltener Hand erzählt wurde. All die Informationen, die nur hinter verschlossenen Türen weitergegeben wurden. Aurelies Auffassungsgabe war bemerkenswert. Ein weiteres Indiz dafür, dass ihre Reife nahte. Auch, wenn ihr Blick unschuldig und naiv war, zeichnete sich schon jetzt eine wache Intelligenz ab.

„Du wirst heute beobachten. Versuche anhand der Gestik und Mimik zu erkennen, was die Vampire wirklich denken.“ Ich war gespannt, wie viel sie trotz ihrer kindlichen Art schon erkennen würde. Wie kritisch und argwöhnisch sie vorging oder ob ihr Blick durch ihre Unschuld noch getrübt war.

Unwohl presste sie die Lippen zusammen. „Ich … ich mache das nicht gerne“, gestand sie und senkte ihr Haupt.

„Es ist wichtig, Aurelie. Du musst erkennen, ob dein Gegenüber lügt oder die Wahrheit sagt. Du musst erkennen, was dein Gegenüber mag und was nicht. Es hilft dir, deinen Weg zu gehen und dich in dieser Welt zu bewähren.“ Ich stockte kurz, denn es würde auch bedeuten, dass sie mich bald analysieren würde und mich vielleicht zu gut durchschauen könnte. „Was erzählt man sich im Goldenen Reich über mich und darüber, wie meine Eltern gestorben sind?“

Kurz kam ihr Atem zum Stillstand. „Ich weiß nicht“, murmelte sie ausweichend. „Ich war die letzten Jahre nicht gerade in der Position, Fragen zu stellen oder mich mit Politik zu beschäftigen“, fügte sie leise an.

Dennoch war mir nicht entgangen, dass sie meiner Frage ausgewichen war. „Was erzählt man sich über mich?“, insistierte ich.

Nach langem Zögern seufzte sie leise auf, trank einen Schluck und fing schließlich an zu sprechen: „Nun, ich habe mich nie weiter mit Euch befasst, bis Euer Antrag kam. Natürlich kannte ich Euren Namen, den Ruf und die Herkunft Eurer Familie, aber nichts Persönliches. Als allerdings Euer Begehr um meine Hand uns erreichte … Ich …, also erst war ich begeistert“, gestand sie zögerlich. „Doch dann hat mir der König Dinge über Euch erzählt. Dass Ihr grausam wäret. Dass mir eine solche Verbindung nur Leid brächte …“



In ihren Augen musste ich genau dem Bild entsprechen, welches ihr der vorherige König in den Kopf gesetzt hatte. „Das meiste davon stimmt sicherlich. Du wirst Zeit genug haben, dir ein eigenes Bild über mich zu machen.“ Wenigstens würden Gespräche mit ihr nicht allzu langweilig werden. „Bereit, dich deiner neuen Rolle zu stellen?“, hakte ich nach, stand allerdings im selben Atemzug auf und zog Aurelie mit mir.

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