Kapitel 46 – Die Haaremsfrauen

Kapitel 46 – Die Haaremsfrauen

 

Cyrus

Ich drehte mich im Bett auf die Seite und stöhnte leicht. Verflucht. Zwar wachte ich häufig mit steifem Schwanz auf, aber meist war da nicht diese Lust, die ich nun verspürte. Nur vage erinnerte ich mich an einen Traum, in dem Aurelie auf mir saß und sich stöhnend auf mir bewegte. Meine Hände glitten suchend über das Laken. Allerdings spürte ich ihren herrlich warmen Körper nicht neben mir und schlug blinzelnd die Augen auf. Der Platz neben mir war leer.

Unzufrieden richtete ich mich auf und sah zur Verbindungstür, welche direkt zu Aurelies Schlafzimmer führte. Der Wunsch, mich in ihr zu versenken, war groß. Dabei hatte ich meinen Trieb bisher kontrolliert und nicht andersrum. Aber das Verlangen nach ihr war größer als alles, was ich je zuvor gekannt hatte.

Ich schloss die Augen und legte eine Hand auf mein Glied. Dabei stellte ich mir die Aurelie aus dem Traum vor. Aber alles, was ich nun sah, waren ihre Tränen. Unzufrieden knurrte ich auf. Traum und Wirklichkeit waren eben zwei unterschiedliche Dinge. Sie würde sich mir nicht hingeben. Und dennoch wollte ich die Erinnerungen an den Traum behalten. Die Art, wie sie sich auf mir bewegte, wie sie stöhnte.

Obwohl meine Lust beinahe abgeflaut wäre, war sie jetzt stärker denn je. Meine Hand wurde schneller; kurz darauf stöhnte ich befreit auf. Mein Samen spritzte auf meinen Bauch. Es dauerte einige Minuten, bis ich meinen Atem wieder unter Kontrolle hatte.

Ich stand auf, griff nach meinem Hemd und wischte mir damit den Bauch ab. Danach verschwand ich ins Bad, wusch mich gründlich und stand kurz darauf in sauberer Kleidung in meinem Arbeitszimmer. Mein Blick glitt erst zum Fenster, dann zum Schreibtisch. Die Arbeit wurde einfach nicht weniger, allerdings hatte ich auch noch nicht wirklich angefangen.

Gerade als ich mich an meinen Schreibtisch setzte, klopfte es an der Tür. „Herein!“

Die Tür zu meinen Gemächern wurde vom Flur her geöffnet, gleich darauf drangen Schritte an mein Ohr, die auf mein Arbeitszimmer zukamen. Als eine zierliche Gestalt im Türrahmen erschien, richtete ich mich auf und glättete meine Gesichtszüge.

Irina kam vor meinem Schreibtisch zum Stehen und vollführte einen kurzen Knicks. „Mein Herr. Ihr wolltet mich sehen“, sprach die schöne Rothaarige monoton.

Meine Grigoroi. Sie war nun mir gegenüber verpflichtet, nicht mehr Aurelie. Zeit, ihr dies vor Augen zu führen. Ich beugte mich vor und gab meiner Stimme einen befehlenden Unterton. „Was hattest du gestern vor?“

Genau wie gestern klappte ihr Mund auf und zu. Ihre Stirn runzelte sich angestrengt, dann schien sie Schmerzen zu bekommen. Ihre Fänge schossen heraus, als sich ihr Mund in einem stummen Schrei öffnete. Mit ihren Händen stützte sie sich Halt suchend auf meinem Schreibtisch ab und keuchte schwer.

„Gut. Du hast also den Befehl bekommen, nicht darüber zu reden. Dann gehst du nun zu Aurelie, erzählst ihr, was gestern passiert ist und wirst den heutigen Tag nicht von ihrer Seite weichen. Verstanden?“

Noch immer schwer atmend, nickte sie. „Ja, Herr.“ Sie verließ mein Arbeitszimmer und schließlich meine Gemächer.

Ich sah ihr kurz nach. Sie würde sich immer noch um Aurelie kümmern, mir aber täglich berichten können, wenn ich es wünschte. So hätte ich Aurelie im Blick, auch wenn ich nicht bei ihr war.

