Kapitel 34 – Ein Picknick wie es im Buche steht
Kapitel 34 – Ein Picknick wie es im Buche steht
Aurelie
„Bestimmt ist sie hier irgendwo! Prinzessin!“
Leise kicherte das Mädchen. Ihre Gouvernante wäre aber keine begabte Spionin, dachte sie sich belustigt und schlich hinter der Theke hervor, direkt hinter dem Rücken der Gouvernante vorbei und aus der Küche heraus.
Heute hatte sich das Kind nicht nur nicht von den Zofen ankleiden lassen wollen, nein. Heute hatte es sich sogar noch eine lockere Hose und ein Hemd von ihrem Bruder geschnappt. Immerhin teilten sie sich ein Zimmer, da war das nicht weiter schwer. Doch natürlich hatte die Gouvernante ihren Plan durchschauen müssen und war ihr hinterhergeeilt. Die alte Frau konnte einem beinahe schon leid tun.
Doch auch Alexander wusste nichts von dem kleinen Geheimnis, welches seine Zwillingsschwester da hütete. Wohl eines der einzigen Dinge, die sie nicht mit ihm teilte. Nur weil sie genau wusste, wie er darauf reagieren würde. Er wäre nicht begeistert und würde damit sofort zu ihrer Mutter rennen und es ihr erzählen. Also behielt das Mädchen ihr Geheimnis für sich und schlich sich wieder einmal auf Zehenspitzen in den alten Weinkeller.
Hier unten hatte sie es versteckt. Ein kleines Schwert. Nicht so groß und schwer wie die, mit denen die Erwachsenen kämpften, denn so eines konnte sie noch nicht einmal anheben. Und auch wenn sich der Weinkeller schon des Öfteren als schrecklich ungeeigneter Übungsort herausgestellt hatte, so kamen hier doch höchstens einmal im Monat die Diener nach unten, um großen Nachschub zu holen. Also war die Wahrscheinlichkeit, hier erwischt zu werden, schon fast verschwindend gering.
Keiner wusste, wo sich die Prinzessin in diesen Stunden jeweils herumtrieb. Aber in diesem Keller, mit einer Klinge, so scharf wie spitze Klauen, in der Hand, fühlte sie sich pudelwohl und frei.
Mit einem schweren Keuchen und einem dumpfen Schmerz in der Brust wachte ich auf. Wie von selbst fand meine Hand den Weg zu meiner Brust und legte sich darauf. Was hatte ich geträumt, dass mein Herz so schnell schlug? Und sich gleichzeitig so leer anfühlte?, fragte ich mich wehmütig.
Frierend schlang ich meine Arme um mich, wobei ich sie schnell, ein Zischen ausstoßend, wieder voneinander löste. Meine Augen gewöhnten sich nur langsam an die Dunkelheit um mich herum, doch die Schnitte, die frischen Verletzungen auf meinen Armen konnte ich auch ohne Licht erahnen. Ich spürte sie nur zu gut auf meiner Haut, die, solange ich sie nicht berührte, erschreckend taub wirkte.
Wieder lief mir ein Schauer den Rücken hinab und eine dicke Gänsehaut überzog Stück für Stück meinen Körper. Mein Blick huschte durchs Zimmer, bis ich die Ursache dafür fand. Die Balkontür stand nur angelehnt. Da hindurch drang frische, kalte Luft ins Gemach. Doch das war es nicht gewesen, was mich aufgeweckt hatte.
Bibbernd schlang ich die Decke um mich und hielt sie mit beiden Händen an den Zipfeln vor meiner Brust fest. So wagte ich es, die Tür zum Balkon zur Gänze zu öffnen und hinaus in die Kälte zu treten. Weder hatte ich einen Gedanken daran verschwendet, was ich mir zuvor noch angetan hatte, noch hatte ich über meinen Gatten nachgedacht, der, wie ich bemerken musste, des Bettes ferngeblieben war. Aber darüber würde ich mich nicht beschweren. Eigentlich war ich ja froh darum.
Ein Ächzen lenkte meine Konzentration auf den Platz unter dem Balkon. Er war groß. Ich glaubte sogar, es war der offizielle Trainingsplatz, aber davon war ich immer ferngehalten worden. Es gehörte sich für eine Prinzessin schließlich nicht, kämpfen zu können.
