Kapitel 34 – Schicksalswende
Kapitel 34 – Schicksalswende
Aurelie
Drei Tage waren seit dem Besuch der Kräuterhexe und dem Beginn meiner Blutung vergangen. Drei Tage, in denen mir immerzu wieder heiß wurde, dann wieder kalt, aber Gilead behielt nicht ganz Unrecht. Es ging mir besser, nachdem was er … mit mir gemacht hatte. Jeden Tag war er kurz da und hatte mit mir gekuschelt, allerdings war es bei Kuschelleien geblieben. Und diese waren zu meinem Bedauern auch nicht besonders lange, denn sobald seine Fänge hervortraten, verabschiedete er sich. Kein Wunder … immerhin roch ich durchgehend nach frischem Blut.
Mittlerweile war es aber nur noch sehr wenig. Dennoch fand ich es mehr als ekelhaft, dass ich einfach zwischen meinen Beinen blutete. Irina hingegen hatte sich unglaublich für mich gefreut, als sie es gerochen hatte. Nur, dass auch sie es die letzten Tage nicht lange in meiner Gegenwart ausgehalten hatte. Für sie roch mein Blut noch viel besser als für sonst wen.
Ich hatte zwar seit meiner Blutung keinen mehr in meine Gemächer gelassen – nun, außer meinem Liebsten – aber dennoch hatte ich, sobald der Schwindel erträglich geworden war, wieder damit angefangen, mich um mein Land zu kümmern. Anträge, Finanzberichte, Handelsabkommen … ja, die Minister und Berater nahmen mir viel Arbeit ab, dennoch blieb für mich auch vieles liegen. Zudem die beiden Berater, Herzog Mir und Baron Loich, mir jede Entscheidung zum Absegnen geben mussten.
Über meinen Schreibtisch gebeugt, hörte ich, wie die Tür zu meinen Gemächern aufschwang. Offenbar betrat Irina gerade wieder meine Gemächer, einen zügellosen Kaldor an der Leine, der geradewegs auf mich zustürmte, nur um dann seine Schnauze zwischen meinen Beinen zu vergraben und interessiert zu schnüffeln.
„He, da ist nichts Interessantes zu holen! Kal!“ Es war mir absolut unangenehm, dass sogar ein Wolf roch, dass ich blutete. Er hatte zwar eine ausgezeichnete Nase, aber sie war eigentlich nicht auf Blut ausgelegt. Nicht so wie unsere.
„Du sitzt ja schon wieder am Schreibtisch und arbeitest“, seufzte Irina und sah sich kurz nach allen Seiten um. „Gut, die Zofen sind gerade nicht da. Ich muss dich nämlich dringend unter vier Augen sprechen.“ Sie gab Kaldor ein Spielzeug, der sich damit vor den Kamin setzte. Auch, wenn dieser derzeit nicht brannte, war es sein absoluter Lieblingsplatz. Abgesehen von meinem Bett natürlich. Was Gilead nicht besonders mochte.
„Ja, ich habe ja auch zu tun“, brummte ich, nahm seufzend noch einmal die Feder zur Hand und beendete den Satz, an dem ich zuvor geschrieben hatte. Nach dem Setzen des Punktes sah ich fragend auf. „Was brauchst du?“
„Gar nichts“, erwiderte sie und trat an meine Seite. Dabei beugte sie sich leicht zu mir vor. „Aber die Leute erzählen sich Gerüchte. Über dich. Und den Kronprinzen.“
Schwer ausatmend senkte ich meine Stirn auf das harte Holz meines Schreibtisches und stöhnte. Ich hatte die Gerüchte, die mir der Hohepriester erzählt hatte, beiseitegeschoben. Und einfach gehofft, sie würden sich klären. Aber scheinbar war dem nicht so.
