Kapitel 43 – Zu nett
Kapitel 43 – Zu nett
Aurelie
Ich hörte Stimmen, die dumpf an mein Ohr drangen. Verschiedene Gerüche, die mich die Nase kräuseln ließen. Es stank fürchterlich! Nur konnte ich nicht sagen, wonach. Meine Glieder fühlten sich so unglaublich schwer an. Ich war nicht in der Lage, mich zu bewegen. Aber ich spürte, dass zwei kalte Hände meine rechte Hand hielten. Und obwohl die Hände kalt waren, spürte ich eine innere Wärme. Warm war auch irgendwas zu meinen Füßen. Ich konnte es aber nicht genau benennen. Links und rechts von mir saß jemand. Die Person links war deutlich schwerer.
„…und genug trinken, wenn sie wach ist!“, meinte eine weibliche Stimme, die ich nicht einordnen konnte.
„Natürlich“, erwiderte die Person links von mir. Diese Stimme erkannte ich sofort. Mein Gemahl. Warum war er hier?
„Und sie muss sich schonen!“, verlangte die Frau eindringlich.
„Ich werde Tag und Nacht hier bleiben“, entgegnete eine andere Stimme. Die Person rechts von mir. Irina! Irina war aufgewacht. Aber wann? Ich zwang meine Augen dazu, langsam die Lider zu öffnen. Und blickte sofort in die blau-grauen Augen des Königs. Augenblicklich kamen die Erinnerungen an unser letztes Gespräch hoch. „Wir sind nicht mal eine Woche verheiratet und schon brichst du alle deine drei Schwüre mir gegenüber.“ In meinem Magen zog sich etwas zusammen. Hatte Timm geredet? Wie lange war ich weg? Überhaupt, warum?
„Aurelie“, hauchte mein Gemahl fürsorglich und legte sanft seine Hand auf meine Wange. Augenblicklich kniff ich vor Angst die Augen zusammen und zuckte zurück. So gut das liegend in einem Bett nun mal möglich war. „Nicht doch“, flüsterte er sanft.
Er machte mir Angst. Was war passiert? Wieso war er so … nett? Es passte nicht! Tränen stiegen in mir auf und erhöhten immer mehr den Druck hinter meinen Liedern, bis schließlich die Ersten aus meinen Augen tropften.
„Cyrus, lass das Kind in Ruhe“, sprach die weibliche Stimme garstig und geradezu befehlend. „Sie hat Angst vor dir, was auch immer der ehrenwerte König getan hat!“
Zittrig öffnete ich meine Augen einen Spalt breit, um zu sehen, wer da sprach. Aber mein Blick wurde sofort wieder von diesen blau-grauen Augen gefangen genommen, sodass ich nicht einmal auf die Idee kam, mich umzusehen. Mein Gemahl, der König, presste auf die schroffe Rüge hin angespannt die Lippen aufeinander, ließ aber schließlich von meiner Wange ab und zog seine Hand zurück.
„Nun, wo das geklärt ist, mach Platz!“, wetterte die Unbekannte weiter. Sichtlich unwillig und mit einem bösen Blick nach rechts, erhob sich mein Gemahl und machte einem alten Weib Platz. Als ich sie erkannte, weiteten sich meine Augen. „Ganz recht“, sprach sie da. „Da hat man einmal wieder nicht richtig auf dich aufgepasst, Mäuschen. Keine Sorge, der Blutverlust wird dich nicht umbringen. Du wirst die nächste Zeit nur ein wenig schwächeln. Die nächsten Tage hütest du aber das Bett!“
Wortlos starrte ich sie an.
„Hast du deine Zunge verschluckt, Kind?“
„Hey! Du redest noch immer mit der Königin!“, hörte ich die Stimme meines Gemahls protestierend.
„Nein“, antwortete ich der Alten heiser. Blutverlust? Irina war aufgewacht …? Oh. Sie musste Durst gehabt haben! „Irina?“
„Ja, Naya, ich bin hier.“
Ich sah nach rechts und erkannte, wie sich Irina weiter vorlehnte. Dabei stachen ihr Fangzähne aus dem Mund, aufgrund derer sie leicht lispelte beim Sprechen. Unwillkürlich musste ich grinsen.
„Was lachst du denn?“ Sie klang leicht vorwurfsvoll und stieß mir spielerisch gegen den Arm.
„Du hast es geschafft.“ Ich lächelte und sie tat es mir gleich. „Außerdem siehst du schön aus“, fuhr ich fort und ihr Blick wurde ungläubig.
