Kapitel 35 – Ein verlorener Gefährte

Kapitel 35 – Ein verlorener Gefährte

 

Cyrus

Unser kleiner Trott ritt durch die Stadttore. Je näher wir dem Schloss kamen, desto mehr fielen mir zwei Dinge auf. Zum einen, dass mehr Wachen postiert waren. Und zum anderen sahen uns die meisten Menschen voller Hass und Abscheu an.

Ein Wachsoldat, er trug den typischen Hut eines Hauptmanns, erregte meine Aufmerksamkeit. Ich stieg vom Pferd und ging auf ihn zu.

Augenblicklich beugte er ein Knie und neigte sein Haupt. „Majestät! Willkommen zurück in der Hauptstadt.“

„Danke. Steht bitte auf, Hauptmann, und sagt mir, warum die Wachen erhöht wurden.“

„Es gab Unruhen. Die Vampire fordern strengere Gesetze für die Menschen und die Menschen wollen ihre Freiheit behalten. Zudem wurde Ihre Majestät entführt und wäre beinahe ermordet worden.“

Tiefe Sorge erfasste mich. Das Gefühl, die Königin zu beschützen, wurde beinahe übermächtig in mir. Sie war noch ein Kind! Wer hatte es gewagt, sie zu entführen?! Wut packte mich, sodass ich mehrmals tief durchatmen musste, bis ich mich im Griff hatte. „Demnach wurde sie also gerettet?“

„Ja, Majestät. Aber sie ist seitdem krank und soll sehr schwach sein.“

Meine Augen überflogen den Weg. Die Menschen, die ihrer Arbeit nachgingen und nur selten einen Blick auf die Umgebung warfen. Meist stierten sie zu Boden und gingen in geduckter Haltung ihres Weges. Ich musterte den Hauptmann vor mir. Seine halblangen, hellbraunen Haare lockten sich unter dem Hut. Seine blaugrünen Augen wirkten, als ob er mehr wüsste. Generell wirkte seine Haltung für einen seines Ranges eher unsicher.

„Was habe ich noch verpasst, als ich weg war?“ Auch wenn mir Lee später einen ausführlichen Bericht geben würde, hier lag eine seltsame Anspannung in der Luft.

Der Hauptmann räusperte sich leise. „Nun, es werden dieser Tage viele Gerüchte erzählt. Angeblich hat der Kronprinz überlebt und die Königin habe ihm zur Flucht verholfen. Es heißt, sie hätte Euch eine Falle gestellt, auf dass Ihr nicht zurückkehren würdet.“

Ich nickte, aber innerlich schüttelte ich den Kopf. Aurelie hätte Ashur niemals zur Flucht verholfen. Sie hätte ihn eher umgebracht, als ihm das Leben zu retten. Zudem konnte ich auch nicht glauben, dass sie Ashur gesagt hätte, er solle in den Toten Wald gehen, damit ich ihm folgte. Nein, das war ein Gerücht, welches dazu diente, die Königin in ein schlechtes Licht zu rücken. Vermutlich von denselben Männern verbreitet, die sie entführt hatten. Aurelie hätte ihrem Halbbruder niemals geholfen.



Ich musste herausfinden, was geschehen war, während ich fort war. Vielleicht hatte alles mit dem Tod der beiden Minister angefangen.

„Danke, Hauptmann“, sagte ich knapp und ging zurück zu meinem Pferd. Nun galt es, keine Zeit mehr zu verlieren. Ich musste ins Schloss, mit Lee und den Ministern reden. Vielleicht waren sogar meine beiden Berater vor Ort. Und ich würde mit Aurelie reden müssen. Später. Nachdem ich mich über alles informiert hätte.

Je näher wir dem Schloss kamen, desto weniger Menschen begegneten uns. Nahe dem Schloss standen die Häuser der Adeligen, der Vampire, welche neugierig vor ihren Häusern standen. Nur wenige wirkten begeistert.