„Das …“, sprach ich gedämpft durch den Tisch, hob aber anschließend meinen Kopf. „Das spielt doch sowieso keine Rolle mehr. Cyrus wird nicht zurückkommen. Er ist tot. Sonst wäre er doch längst wieder hier!“
„Aber die Leute reden, Naya!“, sagte Irina mit Nachdruck. „Die einen sagen, du hättest ihn versteckt, als Cyrus deine Familie ermordet hat. Andere sagen, Cyrus selbst habe ihn gefangen genommen und gefoltert.“ Ihre Stimme senkte sich und sie legte eine Hand auf meine Schulter. „Aber sie sagen, du hättest dem Kronprinzen zur Flucht verholfen. Du hättest für den König einen Hinterhalt geplant, damit er stirbt!“ Ihre Stimme überschlug sich fast. „Die Wachen im Schloss, ja sogar die Diener reden schon darüber, Naya! Sie sagen, du hättest auch Ashur in den sicheren Tod geschickt, um alleine zu regieren!“
„Und denkst du etwa auch so?“, schrie ich aufbrausend und erhob mich.
„Nein, natürlich nicht!“, meinte Irina und ging zwei Schritte zurück. „Aber trotzdem reden die Leute abfällig über dich! Egal ob Mensch oder Vampir, sie glauben, du hast Cyrus absichtlich in den Tod geschickt. Aber manche hoffen, dass der Kronprinz zurückkommt.“ Ihre Augen füllten sich mit Tränen. „Ich hasse Ashur!“, flüsterte sie mit erstickter Stimme.
„Und du meinst, ich nicht?!“ Meine Hände ballten sich zu wütenden Fäusten und meine Fänge drückten sich heraus. Kaldor zog den ängstlich den Schwanz ein und verschwand im nächsten Zimmer. „Was denkst du, wie es mir mit dem Gedanken geht, dass er noch leben könnte? Sie beide! Sie haben mir nichts als Schmerz gebracht!“, schrie ich. „Cyrus hat mir Alex genommen! Und Ashur hat mir alles andere genommen! Meinen Status, meine Kindheit, meine Lebensfreude! Und was bleibt mir? Ein Reich, das mich dafür verurteilt, dass ich den einen, den anderen oder vielleicht auch gleich beide Männer auf dem Gewissen habe!“
„Was sollen wir jetzt nur tun?“, fragte sie leise. „Es heißt, die Unruhen wären noch heftiger geworden.“
„Geh und finde heraus, was noch für Gerüchte kursieren!“ Eigentlich wollte ich es gar nicht wissen. Aber ich hatte auch absolut keinen Nerv, mich jetzt mit Irina auseinanderzusetzen.
Kaum hatte sie meine Gemächer verlassen, tigerte ich wild herum. Ich konnte nicht … was sollte ich nur tun? Verdammt! „Verdammt!“ Mir kamen die Tränen und ich ließ sie fließen. Elok war noch immer weg. Das musste bedeuten, dass er tot war. Und mit ihm auch Cyrus. Es musste so sein! Aber was machte ich jetzt wegen der Gerüchte?
Ich schlich mich aus meinen Gemächern und verschwand in meinem ehemaligen Kinderzimmer in den Geheimgängen. In meiner Ruhelosigkeit gefangen, verlief ich mich zweimal, bis ich den Zugang zur Bibliothek fand. Als ich mich dort durch den niedrigen Zugang quetschte, brauchte ich Gilead gar nicht erst zu suchen. Dieser stand nämlich mit unergründlichem Blick vor mir und schaute vom Zugang zu mir und wieder zurück.
„Dir ist schon klar, dass das hier dein Schloss ist?“, fragte er belustigt, wurde aber sofort ernst. „Geht es dir gut?“
Schniefend schüttelte ich den Kopf. „Nein“, brachte ich erstickt hervor und stürzte mich in seine Arme. „Nein“, flüsterte ich noch einmal verzweifelt und weinte.
„Was ist denn passiert?“, fragte er leise und schlang seine Arme um mich. Sofort spürte ich seine Lippen an meiner Kopfhaut. „Du glaubst doch nicht etwa den Gerüchten?“
Ich stieß ihn leicht von mir, um ihm in die Augen sehen zu können. „Wie sollte ich sie glauben? Ich weiß doch, was ich getan habe und was nicht! Aber alle anderen glauben sie!“ Wieder drückte ich mein Gesicht in seine Brust, dieses Mal jedoch frontal, und weinte mir die Seele aus dem Leib.