Fasziniert beobachtete ich, wie zwei Gestalten unten auf dem Platz miteinander rangen. Ich fand die Kunst des Kampfes immer schon faszinierend. Ich konnte die zwei Gestalten zwar nicht genau ausmachen, da sie, von Dunkelheit umhüllt, kaum zu erkennen waren, dennoch waren ihre Silhouetten durch das Licht von Mond und Sternen klar zu unterscheiden. Die eine Person keuchte auf und viel zu Seite, war die andere nutzte, um aufzustehen.
„Na los, komm schon!“, rief der eine, und wenn ich mich nicht täusche, dann war mir die Stimme vertraut. Ich kannte sie irgendwoher.
Der Kampf ging weiter, bis die Bewegungen schließlich so schnell wurden, dass ich sie nicht mehr mit bloßem Auge verfolgen konnte. Dennoch klebte mein Blick ohne Unterbruch auf den beiden Kämpfenden.
„Gewonnen!“, rief der eine und brachte den anderen zu Fall. Bei seiner Stimme lief mir ein kalter Schauer über den Rücken. Ich kannte sie, nur hatte ich sie noch nie glücklich gehört. Er stürzte sich auf seinen Kontrahenten und hielt ihn am Boden. Doch bald darauf wurde er umgestoßen und mit dem Gesicht in die Erde gedrückt.
Was daraufhin passierte, verwirrte und schockierte mich gleichermaßen. Es ging nicht lange, da drang der penetrante Geruch von Blut in meine Nase. Nur ein Hauch, vom Wind getragen, und doch genug, damit ich wusste, was geschehen sein musste. Geschockt hielt ich mir die Hand vor dem Mund, um auch ja keinen Laut von mir zu geben. Aber ich täusche mich nicht. Der Grigoroi trank von meinem Gemahl! Von einem Vampir! Darauf stand die Todesstrafe! Und tatsächlich … stöhnte dieser dabei! Meine Augen rissen auf und meine Kehle wurde trocken. Mein Gemahl ließ sich von einem Grigoroi beißen! Ich stolperte zurück und knallte gegen die Mauer hinter mir. Doch mein Blick war gebannt auf die beiden Silhouetten gerichtet. Ich konnte ihn nicht abwenden.
Cyrus stieß den Grigoroi, ich nahm an, es war Leeander, von sich. Ein paar schnelle, für mich unkenntliche Bewegungen später, kam es dazu, dass der Grigoroi kniete und seinen Oberkörper auf den Boden drückte, während sein Gesäß sich meinem Gemahl entgegenstreckte. Dieser fackelte nicht lange und riss seinem Gegenüber die Hose vom Leib, bis helle Haut im Schein der Sterne schimmerte. Und noch immer starrte ich mit großen Augen auf das Geschehen, unfähig meinen Blick zu lösen. Stöhnen ertönte, doch ich hatte Sorge um den Grigoroi. Was, wenn er das nicht wollte? Dennoch würde seinem Meister gehorchen müssen! Und das mit sich machen lassen müssen! Noch ein Grund, wieso ich nicht wollte, dass mein werter Gatte Irinas Meister wurde!
Er musste in den Grigoroi eingedrungen sein, denn nun fing er an, diese ruckartigen Hin- und Herbewegungen zu machen. Zu oft hatte ich schon gesehen, wie ein Mann oder eine Frau auf diese Weise gewaltsam genommen worden waren. Manchmal mitten auf den Gängen des Bedienstetentrakts, manchmal wurden sie auch erst in eine Abstellkammer gezogen.
Schnappend nach Luft, nahm ich die Hand von meinem Mund. Sobald sich meine Lunge wieder einigermaßen gefüllt anfühlte, schluckte ich mehrere Male trocken. Bei dem Anblick vor mir liefen mir die Tränen über die Wangen. Ich konnte nicht mehr! Ich konnte das nicht mehr mitansehen!
