Kapitel 45 – Rettung im Regen
Kapitel 45 – Rettung im Regen
Cyrus
Das Fleisch war gar. Mehr als nur gar. Es verströmte einen unfassbar guten Geruch. Mein Magen krampfte vor Hunger. Und ausgerechnet jetzt schlief Nayara ein. Mit ihrem Kopf auf meinem Schoß. Ich könnte sie von mir heben und neben mich legen. Oder das Fleisch verbrennen lassen. Aber das brachte ich nicht über mich. Also griff ich nach dem Brett neben mir, schob es unter das Rost des Feuers und holte damit das Fleisch heraus.
Es brauchte ein paar Anläufe, bis ich ein Stück Fleisch nahe genug zu mir herangezogen hatte. Und es brauchte noch ein paar weitere Momente, bis es so weit abgekühlt war, dass ich es in die Hand nehmen und essen konnte. So konnte Nayara in Ruhe schlafen.
Und als ich fertig gegessen hatte, betrachtete ich sie. Sie war so schön und gerade auch so entspannt. Ich schaffte es kaum, das verträumte Lächeln von meinen Lippen zu tilgen, während ich ihr mit dem Daumen sachte die Haare aus dem Gesicht strich.
Nach einer Weile legte ich mich hin und zog sie an mich. Von meinen Bewegungen ließ sie sich nicht stören. Seelenruhig schlief sie weiter. Ich hatte es die letzten Tage nicht wirklich bemerkt …, aber sie rackerte sich ab. Jagen im Schnee, noch dazu in unpassender Kleidung. Dann kümmerte sie sich um mich, half mir, wieder auf die Beine zu kommen und übernahm meine Wundpflege. Zu unserem Glück hatte ich kein Fieber bekommen. Außerdem ließ sie mich von sich trinken, ohne je zu meckern.
Mein Schlafrhythmus hatte sich in den letzten Tagen wieder normalisiert, sodass ich nicht mehr nur Sekundenschläfchen hielt. Doch wenn ich morgens aufwachte, war sie weg und wenn ich abends einschlief, wachte sie über mich.
Nun hatten die Stunden sie eingeholt, sodass sie noch im Sitzen eingeschlafen war. Ich stützte mich auf, pflanzte ihr einen sachten Kuss auf die Wange und legte mich wieder hinter sie. Fürsorglich legte ich ihr einen Arm um die schmale Taille. Wie lange das wohl noch ginge? Sicher noch ein, vielleicht zwei Jahre.
Die enorme Wissenslücke, die sie aufwies, hatte mich überrascht. Beispielsweise die Frage, ob sie innerlich hohl wäre. Wir wussten viel über den vampirischen Organismus. Vieles davon hatte man durch unmenschliche Versuche und Untersuchungen an Menschen herausgefunden und beim Vampir schließlich auf Ähnlichkeiten abgeglichen. Doch so unmenschlich die damaligen Methoden auch gewesen waren, war es heute doch eigentlich standardisiertes Grundwissen. Zumindest in den Familien, die lesen und schreiben konnten oder generell Bildung genossen. Aber Nayara hatte ähnliche Wissenslücken schon früher gezeigt. Beispielsweise, als sie mich gefragt hatte, ob es nicht richtig sei, dass mein Samen in sie müsse, um sie zu befruchten. Es hatte geklungen, als sei sie sich dessen überhaupt nicht sicher.
Ich streichelte über ihren Arm, malte Kreise darauf und musste daran denken, wie sie damals dieses Spiel mit mir gespielt hatte. Als sie Tiere auf meinen Bauch gezeichnet hatte und diese erraten musste. Wir hatten gute Zeiten gehabt. Vor dem echten Blutschwur. Aber auch danach. Aber es folgten immer Tiefschläge. Und dennoch … wollte ich diese Bindung nicht aufgeben. Ich wollte Nay nicht aufgeben.
Meine Gedanken wurden träge. Ebenso wie die Hand, mit der ich meine Verbundene libevoll streichelte.
