Kapitel 4 – Die Welt wird glänzen
Kapitel 4 – Die Welt wird glänzen
Rjna
„Aufwachen … na komm, Kleines, Augen auf.“
Unruhig wälzte ich mich hin und her. Wer war das? Vater? Aber der war doch nimmer so … er hatte nie so fürsorglich geklungen.
Ein scharfer Schmerz zog durch meine linke Wange. „Au!“ Ich wimmerte leise. Und betete zeitgleich dafür, dass mein Schrei keine weiteren Konzequenzen mit sich bringen würde. Mit einem weiteren klatschenden Geräusch küsste auch meine andere Gesichtshälfte den staubigen Boden. Instinktiv versuchte ich meine Hände anzuheben, um meine Augen vom Dreck darin zu befreien. Jedoch hielt sie jemand fest.
„Ich habe was im Auge!“, brachte ich mühselig und völlig erschöpft hervor. Kurz darauf wurden meine Handgelenke losgelassen, ich konnte das Problem beseitigen und – mehr pflichtbewusst als freiwillig – öffneten sich meine Augen. Müde starrte ich in zwei eisblaue Gegenstücke. „Drego“, sagte ich mit heiserer, kratziger Stimme, als hätte ich sie tagelang nicht benutzt. Ich wusste nicht, wieso ich diesen Namen nach ein- oder zweimaligem Hören und anschliessender Bewusstlosigkeit schon kannte, aber mein Fehler wurde mir in dem Moment bewusst, als das Wort meinen Mund verliess.
Ich war ein Weib, verdammt noch mal! Ich hatte nichts zu sagen! Ich hatte brav zu schweigen und Befehle oder Wünsche auszuführen!
Klatsch.
„Wie bitte?“, fragte der Blauäugige und schaute mich jetzt mit hochgezogener Augenbraue an.
„Verzeiht mir! Ich wollte nicht unhöflich sein, es war mehr eine Art … Reflex …“
Wütend knirschte er mit den Zähnen. „Du wirst mich mit ‚Mein Herr‘ oder ‚Mein Lord‘ ansprechen. Du wirst dieses Zimmer nicht verlassen, es sei denn, ich lasse dich rufen. Du wirst nicht versuchen, zu fliehen. Hast du diese Regeln verstanden?“
„J…ja, mein Lord“, antwortete ich leise. Mit diesen Regeln sollte ich klarkommen.
„Des Weiteren wirst du mir, sowie, solltest du ihm nochmals begegnen, meinem Herrn, Respekt erweisen.“ Abwartend sah er mich an.
„Wie?“ Es fiel mir wirklich schwer nachzuhaken, geschweige denn einen klaren Gedanken in der momentanen Situation zu fassen, aber sollte ich die Regeln befolgen wollen, sollte ich sie auch zur Gänze kennen. So wie auch ihre verschiedenen Auslegungen. Damit hatte ich Erfahrung.
„Brav.“ Lobend strich er mir durchs Haar, was mir kalte Schauer den Rücken hinab sandte. Der Mann erhob sich. Belehrend sprach er zu mir hinab: „Du wirst in meiner, wie auch seiner Gegenwart immer den Kopf gesenkt halten und uns nicht in die Augen sehen, es sei denn, es wird dir von einem von uns beiden gestattet. Du wirst, solltest du ihm begegnen, brav auf die Knie gehen und deine Hände in deinem Schoss falten. Bei mir brauchst du das nicht zu tun, immerhin werde ich mich regelmässig von dir nähren.“ Halbwegs verstehend nickte ich. Was er mit Nähren meinte, blieb mir unbegreiflich, aber ich hielt es für besser, nicht noch einmal nachzufragen. Seine Geduld zu strapazieren, würde sicher nicht gut enden. „Was dein persönliches Wohlbefinden angeht, so steht es unter meinem. Eigentlich unter dem eines jeden anderen hier. Trotzdem versuche nicht gleich zu sterben.“
Wieder nickte ich. Daraufhin verliess er das Zimmer ohne weiteren Kommentar. Und liess mich allein. Hatte ich Zimmer gesagt? Ich meinte Verlies. Drei der vier Wände bestanden aus stählernen Stangen, die letzte aus gehauenem Stein. Es gab weder ein Fenster noch eine Möglichkeit, sich zu erleichtern. An Essen oder Trinken wollte ich gar nicht erst denken und von Möbeln fing ich gar nicht erst zu Sprechen an. Der Raum war komplett kahl.
