Kapitel 41 – Blutrausch

Kapitel 41 – Blutrausch

 

Tadurial

Nach einem Tag, vollgestopft mit ermüdender Arbeit, führten mich meine Beine träge zurück in mein Heim. Natürlich hatte ich einiges aufzuholen. Als Hauptmann musste ich aufarbeiten, was die letzten zehn Jahre im und um das Land herum geschehen war. Neue Gebote, die erlassen worden waren, musste ich kennen, und mir von der Situation, in der wir uns mit anderen Ländern befanden, ein Bild verschaffen. Handelsverträge liefen über die Externe Einheit, anders gesagt, über mich. Ein Hauptmann hatte die Aufgabe, sich all diese Dinge zu merken, damit er, sollte dem König je etwas entfallen, eine zuverlässige Stütze war, selbst aber selbstverständlich auch grösstenteils autonom für das Land sorgen konnte, sollte der König aus irgendeinem Grund für eine Weile nicht zugegen sein.

All dies und mehr wäre keine grosse Sache. Wenn mein Vorgänger nicht ausgerechnet mein Erschaffer gewesen wäre. Von Notizen oder Niederschriften hielt dieser Mann nicht besonders viel. Und wenn doch eine auftauchte, war sie kaum zu entziffern.

Mein Kopf pochte vor lauter ermüdender Arbeit. Stundenlang war ich damit beschäftigt, Fälle der letzten Jahre mit meinen Männern durchzugehen und Notizen dazu zu verfassen, nur um dann zu bemerken, dass doch etwas Wichtiges in den Erzählungen vergessen worden war. Ich seufzte leise. Wäre das doch nur alles, dachte ich erschöpft. Doch nein, nicht nur die Vergangenheit zog mich auf, auch die Gegenwart tat es.

In der Stadt herrschten Unruhen. Magier, die sich jahrelang verhältnismässig ruhig verhalten hatten, schlugen aus unerfindlichen Gründen über die Stränge und machten mir das Leben schwer. Glücklicherweise war alles, was innerhalb der Stadt geschah, Andols Sache, dem Hauptmann der Internen Einheit. Nur breitete sich das Problem aus. Von überallher erreichten uns Nachrichten von Katastrophen, magischen Ausbrüchen und Selbstjustiz, sowohl von Magiern durchgeführt als auch auf sie gerichtet.

 

Mit einem steten, leichten Kopfschütteln erreichte ich mein Haus. Ich fühlte mich zerrissen. Immerzu fragte ich mich, welche die richtige Seite war. Sicher war es nicht rechtens, alle Magier zu unterdrücken. Und doch stand ich auf Seiten der Vampire – mit der absoluten Gewissheit, wo ich enden würde, würde ich mich jemals als Magier zu erkennen geben. Aber würden mich die Magier aufnehmen? Zwar hiess es, die Not mache erfinderisch, und zweifelsohne; die Magier hatten kein einziges gutes Blatt auf der Hand. Aber selbst, wenn sie mich vorerst in ihren Reihen akzeptieren sollten, wäre ich nichts weiter als ein Verräter. Meinem König galt meine Treue – wenn auch nicht meine absolute Ehrlichkeit.



Ich öffnete die Tür. Augenblicklich hielt einer der Angestellten, der gerade auf dem Weg in die Küche gewesen war, inne, verbeugte sich leicht und nahm meinen Mantel entgegen. Er sprach mich nicht an. Dieses Recht hatte er entsprechend der momentanen Gesetzeslage nicht.

„Ich erwarte dich in zehn Minuten oben im Gemach der Prinzessin. Du wirst ihr heute Abend dein Blut zur Verfügung stellen.“

Wieder verbeugte er sich tief, hängte wortlos meinen Mantel auf und entfernte sich anschliessend, um sich vorzubereiten.

Meine bescheidene Laune hob sich nicht im Geringsten, wenn ich daran dachte, dass ich Xelus’ Töchterchen jetzt noch beim Weinen und Jammern zusehen musste. Auch wenn sich beim Gedanken an ihre Reaktion heute Mittag ein Stirnrunzeln auf meinem Gesicht breit machte. Ich hatte sie vorwarnen wollen, in der Hoffnung, dass sie so weniger Aufhebens machen würde. Ich hatte sogar extra jemanden ganz Besonderen ausgewählt, einen wahren Leckerbissen, wenn man so wollte. Aber ihre Reaktion wollte nicht so recht zu dem Mädchen passen, das ich im Grenzdorf kennengelernt hatte.