Ich griff zu einem Pergament und wollte es gerade lesen, als es erneut an meiner Tür klopfte. War Irina wieder da? Das konnte nur bedeuten, dass etwas mit Aurelie nicht stimmte. Das Papier landete wieder auf dem Stapel. Mit einem flauen Gefühl im Magen stand ich auf. „Herein!“

Als die Tür aufging, stand Timm davor. Als er mich mitten im Raum stehen sah, räusperte er sich. „Störe ich?“

„Nein“, erwiderte ich sofort. Also war er nicht wegen Aurelie hier. Das erleichterte mich. „Was gibt es?“, erkundigte ich mich und verdrängte die Gedanken an mein Weib.

„Cyrus, ich wollte fragen, was wir mit den Vampirinnen im Harem tun sollen. Sie sind jetzt schon mehrere Monate dort unten, ohne ihre Kinder und ohne … nun, Befriedigung. Sicher haben sie sich gegenseitig, aber …“

Der Harem … Verdammt, den hatte ich völlig vergessen, nachdem ich Lee aufgetragen hatte, sich darum zu kümmern. Nun war Lee nicht mehr. Es wäre eine Möglichkeit, den Harem zu übernehmen. Ich könnte sogar Aurelie dort einsperren. Und jedes Kind, das dort das Licht der Welt erblickte, wäre meines. Als König wäre es wichtig, genügend Nachfolger zu haben.

Ich ging zu meiner alten Kleidung, griff nach der Hosentasche und zog den Brief von Fürst Kretos heraus. Nachdenklich überflog ich die Zeilen. Aurelie brauchte ein Kind. Aber es müsste unbedingt von mir sein. Durch meine Übergriffe war ihr sicherlich die Lust auf Intimitäten mit Männern vergangen. Allerdings war sie ein Vampir und der Trieb würde irgendwann stärker werden.

„Komm, bestatten wir dem Harem einen Besuch ab. Ich will mir die Frauen noch mal genauer ansehen. Und dann entscheiden, was ich mit ihnen mache.“

Wir verließen meine Gemächer und gingen direkt zu dem Geheimgang. Zum Glück wusste Timm noch, wo der geheime Schalter lag, denn ich hatte es mittlerweile tatsächlich vergessen. Seit jener Nacht war ich nicht mehr hier gewesen. Nicht, seit ich die Kinder in den Tod geschickt hatte.

Lag es an diesem Schloss? An der Krone? Was war nur geschehen, dass ich zu solch einem Monster geworden war? Wie hatte ich nur Kinder ermorden können?

„Cyrus?“, fragte Timm und musterte mich. Denn die Tür stand schon eine Weile offen, aber ich hatte mich nicht dazu durchringen können, die Stufen hinabzusteigen.

„Ja. Es ist alles gut“, log ich und ging hinunter. Ganz unten war eine weitere Tür, ähnlich wie im Kerker. Nur, dass diese Tür mit einem weiteren, versteckten Regler zu öffnen war. Zusätzlich hatte ich noch ein Schloss anbringen lassen.

Ich betrat den Harem und Timm folgte, nachdem er hinter mir wieder abgeschlossen hatte. Die Frauen saßen auf mehreren Kissen, wie schon beim ersten Besuch. Diesmal rannten sie aber alle weg, bis auf eine. Die Älteste. Ihr braunes Haar zeigte bereits von dem einen oder anderen silbernen Faden durchzogen.

„Wie ist dein Name?“, fragte ich und sah kurz zu Timm, der an meiner Seite blieb.

„Lady Aralie Memoire“, antwortete sie ruhig.

„Sag, seit wann bist du schon hier? Und die anderen Frauen? Wissen die Familien der Frauen, wo sie sind?“ Ich war neugierig. Der alte König hatte nie erwähnt, dass er einen Harem hätte. Aber ich konnte mir nicht vorstellen, dass Vampire einfach so verschwanden. Sie mussten Eltern haben. Ehemänner. Ja, vielleicht sogar Kinder außerhalb des Harems. Je nachdem, wie alt diese Frauen waren.

Sie deutete uns, uns zu setzen. Ich ließ mich ihr gegenüber nieder; Timm blieb jedoch stehen. „Also?“ Ich musterte sie. Sie war nicht übermäßig hübsch, wie ich fand. Nicht einmal Durchschnitt, in meinen Augen. Ihr Gesicht wirkte eingefallen. Vielleicht war sie mal eine Schönheit gewesen, vor tausend oder zweitausend Jahren. Diese Frau hier vor mir war bestimmt beinahe dreitausend Jahre alt oder schon etwas älter.

