Kapitel 28 – Eine unvergessliche Nacht
Kapitel 28 – Eine unvergessliche Nacht
Cyrus
Ich betrachtete das schlafende Mädchen eine Weile. Ihr Atem ging gleichmäßig und ihr Gesicht entspannte sich. Sie wirkte nun wieder so viel jünger als noch während der Krönung. Kurz rüttelte ich an ihrer Schulter, allerdings schlief Aurelie bereits tief und fest. Mein Blick wanderte zu ihrem Rücken. Das Korsett würde ihr keinen bequemen Schlaf bescheren. Also beugte ich mich über sie und begann, die Schnüre zu lockern. Ich hatte schon unzähligen Frauen das Kleid ausgezogen, und dieses hier war nicht anders. Als das Rückenteil offen war, machte ich mich daran, das Korsett zu lösen, welches darunter lag. Danach zog ich der schlafenden Aurelie beides aus. Sie blinzelte nur müde, als ich ihre Arme durch die Ärmel zog und sie dafür auf den Rücken legte. Mit einem leichten Ruck zog ich das Kleid über ihre Hüfte. Jetzt lag sie nur noch in ihrem Unterkleid auf dem Bett. Im Unterkleid und Schuhen.
Das Kleid warf ich auf den Boden. Kopfschüttelnd zog ich ihr die Schuhe aus, bevor ich auf die andere Seite vom Bett schaute. Einen Moment überlegte ich, sie einfach auf die andere Seite zu rollen. Wahrscheinlich würde sie davon nicht mal wach werden. Schlussendlich seufzte ich jedoch nur tief und deckte sie zu. Ihre Klamotten schob ich mit dem Fuß etwas zur Seite und entledigte mich des Rests meiner eigenen Kleidung. Anschließend schlüpfte ich in eine kurze Schlafhose, ging um das Bett herum und legte mich hin. Ich nahm nur wenig von der Decke. Durch jahrelange Erfahrungen wusste ich nur zu gut, dass Frauen im Schlaf dazu neigten, wahre Deckenmonster zu werden. Sie entwickelten eine unglaubliche Kraft, wenn es darum ging, sich die Rechte an der Decke zu sichern. Ein Grund, warum ich eigentlich alleine zu schlafen pflegte. Da ich allerdings schon letzte Nacht wach geblieben war, musste ich mich nun ausruhen. Zudem wollte ich Aurelie nicht alleine lassen. Nicht in dieser und den nachfolgenden Nächten. Denn da gab es noch ein Problem, um das ich mich bisher nicht gekümmert hatte. Erst, wenn meine Soldaten hier eintrafen, würde ich mich diesem Problem annehmen können. Bis dahin würde ich Aurelie schützen müssen.
Natürlich wäre es einerseits praktisch, sollte Aurelie sterben. Dann hätte ich Thron und Krone für mich allein. Aber es würde kein gutes Licht auf mich werfen, sollte die Königin so früh sterben. Das Volk würde mich als König absetzen wollen, vermutlich eher lynchen. Daher gereichte es mir nur zum Vorteil, die angeblich letzte Überlebende einer einst großen und wichtigen Monarchie, zu beschützen. Ein gemeinsames Kind würde meine Nachfolge sichern. Doch das könnte Jahrhunderte dauern.
Meine Gedanken wurden immer zäher. Bald schon fiel ich in einen leichten Schlaf.
Schritte weckten mich. Sie waren noch ein Stück entfernt, leise, aber schwer. Ich blieb liegen; das Atmen führte ich nach kurzem Stocken wieder fort. Neben mir lag Aurelie. Ich spürte ihre Körperwärme unter der Bettdecke, hörte ihren gleichmäßigen Atem und ihr ruhig klopfendes Herz. Was ich nicht hörte, war ein weiterer Herzschlag. Entsprechend war die fremde Person kein Mensch und auch kein Vampir.
Die Schritte verstummten für einen Moment; die Tür zum Schlafgemach ging auf. Ich lauschte. Der Atem von Aurelie veränderte sich, ihr Herzschlag wurde schneller. Also war sie ebenfalls aufgewacht. Erst wollte ich nach ihr greifen, aber sie hätte sich nur erschrocken, also blieb ich still liegen. Die fremde Person trat näher und ging zielstrebig auf das Bett zu. Auch Aurelie blieb still liegen, doch sie hielt den Atem an. Ihr Herzschlag wurde immer schneller. Das hörte auch der Eindringling; seine Schritte waren ruhig und bedächtig.