Es lag noch viel Arbeit vor mir, bis das Gleichgewicht zwischen Mensch und Vampir uns zu neuem Wohlstand verhelfen würde. Und es würde einige Jahrhunderte an Zeit benötigen. Uns stand eine schwere, turbulente Zeit bevor.

Am Schloss jubelten einige Menschen. Wahrscheinlich hatte man ihnen eilig ein paar Münzen in die Hand gedrückt. Meine Augen flogen über die Dienerschaft, die sich am Haupteingang versammelt hatte. Von Lee fehlte jede Spur. Dabei wäre er der Erste, der mich begrüßen würde. Ob er an der Seite meiner kranken Frau war? Sollte es so sein, stünde es wahrlich nicht gut um ihren Zustand.

Ich sprang vom Pferd und wies meine Grigoroi an, die Pferde zu versorgen und eine Ratssitzung einzuberufen. Ohne die Diener weiter zu beachten, betrat ich das Schloss und eilte in die Gemächer meiner Gattin. Doch die Zimmer waren leer. Nicht einmal ihre Zofen waren da. Nur der Wolf, der beachtlich gewachsen war, lag entspannt auf dem Teppich vor dem Kamin und würdigte mich keines Blickes.

Meine Schritte trugen mich weiter durch das Schloss. Ich suchte Aurelie im Thronsaal, im Besprechungsraum, in meinem Arbeitszimmer, einfach überall. Ich lief die Treppen rauf und runter, bis ich in einem Flur stockte. Es roch verbrannt. Brannte es in einem der Zimmer? Das halbe Schloss war in Aufruhr, weil ich wieder da war. Ein Feuer würde zu spät bemerkt werden. Schnell eilte ich in die Richtung, aus der der Geruch kam. Je näher ich der Quelle kam, desto langsamer wurden meine Schritte. Als ich um die nächste Ecke bog, bereitete sich mir das Bild eines leblosen Körpers auf dem Boden. Davor hockte ein junger Mann.



Als ich näher kam, erkannte ich meinen Fehler. Kein Mann. Obwohl alles verbrannt roch, nahm ich einen weiteren Geruch wahr. Ihren Geruch. Da saß kein junger Mann auf dem Boden, sondern mein Weib, das meine Kleidung trug. „Aurelie“, murmelte ich. Meine Mundwinkel zuckten. Unverbesserlich, die Kleine. Aber meine gute Laune verflog, als ich die leblose Person neben ihr erkannte.

Leeander lag auf dem Rücken. Seine Brust war verkohlt und seine Augen starrten leblos an die Decke. Den Mund hatte er noch halb geöffnet, sein Gesicht war blass.

„Lee“, hauchte ich tonlos. Mein Magen zog sich schmerzhaft zusammen und mein Herz zerbrach. Lee regte sich nicht. Seine Augen starrten noch immer auf dieselbe Stelle. Lee … war tot … Aber wie? Wer? Wer hatte ihm das angetan?! Mein Blick glitt zu seiner Brust und meine Beine trugen mich näher. Unendlich erschöpft und innerlich vollkommen leer, ließ ich mich neben Leeander zu Boden sinken. Tränen füllten meine Augen. Mein Kopf war wie leergefegt. Meinen besten Freund so zu sehen, brachte meinen Herzschlag völlig durcheinander.

Was…? Wie…? Warum…? Fragen, die sich in meinem Kopf formten, aber wieder zu Staub zerfielen. Da war keine Logik mehr. Nur noch Schmerz und Trauer.

„Nein …“, wimmerte es mir gegenüber. Aurelie streckte zittrig ihre Hand aus, traute sich aber nicht, ihn zu berühren. Mit einem herzzerreißenden Schluchzen zog sie ihre Hand zurück und presste sie auf ihren Mund. Tränenüberströmt schüttelte sie den Kopf. Sie schien unendlich müde. Ihre Schultern fielen nach vorne und ihr Kopf war gesenkt. Doch dann traf ihr verweinter Blick meinen. In ihren Augen erkannte ich ein orangerotes Glimmen, das sich ganz langsam zurückzog und immer mehr von ihren sonst so bernsteinfarbenen Augen zurückließ.