Er drückte mich noch fester an sich und ließ mich weinen. Erst, als meine Tränen verebbten, lagen seine Lippen wieder auf meiner Stirn. Leise murmelte er: „Ich meinte eher das Gerücht, dass der König auf dem Rückweg wäre. Aktuell sind so viele Gerüchte im Umlauf. Glaube ihnen nicht, Liebste.“
Meine Augen rissen auf. „Rückweg?“, fragte ich panisch. „Er kommt zurück?!“ Mein Herzschlag wurde immer schneller.
„Das Schloss ist voller Gerüchte, meine Königin. Irgendjemand macht sich offenbar gerade einen Spaß daraus, sie zu verbreiten. Und Gerüchte werden immer mit Lügen angereichert.“
Kopfschüttelnd klammerte ich mich an ihn. „Küss mich bitte“, flehte ich. „Lass mich vergessen!“
Mein Liebster zögerte nicht. Sofort landeten seine Lippen auf meinem Mund. Er küsste mich so stürmisch, dass ich tatsächlich alles um mich herum vergaß. Seine Zunge neckte mich und seine Hände wanderten von meinem Rücken hinunter zu meinem Po.
Er kniff hinein und ließ mich laut in seinen Mund stöhnen. Sofort schossen meine Fänge heraus. Ganz von selbst presste sich mein ganzer Körper an seinen und fing an, sich daran zu reiben. Meine Hände wanderten indessen in seinen Nacken, auf dass er mir niemals mehr entkommen könnte.
Er hob mich hoch. Willig schlang ich meine Beine um ihn. Mit langsamen Schritten ging er auf eine Sitzecke zu, setzte sich in einen breiten Sessel und hielt mich dabei rittlings auf seinem Schoß. Kurz hielt er inne und löste seine Lippen von meinen. Seine Fangzähne glänzten mir frech entgegen.
„Ich fühle mich, als sei ich ein Jungspund und nicht bereits über sechshundert Jahre alt“, flüsterte er lachend an meinen Lippen.
Ich schenkte ihm ein Grinsen, das auch meine Fänge präsentierte. „Dann bist du eben mit mir noch mal jung“, triezte ich.
„Ich bin immer noch jung genug, um dich glücklich zu machen“, entgegnete er und schien gar nicht beleidigt zu sein. Er küsste mich kurz. Seine Fangzähne fuhren wieder ein; ich tat das Gleiche. Sofort wurde der Kuss wieder intensiv und leidenschaftlich. Ganz leicht bewegte er meine Hüfte mit seinen Händen auf seinem Schoß, was dazu führte, dass ich ganz genau zu spüren bekam, wie sehr er mich gern wollte.
Wieder stöhnte ich auf. Wie von selbst begann ich, die Bewegungen seiner Hände zu intensivieren und mich richtig an seinem Schoß zu reiben. Dann kam mir auf einmal ein Gedanke. Niemals hätte ich gedacht, dass mir dieser Gedanke gefallen könnte, aber tatsächlich fing mein ganzer Körper vorfreudig zu kribbeln an, wenn ich nur schon daran dachte.
Ich beendete den Kuss und stieg entschieden von ihm herunter. Verwirrt zogen sich seine Augenbrauen zusammen, während ich betrachtete, was mir zur Verfügung stand. Gierig leckte ich mir über die Lippen. Und als er aufstehen und auf mich zukommen wollte, verbot ich es ihm. „Nicht“, hauchte ich, meine Lippen dem Gefühl nach geschwollen. Langsam kniete ich mich vor ihn hin und griff mit meinen Händen nach seinem Gürtel.
Gilead hielt meine Hände fest und beugte sich leicht zu mir vor. „Nein“, flüsterte er leise, obwohl seine Stimme vor Erregung ganz heiser und dunkel war. „Ich werde dir sicher nicht die Unschuld rauben. Nicht so früh.“
Ich schüttelte den Kopf. „Ich will tun, was du auch für mich getan hast“, gab ich heiser flüsternd zurück.