Als ich die Augen aufschlug, plätscherte der Regen fest gegen das kleine Fenster. Nayara war weg – wie gewöhnlich. Erst schätzungsweise zwei Stunden später kam sie zurück. Allerdings erfolglos, wie es schien.
Bibbernd betrat sie die Hütte und zog sich augenblicklich meine Stiefel von den Füßen. Gleich darauf folgten meine Hosen und das Hemd. Jedes Teil davon war nass und so wurde es ausgewrungen und über dem Feuer aufgehängt. „Ich glaube, es wird wieder kälter“, brummte sie. „Oder es ist nur mein persönliches Empfinden, das könnte natürlich auch sein.“ Bibbernd schlang sie die Arme um ihren nackten Körper. „Ich werde morgen wieder auf die Jagd gehen. Bei dem Regen bringt das nichts. Ich bekomme weder Fährten in die Nase, noch sehe ich viel.“ Sichtlich frierend, zog sie die Nase hoch. „Hast du schon mit deinen Übungen angefangen?“
„Wir haben noch genug Fleisch.“ Ich strecke die Arme nach ihr aus. „Komm her. Ich wärme dich ein wenig.“ Mein Blick huschte kurz über ihren Körper. Und bei dem Gedanken, sie gleich auf meinen Schoß zu ziehen, zuckte meine Männlichkeit. Dabei war ich noch längst nicht wieder fit. „Vielleicht sollten wir morgen aufbrechen. Wir nehmen das restliche Fleisch mit. Bevor der Schnee wieder kommt und wir hier festsitzen.“
Schnell machte sie sich auf den Weg zu mir und schmiegte sich nach Wärme suchend an mich. Ihre abgekühlte, nackte Haut traf auf meine und überzog selbst meinen Körper mit einer unangenehmen Gänsehaut. „Nein. Wir haben nicht genug.“ Gequält verzog sie das Gesicht. „Ich habe das Fleisch draussen gelagert. Und über Nacht sind Tiere gekommen. Der klägliche Rest des Rehkitzes ist weg.“
Sofort legte ich meine Arme um sie und rieb mit meinen Händen über ihren Körper, um sie zu wärmen. „Das macht nichts. Morgen in aller Früh brechen wir auf. Ich bin auch kräftiger. Wahrscheinlich müssen wir nur eine Nacht…“
Plötzlich klopfte es an der Tür. Sofort zog ich Nayara noch enger an mich, während ich mit meinen Armen gleichzeitig ihre Blöße bedeckte. Wer war da? Und wieso klopfte es? Vielleicht des Rauches wegen. Ob es Freude oder Bekannte des Fischers waren, die nun dachten, er sei hier? „Herein?“, rief ich zögerlich.
Ganz langsam öffnete sich die Tür. Was hindurchschritt, war ein Mensch. Klein, zierlich, aber unter einem großen, dicken und völlig durchnässten Mantel versteckt, dessen Kapuze der Gestalt bis tief ins Gesicht hing. Handschuhe bedeckten die Hände.
Nayara regte sich und versuchte, sich aus meinem Griff zu winden. „Stopp!“ Meine Fänge glitten heraus in dem natürlichen Drang, mein Weib und mein Ungeborenes zu schützen. „Kein Schritt näher!“ Die Schmerzen waren wie weggefegt. Sollte diese Person auch nur die geringste Gefahr darstellen, würde ich sie zerreißen!
„Cyrus, lass los. Das ist Emili!“
„Und Elok wartet draußen“, erklärte diese mit ruhiger, ja fast schon weise klingender Stimme.
