Kapitel 43 – Ich liebe dich

Kapitel 43 – Ich liebe dich

 

Cyrus

Nur langsam fand ich durch den diffusen Nebel aus Angst und Schmerz zurück in die Realität und öffnete die Augen. Der Schmerz blieb. Die Angst war verflogen. Neben mir lag Nayara; ein Bein hatte sie leicht über meine gelegt. Noch immer war sie nackt. Nackt und wunderschön. Trotz Schmerzen am ganzen Leib streckte ich einen Arm nach ihr aus und fuhr ihr sanft durch das lange, wilde, weißblonde Haar.

Ein angenehmer Duft stieg mir in die Nase und ein Grinsen bildete sich auf meinen Lippen, als ich die Quelle dessen zuordnen konnte. Ihre Hand lag nicht weit von meinem Gesicht. Und sie roch unglaublich verführerisch. Mein Grinsen wurde noch breiter, als ich sah, dass Zeige- und Mittelfinger ihrer Hand noch leicht glänzten. Genauso wie die der Bereich zwischen ihren Schenkeln. Zeitgleich schmeckte ich noch ihr Blut auf meinen Lippen und leckte gierig darüber.

Ächzend drehte ich mich auf die Seite, wobei Nays Bein von meinen Oberschenkeln fiel. Den Arm konnte ich kaum bewegen, dennoch legte ich meine Hand auf ihren Bauch. Dort, wo ihre zweite Hand ruhte. „Nay“, kam es rau über meine Lippen.

Im Schlaf packte sie meine Hand und drehte ihren Körper wieder zu mir hin. Meine Hand nahm sie zwischen ihre beiden, und legte sie sich als Kopfkissen unter die Wange; ihre Beine zog sie eng an ihren Körper. Ein zufriedenes, leises Seufzen entwich ihr, als sie ihre Nase in ihren Händen vergrub und so auch an meiner roch. Daraufhin rekelte sie sich ein wenig auf der dünnen Decke herum, ehe sie wieder ruhig wurde und mit einem ganz sachten Lächeln auf den Lippen weiterschlief.

Auch ich lächelte. Es war wieder alles so perfekt. Aber die Fassade bröckelte, als ich die Augen schloss und Nayara sah, wie sie sich in die Tiefe stürzte. „Nay“, wiederholte ich eindringlicher und zog leicht an meiner Hand. „Nayara, wach auf.“

Sie grummelte schläfrig. „Was ist denn? Nein, ich will noch nicht …! Nur noch ein paar Minuten …“ Ein dünner Sabberfaden hatte sich aus ihrem Mund gestohlen und tropfte seelenruhig auf ihre Hand.

Meine Mundwinkel zuckten, den Schmerzen zum Trotz. Trotz der schrecklichen Ereignisse der letzten Stunden. Wir müssten reden. Aber zuerst wollte ich sie ärgern, die Situation einfach auskosten. „Ja, natürlich. Du legst selbst Hand an, während ich hier sterbe. Und jetzt willst du schlafen.“ Meine Stimme klang beleidigt. Vielleicht auch belustigt, ich war mir nicht sicher.



„Wer stirbt?“, brummte sie. „Die Minister sind schon tot. Und Cyr…“ Sie gähnte. „Er ist irgendwo. Weiß nicht.“ Ihr Atem ging schwer. Träumte sie etwa noch immer? „Nur noch ein bisschen.“ Ihr Körper drehte sich auf die andere Seite und kauerte sich wieder zusammen. „Der Rat kann warten.“

Vorsichtig legte ich den Arm enger um sie und zog sie damit – ein schmerzliches Keuchen unterdrückend – wieder an meinen Körper. Ihre weiche Haut drückte sich gegen meine und ich genoss die Wärme, die von ihr ausging. „Ich liebe dich, Nay“, flüsterte ich leise.

„Nett von dir …“, nuschelte sie leise.

Nett von mir? Sie fand es nett von mir? Meine Augenbrauen schossen hoch. Was ich fühlen sollte, wusste ich in dem Moment nicht. Es war verletzend. Aber dann merkte ich, dass sie sich noch mehr an mich kuschelte und dabei leise seufzte. Hatte sie mein Liebesgeständnis überhaupt gehört? Scheinbar … nicht. Ich schluckte schwer und beschloss, es dabei zu belassen. Auch, wenn es schmerzte. Vielleicht war es auch zu früh, es zu sagen. Oder zu spät …

Die Schmerzen in meiner Schulter wurden beinahe unerträglich. Und dennoch wurde ich wieder müde. Meine Augen waren so unendlich schwer und ich spürte förmlich, wie meine Sinne nachließen.

