Kapitel 41 – Sturz in die Tiefe
Kapitel 41 – Sturz in die Tiefe
Cyrus
Behagliche Wärme strahlte mir vom Kamin her entgegen, während ich davor saß, in Gedanken versunken und stillschweigend. Irgendwann hatte sich Kretos zu mir gesellt.
Träge ging mein Blick zum geschlossenen Fenster. Der frühe Wintereinbruch hatte uns überrascht. Die Blätter waren kaum gelb geworden, da fiel der Schnee schon stetig und in dicken Flocken vom Himmel.
Am ersten Tag hatte ich es hübsch gefunden. Am zweiten Tag hatten wir wie kleine Kinder draußen im Schnee gespielt. Zwar kannte ich auch Schnee, aber bei meinem alten Schloss im Osten blieb er meist nur über Nacht liegen und war bei Morgengrauen schon wieder weg. Nur selten blieb er mehrere Tage lang und war dann kaum eine Handbreit hoch.
Nun, nach mehreren Wochen, lag der Schnee schon zwei Meter hoch. Niemand verließ aktuell das Schloss und nur der Weitsicht von Kretos hatten wir es zu verdanken, dass genug Holz und Lebensmittel vorhanden waren. Seiner Weitsicht, Erfahrung und sicherlich auch seiner Gabe.
Ich beugte mich vor und rümpfte die Nase. „Kannst du sagen, wie lange der Schnee noch liegen bleibt?“
Kretos wandte den Kopf vom Kamin ab und sah hinaus. „Wochen. Vielleicht sogar den ganzen Winter.“
„Es ist Herbst!“
„Hier im Norden gibt es nur einen kurzen Sommer und einen sehr, sehr langen Winter. Die Jahreszeiten dazwischen dauern meist nur wenige Tage oder Wochen.“
„Na, bei den Temperaturen wäre mein Gemüt wohl auch kalt wie Eis“, grummelte ich, Bezug nehmend auf sein distanziertes Verhalten der letzten Wochen. Früher war er lebendiger gewesen. Doch seine Gabe hatte ihn schweigsam werden lassen.
Kretos griff zu seinem Wodka und schwenkte die goldfarbene Flüssigkeit darin. Er trug Handschuhe. Wie immer, damit er nicht aus Versehen jemanden berührte und die Zukunft sah. Obwohl dies nicht mehr ganz so oft passierte, wie er mir neulich erzählt hatte. Viele der Visionen konnte er mittlerweile sogar zurückdrängen. Zwar sah er sie zu einem späteren Zeitpunkt trotzdem, aber so konnte er zumindest ein wenig Kontrolle darüber ausüben. Hin und wieder war eine Vision aber auch sofort da. Besonders wichtige Visionen, wie er glaubte. So, wie bei Nayara damals auf dem Bankett, kurz bevor wir ihre Familie ermordet hatten.
„Ich hatte nicht vor, so lange zu bleiben, Kretos. Ich wollte den Winter im Goldenen Reich verbringen.“ Zusammen mit Nayara. Ich hatte mir gemeinsame Abende ausgemalt, in denen wir vor einem warmen, molligen Kamin saßen, eng aneinander gekuschelt.