„Ich bin hier eingesperrt seit ungefähr dreihundert Jahren. Einst war ich die erste Liebe des Königs und wurde daraufhin, als er gezwungen war zu heiraten, zu seiner Mätresse. Später aber, nach mehreren Jahrhunderten, fand er andere Frauen. Hübschere, Jüngere. Doch anstatt mich gehen zu lassen, sperrte er uns gemeinsam hier ein. Ihr müsst wissen, keine der anderen Frauen diente ihm anfangs freiwillig.“ Sie rieb sich über die bereits leicht faltige Wange und fuhr fort: „Was mit den Familien geschehen ist, weiß ich nicht. Meine Eltern hatten mir dazumal verboten, die Mätresse des Königs zu werden. Als ich mich ihrem Verbot widersetzt habe, haben sie mich verstoßen. Doch das ist schon unglaublich lange her.“

Ich legte nachdenklich die Stirn in Falten. Wahrscheinlich hatte der alte König diese Frauen freigekauft durch Ländereien, Titel oder Gold. Oder er hatte einfach behauptet, sie seien gestorben, wie er es schon bei seiner Ziehtochter tat.

Ich konnte sie nicht freilassen. Nicht, nachdem ich die Kinder ermordet hatte. Obwohl es für die Machtübernahme notwendig gewesen war, würde mich jeder Vampir dafür hassen. Es waren Kinder gewesen! Dann wäre ich derjenige, der beim nächsten Bankett angegriffen und getötet werden würde.

„Timm, ruf die Frauen herein.“

Mein Grigoroi nickte und verschwand in dem Zimmer, in das die Frauen geflüchtet waren. Ich hörte sie leise miteinander reden, dann kam eine nach der anderen heraus und stellten sich nebeneinander auf.

Bis auf eine Frau mit schwarzen Haaren waren alle anderen Brünetten. Sie waren auch deutlich jünger als diese Aralie. Wahrscheinlich sogar jünger als ich. Und ausgesprochen hübsch. Die Kleidung, die sie trugen, war beinahe durchsichtig und verdeckte nichts. Ihre Namen interessierten mich nicht, dennoch wäre es nicht schlecht, das Gröbste über sie zu wissen.

„Ich bin bereit, diesen Harem zu übernehmen“, eröffnete ich den Frauen und musterte sie.

Unbehagen machte sich unter den Damen breit. Eine der Braunhaarigen, schätzungsweise die Jüngste, trat vor. „Bei allem Respekt, Majestät. Ich bin nicht freiwillig hier. Ich möchte nach Hause. Zu meinen Eltern. Zu meinem Verlobten.“

„Dir ist klar, dass der alte König dich gekauft hat? Selbst wenn du nun zurückkehrst, niemand würde dich mehr wollen. Nicht einmal dein Verlobter. Er ist sicherlich schon längst mit einer anderen Frau verheiratet.“ Ich sah kurz zu Timm, der sich wieder zu mir stellte, dann sah ich zu der Frau. „Wie ist dein Name?“

„Lyssa, mein König. Und dass er mich nicht mehr will, glaube ich nicht“, entgegnete sie mit mutig erhobenem Kopf. „Wir liebten uns vor zweihundert Jahren und ich weiß, dass keiner von uns diese Liebe jemals aufgegeben hätte.“ Sie biss sich auf die Unterlippe und schluckte hart. „Zumindest, was mich betrifft.“ Ihr Kopf sank ein wenig.

„Ich werde Nachforschungen anstellen, Lyssa“, entgegnete ich. Allerdings nur zu ihrem Verbleib. Ihren Verlobten würde ich sicher nicht kontaktieren.

Anschließend sah ich zu den anderen Frauen. „Noch jemand, bei dem ich Nachforschungen anstellen soll?“

Eine Frau, ebenfalls mit braunem, allerdings kurzem Haar, trat vor und senkte traurig den Blick. „Ich bin Ines, Majestät.“ Ihre Lippen waren voll; ihr Gesicht jedoch eher unauffällig „Ich …“ Sie stockte und sog zittrig die Luft ein. Von hinten legte eine der anderen eine Hand auf ihre Schulter und drückte sie sanft. „Ihr habt mir mein Kind genommen …“

„Ich habe die Kinder in die Obhut von Waisenhäusern gegeben. Sie wurden mittlerweile schon adoptiert“, log ich.

Ihre Augen wurden groß und darin sammelten sich große Tränen. Ich sah deutlich, wie ihr das vermeintliche Schicksal ihres Kindes zu schaffen machte, aber schließlich nickte sie verbissen. Sie setzte zum Sprechen an, brauchte aber erst einen Moment, um sich zu fangen.

