Kapitel 32 – Monatsblut

Kapitel 32 – Monatsblut

 

Aurelie

„Majestät … wach auf.“ Sanft wurde ich aus dem Schlaf gerüttelt. „He, Schlafmütze“, murmelte der Mann an meinem Ohr und küsste meine Stirn.

„Was?“ Verwirrt hob ich den Kopf. Meine Augen fielen auf einen langen Sabberfaden zwischen einer äußerst ansehnlichen Brust und meinem Mund. Prompt errötete ich und wischte ihn möglichst unauffällig weg.

„Du wirst dich sicher gleich frisch machen wollen.“ Gilead rutschte wieder mit dem Oberkörper etwas beiseite und streichelte meinen Arm. „Aber sag mir erst, ob du dich besser fühlst. Eher gehe ich nicht.“

„Frisch machen?“, murmelte ich unverständlich und noch halb schlafend.

„Nun, ich rieche ein wenig Blut. Und da du durch deine Reife bist, wird es deine Blutung sein“, erklärte er sachlich.

„Was?!“, quietschte ich erschrocken. „Weil … weil du bei mir gelegen hast? Geht das so schnell?!“

Gilead sah mich völlig irritiert an und er blinzelte mehrmals. „Blutung, Liebste. Das ist das Gegenteil einer Schwangerschaft, die man eben daran erkennt, dass die Blutung ausbleibt.“

„Was?“, fragte ich, nun vollkommen verwirrt.

„Hat dich denn niemand aufgeklärt?“, erkundigte er sich sichtlich verblüfft.

„Ähm … ich habe nur einmal mit meinen Zofen darüber gesprochen“, gab ich kleinlaut zu. „Und Emili wusste es nur von der Frau im Waisenhaus. Und, naja, die hat gesagt, dass man bluten würde, wenn ein Mann bei einem gelegen hätte. Um den Körper zu reinigen.“ Beschämt senkte ich den Blick. Mir war es furchtbar unangenehm über so etwas zu sprechen.

„Oh, da hast du ein völlig falsches Bild. Die Blutung einer Frau ist völlig normal und ist völlig unabhängig davon, ob sie einem Mann beigelegen hat. Sie zeigt nur, dass eine Frau fruchtbar ist.“ Er unterbrach sich kurz und sah mir fragend in die Augen, ob ich ihm bis hierher folgen konnte. Zögerlich nickte ich. „Nun“, fuhr er fort, „wenn Mann und Frau sich vereinen, gehört mehr dazu als das, was wir vorhin getan haben. Und selbst wenn du mit einem Mann die Vereinigung vollziehst, ist die Wahrscheinlichkeit gering, schwanger zu werden. Das dauert bei Vampiren Jahrhunderte.“

„Also werde ich regelmäßig, ohne richtigen Grund, bluten? Wie soll ich so mein Reich führen? Eine Königin, die blutet?! Ich wäre das reinste Gespött!“



„Nein, Liebste.“ Zärtlich fuhr er mir mit einer Hand durch die Haare. „Jede Frau blutet. Jeden Monat. Das ist völlig normal und es macht auch keinen Unterschied, welchen Rang sie bekleidet. Vom einfachen Menschen bis zur Königin.“ Er küsste meinen Haaransatz und drückte mich noch ein wenig fester an sich. „Auch wenn es dir am Anfang unangenehm ist, so musst du diese Zeit voller Stolz auf deinen Körper durchleben. Denn du bist in der Lage, das Geschenk des Lebens zu empfangen.“

Stirnrunzelnd nickte ich. „In Ordnung … aber tust du mir den Gefallen und sagst das keinem?“ Kaum hatte ich meinen Satz beendet, riss ich schockiert meine Augen auf und presste meine Beine zusammen. „Ich … muss … wie du gesagt hast!“, quietschte ich und stand hastig auf, um ins Badezimmer zu flüchten. Schwindel erfasste mich und ließ mich, die Hände nach vorn ausgestreckt, innehalten. „Huch…“

Sofort war Gilead bei mir und hielt mich mit beiden Händen an der Hüfte fest. Kurzerhand drehte er mich leicht, neigte sich vor und legte einen Arm unter meine Kniekehlen, um mich auf seinen Armen zu tragen. „Wo ist das Bad?“

„Durch die Tür da, rechts“, murmelte ich leise.