Einen Moment lag nichts als Gier und Erregung in seinen Augen. Der Griff um meine Hände wurde lockerer und er zog scharf die Luft zwischen seinen Zähnen ein.
Augenblicklich nutzte ich seinen Zustand und öffnete vielleicht etwas zu geübt seinen Gürtel. Ich fackelte nicht lange, befreite seine Erregung und starrte mit einer Gier darauf, die ich mir niemals zugetraut hätte. Meine Mitte pochte und machte sich selbstständig, aber ich wollte das hier für ihn tun!
Vorsichtig griff ich nach seinem Glied und pumpte es mit meiner Hand. Gilead legte rau stöhnend den Kopf in den Nacken, seine Hand grub sich in mein Haar. Er beobachtete mich zerrissen.
Auch ich schaute zu ihm auf. Manchmal. Ich musste gestehen, dass mich sein Glied lockte wie süßer Honig. Oder Kuchen. Doch als ich mich ihm mit meinem Mund näherte, grub er seine Hand fester in mein Haar, schüttelte den Kopf und richtete sich wieder richtig auf. Gleich darauf versteckte er seine Männlichkeit wieder in seiner Hose. Schmollend und enttäuscht blieb ich zurück.
„Wieso?“
Gilead griff sanft nach meinen Oberarmen und zog mich auf die Beine. Dann küsste er meine Stirn. „Du bist jung. Unerfahrenen. Und deine Neugier soll nicht überschattet werden.“ Er küsste meine Wange. Ich spürte, dass er lächelte. „Außerdem hatte ich gerade ein wenig Angst davor, dass deine Zähne unkontrolliert herauskommen und du mir aus Versehen in mein Gemächt beißt.“
Ungefähr eine Stunde später lag ich müde in meinem Bett. Doch noch immer ging mir die Situation mit meinem Liebsten nicht aus dem Sinn. Ich hatte ihm etwas Gutes tun wollen … aber mit meinen Fängen hatte er beschämenderweise recht. Ich hatte absolut keine Kontrolle darüber, wann sie hervortraten.
Das Abendessen hatte ich gemeinsam mit Aurillia eingenommen. Emili hatte sich bereits früher zurückgezogen. Was ihr passiert war, tat mir leid. Ich konnte nichts dafür, aber es hätte überhaupt gar nicht erst so weit kommen dürfen. Der ehemalige König, mein Onkel, war ein grausamer Vampir gewesen. Aber war Cyrus so viel besser? Mit diesem Gedanken holte mich der Schlaf ein.
„Du wirst mir gehören“, flüsterte er leise, der Unterton in den Worten sprach von Wahnsinn. „Mir!“ Er leckte sich über die Lippen. Über seine verlängerten Eckzähne. „Mir.“ Seine Zunge fuhr am Hals der jungen Frau entlang, bis hin zu ihrem Ohr. Es kitzelte. Und gleichzeitig fuhr ein Schauer nach dem anderen durch ihren zitternden Körper. „Ganz allein …“ Sein Mund löste sich von ihrem Hals und positionierte sich stattdessen vor ihrem Mund. „Mir.“ Gnadenlos presste er ihr seine Lippen auf den Mund, streckte ihr seine Zunge in den Hals und beutete sie aus.
Das Mädchen tat mir leid. Immer wieder murmelte er ‚mir‘. Besitz, nicht mehr war dieses unschuldige Lamm. Gehorsam, nicht mehr war von dem einst lebenslustigen Kind übrig geblieben. Schon lange hatte sie die Versuche, ihn von sich zu stoßen, aufgegeben. Schon lange hatte sie die Sinnlosigkeit dahinter erkannt.
Ich spürte seine Zunge in meinem Mund. Seine Lippen auf meinen. Seine Hände, die mich an der Wand fixierten. Ashur konnte nie genug kriegen. Egal, um was es sich handelte. Schmerz, Lust, Schreie, Blut.