 

„Prinzessin?“ Ich klopfte. Hinter mir stand der junge Mann, den ich für sie ausgewählt hatte. Meine Stirn legte sich in Falten. „Prinzessin, ich komme rein.“

Kaum hatte ich den Kopf zur Tür hineingestreckt, seufzte ich leise auf. Sie schlief, dabei war es gerade erst früher Abend. Und wie sie schlief. Die Decke lag am Boden, das zweite Kissen ebenso. Das erste hatte sie unter ihr rechtes, angewinkeltes Bein gelegt und das Gesicht in der Matratze vergraben.

„Prinzessin Rjna?“

Ein Gähnen entschlüpfte ihr, ehe sie verschlafen die Arme hob, sich im Bett herumwälzte und sich dann träge die Augen rieb. „Tadurial?“

„Ihr seid alles andere als vorzeigbar, Hoheit.“ Aus müden Augen sah sie mich an. Wie vorzeigbar sie war, oder eben nicht, schien ihr nicht wirklich von Bedeutung. Ein Schnauben unterdrückend, trat ich einen Schritt weiter ins Zimmer hinein und deutete dem jungen Mann hinter mir, ebenfalls einzutreten. „Euer Abendessen. Ich habe mir erlaubt, Euch für heute einen Magier zur Verfügung zu stellen. Er wird Euch ganz gewiss munden.“ Und sollte sie noch so sehr versuchen, zu widerstehen. Es würde ihr nicht gelingen.



Rjna gähnte unbefangen und ohne sich die Mühe zu machen, sich die Hand vor den Mund zu heben. „Gut. In Ordnung.“ Noch einmal rieb sie sich die verschlafenen Augen, zog sich daraufhin eines ihrer langen, dunklen Haare aus dem Mund und blickte es einen Moment verwirrt an. Dann strich sie sich alle Haare aus dem Gesicht und verknotete sie an ihrem Hinterkopf mit sich selbst zu einem lockeren Knoten. „So. Frisiert und frisch gemacht. Angezogen bin ich schon.“ Wie um ihr das Gegenteil zu beweisen, löste sich eine Strähne aus dem Knoten in ihrem Haar und fiel ihr übers Auge. Mit herzlich wenig Motivation blies sie sie zur Seite. „Zufrieden?“

Mein Gesicht sagte mehr als tausend Worte, dessen war ich mir sicher. Ich seufzte. „Das nächste Mal solltet Ihr darauf achten, nicht einzuschlafen, bevor ihr diniert habt.“ Ich drehte mich um, zu einem Magier, der kläglich dabei versagte, seine zuckenden Mundwinkel unter Kontrolle zu bekommen. „Alfred, komm.“

Der junge Mann verbeugte sich leicht, schritt an mir vorbei ins Zimmer und setzte sich neben Rjna auf die Bettkante. „Wo ist es Euch am liebsten, Hoheit?“

Die helle Stimme überraschte mich stets aufs Neue. Ich hatte ihn mir geholt, da war er zwölf gewesen, somit gerade erwachsen geworden und auf einer Auktion versteigert worden. Das geschah mit allen Magierkindern, die eingefangen oder in Knechtschaft ihrer Eltern geboren wurden. Sie wurden bis zum zwölften Lebensjahr in den Sklavenunterkünften, getrennt von ihren Erzeugern, aufgezogen und mit Erreichen ihrer Volljährigkeit auf ihre Kräfte geprüft. Waren sie zu mächtig, wurden sie weggesperrt und nur bei Bedarf ihrer Fähigkeiten aus dem Mak gelassen. Ein Verlies, das jegliche Magie absorbierte. Alle anderen, deren Fähigkeiten überschaubar waren, wurden versteigert oder, wenn die Fähigkeiten dazu passten, in den Dienst der Stadt gestellt.

Ohne schlechtes Gewissen zu haben, konnte ich behaupten, dass der Junge es gut bei mir hatte. Sein Blut musste er nur dann zur Verfügung stellen, wenn ich hohen Besuch hatte. Mich selbst grauste es davor, meiner eigenen Rasse ihr Blut abzuknöpfen. Aber ein Hauptmann, der keine Delikatesse bei sich zu Hause hielt, erregte unerwünschte Aufmerksamkeit.