Ausserhalb der mittlerweile geschlossenen Gittertür flackerte eine Fackel an der Wand. Sie war die einzige Lichtquelle, die ich hier hatte.
Da war ich nun also. In einem Kerker, irgendwo hin verschleppt worden von unglaublich attraktiven Männern. Meine Wangen brannten alle beide und die zahlreichen Verletzungen an meinem ganzen Körper liessen mich in keiner einzigen Position zur Ruhe kommen. Zudem schmerzte mein Hinterteil enorm und die eiserne Kälte dieses Verlieses durchdrang meine Haut bis tief hinein in meine Knochen.
Zitternd und zähne klappernd richtete ich mich aus meiner halb an der Wand liegenden Position auf, zuckte jedoch sogleich zurück, als mein Gewicht sich auf meinen Hintern verschob. War das Vaters Ziel gewesen? Schmerzen beim Sitzen, Stehen und Gehen? Zusätzlich zum unmöglichen Liegen aufgrund der Schnitte und Blutergüsse, die meinen Körper zierten wie es bei anderen Schmuck zu tun pflegte?
Entnervt richtete ich mich schliesslich so ein, dass ich halb auf meiner rechten Seite an der Wand lag. Diese hatte am wenigsten vom Gürtel abbekommen.
Ich musste weggedämmert sein, denn schon hörte ich wieder einen Schlüssel im Schloss drehen und ein grosser, schlaksiger Mann erschien, mit einem bösen Grinsen auf den Lippen, in freudiger Erwartung meiner Angst. Als diese ausblieb, zogen sich leichte Runzeln über seine Stirn. Nach kurzem, verblüfftem Zögern kam er dennoch auf mich zu, mit den Worten Lord Drego erbitte mich zu sich.
Erbitten. Als ob ich hier eine Wahl hätte. Sklaven hatten keine Wahl. Und wenn ich mich hier so umsah, konnte ich ein angenehmes Leben endgültig aus meiner Zukunftsplanung streichen.
Wortlos stand ich auf, verzog dabei aber erst eine Miene, als der grosse, schlaksige Typ sich von mir abgewandt hatte. Mein Hinterreil protestierte schmerzlich gegen jegliche noch so kleine Bewegung, doch ich ignorierte negierte es, so gut es mir möglich war, und folgte dem Mann aus meiner Zelle. Wir erklommen eine Treppe aus Stein und kurz darauf bekam ich auch das erste mal wieder natürliches Licht durch ein kleines Fenster zu sehen. Es war verschmutzt und liess nicht besonders viel Licht ein. Doch im Kontrast zu der Dunkelheit in meiner Zelle, konkurierte der schwache Schemen geradezu mit der Sonne selbst.
Kurze Zeit später klopfte Grinsebacke auch schon an einer Holztür, stiess sie nach einem kurzen ‚Herein‘ auf und schubste mich in den Raum hinein.
Grinsebacke schien mir als passender Name für einen Mann, der eine derart grässliche Art hatte, sein Gesicht so zu verziehen …
Schnell hatte ich den Raum größtenteils erfasst. Er war gross, zumindest für meine ärmlichen Verhältnisse. Der Boden war mit Holz getäfelt, die Wände erstrahlten in einem angenehmen Beige. An der einen Wand stand ein kleiner Schreibtisch, überfüllt mit Briefpost, an der anderen ein ausladender Schrank. Neben dem Schrank fand sich auch eine Kommode und in der Mitte, umarmt von zwei prachtvollen Fenstern, thronte ein einladendes, grosses Bett. Noch nie in meinem Leben hatte ich so ein Bett gesehen! Meine Familie nächtigte auf einer ausgeleierten, alten Matratze aus Stroh!
Vor dem Bett fand sich, oberkörperfrei und nur mit einer einfachen Hose bekleidet, Lord Drego.
Blinzelnd, geblendet von der durch die Fenster strahlenden Sonne, stolperte ich in den Raum hinein. Kaum hatte ich Lord Drego entdeckt, suchte ich seinen Blick. Ein feiner Strich zwischen seinen Augenbrauen tat seine Verärgerung kund. Schnell senkte ich mein Haupt.