Gilead öffnete die Tür und ging direkt nach rechts. Allerdings sprangen nun sofort Emili und Aurillia auf, die im Wohnzimmer vor dem Kamin gewartet hatten. „Naya! Was ist passiert?“, fragte Aurillia besorgt. „Soll ich ihn rauswerfen?“

Meine Zofen waren sichtlich skeptisch, mich auf den Armen des Vampirs zu sehen. Einzig Kaldor wedelte erfreut mit dem Schwanz und beschnupperte Gilead wohlwollend.

Gilead lachte leise. Seine Brust vibrierte, sodass ich es am ganzen Körper spürte.

„Nein, es ist in Ordnung. Ich erkläre es euch später … obwohl eigentlich … wisst ihr noch, als wir darüber geredet haben, dass man blutet? Könnt ihr mir irgendwas bringen, damit das nicht überall landet?“

Aurillia stand mit offenem Mund da und schien nicht so recht zu begreifen, während Emili bereits aufstand und im Zimmer der Zofen verschwand. Kurz darauf kam sie wieder und hielt ein Bündel vor sich, den sie mir übergab. Gilead setzte sich wieder in Bewegung und brachte mich ins Bad. Mein Kopf verweilte vertrauensvoll an seiner Brust.



„Was hätte dieses Lachen vorher sollen?“, fragte ich schmunzelnd. „Traust du es ihnen nicht zu, dass sie dich aus meinen Gemächern werfen könnten?“

Gilead schloss die Tür und setzte mich ab. Dabei lag ein breites Schmunzeln auf seinem Gesicht. „Nun, deine Zofe ist ein Mensch und noch dazu ein halbes Kind. Sie kann sich mir nicht ernsthaft in den Weg stellen.“ Er ging bereits wieder zur Tür, wandte sich davor aber noch mal um. „Ich werde gehen und bitte deine Zofen herein. Und sag bitte nie wieder, dass du dich schämen müsstest. Du bist perfekt.“

Bei seinen Worten schossen meine Fänge heraus. Beschämt schnellte meine Hand nach oben, um sie zu verstecken.

„Niemals“, fügte er hinzu, dann nickte er leicht und verschwand durch die Tür.

Ein glückliches Lächeln breitete sich auf meinem fangzähnebesetzten Mund aus und ich hatte keine Chance, es zu unterdrücken.

 

Es dauerte nicht lange und Emili und Aurillia traten herein. Letztere legte sofort beide Hände an ihre Hüften. „Was hat er mit dir gemacht?“, fragte sie mehr erbost als neugierig.

Mit schoss das Blut in die Wangen und meine Hand senkte sich langsam. „Mich … glücklich?“

Aurillia schnaufte nur. Offensichtlich wusste sie nicht, was genau ich damit meinte, und das war mir auch nur recht. Emili trat auf mich zu, öffnete das Bündel und half mir, die gefütterte, kurze Hose unter dem Nachthemd anzuziehen. Der Geruch meines eigenen Blutes drang mir penetrant in die angeekelt gerümpfte Nase.

„Wieso muss ich denn auch einfach bluten …“, brummte ich unzufrieden. „Übrigens! Aurillia, Emili! Das mit dem Reinigen ist vollkommener Quatsch!“ Ich verschränkte die Arme. „Gilead hat es mir nämlich erklärt! Eine Frau blutet jeden Monat und das soll ein Zeichen sein, dass man Nachwuchs bekommen kann. Und wenn man nicht blutet, dann trägt man ein Kind unterm Herzen!“

Emili starrte mich schockiert an. „Ich bin schwanger?“, quietschte sie entsetzt und legte sofort eine Hand auf ihren Bauch. „Wie? Ich dachte, dafür braucht es einen Mann …!“

„Ich … glaube ja …“, stotterte ich. So weit hatte ich gar nicht nachgedacht. „Aber vielleicht bekommst du deine Blutung auch einfach nicht, weil …“ Ich musste doch irgendetwas finden, um sie zu beruhigen! „Weil dein Körper für ein Kind noch nicht bereit ist? Oder nicht mehr bereit ist?“



Emili presste die Lippen zusammen und verschwand wieder. „Leeander! Kannst du die Kräuterhexe bitte nochmal rufen lassen?“, hörte ich sie nach draussen rufen.

Aurillia sah mich etwas überfordert an. „Nun. Ähm. Ich bringe dich wieder ins Bett, ja?“

Ich nickte abgehackt. Doch als sie mich stützen wollte, schüttelte ich den Kopf. „Ich schaffe das schon. Ich kann ja nicht ewig krank bleiben.“ Ich hoffte wirklich, das hatte sich jetzt erledigt. „Oh, kannst du mal fühlen, ob ich noch immer so warm bin?“

Aurillia legte eine Hand an meine Stirn und verzog leicht das Gesicht. „Ziemlich warm, ja. Aber nicht mehr so heiß. Ich weiß nicht, ob du noch Fieber hast. Soll ich die Kräuterhexe rufen lassen?“ Sie begleitete mich zurück ins Schlafzimmer und schüttelte die Decke aus. Und schon machte es sich Kaldor wieder auf meinem Bett bequem. Er war wohl der Einzige, dem es gefiel, dass ich krank im Bett lag.