„Meins!“, flüsterte er erneut gegen meine Lippen. Seine Hände griffen grob an meine Brüste und drückten sie schmerzhaft zusammen. Ich hatte die Augen geschlossen. Irgendwann würde dieser Albtraum ein Ende finden! Er löste seine Lippen gänzlich von meinen und entfernte sich ein Stück. „Öffne die Augen, Asha!“ Verzweifelt schüttelte ich den Kopf. Im nächsten Moment flog er zur Seite. „Öffne die Augen, Skavin!“
Ich gehorchte. Öffnete sie nur einen Spalt breit. „Cyrus“, wisperte ich verzweifelt, als ich sein Antlitz erblickte. Sein Grinsen, das Funkeln in seinen Augen.
„Sei brav, du elendes Kind!“
Keuchend und mit fest pochendem Herzen wachte ich auf. Was? Wo? Mein Blick huschte panisch durch den Raum. Es dauerte eine ganze Weile, bis mir klar wurde, dass ich mich sicher und allein in meinen eigenen Gemächern befand.
Cyrus‘ Visage blitze vor meinem inneren Auge auf. „Sei brav, du elendes Kind!“
Wäre ich doch nur noch ein Kind!, dachte ich mir leise wimmernd. Dann würde er mir bei seiner Rückkehr vielleicht nicht gleich den Kopf abreißen. Es waren nicht nur die Gerüchte, denen er sicherlich Glauben schenken würde. Es war noch so viel mehr.
Von den Gängen her drangen hastige Schritte an mein Ohr und ließen mich die Stirn runzeln. Ich schlug die Decke zurück und erhob mich. Ein Blick aus dem Fenster zeigte das baldige Morgengrauen. Noch war der Mond nicht untergegangen, aber sein Untergang lag nicht mehr fern.
Ich rieb mir verwirrt die Augen. Was sollte dieser Radau auf den Gängen? Langsam und noch träge vom Schlaf lief ich auf meine Zimmertür zu und öffnete sie. Im Gang wuselte Aurillia aufgeregt herum.
„Was ist denn hier los?“, fragte ich mit zusammengekniffenen Augen. Das Mädchen stockte mitten in der Bewegung. „Und wo ist Emili?“ Sie war doch sonst immer früher wach als Aurillia.
„Emili ist bei den anderen und hilft im Schloss.“
„Und …?“ Was ging hier vor sich?
„Ähm. Der König kommt zurück“, sagte sie kleinlaut. „Ich wollte dich gleich wecken kommen. Er wurde von den Grenzwachen der Stadt entdeckt. Inklusive seinen Grigoroi.“
Meine Augen rissen auf und ich starrte in die Leere.
‚Sei brav, du elendes Kind!‘
‚Meins!‘
‚Cyrus‘
Ich hastete ins Zimmer zurück und klaubte eine Hose und ein Leinenoberteil heraus.
„Naya?“
Schnell zog ich mir die Stoffe über und befestigte sie mit einem Gürtel. Seit gestern blutete ich glücklicherweise nicht mehr, also konnte ich dieses Höschen weglassen.
„Naya?“ Besorgten Blickes näherte sich mir Aurillia.
„Nein!“ Ich fuhr herum, meine Fänge ausgefahren. „Lass mich!“ Ohne sie weiter zu beachten, rauschte ich an ihr vorbei, hinaus auf den Flur.
Die Gerüchte, ich hätte ihn betrogen und Ashur geholfen! Ich hätte ihn in eine Falle, in den sicheren Tod geschickt! Immer wieder hatte er mich des Lügens bezichtigt! Er glaubte mir nie auch nur ein Wort! Das würde er auch nicht, wenn ich ihm versicherte, dass ich mit diesen Gerüchten nichts zu tun hatte!
Meine Füße trugen mich schnell durch das Schloss in Richtung Haupteingang.
Seine Bestrebungen, die Tochter Seiblings, Gileads Schwester zu heiraten! Ich war ihm von Beginn an nur im Weg gewesen! Hinzu kamen seine Worte, als ich ihn kurz vor unserem Ausflug in die Kammer der Artefakte gefragt hatte, wieso ich noch lebte.