Immer wieder klatschte es! Der König bewegte sich vor und zurück und versenkte sich immer und immer wieder in dem Grigoroi! Wie fürchterlich musste das schmerzen?! Ich hörte die Schreie in meinem Kopf. Die Schreie nach Hilfe und danach, dass es doch aufhören möge. Aber irgendwann waren auch sie verstummt. Irgendwann hatten die Sklaven es einfach über sich ergehen lassen, denn gegen einen Grigoroi oder gar einen Vampir anzukämpfen war sinnlos.
Ich flüchtete mich zurück ins Zimmer, wobei ich beim ersten Versuch gegen ein Fenster lief, ehe ich die gläserne Tür fand. Schluchzend zog ich mich ins Badezimmer zurück und versperrte die Tür von innen. Dort ließ ich mich an der Wand hinabgleiten. Mein Gesicht versteckte ich in meinen Händen.
„Aurelie!“ Müde blinzelte ich und fing langsam an, mich zu regen. Mein ganzer Körper schmerzte und fühlte sich steif an. „Aurelie! Götter, wo ist dieses Kind denn jetzt wieder?“, fluchte es laut. Ächzend setzte ich mich. Ich hob meine Hände, rieb mir den Schlaf aus den Augen und schaute mich verwirrt um. Das Badezimmer? Ich hatte am Boden des Badezimmers genächtigt? „Aurelie!“ Die Stimme wurde immer wütender und kam immer näher. Schließlich hörte ich Schritte, die genau vor der Badezimmertür zum Stehen kamen. „Ich kann dein Herz hören, Kleine!“
War das eine Drohung? Es klang auf jeden Fall so.
Die Tür rüttelte, ging aber nicht auf. Stimmt. Ich hatte ja abgeschlossen. Weil … weil … Schockiert japste ich nach Luft, als ich mich an die gestrige Nacht erinnerte.
„Mach sofort diese Tür auf!“, knurrte es wütend von der anderen Seite.
Wieso konnte nicht einmal etwas normal ablaufen? Wollte er jetzt mit mir dasselbe machen, wie mit dem Grigoroi letzte Nacht? Hatte er noch nicht genug? Oder mochte er … Frauen vielleicht gar nicht auf diese Art und Weise?
Beim Gedanken daran fühlte ich, wie ich mich entspannte und meinen Oberkörper erleichtert gegen die Wand hinter mir sacken ließ. Ich hatte ihn immerhin noch nie mit einer Frau gesehen. Sicher, beim Bankett war er in Begleitung der aufgetakelten Blondine gekommen, aber vielleicht war das nur zum Schein? Aber dann erinnerte ich mich daran, dass die Fürstin des Südens erwähnte, der König habe eine Geliebte. Möglich, dass auch dies nur zum Schein war. Andererseits hatte ich es bei Alexander auch schon erlebt, dass es ihm egal war, ob er eine Frau oder einen Mann unter sich hatte.
„Aurelie! Soll ich die Tür eintreten oder machst du sie freiwillig auf? Ich weiß, dass du wach bist!“
Müde erhob ich mich. Einen kurzen Moment nahm ich mir, streckte mich und gähnte. Meine Glieder knacksten unangenehm in meinen Ohren. Als ich in den Spiegel blickte, schaute mir ein völlig übernächtigtes, müdes Irgendetwas entgegen. Eine Sklavin vielleicht. Eine Königin ganz sicher nicht.
„Ich wiederholte mich nicht gerne!“
Ich zuckte zusammen. Da hatte ich wohl etwas vergessen. Mit langsamen Schritten ging ich auf die Tür zu und öffnete.
Sofort schob mein Gemahl sich in das Bad, betrachtete den Zuber, den Eimer Wasser und den Waschtisch. Dann musterte er mich von oben bis unten, wobei sein Blick ein wenig zu lange an meinen nackten Füßen hängen blieb. Ohne ein Wort ergriff er meinen Arm. Unter Schmerzen schnappte ich heftig nach Luft. Ich zuckte zusammen und versuchte schnell die Tränen zu negieren, die sich mir – aufgrund der unter seinem Griff schmerzenden Wunden an meinem Arm – aufdrängten.
