Kapitel 40 – Ausreden
Kapitel 40 – Ausreden
Aurelie
Summend streichelte ich mir über den Bauch. Das war das Einzige, was ich noch tat. Ich aß, für mein Kind. Ich atmete, für mein Kind. Und ich summte, für mein Kind. Aber Freunde konnte ich keine mehr empfinden. Ich konnte sie noch nicht einmal mehr spielen. Welch Tragik. Imani musste jetzt damit klarkommen. Aber sie sah mich ja nicht mehr. Ich übte nicht mehr. Ich konnte nicht einmal mit Sicherheit sagen, was ich die ganzen letzten Wochen eigentlich gemacht hatte.
Diese Kräuterfrau, die Cyrus gesucht hatte, war gekommen, um mich wegen des Kindes zu beruhigen. Es ging ihm gut. Aber mehr sagte sie nicht. Die Frage, ob sie uns trennen konnte, beantwortete sie nur mit einem leichten Kopfschütteln und unverständlichem Gemurmel, von dem ich nur das Wort ‚Götter‘ hatte heraushören können.
Und so kam es, dass wir noch immer verbunden waren. Manchmal hatte ich das Gefühl, die Götter schauten auf uns herab, als spielten wir für sie eine Seifenoper. Ganz zu ihrem Vergnügen.
Cyrus ging nicht. Vielleicht lag es daran, dass er mich quälen wollte. Vielleicht fürchtete er sich davor, lange Zeit weit von mir entfernt zu sein. Es ging uns nicht gut, wenn die Bindung zu sehr strapaziert wurde. Oder aber vielleicht lag es an dem Meter hohen Schnee, der kein Pferd und keine Kutsche passieren ließ.
Großartige Neuigkeiten waren auch, dass die Alte, die aber sowieso unnütz gewesen war, vor einer Woche das Zeitliche gesegnet hatte. Sie war weg. Und Cyrus war da. Zeitgleich aber auch nicht, denn er näherte sich mir nicht. Er hielt Abstand, über den ich sowohl froh als auch bekümmert war. Er sollte gehen. Oder ich. Vielleicht sollte ich einfach meine sieben Sachen packen und in ein neues Leben aufbrechen. Am besten, bevor ich so dick war, dass ich mir die Stiefel nicht mehr selbst anziehen konnte.
Irina kam täglich, um mich zu nerven. Langsam hatte ich die Nase voll. Ich sollte aufstehen und mich bewegen. Außerdem mehr essen und ordentlich Blut trinken – nicht nur diese lächerlich kleinen Mengen, die ich verdrückte. Aber die Wahrheit war, ich konnte nicht mehr essen. Es ging nicht. Es fühlte sich durchgehend so an, als sei mein Magen bereits voll. Voll mit Kummer und Sorgen.
Emili hatte ich nicht mehr gesehen. Seit dem Tag, als Imani mich zum Abendessen hatte abholen wollen, war sie wie verschollen. Seit Cyrus zurückgekehrt war. Am Ende hatte er seine Drohung noch wahr gemacht und sie getötet.
Just in diesem Moment öffnete sich die Tür und eine zierliche Person eilte in mein Zimmer, wobei sie schnell die Tür hinter sich schloss. Sie blieb mit dem Gesicht zur Tür stehen. Obwohl es im Schloss warm war, trug sie einen Mantel; die Kapuze hatte sie über den Kopf gezogen. So konnte ich nicht erkennen, wer sie war. Nur, dass es dem Herzschlag nach, ein Mensch und der Statur nach, eine Frau sein musste.
Mein Summen brach ab. Etwa eine Auftragsmörderin? Der Gedanke war mir im ersten Moment willkommen. Doch dann erinnerte ich mich an den Herzschlag unter meinem eigenen; nach wie vor der einzige Beweis für das zweite Leben in mir. Und welche Verantwortung ich dafür trug.
Ich blieb liegen. Ließ mir nichts anmerken und schloss meine Augen wieder. Allerdings horchte ich aufmerksam. Käme mir die Person zu nah, wäre ich schnell auf den Beinen. Und könnte mich verteidigen.