Als der Hohepriester dich sah, sagte er mir sehr deutlich, dass er nur dich krönen würde. Hätte ich dich aus dem Weg geräumt, hätte er mich nicht zum König gekrönt.
Jetzt war er aber König, gekrönt durch meine Hand.
Ich bog in den nächsten Flur ein.
Die Verachtung, die er mir bei unserem letzten Aufeinandertreffen vor seinem Aufbruch entgegengebracht hatte. Nur weil ich ihn geküsst hatte! Und dies wiederum nur, weil ich an das Blut in seinem Mund hatte herankommen wollen! Immer wieder hatte er mich als Lügnerin beschuldigt! Dabei hatte ich ihm einst geschworen, ihn niemals anzulügen!
Eine Träne bildete sich in meinem Auge.
Die Situation mit Gilead würde ihn nur noch rasender machen. Vermutlich würde er meinem Liebsten gar den Kopf abreißen, einfach nur, weil er mich glücklich machte!
Die Träne übertrat die Tränenlinie meines Auges und fiel.
Cyrus war kein Stück besser als meine Familie! Nicht besser als mein Onkel, der seine Schwester geheiratet hatte, meine Mutter! Nicht besser als ihr gemeinsamer, kranker Sohn, der seine Foltermethoden an mir verfeinert hatte, und das, als ich noch ein Kind gewesen war!
Und schlussendlich würde er mich fürchten. Weil ich so starkes Gift hatte, dass ich unbeabsichtigt und ohne mich anzustrengen, einem Vampir einfach so das Leben nehmen konnte.
Nein. Ich durfte nicht zum Haupteingang. Ich musste hier weg!
Schnell änderten meine Schritte die Richtung. Ein- und Ausgänge waren bewacht. Und auch wenn mich die Wachen durchlassen würden, wüssten sie doch um mein Verschwinden.
Im zweiten Stock an einem großen Fenster blieb ich stehen und starrte wie gebannt auf die Szene vor mir. Ich befand mich seitlich des Schlosses. Man würde mich also nicht sofort sehen können, wenn ich von hier floh. Mein Weg würde mich in den Osten führen. Durch den kleinen Wald, welcher der Hauptstadt des Goldenen Reichs anschloss, und dann weiter. Doch hier, von diesem Fenster, konnte ich ebenso die sich durch die Stadt schlängelnde Hauptstraße betrachten. Und den eindrücklichen Reitertrupp, der sie entlanggeritten kam.
Hastig öffnete ich das Fenster und wurde von einer kalten Sommerbrise fast wieder ins Innere getrieben. Ich war für eine Flucht weder recht gekleidet noch hatte ich Proviant eingepackt. Aber Nahrung würden mir die Tiere spenden und es gab sicher das eine oder andere Haus, die eine oder andere Familie, draußen auf dem Land, die mir Unterschlupf gewähren würde.
Mit meinen Händen stütze ich mich am Fensterbrett ab und hievte mich hoch, sodass ich auf dem kalten Stein kniete. Der Blick in die noch dunkle Tiefe ließ mich scharf die Luft einziehen.
„Majestät?“, fragte eine bekannte Stimme hinter mir völlig überrascht, zeitgleich legte sich eine kalte Hand um meinen Oberarm. „Vorsicht! Ihr könntet Euch verletzen!“ Seine zweite Hand legte Leeander um meinen Bauch, um mich wieder in den Flur zu ziehen.
„Leeander, lass mich!“, zischte ich und zeigte ihm meine Zähne. Meine Nase hatte sich gekräuselt, meine Oberlippe sich gehoben.
„Aber Majestät! Der König kommt zurück!“ Er strahlte über das ganze Gesicht. Meine Drohgebärde interessierte ihn nicht im geringsten. „Wir müssen ihn begrüßen!“
Ich nickte ernst. „Ja. Sollten wir wohl. Geh doch vor. Ich komme jeden Moment nach.“ Meine Stimme klang verstörend kalt; jedes Wort viel zu genau artikuliert. Aber anders ließ sich das Zittern, die Angst darin nicht unterdrücken.