 

Mehrere Tage schlief ich mehr, als das ich wach war. Manchmal war ich nur wach, um Blut von Nayara zu trinken, aber wenn sie zu viel davon abgab, würde es irgendwann dem Kind schaden, mit Sicherheit.

Daher zog sie immer wieder los. Mal fand sie Kaninchen oder einen Vogel. Es gab auch schon Ratte. Nicht genug, um zwei erwachsene Vampire zu versorgen, doch sie wollte gar nicht, dass ich von den Tieren trank. Sie labte sich ab der Tiere Blut und bereitete sie dann auf dem Feuer zu, damit sie mich mit ihrem Fleisch füttern konnte. Und doch war es knapp. Ein Vogel bot nicht genügend Blut, nicht einmal für eine halbe Blutmahlzeit. Und Fleisch gab er ebensowenig her.

Zum Glück wurde es wieder wärmer. Der Schnee schmolz und wir könnten zurück zum Schloss laufen. Ja, laufen … Das war eine Sache, die ich Nayara noch nicht mitgeteilt hatte. Denn mein linkes Bein war lahm. Ich spürte hin und wieder, dass es kribbelte. Manchmal schmerzte es sogar heftig. Aber ich schaffte es nicht, mich auf den Füßen zu halten. Es würde Wochen dauern, bis mein Körper komplett geheilt war.



Als ich heute wach wurde, war ich wieder alleine. Nayara war vermutlich jagen. Daher setzte ich mich auf, robbte zur Wand und presste mich mithilfe des gesunden, rechten Fußes hoch, um mich so an der Wand hochzudrücken. Immer wieder belastete ich mein linkes Bein vorsichtig. Aber es konnte mein Gewicht nicht halten. Ein ums andere Mal stürzte ich zu Boden. Ein ums andere Mal hievte ich mich an der Wand wieder hoch. Vergebens.

Die Stunden vergingen. Meine Frustration wuchs. Und ich machte mir Sorgen um Nayara. War ihr etwas zugestoßen? Hatte ich zu viel Blut von ihr getrunken? Ich wusste letzteres nicht. Ich hatte kein Zeitgefühl mehr. Nur das ständig nagende Gefühl von Hunger.

Erneut stürzte ich zu Boden. Dieses Mal aber blieb ich erschöpft liegen. Ohne Hilfsmittel würde ich es nicht schaffen. Keuchend setzte ich mich auf den Hintern und schob mich mit dem rechten Fuß rückwärts durch die kleine Hütte. Zusätzlich nutzte ich meine Hände. Mittlerweile kam ich ganz gut auf diese Weise zurecht. Als Krüppel.

An der großen Sitzgelegenheit stoppte ich. Den größten Teil davon hatte ich auseinandergenommen, damit wir Holz hatten, um ein wärmendes Feuer zu machen. Aber es waren noch ausreichend große und lange Holzbretter da. Und sie sollten stabil genug sein.

Ein langes Brett vor mir herschiebend, kroch ich wieder zur Wand. Dort presste ich mich hoch und nahm zusätzlich das Stück Holz als Hilfe. Und es funktionierte. Damit konnte ich mich aufrecht in der Hütte bewegen. Damit könnten wir den Weg zurück zum Schloss wagen!

Umständlich ging ich zur Tür und öffnete sie. Das Meer erstreckte sich bis zum Horizont. Und von hier aus konnte ich die Klippe sehen, die wir hinunter stürzten. Es grenzte an ein Wunder, dass wir noch lebten.

Langsam trat ich hinaus. Es dämmerte schon. Bald würde es dunkel werden. „Nay?“, rief ich laut. Keine Antwort. „Nay?!“, brüllte ich noch lauter. Hatte sie mich verlassen? Oder sich nun doch das Leben genommen? „Nayara!“ Meine Stimme kippte. Ich hätte schon früher dieses doofe Brett nehmen müssen! Ich hätte jagen gehen sollen! Und nun war sie weg … „Nayara!“

Plötzlich knarzte der Schnee rechts von mir. „Was stimmt bei dir nicht?! Musst hier so herumschreien?“ Wütend stierte mich nieder. Ihre Wangen waren leicht eingefallen. Dunkle Augenringe prangten kontrastreich in ihrem blassen Gesicht, wie Tinte auf Pergament. Und doch stand sie aufrecht und funkelte mich wütend an, als wäre ich es, der zu wenig auf sich achtete. Mittlerweile hatte ich das Gefühl, sie war immer nur dann so schroff, wenn sie sich um mich sorgte. „Ab ins Bett mit dir, du kannst ja noch nicht einmal richtig stehen!“ Und absolut liebenswürdig, wenn sie bei mir lag und mich versorgte.



