Kapitel 30 – Rolf

Kapitel 30 – Rolf

 

Aurelie

Still hatte ich mich in der Ecke meines Käfigs zusammengekauert. Mein Bedürfnis, Stimmen zu hören, hatte sich mit den mittlerweile täglichen Besuchen meiner Zellenwächter, verabschiedet. Meine beiden Eingänge brannten von der stetigen groben Behandlung. Immer wenn die beiden die Lust überkam. Mir schauderte.

Immerhin hatte ich einen Wasserkessel in einer Ecke stehen. Hauptsächlich nutzte ich ihn zwar zum Trinken, doch ich wusch mich auch damit. Entfernte ihre in mir zurückgelassenen Hinterlassenschaften.

Es musste eine Woche her sein mittlerweile. Die Idee, mich den beiden anzubieten. Und es zerriss mich. Ich ekelte mich vor mir selbst, vor meinem Körper und vor allem, was sie mit ihm machten. Sie störten sich nicht an meiner Schwangerschaft, nahmen keine Rücksicht darauf. Aber abgesehen von ihren Stößen gingen sie nicht grob mit mir um. Die Anweisung, dass dem Kind nichts geschehen durfte, setzten sie verantwortungsbewusst um. Zumindest, seitdem sie auch etwas davon hatten.

Regelmäßig bekam ich Essen. Es war meist nicht besonders schmackhaft, aber es gab mir Kraft. Vielleicht war es irgendwann genug, um hier herauszukommen. Der Geschmack des Essens störte mich nicht. Es war Nebensache. Was mich hingegen störte, war, dass die beiden sich nicht an der Leiche störten. Als ich darum gebeten hatte, Rolf beisetzen zu lassen, hatten beide nur gelacht, ihn einen wertlosen Menschen genannt und nach seinem Leichnam getreten. Widerlinge waren das. Widerlinge und Verräter an der Krone.

Mit einem leisen Ächzen legte ich mich hin, sodass mein geschundener Po nicht weiter belastet wurde, schloss die nutzlosen Augen und flüchtete mich in eine schönere Welt. In eine Welt, in der ich ein wenig älter war. Ich hielt einen kleinen Jungen an der Hand. Gemeinsam liefen wir durch den Wald. Und der Junge …, er hatte die Augen weit aufgerissen. Er betrachtete alles mit einer Wissbegier und Neugierde, die nur Kindern zu eigen sein konnte. Er stellte Fragen, unzählige, sodass es schon wirkte, als wollte er mich in den Wahnsinn treiben. Aber das ältere Ich lächelte bloß nachsichtig und erklärte. Erklärte ihrem Kind die Welt.

Götter, jetzt vermisste ich Cyrus schon so sehr, dass sich unser Kind in meinem Kopf zu einem Jungen gewandelt hatte. Dabei hatte ich im Gefühl, dass es ein Mädchen würde!



Und wo war der werte Vater in meiner Vorstellung? Ich lächelte. Denn natürlich hielt er seines Sohnes andere Hand. Und immer wieder sah er auf, fing den Blick meines älteren Ichs ein und formte mit den Lippen tonlos die Worte: ‚Ich mache dir bald schon ein Zweites.‘

Ich kicherte leise bei dem Gedanken. Oh ja, Cyrus würde darauf bestehen, mich weiter im Bett nehmen zu dürfen. Aber wenn ich ehrlich war, dann wollte ich es auch nicht anders. Er war meine Liebe. Mein Leben. Ohne ihn wüsste ich nicht mehr, wohin mit mir.

Ein Stöhnen riss mich aus meiner Nostalgie. Augenblicklich wirbelte ich herum und sah … ach ja. Nichts.

„Majestät?“, krächzte es ganz in meiner Nähe. Dann hörte ich ein Schnüffeln. Dann ein Schaben. Etwas auf dem Boden außerhalb meines Käfigs bewegte sich!

Mir blieb das Herz stehen. War es schon so weit? Bildete ich mir jetzt ein, Stimmen zu hören?