Vor zehn Jahren war er noch ein Kind gewesen. Heute war er zu einem schönen, jungen Mann herangereift, dem der Gedanke an Auflehnung nicht ferner hätte liegen können.

„Äh …“ Rjna blinzelte einige Male. Dann glitt ihr Blick zu mir, ein Stirnrunzeln im Gesicht. „Wo ist es normal, Menschen zu beissen?“

Bitte? Ich räusperte mich. „Handgelenk und Halsbeuge gehören zu den am häufigsten genutzten Stellen.“

„Innenschenkel also nicht …“

„Nicht … unter normalen Umständen.“ Woher hatte sie das? „Wenn sich Mann und Frau näherkommen, kann es aber auch dazu kommen.“ Fragend blickte sie auf, zweifellos eine Aufforderung, fortzufahren. „Das“, ich räusperte mich, „wird Xelus Euch sicherlich mit Freuden irgendwann erklären.“

Einen Moment lang sah sie mich noch an, dann wandte sie sich schulterzuckend an Alfred. „Dann das Handgelenk, bitte.“

Willig streckte Alfred ihr seinen Arm entgegen. Rjnas Augen funkelten, als sie ihn mit ihren Fingern langsam umschloss. Ihr Mund öffnete sich leicht; ihre Oberlippe hob sich. Zeitgleich legte sie den Kopf ein Stück in den Nacken und liess ihre Fangzähne herausschnellen. Ungeduldig glitt ihre Zunge über ihre Lippen.

Kaum ging mir der Gedanke durch den Kopf, dass das erstaunlich einfach gewesen war, da hielt sie plötzlich inne.

„Was ist?“

Sie schüttelte leicht den Kopf. „Die Schuldgefühle.“ Durch die ausgefahrenen Fänge lispelte sie leicht. „Sie kommen nicht.“ Tief zog sie ihre Augenbrauen ins Gesicht. „Wie seltsam“, murmelte sie und betrachtete das Handgelenk des jungen Magiers mit ganz neuen Augen. „Ich habe das noch nie gemacht.“ Schliesslich kam sie wohl zum Schluss, dass dies kein Grund war, sich weiter aufhalten zu lassen, und biss zu.

Alfred keuchte erstickt auf und krallte seine andere Hand halt suchend in die Matratze. Mit Tränen in den Augen sah der junge Magier zu mir auf. „Herr…?“ Sein Gesicht hatte sich durch den Schmerz zu einer Maske des Grauens verzogen. Er gab sich sichtlich Mühe, die Laute des Schmerzes, die seinem Mund entwichen, zurückzuhalten, scheiterte aber kläglich.

In Windeseile stand ich neben ihm. „Rjna! Lass ab!“ Was dachte sie sich nur dabei, ihn dermassen brutal zu beissen? „Rjna!“



Doch die junge Vampirin hörte nicht. Ganz im Gegenteil. Die Augen hielt sie geschlossen, die Lippen fest auf seine Haut gedrückt und seinen Arm mit ihren Händen so fest umklammert, dass ich kurz darauf ein Knacken vernahm.

Alfred schrie auf. Die Tränen hielt er längst nicht mehr zurück und auch den Impuls, Rjna von sich zu stossen und sich von ihren Fängen zu befreien, konnte er nicht mehr länger unterdrücken, und begann, an seinem Arm zu zerren.

„Rjna!“ Schnell griff ich ein, packte den störrischen Jungvampir am Hals und drückte zu, wodurch ihr das Schlucken unmöglich wurde.

Ihre Augen öffneten sich. Orange leuchtende Blitze schossen daraus, sodass ich mir sicher sein konnte: Hätten Blicke die Macht zu töten, dann wäre mein Leben an dieser Stelle zu Ende. Die Energie in diesen Augen brachte die Erinnerung an den Tag unserer Abreise aus dem Grenzdorf wieder hoch. Doch dieses Mal würde ich ihr keine Gewalt über mich geben!