Ja, Bett war gut. Harter Boden traf es eher, aber ich konnte ihr, was das anbelangte, kaum einen Vorwurf machen. Das helle Haar, das beinahe mit der Umgebung zu verschmelzen schien, hatte sie in einem unordentlichen Zopf, welcher ihr über die Schulter lag, zurückgebunden, der auf Bauchnabelhöhe endete. Ihr Haar war ungepflegt und spröde geworden. Die Kälte bekam ihm nicht gut.

„Außerdem bist du nackt und es ist kalt!“, schimpfte sie weiter.

Was sollte ich denn aber auch tragen? Ihr Kleid? An dem wohl auch nicht mehr viel dran war, nach all den Verbänden, die sie daraus gefertigt hatte. Und selbstverständlich trug sie wieder einmal meine Kleidung. Was mich ordentlich zufrieden stimmte.

Die bernsteinfarbenen Augen glänzten in der untergehenden Sonne. Erst jetzt wurde ich mir gewahr, dass ihre Hände langsam immer weiter nach hinten über ihre Schultern rutschten.

„Er wird langsam schwer, Cyrus. Geh wieder rein, dann komme ich nach.“ Als sei ihr gerade etwas eingefallen, runzelte sie die Stirn. „Aber wenn ich das drinnen mache, stinkt das noch Wochen.“ Die Augen verdrehend löste sie den Griff ihrer Hände, um was auch immer sie in den Händen gehalten hatte, sodass der Schnee ein leises ‚plop‘ von sich gab, während Nayara sich den Rücken rieb und leise stöhnte.

Mein Blick senkte sich und traf auf ein totes Rehkitz. Ihrer folgte, woraufhin sie ein trauriges, wahrhaftig mitgenommenes Seufzen ausstieß. Der Tod des kleinen tat ihr Leid.

„Es ist schon tot, ich konnte es nicht lebendig herbringen.“

Bei dem Blutverlust, der dem Kleinen anzusehen war, ging das schlecht, da hatte sie recht. „Konntest du dich satt trinken?“, fragte ich besorgt. Irgendwie musste sie ihren eigenen Bluthaushalt ja auffüllen, wenn sie sich weigerte, von mir zu trinken. Was unter gegebenen Umständen vielleicht wirklich eine gute Idee war, nur ging diese Ablehnung stets mit einem Gefühl des Unnütz-Seins meinerseits einher.

„Ja.“ Kein Ton darüber, wie scheußlich es war. „Ich werde es jetzt ausnehmen. Du legst dich hin.“ Prüfend sah sie zum Horizont. „Ich habe noch einen Moment. Das wird zwar länger dauern, aber ich möchte gerne heute noch etwas Richtiges essen. Und du sicher auch.“



„Hast du schon mal ein Tier ausgenommen? Ein Tier dieser Größe? Ich kann dir helfen.“ Mein Blick wanderte wieder zum Körper des toten Rehkitzes. „Ist es blutleer? Wenn nicht, muss es noch ausbluten.“

„Ich denke schon, dass es blutleer ist.“ Beschämt glitt ihr Blick zu Boden. „Und, ja. Mein Onkel hat gern gejagt. Aber das Ausnehmen und Zubereiten hat er den Sklaven überlassen. Ich schaffe das also schon. Und du legst dich jetzt hin, ich sage es nicht nochmal!“ Streng hatte sie den Zeigefinger erhoben und deutete auf unser Lager. „Außerdem lässt du die ganze warme Luft raus!“

Ich schmunzelte. Es gefiel mir, wenn sie schimpfte. Warum auch immer. Wahrscheinlich, weil sie dann ganz besonders energisch war und ihre Wangen rot wurden. „Gut, ich warte drinnen.“

Vorsichtig ging ich zurück in die Hütte und ließ mich auf die Decke fallen. Daneben lag das halb zerrissene Kleid von Nayara. Ich nahm die Ärmel und band sie um meine Hüfte, sodass das Kleid wie ein überlanger Lendenschurz vor mir hing. Einer dummen Idee folgend, stand ich wieder halb auf, nahm den zerfledderten Rest vom Rock, schob ihn durch meine Beine und befestigte ihn hinten am Rücken an den zusammen gebundenen Ärmeln. So trug ich immerhin eine Art kurze Hose. Ich musste absolut lächerlich darin aussehen.