Wie hatte er unbemerkt in meine Gemächer kommen können? Leeander war sonst immer in der Nähe. Der Gedanke, dass dieser fremde Grigoroi meinen besten Freund und engsten Vertrauten getötet haben könnte, erschien mir zu abwegig. Dennoch wallte Sorge in mir auf.
Ganz langsam ging der Mann auf die Seite des Bettes, auf der ich sonst selbst zu schlafen pflegte. Vielleicht war er im Besitz von Wissen über meine Schlafgewohnheiten, oder aber Aurelies schnellpochendes Herz lockte ihn an.
Noch bevor der Grigoroi bei ihr ankam, sprang ich aus dem Bett. Sofort schnellte der Fremde zu mir herum und ich erkannte im schwachen Mondlicht, welches durch das Fenster schien, zwei dunkle Augen, die mich überrascht anstarrten. Dann verflog diese Überraschung, und der Grigoroi legte den letzten Meter zum Bett zurück. Dort packte er Aurelie an den Haaren und zog sie unsanft aus dem Bett. Im selben Moment glänzte die Klinge eines Dolches an ihrem Hals.
„Kein Schritt weiter!“, schrie der Grigoroi.
Ich blieb an Ort und Stelle stehen und hielt den Angreifer im Blick. „Sonst was? Dann tötest du die Königin? Dabei hatte ich bis eben noch geglaubt, du wärst einer der klügeren Grigoroi.“
Der Angreifer presste wütend die Zähne aufeinander, fing dann aber fies an zu grinsen. „Ihr habt etwas vergessen, oh großer König.“ Gut, er wollte reden, das gab mir Zeit. „Ich lebe noch. Also muss mein Erschaffer, der Kronprinz, auch noch leben. Und nun habe ich die Königin in meiner Gewalt. Wenn Ihr sie lebendig wollt, dann ergebt Euch!“
„Es wäre dumm, wenn du die Frau tötest, die eigentlich Ashur heiraten sollte“, merkte ich ruhig an und versuchte Aurelie einen beruhigenden Blick zuzuwerfen. Während wir redeten und er sich ablenken ließ, konnte ich die Statur des Angreifers genauer in Augenschein nehmen, auch wenn das Licht nur spärlich ins Zimmer schien. Er war gut gebaut und muskulös. Er war definitiv ein Mann fürs Grobe. „Du kannst sie nicht töten. Ja, nicht einmal verletzen. Das würde dein Herr dir nie verzeihen. Selbst, wenn es dir gelänge, ihn zu befreien.“
Der Fremde drückte die Klinge des Dolches fester gegen den zarten Hals meiner Gemahlin und sie wimmerte leise auf. Aber sie blieb still stehen und abgesehen vom Wimmern kam ihr kein Ton über die Lippen. Tapferes Mädchen.
Ich brauchte nur einen kleinen Moment der Unachtsamkeit, um den Grigoroi zur Strecke zu bringen. Und diesen Moment würde Aurelie mir verschaffen müssen. Auch, wenn sie in meinem Plan eine Gefahr war, eine unbekannte Variable … Ich wusste nicht, wie sie handeln würde. Aber egal, wofür sie sich entscheiden sollte, es würde mir diese wenigen, wertvollen Augenblicke verschaffen.
„Ich habe einen Vorschlag, Grigoroi. Ich lege eine Waffe auf dieses Bett. Und die Königin wird es sein, die mich töten darf. Damit sichert sie sich einen Platz an der Seite deines Herren, Ashur.“ Während ich das sagte, öffnete ich eine Schublade und holte meinen Dolch heraus, den ich zumeist nur zu besonderen Anlässen trug. Die letzten Tage hatte ich ihn aber wegen Aurelie nicht getragen. Am Ende hätte sie ihn mir noch entwendet und mich damit hinterrücks erdolcht.
Der Grigoroi ging mit Aurelie, die er wie einen Schild vor sich hielt, weiter in den Raum hinein. Also legte ich den Dolch sichtbar ans Fußende des Bettes und trat anschließend wieder zurück. Einige Schritte nur. Danach ließ ich mich auf beide Knie sinken, die Hände erhoben. „Lass die Königin los, wenn dir dein Leben lieb ist. Sie wird diejenige sein, die mich tötet, das wird dein Herr so wollen.“
„Wieso solltest du das tun? Dich freiwillig töten lassen?“, spuckte mir der Grigoroi wütend entgegen. „Denkst du wirklich, ich würde glauben, dass dir dein Leben so wenig lieb ist? Dass du dich eher noch von einer Frau freiwillig ermorden lassen würdest, als mutig zu sterben?“
Er glaubte mir nicht. Verständlich, mein Plan war nicht gerade wasserdicht. „Sie hasst mich. Frag sie, was ich ihr angetan habe.“ Ich setzte ein frivoles Grinsen auf meine Lippen, welches ihn eigentlich nur einen Schluss ziehen ließ. Doch zu meiner Überraschung grinste er zurück.
