Kapitel 35 – Irinas Bekümmernis
Kapitel 35 – Irinas Bekümmernis
Cyrus
„Ihr habt genau eine Stunde“, verkündete ich. Dabei wollte ich eigentlich zu Irina sehen, aber stattdessen blieb mein Blick an Aurelie hängen. Einen Moment lang glaubte ich, Panik in ihren Augen gesehen zu haben. Ihr Blick huschte zur Zellentür, als ich sie wieder zuschloss. Ihr Herz setzte einen Schlag aus.
Am liebsten hätte ich das Kind sofort wieder aus der Zelle geholt. Mutete ich ihr wieder zu viel zu? Immerhin war der Kerker kein Ort für ein Kind. Trotz meiner Bedenken drehte ich mich um und ging mit schnellen Schritten zurück zum Kerkereingang. Aber als ich die Tür öffnete, schloss ich sie direkt wieder. Ich konnte das Mädchen hier unten nicht allein lassen. Ich würde hier bleiben, falls sie eine Panikattacke bekommen sollte. Immerhin hatte sie heute das erste Mal in meiner Nähe gelacht und sogar nach meiner Hand gegriffen. Und das alles nur, weil sie Hosen tragen durfte. Verrücktes Kind. Aber es gehörte nun mal zum Erwachsenwerden dazu, sich auszuprobieren, Grenzen auszutesten und einen eigenen Geschmack zu entwickeln. Darin würde ich sie unterstützen, auch wenn es bedeutete, ein paar Schneider zu besorgen, die der Königin die Kleidung anfertigen, die sie wollte. Es war ein simpler Wunsch, den ich bereit war, zu erfüllen.
„Irina!“, jauchzte Aurelie erleichtert und warf sich, den Geräuschen nach, in die Arme ihrer Freundin. Das tat sie tatsächlich aber erst, als sie dachte, ich wäre draußen. Was mir wiederum bestätigte, dass sie mir gegenüber etwas verschwieg.
„Nayara … Es ist schön, dich zu sehen“, murmelte Irina leise, klang dabei aber alles andere als glücklich „Hat er seine Meinung geändert? Oder ist das meine Henkersmahlzeit?“
„Er will wissen, wieso du das willst. Und wir sollen darüber reden. Und ich will das auch wissen, Irina! Es tut mir leid! Ich hätte von vornherein fragen sollen, wieso! Bitte verzeih.“ Aurelies Stimme wurde zum Schluss hin leiser.
Lange hörte ich nichts, aber dann seufzte Irina schwer. „Ich kann das nicht sagen, Naya. Ich … ich kann es einfach nicht …“
„Bitte! Wieso solltest du das wollen? Und wieso … hast du ihn angespuckt?“, flüsterte sie, den zweiten Teil deutlich leiser. „Allein dafür könnte er dich töten!“, sprach sie eindringlich.
„Das soll er ja auch! Alles ist besser als … als das!“, entgegnete sie nun ebenfalls flüsternd.
Ich war versucht, näher zu der Zelle zu treten. Aber damit würde ich riskieren, dass sie mich bemerkten. Zumindest die Sinne Aurelies waren besser als die eines Menschen, wenn auch noch nicht so fein wie die eines ausgewachsenen Vampirs.
„Bitte, Naya … ich kann das nicht …“
„Du …! Du bist …!?“ Das Ersetzen in Aurelies Stimme war nicht zu überhören. Zu gerne wäre ich jetzt hingelaufen, um zu sehen, was Irina ihr gezeigt hatte … „Wer?“, hauchte sie.
„Alexander … es muss von ihm sein“, schniefte Irina erstickt. „Ich trage sein Kind. Aber es wird mich töten!“
Ein Kind von einem Vampir! Und ausgerechnet noch von einem toten Prinzen! Angeblich kam es hin und wieder vor, dass ein Mensch die Schwangerschaft zumindest so lange überlebte, bis das Ungeborene im Mutterleib weit genug entwickelt war. Es wäre etwas kleiner und schwächer als neugeborene Vampire, aber es würde nach ein paar Jahren aufholen. Dann gäbe es einen weiteren Vampir mit Anrecht auf den Thron. Aber in den meisten solchen Fällen überlebte weder die Menschenfrau noch der Fötus die Schwangerschaft. Ihr Körper war einfach nicht dafür ausgelegt, ein Vampirkind ausreichend zu versorgen, geschweige denn über einen so langen Zeitraum. Irina würde einen langsamen, äußerst qualvollen Tod sterben.