Erleichterung durchflutete mich. Kurz drückte ich Nay noch näher an mich und sog erleichtert ihren Geruch ein. Sie waren hier. „Habt ihr Decken dabei? Unsere Kleider sind völlig zerrissen …“
„Ich habe Kleider dabei. Deswegen habe ich Elok auch angewiesen, draußen zu warten.“ Sie kam näher. „Naya, dir habe ich Hosen gebracht. Das ist praktischer. Aber das weißt du ja schon, so wie du die letzten Tage herumgelaufen bist.“ Die ganze Zeit hielt Emili ihr Gesicht unter der Kapuze verborgen. Sie blickte kein einziges Mal auf. Unter ihrem Mantel holte sie tatsächlich zwei Garnituren Kleidung hinaus. „Nayas Stiefel hat Elok. Wenn ihr Hilfe braucht, ich warte draußen.“
Als Emili die Kleidung neben uns legte, erhaschte ich einen Blick auf ihre Haut unter der Kapuze, welche ungewöhnlich blass wirkte.
Noch weitaus irritierender waren aber ihre Worte. „Woher weißt du …?“ Ich schaffte es nicht, die Frage zu formulieren. Es klang, als habe Emili uns die letzten Tage beobachtet. Aber das war gar nicht möglich. „Wie?“
Ihr Kopf wandte sich mir zu. „Ich bin die neue Tuatha, Cyrus. Ich sehe Dinge, ich weiß Dinge, und ich spreche mit den Göttern, so wie sie es getan hat. Jetzt zieht euch an.“ Mit diesen Worten drehte sie sich um und verschwand wieder aus der Hütte.
Nayara regte sich nicht. Als sei sie selbst völlig fassungslos. Oder aber – und ihrem abwartenden Blick nach, traf dies wohl eher zu – sie wollte wissen, was ich davon hielt. Was bedeuten musste, sie hatte davon gewusst.
„Was ist eine Tuatha? Ich dachte, es sei der Name der alten Frau?“ Irritiert strich ich mir durch die Haare. „Sie spricht mit den Göttern? Aber das ist doch dem Hohepriester vorbehalten! Wobei … du sprichst auch mit Ignis-Robur.“ Die Nachricht überforderte mich. Und ich war mir nicht sicher, ob ich es als dummes Geschwätz abtun sollte. Immerhin war Emili nur ein Mensch. Wieso sollten die Götter sich einem so kurzlebigen Menschen zuwenden? „Glaubst du das, was sie erzählt?“
„Ich habe keinen Grund mehr, daran zu zweifeln. Gar keinen.“ Nayara legte eine kurze Sprechpause ein. „Ich rede außerdem nicht mit Ignis-Robur, ich brülle sie an. Wir haben offensichtlich ein eher angespanntes Verhältnis. Der Hohepriester redet überdies ebenfalls nicht mit ihnen. Er deutet lediglich ihre Zeichen und leitet daraus ab, was er uns sagt. Zudem …“ Nay holte tief Luft. „Müsstest du sie mal ohne Kapuze sehen. Dann würdest du nicht mehr zweifeln. Und sie hat mir ausgerichtet, dass Ignis-Robur zwar dankbar ist, dass wir sie aus den Höhlen geholt haben, sie aber denkt, ich schätze ihr Geschenk an uns nicht wert.“ Der letzte Satz hörte sich an, als würde sie schmollen.
„Ihr Geschenk?“ Kaum hatte ich die Frage laut ausgesprochen, kannte ich die Antwort. Ich hatte immer schon gewusst, dass eine so frühe Schwangerschaft nur durch die Gnade der Götter möglich war. Eigentlich, wenn ich näher darüber nachdachte, entsetzte es mich gar nicht so sehr, dass Emili Dinge sah. Oder mit den Göttern sprach. Denn als sie Kretos und mich im Gespräch störte, zögerte ich auch keine Sekunde und eilte zu Nayara. Emili hatte schon immer eine unnatürliche Reife und Intelligenz gezeigt, wie es bei so jungen Menschen gar nicht möglich sein sollte.
Ich hob Nayara von meinem Schoß, stand vorsichtig auf und ging zur Kleidung. Einen Stapel reichte ich Nayara, den anderen nahm ich und zog sofort eine saubere, warme Tunika über meinen Kopf. Als ich wieder aufblickte, sah ich Nay grinsen. „Sollte ich etwa eifersüchtig sein, so wie dich deine Kleidung zum Stöhnen bringt?“
„Es tut gut, saubere Kleidung zu tragen, die den ganzen Körper wärmt. Ich fühlte mich die letzten Tage wie ein primitiver Höhlenmensch“, gab ich zu. Umständlich stieg ich in die Hose, zog die Stiefel an und warf den Mantel über. „Aber ich werde das hier auch ein wenig vermissen …“ Ich suchte ihren Blick. Eine unausgesprochene Frage in meinem.