Als er es bemerkte, liess er hastig los, ergriff ein wenig sanfter meine Hand und zog mich aus dem Badezimmer. In der Wohnstube war alles schrecklich ruhig und ich vermisste die vorlaute und freche Art von Aurillia und die ruhige, sanfte Art von Emili. Allerdings sah ich etwas auf dem Wohnzimmertisch, das meine Aufmerksamkeit erregte. Ein großes Stück Kuchen. Apfel und Zimt, wie mir meine Nase sofort verriet, und zudem lag eine einzelne, blutrote Rose daneben.
Mein Gemahl hielt inne, nickte zu dem Kuchen und seufzte leise. „Können wir heute wenigstens mal im Ansatz versuchen, wie erwachsene Vampire zu reden?“ Bestimmt drückte er mich aufs Sofa, und setzte mich damit vor den Kuchen.
Überrascht sah ich zu ihm auf. Es schien ihm ernst zu sein. Ich presste meine Lippen aufeinander und nickte. Mein Blick wurde aber ziemlich schnell von ihm abgelenkt. „Darf ich …?“, fragte ich unsicher und deutete auf den Kuchen. Wie lange war es her, dass ich so eine Köstlichkeit gegessen hatte?
Er nickte und bedeutete mir, zu essen. Als ich den ersten Bissen des sogar noch lauwarmen Kuchens in meinen Mund schob, breitete sich ein seliges Lächeln auf meinen Lippen aus. Es erinnerte mich an früher. An eine Zeit, in der die Welt noch in Ordnung war.
Ein Räuspern riss mich aus meinen Gedanken. „Bist du zu einem Urteil gekommen, was Irina angeht?“, fragte er und setzte sich auf den Sessel, direkt gegenüber dem Sofa.
„Einem Urteil?“, fragte ich unsicher nach und umklammerte die feine Gabel in meiner Hand fester.
Der König strich sich durch die Haare. Dabei lösten sich einige Strähnen aus seinem Haarband und fielen ihm zu beiden Seiten ins Gesicht. So … sah er schon viel menschlicher aus. „Willst du, dass sie ein Grigoroi wird?“ Mit offenem Mund starrte ich ihn an. „Ja oder Nein, Aurelie. Was ist an der Frage so schwer zu beantworten?“ Er fuhr sich wieder durch die Haare, dann deutete er auf den Kuchen und lehnte sich zurück. „Iss erst mal. Dann kannst du in der Zeit überlegen.“
Ich tat wie geheißen. Mit meinem Blick verfolgte ich äußerst konzentriert die Gabel, wie sie sich auf den Weg zum Kuchen machte, ansetzte, ein Stück abtrennte und es sich auflud. Dabei spürte ich die ganze Zeit seinen Blick intensiv und ununterbrochen auf mir liegen. Ich konnte so nicht nachdenken! Mir ging alles Mögliche durch den Kopf, aber nicht das, worauf ich mich konzentrieren sollte! Wieso fragte er mich das? Was war das diese Nacht? Wenn ich ja sagen würde, würde er es machen? Oder sah er in dieser Frage nur eine weitere Möglichkeit, mir wehzutun? Wollte er mir Hoffnung machen und sie gleich darauf zerplatzen lassen? Und wenn er wirklich dazu bereit wäre, Irina zu verwandeln, was würde er ihr befehlen? Ich könnte ihr nie wieder vertrauen! Nicht gänzlich. Er könnte ihr alles befehlen, was er wollte – sie müsste es tun. Sie könnte ihm alles über mich erzählen …, andererseits war er mein Gemahl, also war das nur mäßig schlimm. Irgendwann würde er sowieso alles herausfinden. Aber er könnte sie genauso zwingen, mit ihm das Bett zu teilen. Oder sie zwingen, gemein zu mir zu sein! Und ich verstand nicht … nicht …, wieso sie das wollte!
„Ich weiß nicht, wieso sie das so unbedingt will. Und … und ich finde nicht, dass ich darüber entscheiden sollte.“ Ich ließ den Kopf hängen, starrte aber noch immer auf das Stück Kuchen auf der Gabel. Mein Ehegatte stand auf und sofort ruckte mein Kopf hoch. Er ging zur Tür, während ich wie gelähmt sitzen blieb. Nein! Wenn er sie jetzt einfach verwandelte … Ich wollte das nicht! Aber ich konnte es auch nicht entscheiden. Es fühlte sich nicht richtig an! Alles hier war so unglaublich falsch! Einfach alles!