Die Sorge, Nayara habe mich verlassen, fiel von mir ab und wich der Erleichterung. Und die Aussicht auf ein großes, leckeres Stück Fleisch heiterte mich ungemein auf. Selbst wenn Nayara auf Honigmarinade bestehen würde, käme kein Wort der Klage über meine Lippen.

Leise hörte ich sie von draußen her summen. Erneut breitete sich ein sanftes Lächeln auf meinem Gesicht aus. Seit Anfang der Schwangerschaft summte sie immerzu. Auch schon, als wir beide noch nichts davon gewusst hatten. Sie würde eine wunderbare Mutter sein. Sie würde unser Kind mit Liebe und Verständnis überschütten. Vielleicht sogar mehr, als gut wäre. Aber in den ersten Jahren wäre das schon in Ordnung.

Meine Gedanken kreisten um die aktuelle Lage. Wir hatten nicht darüber gesprochen, warum sie gesprungen war. Es machte den Anschein, als hätte Nayara das komplett aus ihren Erinnerungen gestrichen. War sie zu diesem verhängnisvollen Zeitpunkt nicht bei Sinnen gewesen? Würde es wieder passieren?



Ich schloss die Augen und lauschte ihrer Stimme. Der seltsamen, fremden Melodie. Hatte dieses Lied einen Text? Wo hatte sie es gehört? Aber am Ende waren es unwichtige Fragen und es blieb nur diese eine. Würde sie einen weiteren Selbstmordversuch unternehmen? Und was könnte ich tun, um es zu verhindern? Konnte ich überhaupt etwas tun?

Es dauerte Stunden. Aber schließlich trat sie in die Hütte, frische Blutspritzer auf dem leicht zerrissenen Leinenoberteil. In ihrem Gesicht konnte ich grenzenlose Müdigkeit ablesen, aber auf ihren Lippen strahlte ein überglückliches Grinsen. Im ersten Augenblick schien sie mich noch gar nicht wahrzunehmen. Stattdessen sang sie fröhlich vor sich hin, mehrere schön zurechtgeschnittene Stücke Fleisch auf den Armen. Und bei allen guten Geistern. Aber singen konnte meine Verbundene absolut nicht.

„Fleisch, Fleisch, heute gibt es wieder Fleisch, frisches, gutes, leckeres, rohes Fleisch!“ Ihr Weg führte sie direkt zum Kamin, in dem auch ein kleiner Rost eingebaut war. Zwei saftige Stücke warf sie direkt aufs Feuer. Die anderen legte sie auf den Überresten des Holzsofas ab. Es verging keine Minute – in der sie sich ununterbrochen ungeduldig über die Lippen leckte und ins Feuer starrte – da griff sie nach einem rohen Stück und biss herzhaft hinein.

„Nay!“, rief ich entsetzt. „Was machst du da? Wir sind Vampire, keine Tiere! Wir essen unser Fleisch gebraten oder gekocht!“

Noch mit dem Fleisch im Mund drehte sie den Kopf zu mir. Dann riss sie ein Stück davon ab und kaute es genüsslich. Sobald sie, unter meinen konsternierten Blicken, geschluckt hatte, sprach sie: „Dein Kind sieht das dann wohl signifikant anders.“

Mir drehte sich der Magen um. „Wahrscheinlich ist es eher der Hunger. Oder dein Blutdurst. Aber ganz sicher kein Heißhunger auf rohes Fleisch!“, hielt ich dagegen.

„Äh … doch. Du Aufmerksamer. Das läuft so, seit wir uns gestritten haben.“

Anders gesagt, seit ich zurückgekommen war. Und das war Wochen her. „Da war mir der Honig lieber“, murmelte ich, blass um die Nase geworden. Mir wurde schon schlecht beim Zuschauen. Mithilfe des Bettes stand ich auf und humpelte zum Kamin. Der Geruch lockte mich magisch an. Und das Fleisch war so dünn geschnitten, dass es schon bald gar sein sollte. Zumindest von einer Seite.



Als ich nach dem Fleisch greifen wollte, zischte ich unter Schmerzen auf. Wie hatte Nayara es nur einfach darauf legen können? „Es ist heiß!“, bemerke ich. Unnötigerweise.