Sie hob die Augenbrauen. „Jeden Tag draußen in der Kälte nach grausig schmeckendem Tierblut suchen? Nein.“ Auch sie zog sich gerade die Hose über, schnallte sich anschließend den Gürtel um und rief: „Ihr könnt reinkommen!“ Leise fügte sie hinzu: „Aber abgeschieden von der ganzen Welt, nicht die ganze Zeit mit Majestät angesprochen zu werden? Nicht immer darauf achten zu müssen, eine gerade Haltung und einen arroganten Ausdruck auf dem Gesicht zu tragen? Ja …“
„Ja …“, stimmte ich zu. „Der Teil mit den Schmerzen war auch nicht besonders angenehm, die ersten Tage.“ Dennoch sah ich mich mit einem Hauch von Wehmut in der Hütte um, als müsste ich von diesem Ort Abschied nehmen. Den wir ziemlich zugerichtet hatten, wenn ich an das provisorische Bett dachte, das kaum noch existierte, weil es perfektes Feuerholz gewesen war.
Elok und Emili traten ein. Ersterer reichte Nayara ein Paar Stiefel. „Wir haben zwei Pferde dabei. Auf die Kutsche haben wir bewusst verzichtet.“
„Gut“, sprach Nay, die Stimme fest und entschlossen. „Elok, du nimmst deinen König vor dich, ich reite mit Emili.“
Meine Augenbrauen trafen sich. Eigentlich wollte ich Nay bei mir haben. Aber ich wusste auch nicht, ob ich mich mit meiner Verletzung auf dem Pferd halten könnte.
Wir kamen erst am Abend im Schloss an. Der Ritt hatte mich erschöpft. Es hätte nicht mehr viel gefehlt und ich wäre vom Pferd gefallen. Die einst warmen und trockenen Kleider waren nicht lange trocken geblieben.
Elok half mir ins Schloss. Mit jedem Schritt musste ich mich stärker bei ihm abstützen.
In der Eingangshalle wartete Kretos auf mich. Aber er lächelte nicht. Er wirkte nicht einmal erleichtert oder glücklich, mich und die Königin zu sehen.
„Ist alles in Ordnung?“, fragte ich alarmiert. Es gefiel mir gar nicht, meinen Freund so zu sehen.
„Mehr oder weniger. Ihr müsst abreisen. So schnell wie möglich.“
„Warum?“ Verwirrt zog ich die Augenbrauen hoch. Was hatte er gesehen?
„Der Schatten, den ich gesehen habe, wird größer. Der Boden im Goldenen Reich färbt sich rot.“
Ich schluckte und sah zu Nayara. „Kann sie hier bleiben? Ist sie hier sicher?“ Oh, Nayara würde mich wieder hassen. Aber wenn ich die Wahl hatte, zwischen grenzenlosem Hass oder Verlust … dann nahm ich den Hass auf mich.
„Streich dir das aus dem Kopf!“, zischte Nay, wie zu erwarten gewesen war, keine Sekunde später.
„Für die Königin sehe ich aktuell keine Gefahr. Nicht, wenn sie in deiner Nähe bleibt, Cyrus.“ Ich wusste nicht, ob mich das nun beruhigen sollte. Was bedeutete dieser Schatten? Konnten wir seine Vision abwenden, wenn wir jetzt gingen? Ich kam nicht dazu, meine Fragen zu stellen, denn Kretos fuhr schon mit monotoner, gefühlskalter Stimme fort: „Die Hexe jedoch wird sterben.“























































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