„Ja, das kann sie gut, nicht?“ Bei seinen Worten kam ich irritiert ins Stocken, während er den Dolch stärker gegen ihren Hals drückte, sodass ein kleines Rinnsal Blut ihren Hals hinabfloss. Aurelie wimmerte leise auf. „Also, König. Wieso solltest du dein Leben für ihres opfern?“
War die Frage ernst gemeint? „Sie ist mein verbundener Vampir.“
„Und dafür bist du bereit, zu sterben? Hältst du mich für so dumm, ja?“
Also eigentlich … „Natürlich kann ein Grigoroi das nicht verstehen …“, fing ich mit Bedacht an, „aber verbundene Vampire würden alles füreinander tun. Auch sterben.“
Er hob eine Augenbraue, dann schaute er hinunter auf Aurelies Kopf. „Na, was wollen wir denn, klein Asha? Willst du deinen ach so wertvollen verbundenen Vampir selbst erledigen, oder soll ich das tun? So oder so, Ashur wird über dieses Land herrschen und du wirst an seiner Seite sein, da, wo du hingehörst. Vielleicht haben wir aber auch noch ein letztes Mal etwas Spaß miteinander? Na, was denkst du?“
Aurelie zitterte mittlerweile. Ob vor Angst oder Wut, konnte ich nicht sagen. Was der Grigoroi sich hier gerade herausnahm, war absolut respektlos.
„Ich will ihn töten“, flüsterte sie leise, mit bebender Stimme.
„War er etwa so schlecht, als er dich genommen hat?“, höhnte der Grigoroi lachend, führte Aurelie aber langsam, und noch immer mit dem eigenen Dolch an ihrem Hals, zum unteren Bettende hin.
Sie presste die Lippen aufeinander. Vor dem Bett angekommen, schlossen sich ihre Augen für einen Moment, ehe sie sie wieder öffnete. Nun spiegelte sich darin blanker Hass.
„Isodor“, flüsterte sie leise, „nimm den Dolch bitte weg.“ Sie konnte nicht nach dem Dolch auf dem Bett greifen, wenn er ihr seinen noch immer so eng an den Hals drückte. Und ich konnte nichts machen, solange dem so war. Allerdings fragte ich mich, woher sie seinen Namen kannte. War ihr etwa jeder Grigoroi bekannt? Normalerweise wurden Grigoroi lediglich als Diener gesehen. Als Abschaum, der aber über den Menschen stand. Ihre Namen waren für die adeligen Vampire unbedeutend. Ebenso ihre Existenz, immerhin waren sie ersetzbar.
„Nein Prinzesschen. Du kannst ihn auch so umbringen.“
Demonstrativ streckte sie die Hand nach dem Dolch aus. Endlich begriff dieser dümmliche Grigoroi, was Sache war, und ließ ihr gerade genug Freiraum, sich ein klein wenig nach unten zu bücken und nach der edlen Metallklinge zu greifen.
„Danke Isodor“, säuselte sie, die Klinge überraschend sicher in ihrer Hand liegend. „Isodor“, gab sie hauchend von sich und versuchte sich langsam zu ihm umzudrehen.
„Was soll das werden, klein Asha?“, fragte der Grigoroi streng.
„Ich möchte … ich möchte, dass du mich küsst. Ich habe mich nach dir gesehnt“, gestand sie leise, ihre Stimme dem Brechen nahe.
„Vor ihm?“
Sie warf mir einen kurzen Blick zu, den ich nur fassungslos erwidern konnte.
„Willst du ihm nicht zeigen, wem ich wirklich gehöre?“ Nun hatte sie sich gänzlich umgedreht und schaute mit großen Augen zu ihm auf. „Bitte. Du warst immer so gut zu mir.“
Mir kam fast das Abendessen wieder hoch. Er lockerte tatsächlich den Griff um den Dolch und sah sie beinahe … liebevoll an.
„Oh, Asha …“ Sein Blick richtete sich auf ihre Lippen und auch mein Blick war gefesselt von dem Anblick, den die beiden mir boten. Ich verstand absolut nicht, was hier gerade vor sich ging. Langsam senkten sich seine Lippen auf ihre ab. Sie legte indessen ihre linke Hand in seien Nacken und zog ihn zu sich hinunter. In diesem Moment machte sich ihre rechte Hand selbstständig, holte aus und stach zu.