„Oh, auf keinen Fall! Cyrus hat darauf bestanden, dass ich immer in Eurer Nähe bleibe. Wir gehen zusammen zum Haupteingang und begrüßen ihn dort. Er wird sich freuen zu sehen, dass Ihr in der Zwischenzeit Eure Reife überstanden habt.“ Leeander drängte mich vom Fenster weg und schloss dieses.
„Leeander“, brummte ich erstickt, umrundete ihn und lief mit ihm im Schlepptau wieder auf das Fenster zu. Noch immer hielt er mich am Arm fest. „Ich werde nicht mitkommen.“
„Aber Ihr müsst!“, entgegnete er. „Cyrus wird Euch sehen wollen. Bitte begleitet mich.“
„Du verstehst nicht“, begann ich leise. „Ich will ihn nicht wiedersehen, Leeander! Ich habe Angst vor diesem Mann und ich bin mit ihm vermählt! Lieber springe ich aus diesem verdammten Fenster, als weiterhin unter der Fuchtel anderer leben zu müssen!“ Das war gelogen, ich würde klettern, nicht springen. „Erst das Königspaar, dann Ashur, jetzt Cyrus!“
Leeander starrte mich mit großen Augen an. Er war dermaßen schockiert über meine Worte, dass er meinen Oberarm tatsächlich losließ.
Wortlos öffnete ich das Fenster erneut und kletterte auf den Sims. Die kalte Luft ließ mich wie auch schon zuvor frösteln und die Tiefe zweier Stockwerke erschaudern. Ein Blick zur Stadt verkündete die schwindende Zeit. „Ich verstehe, dass du ihn liebst“, sprach ich über meine Schulter hinweg. „Auch wenn ich nicht verstehen kann, wieso. Aber ich tue das nicht“, erklärte ich mit Tränen in den Augen. „Jetzt geh bitte.“
„Ich kann Euch nicht gehen lassen“, erklärte er und war bereits wieder bei mir. „Ich habe ihm versprochen, dass ich auf Euch Acht gebe! Er wollte, dass ich auf Euch aufpasse!“
Bevor ich mich vom Fenster entfernen konnte, griff er nach mir. Ich rutschte ab und glaubte einen Moment, ich würde in die Tiefe stürzen. Unter den Füssen hatte ich den Boden verloren, einzig Lees Griff bewahrte mich vor dem Sturz. Der Grigoroi zog mich hoch, sodass wir zurück in den Flur fielen. Sofort drehte er sich um, sodass er auf mir lag. „Ihr müsst bleiben!“
„Nein!“, brüllte ich. „Lass mich gehen! Verdammt, Lee, lass mich doch einfach gehen!“ Mit aller Kraft versuchte ich, ihn von mir zu drücken, wand mich unter seinem Körper und versuchte zu entkommen. „Lass mich gehen!“
Leeander schüttelte den Kopf. „Ich kann Cyrus nicht enttäuschen, Majestät. Bitte, versteht doch.“
Je stärker ich mich wehrte, desto fester hielt er mich fest. „Nein!“, schrie ich, wurde mit zunehmender Verzweiflung aber immer leiser. Immer mehr sprach ich mit mir selbst. „Du musst mich gehen lassen! Du musst mich gehen lassen, du musst mich gehen lassen, du musst mich gehen lassen, du musst mich gehen lassen …!“ Irgendwann hauchte ich die Worte nur noch wie ein aus Angst und Panik bestehendes Mantra vor mich hin. Und hätte man mich von außen beobachtet, hätte man wohl gedacht, ich hätte mich beruhigt. Meine körperlichen Versuche, mich zu befreien, erlagen beinahe vollständig und mein Geschrei nahm ab; ich wurde leiser.
Doch im Schloss war niemand mehr, der mich von außen hätte analysieren können. Viel zu groß war der Tumult, um des Königs Rückkehr.