„Ich werde eine Runde spazieren gehen. Iss deinen Kuchen und zieh dir etwas an. Soll ich dir dafür deine Zofen schicken?“ An der Tür blieb er stehen und drehte sich halb zu mir um.
„Nein, ich schaffe das schon.“ Denke ich.
Er nickte und wandte sich zum Gehen.
Meine Hand schoss hoch. „Warte!“
Mit gehobener Augenbraue drehte er sich noch einmal zu mir um.
„D…danke.“
Er öffnete die Tür, blieb allerdings stehen, schloss die Tür wieder und drehte sich zu mir um. „Ich selbst habe mich einst in einer ähnlichen Situation wiedergefunden. Ich war damals erst fünfundsiebzig oder sechsundsiebzig Jahre alt. Leeander war fünfundzwanzig. Mir war klar, wenn ich in erst der Lage wäre, ihn zu verwandeln, wäre er schon alt und grau. Also habe ich meinen Vater gefragt, ob er Lee für mich wandeln würde. Auch ich habe damals sehr lange mit mir gehadert. Der Gedanke, die Wärme seiner Haut nie wieder spüren zu können, war ein Albtraum. Der Gedanke, dass er nie wieder normales Essen mit mir essen könnte. Es war auch für mich eine schwere Entscheidung. Aber ich habe sie nie bereut. Auch, wenn ich bei seiner Verwandlung geweint habe wie ein kleines Kind, aus Angst, er wacht nie wieder auf.“ Mit den Worten wandte er sich endgültig ab. Kurz darauf fiel die Tür ins Schloss.
Meine Hand brachte das Kuchenstück an meinen Mund, der sich öffnete, das Stück hineingeschoben bekam und kaute. Meine Augen lagen dort, wo vorhin gerade noch der Kopf meines Gemahls gewesen war. Dieser Mann sollte einmal geweint haben? Undenkbar. Aber wäre es denn möglich, dass er das aus … Nächstenliebe tat? Weil er selbst sich in meine Situation einfühlen konnte? Lee … Leeander, der Grigoroi, den er in der Nacht auf dem Trainingsplatz …
Das Kuchenstück in meinem Mund schmeckte auf einmal fürchterlich trocken.
Irgendwann stand ich auf und suchte nach einem Kleid. Den Kuchen hatte ich aus schlechtem Gewissen zu Ende gegessen, aber trotz seines eigentlich unglaublich guten Geschmacks, fühlte es sich an, als hätte ich schwer im Magen liegende Steine gefuttert.
Ich machte mich auf den Weg ins Schlafzimmer. Im großen, hölzernen Schrank war größtenteils nur Männerkleidung zu sehen. Und es juckte mich in den Fingern, sie anzuziehen. Keine kratzigen, schweren, unpraktischen Kleider mehr! Aber es waren die Kleider vom König, also würde ich mich hüten, sie auch nur anzufassen! Stattdessen nahm ich eines meiner weniger aufwändigen Kleider heraus, hielt es vor mich und betrachtete mich im großen Spiegel. Doch was mir da entgegenblickte, war nicht ich. Schon lange nicht mehr. Kleider tragen, auf andere herabsehen, höflich knicksen … wobei letzteres mir von nun an wohl erspart bliebe.
Das Kleid war rosa. Was mir aber erst reichlich spät auffiel. Unglücklich verzog ich das Gesicht.
Es klopfte an der Tür, allerdings wurde nicht auf eine Reaktion gewartet. Sie ging auf und mein Gatte trat ein.
„Bist du fertig?“, fragte er unnötigerweise, denn er sah ja, dass ich angezogen war.
„Ja …“, antwortete ich und schluckte meinen Hass auf diese schreckliche Farbe hinunter.
Mit hochgezogenen Brauen sah er mich an; sein Blick musterte mich argwöhnisch. „Hast du dich eigentlich schon einmal allein angekleidet?“
Prompt schoss mir das Blut in die Wangen. „Ich … ja! Sicher! Nun, nicht so ein Kleid, aber …“
„Herrje …“, murmelte er leise und kam auf mich zu. „Dreh dich mal um.“
Peinlich berührt drehte ich mich mit dem Rücken zu ihm hin. Ich hatte schon irgendwie das Gefühl gehabt, dass ich da was mit den Schnüren durcheinandergebracht hatte, aber dass es gleich so auffällig war?