„Du wirst dich wohl darauf einstellen müssen, dass ihr den ganzen Winter über hier seid.“ Kretos trank einen Schluck, stellte das Glas beiseite und zog einen Handschuh aus. „Gib mir deine Hand. Vielleicht sehe ich, wann du abreist. Vielleicht gibt es ja ein paar ruhige, sonnige Tage, in denen du mit der Königin zurückreisen kannst.“
„Mit der Königin …“, wiederholte ich leise. „Es gibt kein Wir mehr, Kretos. Ich weiß nicht, was ich jetzt schon wieder falsch gemacht habe. Selbst Emili hat gesagt, es sei wichtig gewesen, dass die alte Frau hier war.“
Kretos rümpfte die Nase. „Wenn ich Glück habe, seid ihr ja nur noch ein paar Tage hier und du kannst mit allen wieder zurück. Und diese Hexe nimmst du auch gleich mit.“
„Natürlich, sie ist die Zofe der Königin und ihr eine gute Freundin.“ Ich beugte mich vor und streckte Kretos meine Hand entgegen. „Und sie ist keine Hexe.“
Gerade als Kretos meine Hand greifen wollte, wurde die Tür aufgestoßen. Emili betrat das Zimmer, rannte hinein. Seit dem Tod der alten Kräuterfrau trug sie nur noch einen dunklen Umhang. Selbst in ihren eigenen Gemächern. Und Handschuhe. Ständig. Emili blieb keuchend an der Tür stehen. Unter der Kapuze konnte ich kaum ihre Augen ausmachen. „Cyrus! Ich habe das nicht kommen sehen …!“ Ihre Stimme überschlug sich. „Naya steht auf dem Balkon und will springen!“
Ich stand auf und war im selben Moment schon bei Emili. Ich packte sie an den Oberarmen und drückte sie gegen die offenstehende Tür. „Was? Wo?!“ Mir wurde plötzlich unglaublich kalt. Das Fenster ihrer Gemächer ging zum Meer hinaus. Ein wunderschöner Ausblick. Aber nur, wenn man in die Ferne sah. Denn blickte man direkt nach unten, waren da nur Felsen. Messerscharfe Kanten, direkt an einer fürchterlich steilen Klippe. Das Schloss wurde auf einer Landzunge errichtet, die ins Meer ragte. Wunderschön. Und tödlich, wenn man fiel.
„In ihrem Zimmer!“, japste Emili. „Ich…ich habe das nicht kommen sehen!“ Dicke Tränen liefen über ihre Wangen und tropften zu Boden.
Sofort ließ ich Emili los und begann zu rennen. Rannte durchs Schloss, bewegte mich so schnell wie noch nie zuvor. Ohne anzuklopfen, stieß ich die Tür auf, riss sie dabei regelrecht aus den Angeln und hastete weiter. „Nay!“ Meine Stimme klang völlig verzerrt. „Nay!“ Sofort eilte ich zum Balkon, wo mir regelrecht das Herz stehen blieb.
Sie stand auf der Brüstung. Auf ihr! Der Wind zerrte an ihrem Kleid und ihre langen Haare peitschten im Wind. Der fallende Schnee hatte ihre Haare bereits benetzt.
Meine Beine hatten innegehalten. Ich durfte sie nicht erschrecken! Und doch konnte ich mich nicht zurückhalten. „Nay!“, schrie ich zum dritten Mal, unfähig, mich zu bewegen. Unfähig, zu atmen.
Ihr Kopf drehte sich ruckartig zu mir um. Ihre Augen waren verquollen und rot gerändert. Rote Flecken waren auf ihren Wangen verteilt und die Gänsehaut noch aus mehreren Metern Entfernung erkennbar. Ihre Mundwinkel zuckten. Allerdings nicht belustigt, sondern träge und traurig. Ich sah sie schlucken; sah, wie sich erneut eine Träne aus ihren Augen löste. Langsam wandte sie den Blick wieder dem Abgrund zu.
Erneut stockte mir der Atem. „Nein! Bitte nicht!“ Plötzlich erschien sie so weit weg. So unendlich fern. „Tu es nicht!“, flehte ich. „Ich mache alles! Alles, was du willst!“
Ich hörte sie schniefen, doch ihr Blick hob sich nicht. Und dann … war sie plötzlich weg. In der Zeitspanne eines Wimpernschlags; eines unbedeutenden Blinzelns! Ihr offenes, flatterndes Haar bekam ich gerade noch durch die Löcher der Balustrade zu sehen. Mehr nicht!
Ohne zu überlegen, rannte ich den Rest des Weges, sprang hinterher und folgte ihr in die Tiefe. Dabei stieß ich mich mit den Beinen von der Brüstung ab und streckte die Arme aus.