„Hast du ihr was gegeben? Irgendwas, was Halluzinationen oder so hervorruft?“, fragte sie an die Kräuterhexe gewandt, doch ich ignorierte ihren Einwand.
Mein Grinsen wurde breiter. „Und ich scheine hervorragend zu schmecken!“
„Verflucht, ja! Ich habe noch nie was Besseres gegessen! Eh getrunken!“ Sie griff noch stärker nach meiner Hand. „Aber ich werde nie wieder von dir trinken, Naya. Ich wollte auch gar nicht … ich…“ Nun kam sie ins Stocken und senkte den Blick. „Es tut mir so unendlich leid!“
„Schon gut. Ist doch nichts passiert. Ich kann mich nicht einmal mehr daran erinnern“, gab ich schwach lächelnd zurück. „Habe ich jetzt wieder Gift im Körper?“
„Nein.“ Das war die Stimme des Königs. „Grigoroi haben unser Gift zwar in sich, sondern es beim Beißen aber nicht ab“, erklärte er geduldig.
Ich nickte, musste aber wohl oder übel einsehen, dass diese kleine Konversation schon unglaublich an meiner Energie zerrte.
Die Kräuterhexe wusste sofort was los war. „So, alle raus hier. Die Königin muss sich ausruhen!“
„Ich bleibe!“, kam es bestimmt von Irina, welche mir sachte die Hand drückte.
Die Kräuterhexe kniff die Augen zusammen. „Wenn du noch einmal von ihr trinkst, stirbt sie.“
„Werde ich nicht!“, beteuerte Irina.
Aus den Augenwinkeln sah ich, wie der König sich entfernte. Und im selben Moment spürte ich, dass sich die Wärmequelle an meinen Füßen leicht bewegte und auf einmal anfing zu winseln. Überrascht wollte ich den Kopf heben und nachsehen, was da war, was aber nicht so ganz gelingen wollte. Irina kicherte leise an meiner Seite.
„Hast du da nicht was vergessen, Cyrus?“, fragte sie den hinauslaufenden König.
Dieser brummte leise und kehrte zurück. Am Fußende meines Bettes hob er etwas hoch und trat einen Schritt auf mich zu. „Das hier ist ein Findelwelpe. Du wirst dich um ihn“, er unterbrach sich, hob den Welpen hoch und schaute dem Tier zwischen die Beine, „oder sie kümmern und es großziehen. Es wird dein neuer Begleiter.“ Mit den Worten setzte er den Welpen vorsichtig an meine Seite. „Timmok organisiert Milch. Aber du, Aurelie, wirst es füttern und für es sorgen müssen.“
Perplex schaute ich auf das Bündel voll Fell auf meinem Arm. Amüsiert über die Wortwahl meines Gemahls, wandte ich meinen Kopf nach links und vergrub mein Gesicht in dem weichen, grauen Fell des Welpen. „Er ist schon unmöglich, oder?“, nuschelte ich leise. „Was habe ich da nur geheiratet.“ Ich musste über mich selbst kichern. Vermutlich hatte Irina recht. Die Kräuterhexe musste mir irgendetwas gegeben haben, sonst hätte ich solche Worte ganz sicher nicht in Anwesenheit meines Gemahls in den Mund genommen.
„Ich schaue morgen früh wieder vorbei“, meinte der König und ließ sich nicht anmerken, dass er mich gehört hatte. Schon war er fort.
Was mich betraf, so blickte ich wie gebannt in die süßen Kulleraugen des Welpen, die mich aufmerksam musterten.
„So, genug gekuschelt! Der Hund gehört nicht ins Bett!“, entschied die Kräuterhexe und ging auf den Welpen zu. „Der pinkelt nur ins Bett, haart und leckt noch irgendwelche frische Wunden!“
„Oh“, meinte Irina grinsend. „Der Kleine ist kein Hund, sondern ein Wolf. Und er hat den König bereits angepinkelt, seine Blase sollte also leer sein.“
Augenblicklich prustete ich los, begann aber schnell zu husten und ließ es wieder bleiben. „Du bliebst von nun an immer bei mir, wenn der König auch da ist, verstanden!“, murmelte ich dem Kleinen zu, dessen beinahe schwarze, unglaublich große Augen mich fragend ansagen. „Und du hast jederzeit königliche Erlaubnis dahin zu urinieren, wo es den König blamiert!“, fügte ich flüsternd hinzu, was Irina zum Lachen brachte und die Kräuterhexe dazu bewegte, den kleinen Wolfswelpen nun endgültig aus meinem Bett zu verscheuchen. Ohne dass ich noch weiter groß etwas mitbekam, driftete ich langsam weg.