„Naya?“, sprach die bekannte Stimme meiner Freundin leise. Eine enorme Anspannung fiel von mir ab. Nur langsam drehte sie sich um; die Kapuze tief ins Gesicht hängend. Der ganze Körper war von Kleidung bedeckt; sogar Handschuhe trug sie. „Entschuldige, dass ich so lange nicht da war …“ Emili trat langsam näher. „Ich weiß, dass du wach bist.“
Träge öffnete ich meine Augen zur Gänze und richtete mich auf, wobei ich direkt von Schwindel ergriffen wurde. Vielleicht hätte ich die letzten Wochen doch zeitweise einmal aufstehen sollen. „Emili? Was machst du da? Wie siehst du denn aus?“, fragte ich, musste mir aber eingestehen, dass ich mich nicht sonderlich dafür interessierte. Ich versuchte es. Versuchte wirklich, mich für meine Freundin zu interessieren. Aber was brachte es mir? Irgendwann würde sie gehen. So wie alle gingen. Es war nur Verschwendung von Energie, sich mit Menschen abzugeben. Sich generell mit anderen Lebewesen abzugeben. An und für sich war schon generell zu Leben eine Verschwendung davon.
„Wir müssen reden. Über mich. Über uns. Über dich.“ Sie seufzte, blieb neben dem Bett stehen und nahm zögernd die Kapuze ab. Ihre helle Hautfarbe hatte schon immer gut zu ihren weißblonden Haaren und den klaren, blauen Augen gepasst. Doch nun zierten ihre Schläfen zarte, verschnörkelte Muster in dunkelroter Farbe. Von den Schläfen, über Stirn, Nase, Mund, zurück zu den Ohren und von dort am Hals entlang. Wahrscheinlich bis zu den Armen, an denen ich die Muster bereits gesehen hatte.
„Schisse.“ Sprachlos sah ich zu ihr auf. „Was … sehe ich da, Emili?“
„Es sind Zeichen der Götter. Die alte Tuatha meinte, damit könnten sie mit uns in Kontakt treten.“ Emili trat näher heran. „Die Götter reden mit mir, Naya. Die alte Tuatha sagte, dass es Tage geben wird, an denen sie häufiger mit mir reden. Und dass es Zeiten gibt, in denen es still ist. Auch über Jahrhunderte hinweg.“ Ihr Blick wanderte über die Bettdecke und musterte dabei die Konturen meines Körpers. „Ignis-Robur wollte sich bedanken. Bei dir und deinem Gatten, weil ihr sie zum See gebracht habt. Sie sagt, sie fühlte sich wohl auf deinen Armen. Sicher und behütet. So, wie schon zuvor, als du ihr die Wärme gegeben hast, die ihr die nötige Kraft gab, um zu schlüpfen.“
Tja, was sollte man dazu sagen? Meine Freundin war wahnsinnig geworden. Ich stand auf und nahm Emilis Gesicht in meine Hände. Dann rieb ich mit dem Daumen über ihre Stirn. Aber die Tätowierungen blieben. „Hast du dir das wirklich permanent tätowieren lassen?“ Meine Stimme klang fassungslos, während ich die Stirn runzelte. „Und dann wundert es dich, wenn Kretos dich als Hexe beschimpft?“ Prüfend glitt mein Blick an ihrem Körper entlang. „Also, Fieber hast du nicht. Blass bist du aber.“
Emili blieb unbeeindruckt. „Ignis-Robur wollte dir ein Geschenk machen. Ein Kind, weil du dich um sie gekümmert hast, als sie noch im Ei schlief. Und sie hätte ewig dort geschlafen, hättest du sie nicht in deinen Armen gehalten und gewärmt.“ Ihr Blick war unbeweglich auf mich gerichtet, andererseits schien es, als sähe sie direkt durch mich hindurch. „Aber nun hat sie Angst, dass du dieses Geschenk nicht würdigst.“
Ich seufzte und stellte meine Untersuchung ein. Meine Hände ließ ich neben meinen Körper fallen. „Ich würde dem Kind niemals etwas antun. Wenn du das ernst meinst, dann sag ihr, dass es mir eine Ehre gewesen ist. Aber wir wissen beide, dass es purer Eigennutz ist, dass ich jetzt dieses Kind im Leib trage. Denn dieses kleine Wesen in meinem Bauch“, ich legte meine Hand auf meine Bauchdecke, „das sichert ihr ihr eigenes Fortbestehen.“