„Ich habe Durst … So schrecklichen Durst!“, krächzte er. Etwas zog sich über den Boden, direkt zum Käfig. „Durst!“

Verstört kroch ich von den Geräuschen weg, bis mein Rücken gegen das Gitter prallte. „Du bist tot!“, quiekte ich. Oh, Götter, seid mir gnädig! Hatte ich denn nicht schon genug gelitten? Jetzt auch noch Halluzinationen?

„Nein, ich war nur ohnmächtig“, krächzte er. „Sie haben mich niedergeschlagen.“ Er kroch weiter, näher, bis sich seine kalten Hände durch die Metallstäbe pressten und sich um mein rechtes Fußgelenk legten. „Aber ich kann Euch wieder helfen, Majestät! Bitte lasst mich … lasst mich nur …“ Fahrig riss er an meinem Fuß und zog ihn durch das Gitter.

Ein spitzer Schrei entsprang meiner Kehle. Kalt. Seine Berührung war die einer Leiche. Mehr als sieben Tage wollte er bewusstlos gewesen sein? Angespannt atmete ich aus. „Du … warst tot. Rolf. Scheiße.“ Was hatte ich nur getan?! „Scheiße, ich wollte das nicht! Es tut mir leid!“ Ich schluchzte auf. „Rolf du bist … Wenn du jetzt von mir trinkst, wirst du zum Grigoroi!“ Ich schluckte schwer. „Wenn du es nicht tust … stirbst du. Ich … ich … du solltest dir das überlegen …“

Für so manchen Menschen war die Vorstellung, ein Grigoroi zu sein, ekelerregend und abstoßend. Sich nur von Blut ernähren zu können. Weder Hitze noch Kälte zu spüren. Und natürlich die unsägliche Lust, die einem das Leben erschwerte.



„Ich bin doch nicht tot, Majestät! Nur … Ich will nur kurz …!“ Kalte, spröde Lippen legten sich auf meinen Knöchel. Kurz darauf bohrten sich spitze Zähne in die dünne, empfindliche Haut.

„Ah!“ Verdammt! Zwar würde mein Knöchel aufgrund des Knochens unter der Haut nicht sehr viel Blut hergeben, aber allemal genug, um ihn endgültig zu wandeln. Er war mein Grigoroi. Mein erster, genau genommen. Ich hatte wirklich einen Grigoroi erschaffen! Zögerlich führte ich meine Hand durch die metallenen Stäbe zu seinem Kopf. Seine Zunge leckte gierig über meine Haut, aber wie erwartet, war es zu wenig. „Na komm“, sagte ich leise und strich ihm durch die Haare. „Nimm mein Handgelenk.“

Sofort nahm er die dargebotene Hand an und stieß seine Fänge durch meine Haut. Gierig hörte ich ihn schlucken. Der Griff um mein Handgelenk wurde sekündlich fester.

Ich keuchte. „Nicht so fest!“ Der Grigoroi hörte nicht. Befand er sich im Blutrausch? So wie Irina es nach ihrer Verwandlung gewesen war? War das am Ende etwa bei allen Grigoroi so? „Hör auf.“ Er hörte nicht. Stattdessen packte er noch fester zu, sodass ich das Gefühl hatte, mir würde gleich der Unterarm brechen. „Aufhören, ich befehle es!“

Sofort ruckte sein Kopf hoch und er ließ mein Handgelenk los. „Verzeihung“, murmelte er. Hörbar leckte er sich über die Lippen.

Ich seufzte leise. „Ist in Ordnung. Das ist normal, Rolf. Du wirst … dich von nun an von Blut ernähren müssen.“ Und wenn meine Umstände sich nicht bald änderten, dann wäre das weiterhin mein Blut, was bald schon zu einem Problem werden dürfte.