„Ich denke, das ist nicht nötig. Außerdem hat Emili das schon erledigt …“ Ich wurde nachdenklich. Natürlich hatte sie die Kräuterhexe ihretwegen rufen lassen. Aber das musste Leeander ja nicht wissen. „Ich hoffe nur, es geht ihr gut.“ Ich setzte mich aufs Bett, lehnte mich mit dem Rücken gegen das Kopfteil und bedeckte meine Beine mit der Decke.

„Ich finde, es sollte Bücher geben, in denen man so etwas nachlesen kann! Die Erwachsenen wissen doch, wie das geht! Warum sagen die uns das nicht?“, motzte Aurillia.

Emili, die gerade ins Schlafzimmer gekommen war, seufzte. „Selbst wenn es in Büchern steht, bringt das nichts. Oder kannst du lesen? Uns wurde das im Waisenhaus nicht beigebracht. Und wenn jeder lesen könnte, würden solche Bücher weggeschlossen werden.“

Emili ließ sich in den Sessel sinken. „Irina weiß doch alles, oder?“

„Wie das mit dem Bluten funktioniert? Ich … denke schon.“ Das war das erste Mal, dass ich darüber nachdachte. „Aber wir haben da nie drüber geredet.“

„Die wollen alle, dass wir dumm sind, wenn wir heiraten!“, rief Aurillia wütend.

„Aber wir werden nicht heiraten, Aurillia. Wir sind die Zofen der Königin.“

„Ihr habt zumindest keine Eltern, die euch dazu zwingen können“, fügte ich an. Denn, wenn die beiden heiraten wollten, würde ich ihnen sicher nicht im Wege stehen. Auch wenn mein eigener Gemahl mir mehr Leid als Freude brachte. „Sag mal, Aurillia, wenn wir schon beim Thema sind … wie war dein Ausflug mit Leonard? Muss Irina ihm etwas abschneiden?“



Aurillia lächelte. „Nein, keine Sorge. Er war sehr höflich und wir haben uns nur etwas geküsst. Seine Familie ist nett! Aber er hat acht Geschwister! Und er will auch ganz viele Kinder. Ich glaube, das will ich aber nicht.“

„Wir sind sowieso noch zu jung, um darüber nachzudenken“, meinte Emili. „Aber schön, wenn dir der Tag gefallen hat.“

Acht Kinder, das war eine unmögliche Vorstellung für einen Vampir. „Ich werde niemals so viele Kinder bekommen können“, sprach ich meinen Gedanken aus. „Ein Vampir bekommt in seinem Leben nur ein oder zwei Kinder. Bei meiner Mutter waren es drei, aber auch nur, weil ich und Alex Zwillinge waren. Noch dazu halb menschlich. Menschen sind deutlich potenter, also ist es eigentlich nicht verwunderlich, dass sie von einem schwanger geworden ist.“

„Also könntest du auch so viele Kinder haben, wenn du von einem Menschen begattet wirst?“, fragte Aurillia neugierig.

Es klopfte an der Tür. Emili sprang direkt auf. Sie eilte ins Wohnzimmer, kurz darauf hörte ich Stimmen. Die der Kräuterhexe und auch Leeanders. Wenig später stand besagter Grigoroi an der Tür zum Schlafzimmer und blickte zu Aurillia. „Deine Freundin wird gerade untersucht. Sie meint, du solltest dabei sein und zuhören.“ Dann heftete sich sein Blick auf mich. „Ich muss kurz mit Euch unter vier Augen reden.“

Mir war die Situation höchst unangenehm. Wie lange würde es dauern, bis Lee das Blut roch? „Ja?“, fragte ich schluckend.

Aurillia verschwand und ließ mich mit Leeander alleine. Dieser trat ein, schloss die Tür hinter sich und trat näher an das Bett.