Sie traf ihn im Bauch. Überrascht taumelte er zurück, aber nicht, ehe sie den Dolch noch einmal in der Wunde gedreht hatte. Seinen Dolch hatte er fallen lassen, seine Hände auf seine Wunde gepresst. Aurelies Gesicht war grimmig und spiegelte reinsten Hass wider.
„Du verfluchtes Miststück!“, fluchte er und wollte auf sie zustürmen, doch nun war ich dran. Und ich war schnell. Noch bevor er die letzte Silbe von sich gegeben hatte, war ich bei ihm und presste meine Hand in die Wunde an seinem Bauch. Der Geruch von Blut stieg mir in die Nase, als ich seinen Magen ergriff und mit einem Ruck aus ihm herausriss.
Es hielt sich hartnäckig das Wissen, dass ein Vampir mit einem Pflock durch das Herz getötet werden musste. Einen Grigoroi konnte man hingegen nicht auf diese Weise töten. Ihr Herz schlug seit der Verwandlung nicht mehr. Stattdessen war der Magen jetzt ein Blutspeicher, an dem sich die anderen Organe bedienten, um zu funktionieren.
Nachdem ich den Magen aus seinem Körper gerissen hatte, warf ich ihn zu Boden. Der Dünndarm schlängelte sich aus dem offenen Bauchraum. Der Grigoroi presste beide Hände an seine Wunde und versuchte, den Darm wieder in seinen Körper zu drücken. Dabei wurde sein Gesicht blasser und blasser. Bevor er zu einer weiteren Reaktion imstande war, packte ich seine Haare mit beiden Händen, brachte ihn zu Fall und griff von beiden Seiten nach seinem Kopf. Es brauchte nur eine schnelle Drehung, kombiniert mit einem festen Ruck und schon hatte ich sein Haupt in den Händen.
Meine Fangzähne hatten sich herausgedrückt und die Mordlust packte mich. Ich warf den Kopf auf den Boden und starrte Aurelie an. „Der Dolch“, forderte ich und deutete zu der Schublade, aus der ich ihn genommen hatte. Ich würde einen neuen Ort dafür suchen müssen. Und Aurelie zur Rede stellen, warum sie so mit diesem Grigoroi gesprochen, ja, sogar einen Kuss gefordert hatte! Hatte sie etwa schon sexuelle Erfahrungen gesammelt?!
Wie versteinert stand sie da, die Hand mit dem Dolch noch immer ausgestreckt, als stünde das Opfer noch vor ihr.
„Aurelie!“, knurrte ich wütend. „Der Dolch!“ Demonstrativ zeigte ich auf die Schublade. Nun fokussierte sie ihren Blick zuerst auf mich, dann auf den Dolch. Zuvor hatte er unverwandt an der Leiche geklebt. Oder eher, einen Meter daneben – an des Opfers Kopf.
„Aber er ist … voll mit …“, begann sie beinahe apathisch, ehe sie ihn urplötzlich fallen ließ, sich die blutige Hand vor den Mund schlug und aus dem Zimmer stürmte. Nun, immerhin hatte ich sie jetzt nicht mehr mit einem Dolch in der Hand hinter mir stehen. Die Klinge landete mit einem lauten Scheppern am Boden und besprenkelte den unmittelbaren Umkreis mit tiefrotem Blut. Ich hob die Klinge auf, folgte Aurelie aus dem Schlafzimmer und sah gerade noch, wie sie im Badezimmer verschwand. Kurz darauf hörte ich sie heftig würgen. Für den Moment beachtete ich sie nicht weiter, riss die Tür zum Flur auf und stolperte direkt über einen Körper.
„Lee!“ Mein treuer Freund lag auf dem Boden. Seine Augen flatterten, also lebte er noch! Ich kniete mich neben ihn, zog seinen Kopf auf meinen Schoß und suchte nach Verletzungen. Eine Stichwunde im Herzen. Nicht tödlich für einen Grigoroi, aber trotzdem war die Verletzung schwerwiegend. Ich zögerte nicht, biss mir ins Handgelenk und presste es auf seinen Mund. „Trink!“, befahl ich, auch wenn er mir mehr bewusstlos als ansprechbar schien. Mein Blut floss seine Kehle hinab. Ein raues Schlucken ertönte. Einmal. Zweimal. Angespannt presste ich meine Lippen aufeinander. „Wach wieder auf, mein Freund. Das ist ein Befehl!“ Meine Stimme zitterte.



































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