Mein Blick war wie gebannt. „Was ist passiert?“, fragte ich leise und wollte es zugleich gar nicht wissen. Ich wollte umkehren. Erneut den Palast betreten. Lee würde mich begrüßen. Es wäre wie immer. Das hier wäre nur ein schlimmer Albtraum und ich würde jeden Moment daraus erwachen. Stattdessen hörte ich Aurelie heftig schluchzen. Ein Teil von mir wollte sie trösten. Dabei brauchte ich selbst dringend Trost.

Wieder streckte sie vorsichtig eine Hand aus, dieses Mal zu seinem Gesicht. Sanft strich sie ihm über die Wange. „Das wollte ich nicht“, brachte sie erstickt heraus, schien aber nicht mit mir zu sprechen. „Es tut mir … leid …, Lee.“ Hörbar zog sie die Luft ein, ehe sie mit ihren Fingern zu seinen Augen glitt und sie schloss. Noch einmal schluchzte sie auf, dann erhob sie sich und lief mit apathischem Blick schleppend davon.



Ich war völlig irritiert. Was wollte sie nicht? Was tat ihr leid? Dass sie Leeander nicht früher gefunden hatte? Mein Verstand weigerte sich, einen klaren Gedanken zu fassen. Ich weigerte mich, überhaupt an etwas zu denken. Nein, Leeander war nicht tot. Das hier war jemand anderes, der ihm einfach nur zum Verwechseln ähnlichsah. Lee war bestimmt im Schloss und bereitete meine Ankunft vor!

Aurelies schlurfende Schritte ließen mich zusammenzucken. Sie war gestolpert und rappelte sich gerade wieder auf. Sie war immer noch so tollpatschig. Sie war immer noch ein Kind. Sie hätte diesen toten Mann hier nie sehen dürfen.

Lee … Ich weigerte mich, den Mann vor mir anzusehen. Ich weigerte mich, seinen Tod zu akzeptieren. Leichter war es, an Aurelie zu denken. An ihren Schock, einem toten Mann gegenüberstehen zu müssen. Sie könnte dem Mörder über den Weg laufen. Immerhin wurde sie kürzlich entführt und wäre beinahe gestorben.

Hastig sprang ich auf die Beine und lief Aurelie hinterher. Als ich näher herankam, hörte ich sie immer wieder leise flüstern: „Ich muss hier weg, ich muss hier weg, ich …“ Ich holte Aurelie ein, packte ihr Handgelenk und zog sie zu mir herum. „Aurelie!“, sagte ich ein wenig zu streng. Ein wenig zu laut. „Du kannst nicht weggehen!“ Sie war ja völlig verwirrt. Vielleicht noch krank. Ja, vermutlich sogar beides. Ihr Handgelenk war auch ganz warm.

Sie fuhr zu mir herum und fauchte mich an. „Lass mich, Cyrus!“, zischte sie durch … Fangzähne. Verdammt große Fangzähne. „Ich werde gehen, und du wirst mich nicht aufhalten!“ Energisch und zugegeben kräftig versuchte sie mir ihr Handgelenk zu entziehen. Doch ich war stärker, wenn auch fassungslos.

Wie paralysiert starrte ich auf ihre Zähne. Fangzähne, von denen Gift tropfte. Ihre Reife … Aurelie hatte ihre Reife hinter sich gebracht. Sie war gar kein Kind mehr. Wie von selbst glitt mein Blick über ihren Körper. Aber die Kleidung verdeckte einfach alles. Dennoch glaubte ich, eine schmalere Taille zu erkennen. Eine breitere Hüfte. Und auch obenrum schien sie zugelegt zu haben. Zumindest etwas. Oder bildete ich mir das alles nur ein? „Du bist erwachsen geworden“, stellte ich unnötigerweise fest. Es war einfacher, mich auf sie zu konzentrieren und die Bilder aus meinem Kopf zu verbannen, die ich vorhin noch so klar vor Augen hatte.