Emili senkte den Blick. „Ja. Ich sah, wie der Stern auf unsere Welt stürzt und alles Leben zerstört. Die Vampire sind der Götter Schöpfung. Sie will sie nicht vernichtet wissen, daher hat sie dich fruchtbar gemacht.“ Ihre Hände glitten zu meinem Bauch. „Es ist dennoch ein Geschenk. Es soll den Frieden bringen.“
Mir entkam ein verächtliches Lachen. „Diese Last werde ich ihm aber nicht aufbürden, Emili. Wir beide brauchen kein Schloss, Untertanen oder Gold.“ Sachte legte ich meine Hand über ihre. „Cyrus wird regieren und den Frieden bringen. Er hat anständige Ziele. Nur mit Frauen weiß er nicht umzugehen.“
Sie sah mich verständnislos an. „Ohne Cyrus? Aber ich habe euch zusammen gesehen. Mit dem Kind. Ihr seid verbunden.“
„Ja. Noch sind wir verbunden, oh große Botschafterin der Götter.“ Mit erhobenen Brauen sah ich sie an. „Wie nur ließe sich ein Bund, von den Göttern besiegelt, wieder lösen? Hm …? Käme dir da eine Idee?“
Nun senkte Emili den Blick und ihre Schultern sanken herab. „Als die alte Tuatha starb, erhielt ich ihr Wissen. Und das Wissen aller Tuatha zuvor. Ich …“ Sie seufzte schwer. „Ja, es gibt einen Weg, einen erzwungenen Blutschwur zu lösen. Einen Weg, um aufzuheben, was der Hohepriester fälschlicherweise aneinander gebunden hat. Wir Tuatha sind das Gleichgewicht. Damit die Hohepriester ihre Macht nicht missbrauchen.“
„Na also!“ Ich klatschte in die Hände und setzte ein Lächeln auf. „Ich bin bereit! Oder muss er hier sein?“ Bei der Aussicht, ihn wiedersehen zu müssen, verflüchtigte sich meine Motivation ein wenig. Zeitgleich machte sich ein Gefühl der Sehnsucht breit.
„Nein, das nicht … aber …“ Sie brach ab und seufzte tief. „Ist es wirklich das, was du willst?“
Ich blieb einen kurzen Moment still. Bedrückt fragte ich: „Wieso fragst du das? Du hast alles gesehen.“
„Ja, habe ich. Auch die Momente, in denen du glücklich mit ihm warst. Wie die ganze Reise hierher. Das war teilweise so nervig, dass ich lieber bei Elok auf dem Pferd gesessen bin, als bei euch in der Kutsche.“ Sie beugte sich zu mir vor. „Willst du das wirklich wegwerfen? Weil er dich hier gelassen hat aus Angst, dass du das Kind verlierst, wenn du dich wieder in eine Kutsche setzt? Ist nur das dein Problem, Naya?“
„Nein! Mein Problem ist, was er danach vorhatte! Er wollte zurück. Allein! Ohne uns! Er hätte mich verlassen! Es spielt keine Rolle, ob diese Verbindung gebrochen wird oder nicht, verstehst du nicht? So oder so bin ich bei der Niederkunft allein. Und ich habe Angst davor, Emili, solche Angst! Wenn die Bindung gebrochen wird, dann sehne ich mich immerhin nicht mehr ununterbrochen nach ihm! Es macht mich kaputt! Wieso nur ist diese Verbindung so stark?“
Verbittert vergrub ich mein Gesicht in meinen Händen. Ehe Emili etwas sagen konnte, fuhr ich leise flüsternd fort: „Ich weiß, da ist mehr. Mehr als die Verbindung. Ich weiß …“Ich wusste, dass ich ihn liebte. Ein dicker Kloß kam auf und blieb mir im Halse stecken, sodass das Weitersprechen unmöglich wurde. Die Erkenntnis versetzte mich in Schock. „Aber es wird vergehen. Es wird sicher vergehen!“ Meine letzten Worte, gesprochen in einem unüberhörbaren Crescendo, hallten noch lange in meinen Ohren nach. Jedoch bebte meine Stimme und in ihr schwang ein fragender Ton mit. Es würde doch vergehen?