Aurelie schluchzte herzzerreißend auf. „Nein. Wieso?! Nein! Ich …“ Sie begann zu hyperventilieren. „Man darf es nicht töten. Das ist gegen das Gesetz!“, rief sie und ich stockte. Wäre sie wirklich bereit, ihre treueste Freundin sterben zu lassen, nur aufgrund eines Gesetzes? Sollte das Kind überleben, würde ich es sowieso nicht lange am Leben lassen. Potenzielle Gefahren wurden ausgelöscht, ganz einfach. Und ein Thronerbe, der nicht von mir abstammte? Sicher nicht.
Nachdenklich zog ich die Augenbrauen zusammen. Vermutlich waren ihr die Gesetze so lange eingetrichtert worden, bis sie sie selbst im Schlaf nennen konnte. Sie kannte das wahre Leben nicht. Es lief nicht immer alles nach Regeln. Aber woher sollte sie das wissen? Vampire waren wertvoll und die Geburtenrate war klein. Es wurde mit größter Achtsamkeit auf unseren Nachwuchs geschaut. Keine Übergriffe, kein vorzeitiges Verheiraten und eine geschützte Kindheit. Und erst recht keine Abreibung. Diese Grundsätze waren grundlegend in den Gesetzen verankert.
Irina schluchzte wieder. „Das weiß ich doch! Und ich weiß auch, dass es … es wird mich umbringen!“ Aus Irinas Schluchzer wurde ein unruhiges Wimmern, vermengt mit dem typischen Geräusch von hochgezogener Nase und bebenden Stimmbändern. „Ich werde doch sowieso sterben! Warum also nicht wenigstens eines schnellen Todes?“
Da hatte sie allerdings recht.
„Und wenn du ein Grigoroi wirst, stirbt es“, murmelte Aurelie leise.
„Ja“, flüsterte Irina und schluchzte wieder. „Das Kind oder ich. Verstehst du jetzt? Niemand wird mich verwandeln, wenn man bald den Bauch sieht!“
Bald? Wie lange war sie denn schon schwanger? Es vergingen Monate, bis man auch nur den Ansatz eines Bauches bei einer schwangeren Vampirin sah. Bei Menschen, die von einem Vampir schwanger waren, musste es ähnlich sein. Und dann war da das Herz, dass man hören müsste … Sie musste sich verschätzen.
„Was soll ich nur tun?“, fragte Irina und schniefte wieder.
Eine ganze Weile blieb es still. Nur einzelne Schluchzer durchbrachen die herrschende Wehmut.
„Ich könnte Tante werden“, hauchte Aurelie gedankenverloren.
Meine Augenbrauen erreichten mit einem Mal meinen Haaransatz. Tante? Hatte ich mich da gerade verhört? Nein, ausgeschlossen. Das Kind sah sich schon in der Rolle der Tante! Ich hielt es keinen Augenblick länger im Flur aus, griff nach der schweren Tür und verließ den Kerker so leise wie möglich. Was glaubte dieses Kind nur? War ihr überhaupt bewusst, wie sehr sie ihre beste Freundin mit diesen Worten verletzen konnte? Irina war doch schon jetzt vollkommen am Ende! Eilig stieg ich die Treppen hoch. Nein, ich rannte sie sogar! Im Flur angekommen, ging ich auf das erste Fenster zu, legte beide Hände auf das kühle Glas und atmete tief durch. Denn in mir formte sich ein neues Problem. Sollte Aurelie wirklich darauf bestehen, dass Irina dieses Kind bis zum Schluss unter ihrem Herzen trug, würde ich meiner viel zu jungen Frau klarmachen müssen, dass ich dieses Kind töten würde. Und zwar noch bevor es seinen ersten Atemzug tat. Und mit dieser Erkenntnis wusste ich auch, was ich mit den Kindern im Harem tun musste. Ein Kind vom König durfte unter keinen Umständen erwachsen werden! Ich tat es nicht nur für mich, sondern auch für sie! Denn ein Kind des Königs, ein vollwertiger Vampir, könnte sie vom Thron stoßen! Das, was ich am Bankett getan hatte, würde sich in einigen Jahrzehnten wiederholen und dann würde nicht nur ich sterben, sondern auch Aurelie!
Meine Fangzähne schoben sich schmerzhaft durch mein Zahnfleisch und ich spürte das Bedürfnis, irgendetwas zu zerschlagen. Ich wurde zu einem Kindesmörder! Schlimm genug, dass ich ein Kind heiratete, nein! Ich würde eine weitere, weitaus schlimmere Grenze übertreten!