Aufgeweckt wurde ich durch eine warme, raue Hand, die mir sachte durchs Haar strich. Unwillig murrte ich auf. Wieso weckte man mich? Ich wollte nicht wach werden. Lieber wollte ich in meinen Träumen bleiben, da, wo es keine Probleme gab. Da, wo für den einen Moment niemand böse auf mich war, mich anschrie oder mir drohte.
„Hat sie durchgehend geschlafen?“, fragte eine tiefe, mir sehr bekannte Stimme sanft. Ich sollte mich wohl verspannen …, aber stattdessen murrte ich nur erneut unzufrieden, dieses Mal, weil die Streicheleinheiten gestoppt hatten. Ein unsicheres leises Lachen war zu hören, ehe die Streicheleinheiten wieder aufgenommen wurden und ich mich der Berührung wohlig seufzend hingab.
„Ja. Sie hat sich bisher nicht mehr geregt“, antwortete Irina.
Eine ganze Weile war es still. Lediglich mein Haar wurde weiter liebkost. Dann seufzte er. „Sie sollte etwas essen. Ihr Körper braucht Zucker, Energie.“
Ein zustimmendes Brummen von meiner linken später, wurde ich sachte am Arm geschüttelt; die Hand aus meinem Haar verschwand.
Unglücklich brummte ich auf. „Lass mich“, stöhnte ich genervt, als das Rütteln kein Ende nahm und sogar noch Gekicher folgte.
„Sicher, dass du weiterschlafen willst, Naya? Es gibt Speck. Und Ei. Und weiße Brötchen. Und…“
Augenblicklich schlug ich meine Augen auf. Als erstes erblickte ich eine kichernde, sich über mich beugende Irina. Als Zweites meinen Gemahl. Aber der war mir momentan tatsächlich egal. „Wo ist der Speck?“, wollte ich sehnsüchtig wissen. Meine Nase zuckte allein schon beim Gedanken daran, wieder diese saftige, gebratene Köstlichkeit zu schmecken.
Irina schmunzelte, mein Gemahl runzelte die Stirn. „Wirklich? So einfach?“, fragte er mit erhobener Braue an Irina gewandt.
Diese zog derweil ebenfalls eine Augenbraue hoch. „Weißt du eigentlich, was Sklaven zu essen bekommen?“
Daraufhin war es still. Und still blieb es, bis ich ungeduldig wiederholte: „Wo ist mein Speck?“
„Tut mir leid, Kleines. Nur Gesundes für dich. Also keine enorm fettigen Speisen. Anweisung der Kräuterhexe.“
Wütend kniff ich meine Augen zusammen. Bald merkte ich aber, dass es mir schon deutlich besser ging als das letzte Mal, dass ich wach war. „Wie lange habe ich geschlafen?“
„Hm, so zwischen … die alte Gisela hätte dich längst bei schlafendem Leib gebraten und die Grigoroi wären so richtig angepisst.“
Der König knurrte. „Einen Tag. Du warst zuletzt gestern Morgen wach.“
„Hm.“ Das hatte ich mir aus Irinas Antwort auch schon ableiten können. Diese schob mir mehrere Kissen unter den Rücken, bis ich im Bett angenehm sitzen konnte. Irritiert bemerkte ich eine Schüssel Suppe auf des Königs Schoss. Kurz darauf hielt er mir einen Löffel an die Lippen.
„Mund auf.“
Kritisch beäugte ich den Löffel. Und den König. „Ihr müsst nicht Kindermädchen spielen, Majestät. Mir geht es gut. Ich kann das allein.“
„Mund auf“, verlangte er abermals und hob dabei eine Augenbraue. „Selbst der Welpe hat anstandslos seine Milch geschlabbert. Also los.“
Unangenehm berührt presste ich die Lippen aufeinander. „Mir geht es gut, wirklich!“ Hilfesuchend schweifte mein Blick zu Irina.