Leeander ließ nicht locker. Zweifellos spürte er, dass es unter meiner Haut brodelte wie kochendes Wasser. Ich war kurz vor der Explosion. Ich konnte nicht mehr. Meine Gefühle, meine Ängste, alles war so unglaublich stark. Wie stille Zeugen meines Leids rannen Unmengen von Tränen über meine Wangen.
‚Meins!‘
„Neeein!“ Ich presste meine beiden Hände gegen Leeanders Brust und drückte. Aus ganzer Kehle schrie ich: „Lass. Mich. Gehen!“
Mit einem Mal wurde die Welt um mich herum in ein helles Orange getaucht. Heiß, brennend heiß umgaben uns Flammen in einem tobenden Wirbel. Mein Kopf ruckte hin und her, verwirrt, irritiert, ängstlich, doch schon nach dem zweiten Mal umsehen, blieb ich an Lees Augen kleben. Darin spiegelte sich Schock. Entsetzen. Überraschung. Schrecken. Fassungslosigkeit.
Sein Blick war starr. Er sah mir direkt in meine Augen. Es kam mir vor, wie eine Ewigkeit, die wir in dieser Position verbrachten. Erst auf den zweiten Blick fiel mir auf, dass seine Fangzähne ausgefahren waren. Sein Mund war zu einem stummen Schrei geöffnet, während seine Augen noch immer in meine blickten und wie stets, seit ich ihn kannte, in diesem allzeit zuversichtlichen Braun schimmerten, das jedem, der seiner würdig war, seine grenzenlose Loyalität versicherte.
Dann brach er auf mir zusammen. Seine Arme hielten ihn nicht länger.
Einen kurzen Moment blieb ich starr liegen. Doch dann überkam mich wieder Panik. „Lee?“, hauchte ich erstickt. „Leeander?“ Der Tornado aus Flammen war verschwunden. Doch meine Aufmerksamkeit hatte längst nicht mehr ihm gegolten. „Lee!“, schrie ich verzweifelt, drückte ihn keuchend von mir runter und drehte ihn auf den Rücken. „Leeander, jetzt sag was!“ Hecktisch glitten meine Augen über sein Gesicht, seinen Hals, seine … Brust.
Ich versuchte Luft zu holen, doch es war, als gäbe es keine mehr. Lee?, formten meine Lippen entsetzt, brachten aber keinen Laut mehr hervor. Mitten in seinem Brustkorb waren zwei Stellen … zwei Löcher … Und die Haut drumherum war … verschmort. Verbrannt. Verkohlt.
Ich konnte nur noch auf seine Brust starren. Neben ihm kniend und unablässig dicke Krokodilstränen weinend. Ich riss meinen Blick von seinem Brustkorb und wandte mich seinem Gesicht zu. Seinen Augen, die mittlerweile jeden Glanz verloren hatten und nur noch leer ins Nichts starrten.
Die Zeit stand still. ich konnte nicht erfassen, was hier gerade passiert war. Ich verstand es nicht! Ich … Hatte ich wirklich …? Den Mann, der mir in den letzten Wochen zu einem wertvollen Freund geworden war … auf meinem Gewissen? Stets höflich, respektvoll und immer für mich da. Bedingungslos! Ohne ihn wäre ich die letzten Wochen untergegangen! Ohne die Hilfe von Leeander hätte ich dieses Land nicht regieren können! Ich hätte bei den Ratssitzungen versagt! Aber seine Augen bewegten sich nicht mehr! Kein Blinzeln, Schmunzeln, ja noch nicht einmal ein Zucken seiner Mundwinkel verrieten, dass er noch lebte! Wie sollten sie, wenn er … es doch nicht mehr tat?
Schritte hallten durch den Gang. Aber ich war unfähig. Unfähig, mich zu bewegen. Unfähig, zu atmen. Unfähig, aufzusehen. Alles erschien mir so sinnlos. Erst recht, als ich erkannte, wem diese Schritte gehörten.
„Aurelie?“



























































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