Ich spürte, dass er an den Schnüren zog. Dabei brummte er unzufrieden und murmelte leise vor sich hin. Trotzdem konnte ich jedes Wort verstehen.
„Unfassbar. Sonst ziehe ich diese Dinger immer nur aus … Der Scheiß ist komplizierter, als ich dachte … Warum machen die das nicht praktischer?“ Er zerrte und zupfte so heftig an dem Kleid, dass ich glaubte, es müsste bald reißen. Aber dann zog er an den Schnüren und ich spürte, wie sich das Kleid wie eine zweite Haut an meinen Körper schmiegte.
„Na endlich!“
„Ich kann das nächste Mal auch einfach Hosen und Hemd anziehen?“, schlug ich vor, legte einen Dackelblick auf und sah über meine Schulter zu ihm auf.
„Ich habe nichts dagegen. Solange du zu formellen Anlässen trägst, was die Gäste erwarten.“
Er ging zur Tür und sah dort kurz zu mir. „Kommst du?“
Ich hatte Mühe, das Strahlen auf meinem Gesicht zu verstecken. Immerhin gehörte sich das eigentlich nicht. Und doch hatte er nichts dagegen?
„Komme!“, rief ich freudig und brauchte einen Moment, um dieses Gefühl, das in mir aufwallte, zu identifizieren. Aber dann bemerkte ich das Lächeln auf meinen Lippen, welches sich unbedingt zu einem Lachen ausbreiten wollte. Ich war glücklich …! Springend hopste ich zur Tür und grinste zu ihm hoch. „Kommst du?“, fragte ich schelmisch und rannte an ihm vorbei in den Flur.
Es dauerte einen Moment, bis ich die Schritte meines Gemahls hörte, aber dann war er auch schon direkt neben mir – dank der typischen Geschwindigkeit eines Vampirs. Etwas, das ich noch nicht beherrschte.
„Was hat dir denn so schnell die Laune gebessert?“, fragte er irritiert und verlangsamte seinen Schritt.
„Ich darf Hosen anziehen!“, rief ich breit grinsend und drehte mich hüpfend im Kreis. Dann überrollte mich das Lachen, noch ehe ich es hätte zurückhalten können, und ich fing laut an, zu kichern und zu giggeln „Ich.“ Hüpf. „Darf.“ Hüpf. „Hosen.“ Hüpf.
„Ist ja gut! Meine Güte!“
Sparsam sah ich zu ihm auf. Er klang genervt. Aber das hatte er jetzt davon, mir zu erlauben, was sich nicht ziemte! „Anziehen!“ Hüpf.
Überdreht griff ich nach seiner Hand und schwang sie mit meiner zusammen hin und her. Dabei sprang ich noch immer unermüdlich hoch und runter. Ich war so gelöst wie seit Jahren nicht mehr. Ich war glücklich und es schien mir schlichtweg unmöglich es gerade nicht zu sein!
Seine Gesichtszüge entglitten ihm kurz, dann massierte er sich mit der anderen Hand den Nasenrücken. „Jetzt beruhige dich. Wir gehen erst in die Küche und holen etwas zu essen und zu trinken. Dann geht es zu Irina. Du bekommst eine Stunde mit ihr.“
Ich biss mir auf die Lippe und versuchte aufzuhören, glücklich zu sein. Aber ich war immer noch wie auf glühenden Kohlen. Dennoch lief ich neben ihm, anständig und gesittet, wie es sich gehörte. Und ich durfte nachher zu Irina! Meine linke Hand tippte in schnellen Bewegungen gegen mein Bein, während meine Rechte noch immer in seiner lag. Als mir letzteres bewusst wurde, schaute ich überrascht auf unsere noch immer ineinander verflochtenen Hände hinunter. Es schien nicht so, als wenn sich mein Gatte daran stören würde, denn er ging weiter neben mir her.
Der Weg zur Küche war mir noch nie so schön und so schnell vorgekommen. Als wir ankamen, hielt der König eine Dienerin auf, die gerade vor uns weglaufen wollte.