„Sie ist kein Kind mehr, Cyrus. Nun, zumindest kein Kleinkind mehr. Du musst sie nicht füttern.“
Der König nahm den Löffel wieder weg, legte ihn in die Schüssel und reichte sie mir. „Schön. Aber ich bleibe, bis du alles aufgegessen hast.“
Hatte Irina ihn gerade vertraut angesprochen?, dachte ich mir bestürzt. Unter seinem strengen Blick schnürte sich mir zudem regelrecht der Magen zu. Dennoch ergriff ich die Schüssel. Kurz berührten sich unsere Hände und ich hatte Mühe, nicht zurückzuzucken. Mit gesenktem Blick nahm ich den Löffel in die Hand und stocherte hungerlos in der homogenen Pampe herum. Allein der Anblick war zum Würgen. Andererseits hatte ich schon deutlich Schlimmeres gegessen. Ich nahm den ersten Bissen in den Mund; die Masse verteilte sich irgendwie klebrig in meinem Mund.
„Gesund ist aber eklig“, murrte ich leise und zwang mir den nächsten Bissen auf. Als ich auch nach dem dritten noch keinerlei Hunger verspürte und mir nur immer schlechter wurde, gab ich es auf, legte die Schale auf meinen Beinen ab und lehnte meinen Kopf nach hinten auf die Kissen.
„Wenn du bis heute Mittag alles aufgegessen hast, werde ich eine Portion gebratenen Speck in dein Zimmer schmuggeln“, scherzte der König und stand auf. „Ich muss los, schaue aber später wieder vorbei. Und achte darauf, dass der Welpe regelmäßig rauskommt.
Meine Augen wurden groß, woraufhin er lachte. Ein ungewohnter Laut in meinen Ohren.
„Darauf nagelt sie dich fest“, scherzte Irina, ehe der König den Raum verließ.
Sobald er draußen war, platzte mir der Kragen. „Was ist denn mit ihm passiert?“
Schuldbewusst schaute Irina zu Boden.
„Irina?“
„Mir ist eventuell …“
„Irina?“ In mir wallte eine unliebsame Vorstellung auf.
„Mir ist vielleicht herausgerutscht, was deine Familie mit dir gemacht hat“, nuschelte sie leise.
„Was?!“, fuhr ich sie an. „Was hast du nur getan? Was fällt dir ein? Er wird so wütend sein …! Oh, nein, das ist nicht gut …!“
Wie vom Blitz getroffen fuhr Irina zusammen und fing an zu zittern. Ihren Kopf hatte sie demütig vor mir gesenkt und als Zeichen der Unterwerfung seitlich in den Nacken gelegt.
Irritiert schaute ich sie an. Es dauerte einen Moment, bis ich begriff, was passiert war. Als meine Freundin hatte es ihr nichts ausgemacht, wenn wir uns zeitweise gestritten hatten. Aber nun war sie meine Grigoroi und meine Maßregelung traf einen besonderen Nerv bei ihr.
„Es tut mir leid“, nuschelte sie leise. „Das passiert mir nie wieder!“
Überfordert schlug ich mir die Hand vor den Mund. „Nein. So war das nicht gemeint“, flüsterte ich leise. „Tut mir leid. Ich wollte nur nicht, dass er darüber Bescheid weiß. Sobald es mir wieder gut geht, wird er alles wissen wollen. Und wenn er erst alles weiß, wird er mich verachten“, hauchte ich zittrig.
„Warum sollte er das tun?“ Irritiert sah Irina mich an. „Ich dachte, Vampire beschützen ihre Kinder, nur deine Familie war da die Ausnahme?“
Der Welpe, der bis eben noch in einem kleinen Körbchen geschlafen hatte, fing an zu winseln und stand tapsig auf. Vor dem Körbchen drehte er sich mehrmals im Kreis und schnüffelte dabei auf dem Boden.
„Ja, aber …“ Ich schniefte auf. „Ich bin schmutzig.“ Ich schluchzte. So ausgesprochen, hörte es sich so unglaublich dumm an. Aber es war wahr. Ich fühlte mich schrecklich ekelhaft. Und damit wäre ich sicher nicht allein.
Als hätte der Welpe meinen instabilen Gemütszustand bemerkt, sprang er hoch aufs Bett und stupste mich vorsichtig mit seinem Köpfchen an. Nach Luft schnappend, ließ ich meine Hände vorsichtig über sein weiches, hellgraues Fell streifen und beobachtete das Tier bewundernd.
„Schmutzig? Unsinn. Ich kenne keinen Menschen, der ein reineres Herz hat als du, Naya. Eh, ich meine, Vampir.“
Ich biss mir auf die Lippen und ersparte uns damit die hitzige Diskussion, die darauf gefolgt wäre. Sie konnte nicht nachvollziehen, wie ich mich sah. Ich war einfach … nicht mehr, was ich sein sollte.


































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