„Ich bin … Bin ich jetzt wirklich ein Grigoroi? Ein toter Vampir? Und … was ist mit meiner Familie? Meiner Tochter?“ Seine Stimme klang zum Ende hin immer trauriger. „Ich werde sie nie wiedersehen. Oh, was habe ich nur getan?!“

„Nicht doch …“ Blind tastete ich nach seiner Wange, was aufgrund der engen Metallstäbe gar nicht so einfach war. „Du kannst bei deiner Familie leben. Zwar bist du mir Gehorsam schuldig, aber ich werde das nur im Notfall – so wie eben – ausnutzen. Verstehst du?“ Ich hatte seine Wange gefunden. Sanft strich ich mit dem Daumen darüber. „Nur … deine Tochter wirst du überleben …“ Ich seufzte leise.



Daraufhin war es eine ganze Weile still. Rolf dachte nach. Das war nur verständlich. Gerade hatte ihm der Kopf nur noch nach Blut gestanden, jetzt konnte er wieder einen klaren Gedanken fassen.

„Aber ich werde sehen, wie sie erwachsen wird … Vorausgesetzt, ich darf sie regelmäßig besuchen. Danach … gehe ich fort … Wenn Ihr es erlaubt. Majestät.“

„Es ist dein Leben Rolf. Ich wollte es dir gewiss nicht nehmen. Oder der Grund für sein abruptes Ende sein. Meinetwegen kannst du auch gerne bei ihnen leben.“ Ich seufzte leise und kam auf ein anderes Thema zu sprechen: „Wenn sie kommen, musst du dich totstellen, verstanden? Du hast keinen Herzschlag, keine Atmung, wenn du dich also nicht regst und wieder hinlegst wie zuvor, dann werden sie nichts merken.“

„Ich… Ich weiß nicht, wie ich da lag“, gestand er flüsternd. „Ich wurde wach und dachte nur daran, wie durstig ich bin.“

„Du warst in Griffweite. Ich werde einfach sagen, ich hatte schrecklichen Durst. Und hätte versucht, deinen Körper zu mir zu ziehen, um von dir zu trinken.“ Was mich umgebracht hätte, hätte ich das wirklich versucht. „Das Blut Toter bringt dich übrigens um.“ Das sollte ich ihm vielleicht noch sagen. Nur für den Zweifelsfall.

Auf einmal erklang ein Schleifen. Ich erstarrte.

„Du wirst hierbleiben und sie in die Irre führen!“ Das war unweigerlich die Stimme dieses vermaledeiten Verräters!

Hastig deutete ich Rolf, sich hinzulegen. Ich selbst zog mich in den hintersten Ecken meines Käfigs zurück.

„Aber Herr, was wollt Ihr mit der Königin? Sie weiter als Geisel halten? Wie lange? Ihr könnt sie dem falschen König doch nicht auf ewig vorenthalten … Sie sind aneinander gebunden.“

Verächtlich lachte er auf. „Sie wäre längst nicht mehr am Leben, wäre sie nicht in anderem Umständen. Ich hätte sie so lange gefoltert, bis Cyrus gekommen wäre, um sie zu retten, und dadurch direkt in meine Falle gelaufen wäre. Doch ihre Situation hat mich auf eine andere Idee gebracht, erfinderisch werden lassen.“ Die vom Alter gezeichnete Stimme war rau. „Ich werde die Niederkunft abwarten. Die Mutter wird sterben, aber das Kind kann ich nach meinen Vorstellungen formen und in ein paar Jahrzehnten auf den Thron setzen. Ist es ein Mädchen, wird es möglichst schnell wieder geschwängert werden, um einen richtigen Thronfolger zu gebären. Und es wird sein Los akzeptieren, denn dazu wird es erzogen werden.“ Gackernd lachte es.



Mein Atem stockte. Ein Wimmern kam mir über die Lippen, während mein Kopf sich inbrünstig schüttelte und meine Hände sich in meinen Bauch krallten. Nein. Das konnte er nicht ernst meinen!