„Mach einen Korb fertig und pack genug zu Essen und zu Trinken ein. Fleisch, Brot und Käse.“ Er zögerte kurz, sah zu mir und wandte sich wieder der jungen Frau zu, die vor Angst fast anfing zu weinen. „Und Kuchen.“
Bei seinem letzten Wort grinste ich wie ein Honigkuchenpferd. Als ich aber die zitternden Hände der jungen Frau sah, löste ich meine Hand von der meines Gemahls und ging auf sie zu. Sie war relativ klein, nicht viel größer als ich, also beugte ich mich nur leicht vor und flüsterte ihr zu, sie solle schon mal den Käse und das Fleisch aus den Kammern holen. Beides wurde weiter unten im Schloss gelagert, in Kammern, die von Natur aus einfach kälter waren als das restliche Schloss. Bei meinen Worten zuckte sie sichtlich zusammen. Schnell griff ich nach ihrer Hand und drückte sie sanft. „Dir wird nichts passieren“, versicherte ich ihr. Nicht, dass, wenn es hart auf hart käme, ich irgendetwas gegen meinen Gemahl auszurichten gehabt hätte. Aber ich war die Königin. Und ich hatte dieses hochnäsige Verhalten nie gern gehabt.
Die Frau nickte und wollte durch eine Bedienstetentür den Raum verlassen, als sich der König mit seiner prächtig einschüchternden Statur vor sie stellte. „Hast du nicht etwas vergessen?“, knurrte er unglücklich. Als sie nicht weiter auf ihn reagierte, vermutlich einfach, weil sie nicht wusste, wie, packte er sie grob am Hals. „Erweise deinem Königspaar gefälligst Respekt!“
Nur zu gern wollte ich etwas einwenden, aber als sein Blick zu mir hin ging, empfand ich es für besser, den Mund zu halten. Die junge Frau riss erschrocken die Augen auf und entschuldigte sich um ein tausendfaches. Sie hatte nicht gewusst, wer wir waren, wie auch? Es war ja nicht so, als dass wir bereits besonders viele öffentliche Auftritte gehabt hätten.
Als ich eine Schublade öffnete und nach einem großen Messer griff, wurde mein Handgelenk plötzlich von einer großen Hand schmerzhaft fest umschlungen und so lange gedrückt, bis ich das Messer zischend wieder fallen ließ. Mein verständnisloser Blick traf den wütenden meines Gatten.
„Was sollte das werden?“, wollte er angespannt und sichtlich missgelaunt wissen.
„Ich wollte das Brot schneiden“, antwortete ich verständnislos und deutete auf den Laib, der hinter mir auf der Ablage lag.
„Warum … warum willst du das Brot schneiden?“, fragte er irritiert. Dann schüttelte er kurz den Kopf und atmete er schwer aus. „Egal. Später. Du fasst auf jeden Fall kein Messer mehr an!“
Ungläubig sah ich zu ihm hoch. Dann verdrehte ich die Augen. „Bitte.“ Ich deutete auf die Messerschublade. „Tut Euch keinen Zwang an.“
Mein Gemahl hob das Messer auf und legte es zurück in die Schublade. „Lass die Diener ihre Arbeit machen. Sie werden dafür bezahlt.“
Wie konnte man nur so … ignorant sein? Wusste er überhaupt, was für einen Stress er der jungen Frau damit bereitete? Zudem seine gewaltvolle Übernahme des Schlosses vermutlich den gesamten Dienstplan durcheinandergebracht hatte?
Ich drehte mich um und setzte mich auf den vorderen Bereich des Ofengehäuses. Es war schön warm. Anlehnen konnte man aber nicht, denn da war es brühend heiß.
Er schwieg und nach einigen Momenten kam die junge Frau wieder, die schnell alles in einen Korb räumte. Zuletzt kam noch ein halber Apfelkuchen dazu. Er dampfte sogar noch leicht und verströmte seinen angenehmen, verlockenden Duft. Mit zitternden Händen und einem absichernden Blick zu mir überreichte sie ihrem König den Korb, knickste und verzog sich durch eine weitere Tür.
„Danke!“, rief ich ihr nach und erhob mich. Den taxierenden Blick meines Gemahls ignorierte ich meisterlich. Erneut nahm er mich an die Hand, in der anderen hielt er den Korb. „Und jetzt?“, fragte ich.