„Lass ab!“ Rasend vor Wut knurrte sie gegen Alfreds Haut. Doch ich verstärkte lediglich den Griff um ihren Hals und fauchte: „Lass von ihm ab!“

Mehrere Augenblicke lang fochten wir ein Blickduell aus, welches definitiv ich gewann. Ihr Atem ging schnell. Hätte ihr Herz noch geschlagen, dann wäre es gerast. Schliesslich gab sie nach und löste ihren Kiefer langsam von seinem Handgelenk. Blut quoll aus ihrem Mund – mehr noch als aus der Wunde. Doch sie schloss ihn nicht. Stattdessen fauchte sie wild und präsentierte mir voller Wut ihre Fangzähne.

Dann beging ich einen Fehler. Ich dachte, sie würde sich beruhigen, wenn ich sie losliesse. Ein aggressives Verhalten war keine unübliche Reaktion, wenn einem eine fremde Hand an der Kehle lag. Doch das Gegenteil geschah.

Anstatt dass ihr Körper erschlaffte und der Trägheit verfiel, erschien ein gieriger Ausdruck des Wahnsinns auf ihrem Gesicht. Sie fuhr herum, wandte sich wieder dem Magier zu und verbiss sich in seinem Hals. Und das in einer Geschwindigkeit, die es mir gar nicht erst ermöglichte, einzugreifen. Ihre Arme hatte sie mit einer knochenbrechenden Stärke um seinen Körper geschlungen.

Erneut schrie Alfred auf, dieses Mal jedoch versagte ihm seine Stimme alsbald den Dienst.



„Rjna!“, brüllte ich aufgebracht, packte ihre Hände und versuchte, sie von Alfred zu lösen. Ein wildes Knurren kam von ihr, als sie von ihm abliess, nur um ihre Fänge sofort wieder in seinem Hals zu versenken. „Meine Güte, Götter …“ Sie brachte eine ungeheure Kraft auf. Nur mit Mühe gelang es mir, ihre Arme, die sie um den jungen Magier geschlungen hatte, zu lösen, und es Alfred damit zu ermöglichen, wieder Luft zu holen. Kaum hatte ich ihre Hände hinter ihrem Rücken zusammengeführt und mit einer meiner Hände gepackt, schlang ich die andere wieder um ihre Kehle und drückte zu. „Komm wieder zu dir!“ Mittlerweile hatten sich auch meine Fangzähne gezeigt, sodass zischende Laute jedes meiner Worte begleiteten.

Rjna wehrte sich wild. Mit allem, was sie hatte, versuchte sie, gegen mich anzukommen. Erst waren ihre Bemühungen nur darauf beschränkt, ihre Hände zu befreien, sobald sie jedoch realisierte, dass sie nicht mehr schlucken konnte, löste sie ihre Fänge aus Alfreds Fleisch und fauchte wild herum. Die Zähne gefletscht, knurrte sie mich an, den Mund und das Kinn blutverschmiert, in den Augen ein unkontrolliertes, animalisches Funkeln.

„Alfred, geh!“ Als keine Erwiderung kam, blickte ich irritiert auf den jungen Magier hinunter. „Verdammt!“ Er hatte das Bewusstsein verloren. „Melinda!“

Es dauerte eine Weile, aber irgendwann erschien die oberste Hausdame in der Tür und keuchte stockend vor Schreck auf. „H…Herr?“

„Bring ihn hier raus! Verbinde seine Wunden und lass einen Heiler rufen!“

„N…natürlich!“ Mit einem unübersehbaren Zögern in ihrem Schritt näherte sie sich dem Bett und streckte die Arme vorsichtig nach dem Magier aus. Als Rjna daraufhin noch energischer zu Fauchen begann, zuckte Melinda zurück.

„Nimm ihn und geh!“, forderte ich drängend.

„J…ja!“ Als wäre die Gefahr, selbst von Rjna als Opfer auserkoren zu werden, kleiner, wenn sie sich nur ganz kurz in ihrer Nähe befand, schnellten ihre alten, aber kräftigen Hände vor, packten den jungen Mann beim Kragen seines Gewands und rissen seine halb in sich zusammengesunkene Gestalt vom Bett. Dann umklammerte sie ungelenk seinen Oberkörper und zog ihn so aus dem Zimmer. Die Tür war schneller wieder zu, als ich einen nächsten Befehl hätte aussprechen können.