„D…das …“

Das wahnsinnige Lachen verstummte abrupt. „Du wirst hierbleiben und dem stupiden König ein treuer Untertan sein! Sorge dafür, dass er uns nicht folgt! Wenn du die Gelegenheit bekommst, beendest du sein erbärmliches Leben.“

Mit weit aufgerissenen Augen hörte ich dabei zu, wie seine Schritte sich näherten. Ein Grunzen erklang. Ich konnte nur hoffen, Rolf würde sich nicht weiter regen. Kurz vor meinem Käfig verebbten die Schritte. Ich konnte seinen Blick auf mir spüren. Der alte Mann schnaufte. Schlüssel klapperten. Eine Tür öffnete sich quietschend. Wieder waren da Geräusche, die sich näherten. Kam er etwa in meinen Käfig gekrochen? In dem Moment spürte ich seine Finger in meinen Haaren.

„Hättest du nur auf mich gehört, Kind. Es wäre so viel einfacher gewesen.“ An meinen Haaren wurde ich aus der Zelle gezerrt. Keuchend trafen meine Knie auf den steinernen Boden.

Ich spuckte vor ihm aus. Mit aller Macht unterdrückte ich meine Angst. „Niemals hätte ich meinen Liebsten vergiftet! Ah!“

Grob zog er mich an den Haaren auf die Beine. „Du hättest es für uns alle einfacher gemacht! Weißt eigentlich, wie oft ich deinetwegen meine Pläne ändern musste? Immer und immer wieder!“ Er zog mich fort von dem Käfig, ohne meine Haare loszulassen. „Andererseits eröffnen sich durch die Schwangerschaft weitere Möglichkeiten.“

Oh ja, diese sogenannten Möglichkeiten hatte ich gehört! „Du wirst meinem Kind gar nichts, du elender Bastard!“

Eine Hand landete in meinem Gesicht. Mein Kopf ruckte zur Seite und in meinen Ohren klingelte es. „Mehr Respekt! Immerhin bin ich der Hohepriester!“ Er zog mich weiter. „Aber in deinen letzten Stunden wirst du schon lernen, ihn mir zu erweisen.“

„Du bist nichts als ein krankes, größenwahnsinniges Scheusal!“, spuckte ich. Immerhin wollte er mich lebend. Nein, er wollte mein Kind lebend. Aber das schloss mich für mindestens ein Jahr noch mit ein!

„In deinen Augen bin ich ein Scheusal, aber wie sagt man so schön? Der Gewinner schreibt die Wahrheit. Also wird alles, was ich tat und noch tun werde, nur ein notwendiges Übel sein.“ Der Hohepriester zog mich weiter. Ich stolperte eine Treppe hoch. „Ich tue das für das Volk, Aurelie. Für uns und unsere Werte!“



„Werte? Käfighaltung einer Schwangeren nennst du Werte?! Und wenn ich Cyrus vergiftet hätte, was dann? Hättest du dann selbst versucht, mich zu schwängern?“ Bei dem Gedanken kam mir direkt mein Mageninhalt hoch. Nur mit Mühe schaffte ich es, ihn wieder herunterzuschlucken.

„Du hättest einen anderen Mann bekommen“, war alles, was er noch sagte. Er zog mich durch lange Fluren und stieg hin und wieder Stufen hinab. Nach einer Weile wehte mir frischer Wind entgegen. „Meine Spione haben mir geflüstert, dass es im Schloss bald nicht mehr sicher ist. Daher bringe ich dich weit weg. An einen Ort, wo du in Ruhe dein Kind zur Welt bringen kannst. Bete dafür, dass es ein Junge wird.“

Ich wurde gefesselt und mir wurde ein Knebel in den Mund gestopft. Kurz darauf zog der Hohepriester mich weiter. Ich wurde von zwei festen Händen – die ganz sicher nicht dem gebrechlichen Körper des Hohepriesters entstammten – umfasst und hochgehoben.

„Kopf einziehen.“

Ein plötzlicher, scharfer Schmerz brachte meine Stirn zum Pochen. Hinter mir gluckste es. Danach wurde ich in einen gepolsterten Sitz gedrückt. Eine Tür schloss sich und wenig später hämmerte und klopfte es von außen. Nägel …

„Fertig?“ Des Hohepriesters Stimme klang dumpf. Ich war alleine hier drin. „Dann los!“ Pferde wieherten. Ein regelmäßiges Rütteln setzte ein.

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