„Jetzt gehen wir zu Irina und du bringst in Erfahrung, warum sie ein Grigoroi werden will. Und lass dich niemals mit der ersten Antwort abspeisen. Bohre nach und bleibe hartnäckig.“
Wir gingen die Flure entlang, bis wir zu der verhassten Stahltür kamen, deren dahinterliegende Treppe hinunter in den Kerker führte.
„Und wenn du weißt, warum sie es will, wirst du entscheiden. Oder ihr diese Entscheidung überlassen.“
„Und Ihr tut dann, was ich sage?“
„Was du und was sie wünschst.“ Vor der großen Metalltür blieb er stehen. „Aber wenn sie ein Grigoroi werden will, wirst du dabei anwesend sein.“
Ich schluckte schwer. „Und wieso muss sie dann immer noch im Kerker sitzen?“
Er hob kurz die Schultern. „Sie hat mir gestern ins Gesicht gespuckt und förmlich darum gebettelt, dass ich sie töte.“
„Was?“, entfuhr es mir und meine Stimme klang dabei schrecklich schrill. „Aber …“ Ich verstand nicht, wie Irina so etwas nur tun konnte. Hatte sie wirklich den König angespuckt? Er hätte sie dafür umbringen können! Da war der Kerker noch eine geringe Strafe. Wobei das nur ein verzögerter Tod war. Aber wenn ich Irina zum Reden bringen könnte, würde mein Gemahl von seinem Plan ablassen. Oder?
Ich riskierte einen vorsichtigen Blick zur Seite. Er war heute wieder so ganz anders. Beinahe freundlich. Konnte es sein, dass er seine Meinung geändert hatte?
Allerdings erkannte ich noch ein Problem, dass ich sofort beim Namen nannte: „Ashur … Er sitzt nur ein paar Zellen weiter. Er wird alles hören.“
„Kaum. Er hat seit Tagen weder gegessen noch Blut getrunken. Das führt bei Vampiren dazu, dass ihre Sinne schlechter werden“, erklärte mein Gemahl und zuckte mit den Schultern. „Außerdem ist er sowieso dem Tode geweiht.“
Ich starrte den König mit offenem Mund an und wartete auf weitere Informationen, die aber ausblieben. Und noch etwas anderes blieb aus: Trauer, Entsetzen, Wut. Eigentlich war ich sogar froh darum, dass ich nun wusste, er würde sterben. Und beinahe hätte ich gefragt, ob ich dabei sein dürfte. Ein Teil von mir sehnte sich danach, zu sehen, wie er Qualen litt und unter Schmerzen schrie. So, wie er mich viel zu oft zum Schreien gebracht hatte. Aber ich hatte auch Angst davor. Denn eines wusste ich mittlerweile ganz bestimmt: Der neue König war wirklich grausam.
„Dann komm. Ich habe nicht den ganzen Tag Zeit.“ Mein Gemahl öffnete die schwere Tür, trat die Treppe hinunter und öffnete die nächste. In diesem Moment schlug uns ein unerbittlicher Gestank entgegen.
Ich hasste es. Diese Tür, diesen Gestank …! Ich war in meinem Leben schon mehr als einmal zu oft hier gewesen. Seufzend folgte ich ihm und wurde schon kurz darauf von Dunkelheit umhüllt. Das dämmrige, flackernde Licht von Fackeln löste das vorherige Sonnenlicht ab und versetzte meiner Stimmung einen Dämpfer. Wir beide schwiegen. Es gab nichts mehr zu sagen. Aber wieso hatte Irina so etwas getan? Wenn sie dem König ins Gesicht spuckte, war der Ausgang davon doch klar?!
Vor ihrer Zelle hielt ich inne, mein Blick auffordernd auf meinen Gemahl gerichtet. Dieser schloss auf, drückte mir den Korb in die Hand und ließ mich hinein. Hinter mir fiel die Tür wieder ins Schloss. Ein Klacken verkündete, dass es erneut abgeschlossen worden war.
„Ihr habt genau eine Stunde.“
































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