„Verzeiht. Ich bin es mir noch nicht gewohnt.“
„Setzt dich aufs Bett“, forderte er in einem Ton, der keinen Widerspruch zuliess. Schnell befolgte ich den Befehl und setzte mich, etwas unsicher, auf die absurd grossflächige Schlafstelle. Unweigerlich fühlte ich mich unwohl und wollte nichts lieber als wieder von hier weg. Mein Verlies wäre auch in Ordnung. Hauptsache, ich könnte seiner Gegenwart entfliehen!
Doch so sollte es nicht kommen. Immerhin erwartete mich noch meine Bestrafung.
Seelenruhig setzte er sich hinter mich und zog mich auf seinen Schoss. Dabei umfassten seine Hände und Arme meine gesamte Taille, was mir unweigerlich ein schmerzerfülltes Japsen entlockte. Er schob es wohl auf meine Unwissenheit, Unschuld oder, noch viel wahrscheinlicher, auf Angst. Dabei traf nichts davon zu. Nichts davon war verantwortlich für meinen mittlerweile schweren Atem, der mir wie Blei auf der Lunge lag. Diese Position war zwar absolut ungebührlich, aber was mich wirklich störte, waren seine Hände, die geradewegs auf meine vielen, noch unverheilten Verletzungen drückten. Man hätte meinen können, er machte es absichtlich.
Durch die Schmerzen wurde mein Atem immer heftiger und das ‚den Schmerz wegatmen‘, wie Mutter es mir einmal epfohlen hatte, brachte nichts, wenn einem pausenlos weitere Schmerzen zugefügt wurden!
Dann spürte ich seinen Atem an meinem Nacken, als er sich zu mir hinunterbeugte und sprach: „Wenn du schon so bereit bist, nur weil ich dich auf meinem Schoss halte …“ Eisig gefror mir das Blut in den Adern und ich schüttelte vehement den Kopf. Vermutlich hatte er die Signale meines Körpers signifikant falsch gedeutet! „Na gut. Dann eben nicht“, sprach er ohne hörbare Gefühlsregung weiter. „Und jetzt, halt still.“
Befehl ist Befehl, ging es mir rasend durch den Kopf. Und wenn er nur wollte, dass ich stillhielt, wäre das machbar, so vermutete ich. Aber damals dachte ich auch noch, dass ich bereits wüsste, was Schmerz war.
Laut entrang sich ein Schrei meiner Kehle, wie ich ihn seit Jahren nicht mehr ausgestossen hatte. Die Disziplinierungsmassnahmen Vaters hatten immens gute Arbeit geleistet – hatte ich zumindest gedacht. Doch bei diesem Schmerz in meinem Nacken – ich konnte keinen klaren Gedanken mehr fassen, geschweige denn mich zurückzuhalten. Meine Hände griffen in reinem Überlebensinstinkt nach den Armen, die mich festhielten. Einer war quer über meine Brust geschlungen, der andere noch immer um meine Taille. Chancenlos versuchte ich seine Hände von mir zu reissen und diesem Schmerz in meinem Nacken endlich ein Ende zu setzen! Tränen blendeten meine Sicht, und in diesem Moment zog mein Leben an mir vorbei.
Einst hatte man mir gesagt, die Welt würde glänzen, wenn man sie durch Tränen betrachtete. Und nenne man mich pessimistisch, aber meine Tränen brachten die Welt nicht zum Glänzen. Das hatten sie nie getan. Sie verschwamm lediglich zu einer unförmigen Fläche aus ineinanderfliessenden Farben und Formen. In diesem Moment kam mir meine kleine, zierliche Schwester in den Sinn, die mir an jenem Morgen entgegengerannt war, um mich in eine ihrer Bärenumarmungen zu ziehen. Und nichts hätte ich im Moment lieber gehabt als eine ihrer Umarmungen.
Wann hatte ich sie zuletzt gesehen? War es heute gewesen? Oder gestern? Wann war ich aufgebrochen? Welchen Tag schrieben wir?
Mein Kopf war zur Seite gefallen. Kraftlos hing ich in den Armen dieses Mannes, der sein Gesicht tief in meine Halsbeuge gedrückt hielt, und starrte vor mich hin. Mein Schrei war verblasst, der Schmerz zu einer wellenartigen Konstante geworden. Und die Tränen flossen unabdinglich.
War das jetzt das Ende? Dürfte ich mich wirklich nicht mehr verabschieden? Würde ich sie niemals wiedersehen? Sollte es wirklich so … enden?


































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