Das Blut rauschte in meinen Ohren, als ich durch die Gänge eilte. Vor dem Thronsaal fand ich Lee, den ich sofort in eine stille Nische zog. „Heute Nacht müssen wir wieder in diesen Harem. Wir brauchen weitere Leute. Auf jeden Fall Timmok und weitere Soldaten, die mit angereist sind. Aber keine fremden Grigoroi!“
Lee nickte zögernd. „Was hast du vor?“ Ich zog meine Oberlippe hoch und präsentierte Lee meine Fänge. Das war Lee Antwort genug, denn er nickte langsam. „Ich kümmere mich um alles. Und bereite alles vor.“
Es gab keine Entschuldigung dafür. Und dennoch musste es getan werden. Ich konnte mich später immer noch dafür hassen. Aber es musste getan werden.
Ziellos ging ich im Schloss umher, streifte durch die Gänge und Flure, stieg Treppen hoch und runter. Aber mein Herz kam nicht zur Ruhe. Was hatte ich da nur getan, indem ich beschlossen hatte, den König zu stürzen?
Nach einer ganzen Weile fiel mir ein, dass Aurelie noch immer im Kerker ausharrte. Ich hatte sie vollkommen vergessen! Schnell machte ich mich auf den Weg zurück in den Kerker. Wie viel Zeit war vergangen, seit ich ihn beinahe fluchtartig verlassen hatte? Eine Stunde? Zwei? Einerlei … sie hatten ja einen ganzen Korb voller Nahrung.
Während ich die schwere Tür aufzog, fragte ich mich, ob ich wirklich wissen wollte, wie Aurelie und Irina sich entschieden hatten. Sollte ich Irina wirklich das Vetorecht geben? Immerhin war es ihr Körper. Aber würde ich mich wirklich über Aurelie hinwegsetzen? Andererseits hing der Haussegen sowieso schon gewaltig schief. Konnte ich bei diesem Kind überhaupt noch mehr falsch machen?
Ich trat auf die Zelle zu und schaute hinein. Als fühle sie sich hier pudelwohl, hatte sich Aurelie an die hintere Zellwand gelehnt und leicht die Augen geschlossen. Als sie meine Schritte hörte, schreckte sie auf, blieb aber ruhig. Große, rote Augen sahen mir durch die Gitterstäbe entgegen. Sie hatte geweint.
Irina hingegen saß hinten in der Ecke und hatte ihr Gesicht in ihren Händen vergraben.
Das sah mir weniger nach einem glücklichen Gesprächsende aus. Obwohl ich es nicht wissen wollte, fragte ich: „Seid ihr zu einem Ergebnis gekommen?“
Entschlossen stand Aurelie auf und stellte sich mir gegenüber, was aber dazu führte, dass sie ihren Kopf ein ganzes Stück in den Nacken legen musste. „Sie ist meine Familie und ich möchte, dass sie bleibt. Außerdem hat sie eine Krankheit. Sie schreitet langsam voran und frisst sie von innen her auf. Ich möchte, dass Ihr sie verwandelt. Bitte.“
Bei ihren Worten sah Irina überrascht auf. Ich biss mir auf die Zunge, um jetzt nichts zu sagen, was ich später bereute. „Gut. Einverstanden“, willigte ich ein und beschränkte mich absichtlich auf wenige Worte. „Morgen früh. Macht euch heute einen schönen Tag. Geht spazieren oder was auch immer. Und ihr werdet in einem anderen Zimmer schlafen. Meine Gemächer stehen heute nicht zur Verfügung.“ Ich öffnete die Zellentür und hielt sie auf.
Beide Frauen gingen mehr oder weniger zögerlich an mir vorbei, hinaus aus der Zelle. Irina schnappte sich noch den Korb. „Danke, Majestät“, flüsterte sie fast schon heiser. Zur Antwort nickte ich nur knapp. Ihre Dreistigkeit war nicht vergessen, aber nun wusste ich immerhin den Grund dafür. Ich selbst war nur froh, dass ich keine Frau, kein Mensch war und somit niemals in so eine Situation kommen würde. Außerdem war ich viel zu abgelenkt, als dass ich im Moment groß einen Kopf dafür hatte, die Menschenfrau noch einmal für ihr Verhalten zu zügeln. Aurelie hatte mir eiskalt ins Gesicht gelogen! Ohne mit der Wimper zu zucken! Natürlich hatte ihr Herz sie verraten, aber dennoch … So viel zur kindlichen Unschuld, die sie scheinbar noch hatte! Allerdings konnte ich ihr nicht sagen, dass sie mich angelogen hatte. Denn dann müsste ich zugeben, sie belauscht zu haben. Eine Pattsituation. Unter anderen Umständen würde ich darüber lachen. Aber das blieb mir im Hals stecken.