Ich richtete mich richtig auf. „Was ist denn los?“

„Der Mann im Kerker, von dem Ihr Blut getrunken habt. Er ist vor wenigen Stunden gestorben“, eröffnete der Grigoroi. „Er hatte sich in den letzten Tagen nicht einmal bewegt. Wir vermuten, dass seine Organe versagt haben.“

Sprachlos und mit großen Augen sah ich zu Leeander auf. „Das … ist ein Scherz, richtig? Es kann doch nicht sein, dass ich einen Vampir mit meinem Gift ermordet habe?“

„Natürlich ist es möglich, Eure Majestät. Ihr seid die Königin. Nicht durch Machtübernahme, sondern durch Geburt. Und Ihr wisst noch nicht, wie viel Ihr absondern müsst.“ Er schwieg einen Moment und musterte mich nachdenklich. „Es wäre ratsam, wenn Ihr vorerst nur gespendetes Blut trinkt. Ihr könntet Menschen mit Leichtigkeit töten.“



„Was denkst du, wieso ich mich von dem Vampir genährt habe?“, fragte ich vorwurfsvoll, zügelte meine Stimme aber schnell wieder. „Ich dachte, er würde überleben.“ Andererseits war er durch meine Entführung sowieso schon zum Tode verurteilt gewesen. Nichtsdestotrotz. Ich hatte ihn getötet. Mit meinen eigenen Zähnen. Er war durch meine Hand gestorben.

„Was soll mit dem anderen Mann geschehen? Sollen wir ihm etwas Nahrung geben? Dann könntet Ihr zumindest von ihm trinken.“

Ich nickte leicht. „Ja.“ Dann hatte ich jemanden zum Üben. Götter, das war so falsch. Aber was sollte ich sonst tun? Auch er war dem Tode geweiht, also konnte ich so zumindest den Versuch starten, Kontrolle zu erlernen.

Leeander nickte und wandte sich bereits zum Gehen, als er plötzlich naserümpfend innehielt. „Seid Ihr verletzt?“

„Nein!“, quietschte ich eine Oktave zu hoch. „Nein, geh ruhig. Mir fehlt es an nichts!“

Er zog seine Augenbrauen zusammen und musterte mich eindringlich. „Seid Ihr Euch sicher? Oder soll ich die Kräuterhexe noch zu Euch schicken?“

„Nein, alles in bester Ordnung!“

Obwohl sein Blick skeptisch auf mir lag, nickte er schlussendlich. „Gut. Soll ich die Tür offenlassen?“

„Mhm.“ Ich nickte. Kaum hatte er meine Gemächer verlassen, sprang ich auf und hastete in das Zimmer meiner Zofen, wo ich die beiden mit der Kräuterhexe reden hörte. Als ich den Raum betrat, wandten sich alle mir zu. Die Kräuterhexe, eine ältere Dame mit weißen Ringellocken, machte kurz große Augen, bevor sie sich vor mir verbeugte.

„Majestät.“

„Oh, bitte nicht. Hier sind wir doch unter uns.“ Ich lächelte sacht. „Danke, dass Ihr so schnell kommen konntet.“ Ich blickte zu Emili. „Emili, ist bei dir alles in Ordnung?“, fragte ich besorgt.

Emili nickte schwach, senkte jedoch den Blick. Sie kraulte Kaldor zwischen den Ohren, der seinen Kopf tröstend in ihren Schoß gelegt hatte. Meine Augen wurden schmal. Kaldor hatte ein ausgesprochen feines Gefühl, was Kummer anging.

Leise erklärte die Kräuterhexe: „Seid unbesorgt. Dem Mädchen geht es gut. Die lange Zeit im Kerker hat sie nur stark geschwächt, sodass ist ihr Körper nicht mehr in der Lage ist, Kinder zu empfangen.“ Ihr Blick wurde traurig. „Und vielleicht wird er das auch nie.“



Ich nickte vorsichtig. „Aber das ist kein ‚Unmöglich‘.“ Ich lief zu Emili hin und nahm ihre Hand. „Und sollte der Fall eintreffen und ich bekomme viel früher als gewollt ein Kind, wirst du sowieso Patentante. Genauso wie Aurillia.“

„Vielleicht will ich ja gar keine Kinder!“, meinte Emili.

Die Kräuterhexe stand langsam auf und nahm ihren Beutel. „Ihr seid alle noch so jung und habt euer ganzes Leben noch vor euch.“

„Danke für Euer schnelles Kommen“, sagte ich und geleitete die ältere Frau zur Tür. Aurillia und Emili waren in ihrem Zimmer geblieben. Wahrscheinlich bräuchte Emili Zeit, die Neuigkeiten zu verdauen.

Die alte Frau drehte sich zu mir um. „Meine herzlichsten Glückwünsche, Majestät.“ Mit diesen Worten verließ sie meine Gemächer und ließ mich völlig perplex stehen.

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