„Was für eine Überraschung!“, fauchte sie wütend. „Und jetzt lass mich los!“ Ihre Stimme zitterte. Ihre Haut sonderte den Geruch beißender Angst ab.

„Ich kann nicht“, gestand ich. Sie sah aus wie die Aurelie, die ich in der seltsamen Reliquienkammer gesehen hatte. Obwohl sie eindeutig Angst vor mir hatte, war ich so verzaubert von ihr, dass ich mich ihr näherte.

Sie wich zurück, bis sie mit dem Rücken gegen die Wand stieß. Und noch immer ragten ihre Fangzähne aus ihrem Mund. In diesem Zustand war sie eine Gefahr für mich. Mit ihrem Gift könnte sie mich mit Leichtigkeit töten. Und ein Teil von mir wünschte es sich sogar.

Lee … Das Bild seines verkohlten Oberkörpers tauchte vor meinen Augen auf. Der verbrannte Geruch stieg mir in die Nase. Hatte Aurelie etwas gesehen? Hatte sie den Mörder gesehen? Ja. Wahrscheinlich. Deshalb hatte sie Angst und wollte gehen. Aber ich musste wissen, was geschehen war! „Du bleibst hier, Aurelie!“

Ihre Miene verfinsterte sich zusehends. „Das hast du nicht zu bestimmen!“ Sie wollte zur Seite flüchten, doch da schob ich ihr meinen Arm in den Weg.

Plötzlich verstand ich ihre Panik. Natürlich hatte sie Angst, der Mörder würde sie töten wollen. Ja, vielleicht war das sogar der Plan gewesen und Lee hatte sich dazwischen gestellt. Das ergab Sinn. Ja, natürlich. Deshalb tat es ihr leid. Lee hatte sie mit seinem Leben beschützt. Die Erkenntnis traf mich mit voller Wucht. Ich war so unendlich traurig und stolz zugleich. Sollte Aurelie erneut angegriffen werden, wäre sein Tod so sinnlos gewesen. Sein Opfer … Ich schluckte die Tränen herunter, packte Aurelie an der Hüfte und warf sie mir über die Schulter. Mein erster Gedanke war, sie in ihre Zimmer zu bringen. Aber da würde sie weglaufen.

Der Gedanke hatte sich kaum in meinem Kopf geformt, da schlug ich schon den Weg zum Kerker ein. Zwar war Ashur daraus geflohen, aber es wäre auch nur für eine Weile. Bis ich die Aufstände niedergekämpft und Leeanders Mörder gefasst hatte.

Aurelie erkannte erschreckend schnell, wo mich mein Weg hinführte. „Nein! Cyrus bitte nicht! Ich werde einfach gehen! Du kannst regieren und ich komme dir nicht mehr in die Quere!“ Mit ihren Händen schlug sie auf meinen Rücken ein. „Bitte nicht!“, wimmerte sie verzweifelt.



„Es ist zu deinem eigenen Schutz, Aurelie. Glaube mir, ich mache das hier für dich.“ Während ich mit ihr die Treppen ins Erdgeschoss hinunterging, kam mir ein weiterer Gedanke. Sie war nun erwachsen. Das hieß, wir mussten den Blutschwur erneut ablegen. Diesmal richtig. Es würde meinen Platz an ihrer Seite sichern und umgekehrt. Zudem wäre ich dann gegen das einzige Gift, das tödlich für mich sein könnte, immun.

„Niemals! Du willst mich foltern! Ich habe nicht getan, was die Gerüchte sagen, Cyrus! Ich schwöre es dir! Und Leeander…!“ Ihre Stimme erstickte.