Götter, steht mir bei … wie konnte sie nur springen?
Ich bekam ihre Schultern zu fassen und zog sie sofort an mich. Meine wahnsinnig gewordene Verbundene schlang ihre Arme um mich und wimmerte. Ich sah Schnee. Nichts als Schnee und ein paar scharfe Klippen unter uns. Und sie kamen unaufhaltsam näher.
Beide Hände legte ich an ihren Rücken und drückte ihren Bauch an meinen. Dieses Kind würde leben! Wir würden leben!
Ein stechender Schmerz durchfuhr meine Schulter. Kälte umgab mich. Der Fall wurde abgebremst und dennoch schlitterten wir immer tiefer hinab. Stoffe rissen. Haut riss. Schnee färbte sich rot. Und kurz darauf umgab uns Wasser.
Sofort schwamm ich nach oben, in Richtung Licht, Nayara fest an mich gedrückt, die beissende Kälte ignorierend. Meine Nay. Noch immer klopften beide Herzen; sie donnerten in meinen Ohren, als wären sie das Einzige, das auf dieser Welt noch Wert und Bestand hatte.
Im nächsten Moment durchstieß ich die Wasseroberfläche und hob Nayara noch etwas höher. „Nay! Nay! Geht es dir gut?“
„Cyrus“, wimmerte sie leise, ängstlich, klammerte sich an mir fest und vergrub ihr Gesicht in meiner Halsbeuge, sofern diese denn nicht unter Wasser war.
Ich ignorierte die Schmerzen. Ignorierte das schreckliche Brennen, welches das Salzwasser verursachte. Für den Moment war nur Nayara wichtig. Nicht, weil ohne sie die Welt unterginge. Im Falle ihres Todes würde ich das sogar begrüßen. Denn ohne sie ginge meine Welt definitiv unter. Ohne sie wäre mein Leben nicht mehr lebenswert.
Mit jeder Bewegung wurde mein Körper schwächer. Ich verlor Blut. Viel Blut. Die Wunde an der Schulter musste schlimmer sein, als ich zunächst geglaubt hatte. Und das kalte Wasser stach wie tausend Nadeln. Selbst als Vampire würden wir es in der Kälte nicht lange überleben.
„Keine Angst“, raunte ich ihr zu. Versuchte, das Zittern in meiner Stimme zu kontrollieren. Wir konnten die Klippen nicht hochklettern. Ich musste einen Weg finden, an Land zu kommen. „Ich hab dich.“
Nayaras Atem ging schwer, während ihre Arme sich noch enger um mich zogen. Stimmt. Sie konnte nicht schwimmen. Und dann war das Wasser auch noch eisig kalt!
„Wir müssen … müssen an Land …“ Wir mussten um die ganze Landzunge schwimmen. Nein, ich musste schwimmen. „Halt dich gut fest. Ich hole uns hier raus!“
Ich spürte ihr Nicken an meiner Brust. Durch Nay waren meine Bewegungen zusätzlich eingeschränkt. Innerlich fluchte ich. Wieso hatte ich ihr das Schwimmen nicht einfach beigebracht? Ich schwamm, mahnte mich immerzu, nicht einfach aufzugeben, und schwamm weiter.
Plötzlich wurde es warm an meinem Bauch. Verwundert sah ich auf Nay herab. „Was …?“ Götter, sprechen war anstrengend. Sowieso ging mein Atem schon schwer genug. Und ich hatte noch ein ganzes Stück zu schwimmen.
„Ich passe auf es auf“, brummte meine Verbundene und klang konzentriert.
„Kannst du… auf meinen Rücken…?“ Die Kälte des Wassers war unerträglich, meine Gliedmassen drohten, abzufrieren. Und zu allem Übel kam ich kaum vorwärts!
Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, begann sie sich vorsichtig und mit ängstlich festen Griffen, um mich herum zu hangeln. Einmal schrie ich auf, denn ihre Hand war gleich neben meiner Wunde aufgekommen. Da nahm sie sie auch schon wieder fort und schlang ihre Arme um meinen Nacken. „Gut“, sagte sie, den Mund direkt an meinem Ohr; die Wärme mittlerweile an meinen Rücken gedrückt.