„Ich habe noch ein Kind. Es müsste jetzt …“ Sie legte schwer atmend den Kopf in den Nacken und versuchte die Tränen wegzublinzeln. „Mein Junge müsste jetzt dreihundert-dreiundfünzig Jahre alt sein. Ich habe ihn seit seinem fünfzigsten Lebensjahr nicht mehr gesehen“, brachte sie mit zitternder Stimme hervor.

„Ich werde mich umhören, Ines. Versprochen.“ Ich nickte ihr knapp zu, dann sah ich zu den beiden anderen Frauen. „Was ist mit euch?“

Übrig blieben eine Schwarzhaarige mit vollen Lippen, einem schmalen Gesicht und markanten Gesichtszügen sowie eine weitere Brünette mit undefinierbaren Augen und hohen Wangenknochen.

Die Schwarzhaarige trat vor. „Ich bin Fenna, das ist Tarischa, Majestät. Wir sind nicht freiwillig hier. Das ist keine von uns. Aber uns …“ Sich versichernd blickte sie zu Tarischa. „… uns spielt es keine Rolle, was mit uns geschieht. Der ehemalige König hat uns berichtet, dass unsere Familien tot sind. Er hat sie ermordet, weil sie sich mit unserem Verschwinden nicht zufriedengegeben haben, sondern herausfinden wollten, wo wir sind. Wir haben nichts, wo wir hin könnten. Und wenn Ihr es wünscht …“ Ihr Blick glitt abschätzend an mir herab. Schließlich seufzte sie. „Wenn Ihr es wünscht, stehen wir Euch zu Diensten. Aber wir wären ausgesprochen froh, dürften wir diese Räumlichkeiten verlassen.“

„Ich werde einige Dinge hier ändern. Dazu gehören auch normale Kleider. Ihr seid keine Huren und werdet euch daher auch nicht wie solche kleiden.“ Ich sah wieder zu Timm. „Da der Schneider diese Räume nicht betreten wird, nimmst du bitte die Maße. Der Schneider sollte diese auch bei meiner Frau nehmen. Du hängst an die Bestellung noch weitere Kleider dran. Für jede Frau drei Kleider.“ Danach sah ich zu den Frauen. „Ihr bekommt weiterhin Nahrung und Blut. Braucht es darüber hinaus noch etwas? Bücher? Nähzeug?“

„Frische Luft?“, fragte eine hoffnungsvoll.

„Vielleicht. In tiefster Nacht. Aber es wäre zumindest frische Luft. Bis dahin muss ich mir jedoch sicher sein, dass kein dummer Fluchtversuch erfolgt oder Ähnliches.“ Mit den Worten stand ich auf. Fürs Erste hatte ich genug gehört und gesehen. „Nur mal rein aus Interesse … Wie oft war der alte König hier?“

„Jeden Tag“, murmelte die Jüngste entnervt.

„Das habe ich gewiss nicht vor.“ Ich nickte den Frauen zu und ging mit Timm wieder, der hinter mir die Tür abschloss. Wir gingen schweigend zurück zu meinen Gemächern. In meinem Arbeitszimmer notierte ich mir die Namen der Frauen. In der Bibliothek gab es zu jeder Adelsfamilie einen Stammbaum. Mit dessen Hilfe würde ich herausfinden, wer diese Frauen waren. Aber nicht heute.

„Danke, Timm. Kümmere dich um die Frauen. Und sag mir Bescheid, wenn der Schneider da ist.“

„Natürlich. Sonst noch etwas? Ich fürchte, du hast gestern gar nichts gegessen. Ich lasse dir etwas bringen.“

Ich winkte ab. „Nicht nötig. Ich habe keinen Hunger. Aber etwas Wein kannst du mir bringen lassen.“

Timm nickte knapp und verschwand. Kurz darauf brachte mir eine Dienerin eine Flasche Wein und ein Glas. Sie bot auch an, mich von ihr trinken zu lassen, allerdings lehnte ich ab.

Ich setzte mich an den Schreibtisch und fing an zu arbeiten. Ich war lange fort gewesen. Entsprechend viel hatte ich zu tun. Demnächst sollte ich den Rat wieder einberufen. Und Aurelie würde dabei sein müssen, auch wenn es mich ärgerte. Aber sie hatte während meiner Abwesenheit viel zu tun gehabt und einiges alleine regeln müssen. Daher würde sie vorerst da weitermachen, wo sie aufgehört hatte. Und ich hätte Zeit, um mich wieder einzufinden.

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