„Verschwindet!“, knurrte ich. „Morgen früh kommt ihr in meine Gemächer.“ Ich ging zur Metalltür und zog diese auf. „Aber ihr werdet vorher nicht frühstücken!“ Alle beide zuckten bei meinem plötzlich schroff gewordenen Tonfall ängstlich zusammen, nickten aber hastig und machten sich aus dem Staub. Kopfschüttelnd sah ich ihnen nach. „Ach verdammt!“, flüsterte ich leise. Ich konnte die Königin immerhin nicht ganz ohne Geleitschutz herumlaufen lassen! Da waren noch immer die Grigoroi ihres liebenswerten Bruders, die hier irgendwo ihr Unwesen trieben! Abgesehen davon, war noch nie etwas Gutes dabei herausgekommen, wenn ich sie auch nur im Ansatz unbewacht ließ. Bedenke man nur die Selbstverletzungsgefahr … Ich blickte mich um. Ein paar Schritte aus dem Kerker hinaus erkannte ich einen Grigoroi, der gerade Wache hielt.
„Ulras!“, rief ich. Sofort drehte er sich zu mir um und verbeugte sich.
„Mein König?“
„Folge den Mädchen. Lass ihnen ihre Freiheit, solange sie nur hier auf dem Schlossgelände bleiben. Schlafen können sie, wo sie wollen. Morgen begleitest du sie zu meinen Räumlichkeiten.“
„Verstanden, mein König.“ Er verbeugte sich und eilte den beiden hinterher. Sehr weit waren sie sicher noch nicht gekommen.
Ich ging in die entgegengesetzte Richtung und betrat erneut den Kerker. Mich jetzt ein wenig mit Ashur zu beschäftigen, würde mich ablenken und auf andere Gedanken bringen. Zumindest für eine Weile, immerhin war es noch früh am Tag. Vor der Zellentür blieb ich stehen. Direkt nach dem Bankett wurde er nur in die Zelle geworfen und nicht angekettet. Das hat dazu geführt, dass die zwei Wände der Zelle mittlerweile völlig zerkratzt waren. Das Bankett war schon ein paar Tage her. Der Blutdurst hatte ihn nicht nur geschwächt, sondern auch zuweilen wahnsinnig werden lassen. Ob er schon Stimmen hörte? Manche Vampire fantasierten so heftig, dass sie begannen, Selbstgespräche zu führen.
Ashur saß momentan jedoch völlig ruhig an einer Wand gelehnt und starrte mich aus hasserfüllten Augen an. Seine Wangen waren ein wenig eingefallen, die Augen lagen tief in den Höhlen. Ansonsten sprach nichts davon, dass er seit einer Weile auf Blut verzichten musste. Normale Nahrung bekam er natürlich noch, er sollte ja nicht zu schnell sterben.
„Hallo Ashur. Wie fühlst du dich?“
„Komm doch rein. Dann kämpfen wir wie zwei Männer! Oder bist du zu feige?“
Argwöhnisch hob ich eine Augenbraue. Wollte er wirklich kämpfen? Ihm musste doch klar sein, dass er in seinem Zustand keine Chance hatte. Es sei denn, er kam an Blut. Das würde allerdings bedeuten, dass hier jemand im Schloss war, der noch zu ihm hielt. Sobald weitere Soldaten von mir eintrafen, würde ich das Schloss und vor allem den Kerker stärker bewachen lassen. Aktuell war nur eine Patrouille möglich, die immer wieder durch die Flure streifte.
„Feige?“, wiederholte ich grinsend und trat noch etwas näher an die Zelle heran. Und dann kam mir die Idee, wie ich dieses erbärmliche Stück Scheiße aus der Ruhe bringen konnte. Mein Grinsen wurde noch eine Spur breiter. „Ich bin nur noch etwas erschöpft von der gestrigen Nacht. Es ist wirklich schwer, die Königin im Bett zufriedenzustellen. Aurelie ist da wirklich unersättlich.“ Als ich sah, dass der ehemalige Kronprinz meinen Ausführungen nicht folgen konnte, wurde ich deutlicher: „Ich habe deine Asha gefunden. Deine süße, kleine Schwester, die ihr für tot erklärt habt. Sie ist nun die Königin dieses Reiches und mein Eheweib. Seitdem wärmt sie jede Nacht mein Bett, macht willig die Beine breit und stöhnt meinen Namen in aller Kunst der Extase.“


































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