„Sei einfach still. Es ist ja nur für ein paar Tage.“ Nun, ich hatte anfangs auch geglaubt, nur ein paar Tage fort zu sein. Daraus waren mehrere Wochen geworden.

Am Kerker angekommen, sahen mich die Wachen völlig irritiert an. Aber sie öffneten die Tür zum Kerker kommentarlos. Mit schnellen Schritten eilte ich die Treppe hinunter. „Ich muss mit dem Hohepriester reden. Heute Nacht werden wir den Blutschwur erneut ablegen.“ Mit den Worten öffnete ich die schwere Metalltür zu den Zellen und ging bis nach ganz hinten durch. Eine der vorderen Zellen war besetzt. Ich stutzte – später, entschied ich.

„Nein, nein, nein!“

Auf einmal heizten sich die Stellen, an denen ich Aurelie berührte, auf. Schnell öffnete ich eine Zellentür und warf sie grob hinein. Es fühlte sich an, als ob mein Körper zu brennen begänne. Schnell klopfte ich meine Kleidung ab. Doch ich war unversehrt?

Aurelie prallte hart auf dem Zellenboden auf. Schnell rappelte sie sich auf und schoss schon im nächsten Moment auf mich zu. Ich schloss die Tür und brachte somit die Gitterstäbe zwischen uns. Mit einem lauten Klicken verschloss ich sie.

Aurelie stand mir genau gegenüber. Ihre Fänge waren zur vollen Länge ausgefahren, ihre Augen glühten in einem hellen Rot; ihre Kiefer hatte sie fest aufeinandergepresst. Als sie ihre Hände um die Eisenstangen legte, flammten sie heiß.

„Bei den Göttern“, entfuhr es mir. Das Metall unter ihren Händen fing gefährlich an zu glühen. Ich ahnte, dass sie wohl bald in der Lage wäre, die Stäbe auseinanderzudrücken. „Du hast die Kraft der Ignis-Robur geerbt.“

Irritiert blinzelte sie. „Was…?“, flüsterte sie kaum hörbar, aber sichtlich verwirrt. Ihre Stirn furchte sich. Dann fiel ihr Blick auf ihre Hände. Beinahe sofort erlosch das Feuer. Jedoch hatte sie nicht das geringste Problem, die noch immer glühenden Eisenstangen anzufassen. Das Rot in ihren Pupillen verschwand nur langsam.



Ein Gedanke formte sich in meinem Kopf. Konnte sie Leeander getötet haben? Mit ihren Händen? Ohne ein weiteres Wort wandte ich mich ab. Ich musste dringend mit dem Rat reden und erfahren, was hier die letzten Wochen passiert war. Des Weiteren hatte ich noch ein Rendezvous mit dem Hohepriester. Ausserdem … Ich schluckte schwer. Ich musste Lees Leiche holen lassen. Er verdiente ein Begräbnis. Hier, irgendwo in der Nähe des Schlosses. In meiner Nähe.

 

Wenig später saß ich am großen Tisch. Nur zwei Minister waren anwesend, ebenso meine Berater Mir und Loich. Und der Hohepriester, der bereits wusste, was ich heute Nacht von ihm erwartete. Ich schloss einen Moment die Augen. Diese Ratssitzung gerade raubte mir jetzt schon jeden Nerv. Lee fehlte. Er fehlte mir schmerzlich. Aber ich musste mich zusammenreißen. Dieses Land ging vor. Trauern konnte ich noch, wenn ich alleine war.

„Nun denn, beginnen wir“, eröffnete ich die Sitzung. „Was habe ich verpasst?“

Graf Dreidolch berichtete davon, dass die ehemaligen Minister Seibling und Achos wegen Hochverrats hingerichtet worden waren. Seibling habe versucht, Ihre Majestät anzugreifen. Graf Eber, der ebenfalls unbelehrbar gewesen war, diene indessen als Haushofmeister im Schloss. Seiblings Sohn verweilte hier momentan als überwachter Gast. Die Aufgaben der Minister waren aufgeteilt worden. Zudem bestünde der Verdacht, dass es eine geheime Schatzkammer gäbe. Nun, soweit war ich auch schon gewesen. Trotzdem hörte ich mir die Berichte zumindest äußerlich ruhig an.