„Rjna.“ Ich bemühte mich um Ruhe in meiner Stimme, in meiner Ausstrahlung, aber es fiel mir nicht leicht. Kalter Schweiss stand mir auf der Stirn. Rjna hatte Kraft. Weitaus mehr, als es für einen Jungvampir üblich war. Genauso wie auch ihre Vampirgeschwindigkeit nicht der eines Jungvampirs entsprach. Vielleicht ein Teil ihrer magischen Seite? Ich schüttelte den Kopf. Wie auch immer sie sich so schnell entwickelt hatte, der Blutrausch stärkte sie zusätzlich. Der Verlust jedes rationalen Gedankens an Verausgabung oder Konsequenzen brachte in Menschen und Vampiren gleichermassen das Schlimmste hervor.

 

Wie lange ich im Endeffekt gegen Rjna angekämpft hatte, konnte ich im Nachhinein nicht mehr sagen. Drei Stunden? Vier?

Ich hatte sie zu Boden gerungen, mich auf ihre Hüfte gesetzt und ihre Handgelenke auf beiden Seiten ihres Kopfes zu Boden gedrückt. Doch sie hatte sich weiter gewehrt, geschrien, gebrüllt und all ihre Kraft gegen mich aufgebracht. So waren ihre Versuche weitergegangen, stundenlang. Doch irgendwann waren ihre Angriffe schwächer geworden. Ihre Augen hatten zu flattern begonnen und waren irgendwann zugefallen; das Mädchen unter meinem Griff war restlos erschlafft.

Erleichtert atmete ich auf, rollte mich von ihr herunter und brach neben ihr zusammen. „Heilige Scheisse …“, hörte ich mich keuchend murmeln. „Du bekommst niemals wieder einen Magier zum Essen.“

 

Irgendwann rappelte ich mich auf, hob sie hoch und setzte sie im Sessel, der in der Zimmerecke stand, ab.

„Melinda?“

Die Tür öffnete sich nur sehr zögerlich. „J…ja, Herr?“

„Wechselt bitte das Bettzeug.“ Erschöpft fuhr ich mir durch die Haare. „Wie geht es Alfred?“

„Er… er hat zwei gebrochene Rippen, beide Knochen im rechten Unterarm sind in unzählige Einzelteile zerstückelt und der Blutverlust ist enorm.“

Meine Güte. „Wird er es denn überleben?“

„Der Heiler sagt, es bleibt abzuwarten.“

Ich nickte langsam. „In Ordnung. Danke.“

„Herr …?“

„Nicht jetzt, Melinda.“

„In Ordnung. Ich kümmere mich sofort um die Wäsche.“ Sie stockte. „A…aber, Herr?“

Ich atmete scharf ein. „Was?“

Melinda zuckte zusammen. „I…ich wollte fragen …“ Zitternd deutete sie auf Rjna. „Was, wenn sie … wieder zu sich …“



Ich seufzte tief. Mein Blick lag auf der frisch gebackenen Prinzessin, deren Trinkproblem das, was mir Xelus berichtet hatte, noch bei Weitem überstieg. „Dann hoffen wir, dass sie den Blutrausch hinter sich hat. Sonst wird das eine sehr lange Nacht. Aber für die nächsten sechs Stunden ist nicht mit einem Aufwachen zu rechnen. Bis dann bin ich wieder da. Mach dir keine Sorgen.“

„Ihr … Ihr geht noch fort?!“ Die alte Frau zitterte am ganzen Leib, sodass ich nicht anders konnte, als auf sie zuzugehen und sie in den Arm zu nehmen. Augenblicklich schlang sie ihre Arme um mich. Kurz schwelgte ich in Erinnerung an alte Zeiten. Als Melinda noch jung gewesen war, hatten wir einige wirklich sehr schöne Momente erlebt. Bevor sie dann ihrem Ehemann begegnet war.

„Habe ich dich jemals angelogen?“

„N…nein …“

Sachte drückte ich ihr einen Kuss auf die Stirn. „Sie wird nicht aufwachen, bis ich wieder da bin. Euch wird nichts geschehen.“

 

Niedergeschlagen und erschöpft vom heutigen Tag betrat ich das Kampffeld, das direkt hinter der Kaserne lag. Für heute Nacht war ein Sondertraining mit einer meiner Einheiten geplant. Für Rjna stand nach wie vor eine Wache vor meinem Haus. Sollte sie also wirklich aufwachen … Angespannt sah ich mich auf dem Kampffeld um. Meine Leute kamen heute offenbar etwas zu spät. Oder ich etwas zu früh. Aber ich musste raus aus dem Haus. Sie hatte sich im Blutrausch verloren. Sie hatte … Was, wenn sie nicht mehr zurückfand?