„Ach wirklich? Ich dachte immer, Feuer sei kalt“, bemerkte sie nüchtern, legte ihr rohes Fleisch seufzend zurück auf den Stapel und griff statt meiner in die Flammen. Dort drehte sie in einer Seelenruhe das Fleisch um und zog ihre Hand anschließend unversehrt wieder aus den Flammen. „Ich frage mich, wann uns jemand holen kommt.“

„Wahrscheinlich suchen sie uns bereits. Aber der Schnee erschwert die Suche bestimmt.“ Ich musterte sie eingehend von der Seite, tat dann aber einen Schritt zurück und liess mich erschöpft vom Stehen und reichlich unelegant auf den Boden nieder. Sollte ich den Sprung in die Tiefe ansprechen? Ich wollte … musste es. Aber wie? Vielleicht nur vorsichtig. „Emili wird sich Sorgen machen.“

„Nein, sicher nicht. Sie weiß genau, wo wir sind.“

„Nun, dann liegt entweder noch zu viel Schnee…“ Ich stockte. Oder Emili war der Meinung, wir müssten uns erst ausreden.

„Oder Kretos hört ihr wieder einmal nicht zu.“

„Emili könnte es auch Irina oder meinen Grigoroi erzählen. Zumindest Irina würde ihr zuhören. Elok sicherlich auch.“ Ich schüttelte den Kopf und starrte in die Flammen. „Vielleicht weiß Emili es gar nicht.“

„Klar. Weil die Götter uns jetzt nicht sehen können. Das ist lächerlich. Sie sind doch überall. Und Ignis-Robur ist sauer.“

„Ist sie das? Bist du deswegen gesprungen?“ Mein Herz kam völlig aus dem Takt. Wollten die Götter, dass Nayara starb? Aber das machte gar keinen Sinn! Oder wollten sie sogar, dass diese Welt unterging? Wollten sie eine neue Welt errichten? Ohne uns Vampire? Aber warum hatten wir dann unsere Gaben?

„Nein, sie ist sauer, weil ich‘s getan hab. Seitdem spinnen meine Kräfte.“ Den Blick gesenkt, schienen ihre Gedanken zu rasen. Es wirkte, als versuchte sie sich Worte zurechtzulegen, welche jedoch unausgesprochen zwischen uns hängen blieben. Als sie erneut einen Schritt vor tat und ins Feuer griff, um unser Fleisch herauszuholen, zuckte ihre Hand sogleich wieder zischend zurück. Wütend sah sie darauf hinab. Dann legte sie den Kopf in den Nacken und brüllte: „Dein Ernst?!“



„Lass das Fleisch einfach einen Moment liegen und komm her, Nay“, bat ich und streckte meine Arme aus. Ich wollte sie bei mir haben. Nicht nur in meiner Nähe, sondern direkt bei mir. Damit ich sie berühren konnte. Sie riechen konnte. Die Herzschläge hören konnte.

Sie schloss die Augen und atmete schwer aus. Als sie sie wieder öffnete, sah sie so dermaßen müde aus, man hätte meinen können, sie hätte die ganzen letzten Nächte kein Auge zugetan. „Ich muss aber das Fleisch … und jetzt muss ich mich auch noch um die Hand kümmern, und mir dann deine Wunde ansehen, dann musst du noch trinken und…“

„Du musst dich jetzt einfach nur für einen Moment auf meinen Schoß setzen“, unterbrach ich. „Komm her, Liebes. Ich brauche gerade nichts, außer einer Umarmung.“

Sichtlich müde kam sie auf mich zu, ging neben mir auf die Knie und schwang dann ein Bein über meinen Schoß, ehe sie sich darauf niederließ. „Dann halt mich fest“, murmelte sie leise gegen meine Brust, wobei ich sie schlucken hörte. Ihre Arme legte sie vorsichtig um meinen Nacken.

Sofort zog ich sie in eine feste Umarmung, legte meinen Kopf auf ihr Haar und atmete tief ein. Am liebsten hätte ich mit ihr darüber gesprochen. Über den Sprung. Über die Gründe. Wahrscheinlich war es meine Schuld. Mal wieder. Ich durfte sie einfach nicht mehr alleine lassen. Und jetzt erst recht nicht mehr. Aber ein Gespräch könnte auch wieder in einem Streit enden. Ich wollte nicht, dass die Lage eskalierte. Ich wollte, dass alles wieder so perfekt war, wie auf der Reise zu Kretos. Diese schien aber mittlerweile Ewigkeiten her zu sein.

Ganz langsam löste ich eine Hand von ihrer Seite und schob diese zu ihrem Bauch. Ich würde dieses kleine Leben beschützen. Notfalls mit meinem Leben. Nayara und das Ungeborene waren wichtiger als alles andere auf dieser Welt.

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