Die Stunden zogen dahin. Ich erfuhr von den Unruhen, den Audienzen und Bitten des Volkes. Und von der Entführung der Königin. Es hätte mich schockieren müssen, dass sie beinahe gehängt worden war. Aber meine Gedanken waren zu zerstreut.

Graf Targes räusperte sich und unterbrach den doch recht monotonen Monolog Dreidolchs. „Wenn Ihr erlaubt?“ Ich nickte ihm zu. „Zwei der Entführer haben wir gefangengenommen und in den Kerker gesperrt. Sie waren es, die Ihre Majestät, die Königin, zeit ihres Aufenthalts bei ihnen gefoltert haben.“

„Wieso ist denn dann nur noch einer da?“ Ich runzelte die Stirn. Im Kerker hatte ich nur einen Gefangenen gesehen.



„Die Königin berichtete, sie hätte sich selbst um einen der beiden gekümmert“, warf Mir ein. „Dieser hat sein Leben vor wenigen Tagen ausgehaucht.“

Ich hob die Augenbrauen. Ob sie den Mann auch abgefackelt hatte? Nähere Details würde ich später noch in Erfahrung bringen. „Dann werde ich mich um den anderen kümmern.“

Ich erklärte die heutige Sitzung für beendet. Herzog Mir und Baron Loich dankte ich, dass sie hier waren, und versicherte ihnen, die nächsten Tage mit ihnen zu reden. Aktuell war alles zu chaotisch.

„Wir freuen uns, mein König“, erklärte der Herzog und Baron Loich nickte zustimmend.

Erleichtert atmete ich auf, als sie den Raum verließen. Zu meiner Überraschung saß Graf Targes noch immer auf seinem Platz und musterte mich von der Seite. Fragend erhob ich eine Augenbraue; der Graf verschränkte die Arme vor der Brust.

„Wo ist die Königin, mein König?“

„Da, wo sie hingehört“, knurrte ich unzufrieden. Mühsam riss ich mich zusammen und fügte etwas milder hinzu: „Sie liegt im Bett, weil sie noch krank ist.“ Eine glatte Lüge.

Der Graf ließ sich nichts anmerken, regte sich aber genauso wenig. „Wäre dem so, dann frage ich mich, wieso ihr über den aktuellen Inhalt des Kerkers Bescheid wisst, Majestät. Noch dazu kommt, dass ich die Königin in den letzten Wochen näher kennenlernen durfte.“ Seine Augen starrten mir kalt entgegen. „Und sie saß selbst dann noch hier, als sie vom Fieber zittrig und schwach geworden war. Niemals hätte sie eine Ratssitzung verpasst.“

Unzufrieden presste ich die Arme vor der Brust. Seit wann war er auf der Seite der Königin? Bisher hatte er sie doch als Kind abgetan und ihr kaum Beachtung geschenkt! „Ja, sie ist im Kerker. Zu ihrer eigenen Sicherheit.“ Seine Augenbraue hob sich leicht, fragend, aber sonst war sein Gesicht ohne jede Regung. Noch war ich aber nicht bereit, darüber zu reden. Über meinen Verdacht, was Lee’s Tod betraf. Oder ihre Kräfte. Vielleicht zu einem späteren Zeitpunkt. Es wäre wichtig, dass das Umfeld davon wusste. „Sonst noch was?“

„Zu ihrer eigenen … Sicherheit?“

„Mehr erkläre ich, wenn ich mehr weiß“, gab ich kurz angebunden zurück. Ohne ihn weiter zu beachten, verließ ich das Zimmer. Ungestört erreichte ich meine Gemächer, ging durch zu meinem Bett und ließ die Schultern hängen. Ohne Lee erschien mir plötzlich alles so sinnlos …



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