Mit schnellen Schritten machte ich mich auf den Weg zum Waffendepot. Ich musste das dem König berichten. Ich nahm mir zwei scharfe Schwerter und ging wieder hinaus auf den Platz. Mit einem Blutrausch war nicht zu spassen, verdammt!

Meine Einheit würde noch eine Weile brauchen. Die Übung sollte erst um Mitternacht beginnen.

„Andol!“, rief ich ungeduldig.

Kurz darauf trat eben Gerufener aus der Kaserne und musterte mich prüfend. „Tadurial. Was ist dir denn über die Leber gelaufen?“

Einen bösen Blick später warf ich ihm die scharfe Waffe zu. Wie immer, wenn wir arbeiteten, trugen wir beide eine leichte Lederrüstung mit umgeschnalltem Waffengurt. „Kämpfen wir.“

Er nickte stoisch. Aber er hatte den Nagel auf den Kopf getroffen. Mit solch einem Ausmass an Schwierigkeiten hatte ich nicht gerechnet, als ich angeboten hatte, die Fürsorge für sie zu übernehmen. Und diese Fehleinschätzung meinerseits legte sich mahnend und mit erhobenem Zeigefinger auf mein Gemüt, drückte darauf herum, bis es schmerzte, und bohrte dann noch weiter. Was, wenn sie es nicht unter Kontrolle bekäme? Was war mit ihren Augen gewesen? Hatte sie diese Reaktion immer, wenn sie mit Blut in Kontakt kam, oder lag es daran, dass es Magierblut gewesen war?



Andol fing das Schwert problemlos aus der Luft auf und sah mich ernst an, als versuche er mich zu lesen. Als Zeichen des gegenseitigen Respekts nickten wir uns kurz zu – eine Art Verbeugung unter Kampfkumpanen. Dann ging ich mit vollem Karacho auf ihn los. Nur, dass er keine Chance gegen mich hatte. Andol war gut. Er konnte kämpfen, wusste sich in Adelskreisen zu benehmen und war einer der wohl besten Heeresanführer und Kampfstrategen, die es diesseits der Meere gab. Aber dann war da noch dieser kleine Altersunterschied zwischen uns, der es ihm einfach unmöglich machte, mit mir mitzuhalten.

 

„Scheisse, verdammt, Tadurial!“, keuchte er, nachdem ich zehn Minuten unerbittlich auf ihn eingeschlagen hatte. Schon ganz zu Beginn des Kampfes hatte ich ihn in die Verteidigungsposition gedrängt; zu einem eigenen Angriff war er gar nicht erst gekommen.

Frustriert liess ich das Schwert links liegen. Er hatte recht. Ich konnte nicht so unerbittlich auf ihn losgehen. Schon gar nicht mit einer scharfen Waffe. Binnen weniger Sekunden hatte ich ihn mit blossen Händen entwaffnet und das Ganze wandelte sich zu einem Faustkampf. Aber auch da hatte Andol keine Chance. Dabei war ich noch nicht einmal ins Schwitzen gekommen! Ich musste dringend diesen Druck ablassen! Die Fürsorge für Rjna, die Arbeit in der Kaserne, die Sorge um Aurelius, der sich nicht meldete, die Geheimnisse, die Rjna nur dem König anvertraut hatte – dass er sich auch noch darauf eingelassen hatte! Hatte sie vielleicht sogar meinen Kniefall vor ihr erwähnt?! Es war alles zu viel!

Nackte Fäuste preschten auf den Hauptmann der Internen Einheit nieder, bis er schliesslich die Hand hob und damit signalisierte, dass er aufgab und es ihm zu viel wurde. Ein Hauptmann, der dieses Zeichen nutzte? Das war erbärmlich! Und das wusste auch Andol, so wie er mich ansah! Und doch hatte er den Kampf abgebrochen! Meine Wut steigerte sich immer mehr. Die Anspannung wollte sich einfach nicht lösen!

Ein Blinzeln später sass Andol mit überraschtem Gesichtsausdruck am Rande des Feldes – und zwar ziemlich übel zugerichtet, wie ich jetzt erkannte – und ein stinkwütender König baute sich direkt vor mir auf.

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