„Was würdest du tun, wenn du an einen Ort gehen musst, an den dir Cyrus nicht folgen kann? Wenn du weißt, dass du es für das Kind tun musst? Würdest du allein gehen? Oder würdest du bei Cyrus bleiben und riskieren, dass du das Kind verlierst?“
„Ich würde gehen“, kam es ohne Zögern von mir. „Er mag mir vorwerfen, dass mir das Leben in mir egal ist, aber da kennt er mich schlecht.“ Ich seufzte tief. „Noch ein Grund. Er versteht mich nicht. Ist es nicht wunderbar zu sehen, wie er mir nie glaubt, wenn ich etwas sage? Immer stellt er mich als Lügnerin dar. Dabei ist er es, der nicht einmal den Versuch unternimmt, für uns zu kämpfen.“ Ich schüttelte den Kopf und krallte meine Hände in das Laken unter mir. „Wir spielen wirklich eine Seifenoper für die Götter. Die müssen sich mittlerweile atemlos die Bäuche halten.“
„So, du würdest also ohne zu zögern gehen und ihn allein lassen. Weil du weißt, er käme klar. Aber er darf es andersrum nicht? Er darf dich nicht in der Obhut seiner engsten Vertrauten lassen, bei einem Fürsten, mit dem er eng verbündet ist, und bei deinen Freundinnen? Er darf nicht gehen, obwohl du gut versorgt wirst?“ Emili schüttelte verständnislos den Kopf. „Wieso darf er nicht tun, was du ohne zu zögern machen würdest?“
„Weil er kein verdammtes Kind in sich trägt!“
„Ah, verstehe. Dir ist schon klar, wie ungerecht das ist?“
„Wieso das denn?! Weil er keine Frau ist? Was kann ich denn dafür, dass er mit Schwanz und ohne Loch zwischen den Beinen geboren worden ist?!“ Das hätte mir zumindest einiges an Schmerz erspart. Hm, ich könnte ihn auch kastrieren … Eigentlich hätte ich das längst tun sollen.
„Was ist dein Problem, Naya? Die Tatsache, dass er ein Mann ist? Oder aber, dass du eine Frau bist? Denn ich glaube mittlerweile, mit deiner Schwangerschaft hat es herzlich wenig zu tun. Du nutzt sie bloß als Ausrede.“ Emili machte ein paar Schritte zurück. „Du benutzt alles nur, solange es dir recht und billig ist.“ Entschieden wandte sie sich ab und verließ meine Gemächer, ohne dass ich Gelegenheit gehabt hätte, auf ihre Worte zu reagieren.
„Was soll das denn bitte bedeuten? Auf wessen Seite bist du eigentlich?!“, schrie ich ihr wütend hinterher, ließ mich aber gleich darauf heulend aufs Bett fallen. Jetzt hatte ich auch noch meine Freundin verloren. Und ich hatte keine Ahnung, warum. Wieso musste sie ihn auch so verteidigen? Nur weil ihr ihre beschissenen Visionen sagten, wir müssten zusammen sein? „Ich hasse dich! Verfluchte Ignis-Robur ich hasse dich! Ihr Götter macht alles kaputt!“
Die Sonne ging gerade unter, als ich mich aus meinem Bett zwang und auf den Balkon trat. Augenblicklich überzog eine dicke Gänsehaut meinen Körper. Der Himmel war so weit das Auge reichte weiß. Nur mit Mühen konnte sich die untergehende Sonne noch durch den dichten, schneebehangenen Himmel drücken.
Vielleicht hatte Emili recht, dachte ich bedrückt und stellte mich dicht an die Balustrade. Der Blick in die Tiefe war beängstigend; das dunkle Blau des rauschenden Meeres schön, doch die Felsen an den Klippen messerscharf.
Ich aß für mein Kind. Ich summte für mein Kind. Ich atmete für mein Kind. Wie so oft hatte Emili wieder einmal recht. Vielleicht sollte ich wirklich aufhören, das Kind als Ausrede zu benutzen.

























































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