„Ein Arm unter meinen Arm. Den anderen drüber…!“ Ich half ihr, sodass sie sich besser an mir festklammern konnte, ohne mich dabei zu erwürgen. Die Wärme an meiner Wunde war perfekt. Es würde mir die nötige Kraft geben. Sowie der unbändige Wille, Nay und unser Kind zu retten.
Ich schwamm um die Landzunge herum. Um den Felsen, der stetig kleiner wurde. Ich schwamm, als hingen unsere Leben davon ab. Die Schmerzen wurden dank Nayara erträglich, die Erschöpfung spürte ich irgendwann schon gar nicht mehr.
Das Wasser schob mich zudem zum Strand. Ich konnte mich gegen Ende beinahe treiben lassen. Und nach einer Weile spürte ich endlich Boden unter den Füßen. Die Götter mussten geholfen haben, dessen war ich mir sicher. Vor allem, als ich die Fischerhütte nahe dem Strand erspähte. Ich rappelte mich auf und legte meine Arme unter Nays Schenkel. Aber mit jedem Schritt wurde Nayara schwerer. Sie klammerte instinktiv ihre Beine um meine Hüfte, doch ihr Gewicht zog mich runter.
Nur noch ein paar Schritte. Ein paar Schritte …! Ich torkelte auf die Tür zu. Der Schnee reichte mir bis zu den Knien. Zum Glück ging die Tür nach innen auf. Sie war nicht verschlossen. „Oh Götter“, gab ich gepresst von mir, als ich endlich die Schwelle überschritt.
„La…lass mich runter.“ Nayaras Stimme bibberte. Einen Augenblick später begann sie nach Luft zu schnappen, dann nieste sie so heftig, dass mein Griff um ihre Schenkel nachgab, sie von meinem Rücken rutschte und hart auf ihrem Hinterteil landete.
„Entschuldige …“ Ich drehte mich zu ihr um und reichte ihr eine Hand, um ihr aufzuhelfen. Die Hütte war schrecklich kalt. Aber es gab bestimmt Decken hier. Vielleicht konnte ich auch ein Feuer im Kamin anzünden.
„S…schon gut …“ Ihre Hand ergriff meine und so zog ich sie hoch. Ihre Iriden hatten die Farbe von blutigem Rot angenommen. „Ich muss nur wieder warm bekommen“, gab sie bibbernd von sich und zog die Nase hoch. Sie schloss ihre Augen. Im nächsten Augenblick begann ihre Kleidung langsam zu dampfen.
Kurz ließ ich mich von dem Anblick bannen. Dann wandte ich mich mit letzter Kraft der Hütte zu. Ein kleiner Wohnbereich stellte Schlafzimmer, Küche und Bad zugleich dar. Ich deutete auf den Wohnbereich, zeitgleich schloss ich mit der anderen Hand die Tür. „Ich schaue nach, ob es Decken gibt. Ob etwas zu essen. Mache ein Feuer …“ Ein Teil in mir wollte sie umarmen. Aus Erleichterung. Und weil ihr Körper Wärme versprach. Aber erst musste ich dafür sorgen, dass es ihr gut ging. „Ich hole dir, was du brauchst …“
Ich schaffte es nicht mehr, mich zu bewegen. Mein Körper gehorchte mir nicht mehr. Er bestand nur noch aus Schmerz. Obwohl ich für Nayara sorgen wollte, konnte ich mich nicht bewegen. Mein Sichtfeld wurde schwarz. Alles um mich herum wurde schwarz. Das Letzte, was ich bewusst wahrnahm, waren ihre rotglühenden Augen. So wunderschöne …

























































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