Kapitel 47 – Reissender Fluss
Kapitel 47 – Reissender Fluss
Cyrus
Die Landschaft zog an uns vorüber Tag für Tag. Zeitweise stahlen sich einzelne grüne Flecken aus der weiß prangenden Landschaft hervor, während Hügel und Täler an uns vorbeizogen, oft begleitet von der kalten, andächtigen Stille, die der Schnee mit sich brachte. Seit geraumer Zeit ritten wir ein Tal entlang, obschon es dem Gefühl nach eher einer Schlucht glich. Auf beiden Seiten ragten hohe, klaffende Felswände empor, die wirkten, als könnten sie jeden Moment in sich zusammenstürzen. Doch dies war die Haupthandelsstraße. Der Weg, den auch zahlreiche Händler nahmen – wie die entgegenkommenden, warm eingepackten Reisenden bestätigten. Wenngleich es nur wenige waren, die den Weg in den Norden bei diesen Wetterlagen noch auf sich nahmen.
Die Klüfte, die uns umschlossen, nahmen langsam, Stück für Stück, an Höhe ab, bis sie nur noch hohe Hügel waren, zwischen denen unser Trott entlangritt. Ein Blick hinter mich zeigte mir meine Verbundene. Meine Gefährtin und die Mutter meines heranwachsenden Kindes, die sich noch kein einziges Mal über die schlechten Reisebedingungen beklagt hatte. Anders als so mancher Grigoroi, die ihren Unmut mehr oder minder regelmäßig in Form von Späßen verlauteten. Und doch wurde mein Blick besorgt, als ich bemerkte, wie schwer die Lieder meiner Verbundenen waren. Es waren anstrengende Tage gewesen. Nichts, was ich ihr hatte zumuten wollen, aber diese Vampirin war sturer als ein Stier!
Ein sachtes Lächeln breitete sich auf meinen Lippen aus, als die Erinnerungen der Fischerhütte mich überkamen. Wie sie mich angesehen und umsorgt hatte. Der Geruch ihrer Lust, wenn sie selbst Hand angelegt hatte, weil ich nicht dazu imstande gewesen war, sie zu befriedigen, sie aber dennoch regelmäßig gebissen und mich von ihr genährt hatte.
Ein größeres Dorf tat sich vor uns auf. Schon bei der Herreise hatten wir hier eine Pause eingelegt und im Gasthaus übernachtet. Von hier aus war es nicht mehr weit bis zur großen Brücke – ein meisterliches Gebilde, das über einen unzähmbar großen Fluss erbaut worden war. Auf der anderen Seite des Flusses befand sie die zweite Hälfte des Dorfes, ebenfalls mit Gasthaus, weil kein Mensch waghalsig genug war, die Brücke bei Nacht zu überqueren.
Ich warf einen nachdenklichen Blick zu Nayara. Sie hielt sich gut im Sattel, nachdem die ersten Tage eine Qual für sie gewesen waren. Sie hatte sich wund gescheuert. Nicht nur an den Schenkeln. Auch ihr Hintern musste sich erst daran gewöhnen, den ganzen Tag im Sattel zu sitzen. Nun, zumindest den halben Tag. Meinetwegen kamen wir nur langsam vorwärts. Ich brauchte mehr Pausen, war schon früh erschöpft und müde. Aber auch das wurde mit jedem Tag besser.
„Sollen wir nach einem freien Zimmer fragen, Cyrus?“, erkundigte sich Elok.
Mir war ein ähnlicher Gedanke gekommen. Aber es war nicht mehr weit bis zur Brücke. „Wir nehmen das Gasthaus auf der anderen Seite. Noch ist es hell genug.“
Wir ritten durch das Dorf, das für diese Zeit ungewöhnlich gut besucht war. Der Markt war offen und bot noch getrocknete Linsen und Getreide. Auch Fleisch und Fisch wurden angeboten, wobei die Auswahl beim Fleisch ziemlich ausgedünnt war.
Das Gasthaus war voll. Selbst der Stall platzte beinahe aus allen Nähten, sodass ich froh war, mich dazu entschlossen zu haben, das Gasthaus auf der anderen Seite des Flusses als heutiges Ziel ausgewählt zu haben.
„Scheint, als hätten sich die Menschen nicht früh genug mit Essen eingedeckt“, murmelte Elok.
„Wahrscheinlich. Vielleicht haben sie den Wintereinbruch nicht so früh erwartet. Oder es ist zu dieser Jahreszeit immer so voll.“
Wir ritten weiter und ließen den Duft von gebratenem Fisch hinter uns. Der Weg wurde enger, wodurch wir hintereinander reiten mussten. Zum Glück kam uns niemand entgegen.
Eine halbe Stunde später wusste ich auch, wieso. Die Brücke, welche über den reissenden Fluss führte, war fort. Nur noch Überreste waren an den Ufern zu finden.
Elok fluchte hinter mir und auch Amaro und Stinan fielen mit ein. „Und jetzt?“, kam es vom Letzteren.
„Zurück ins Dorf. Wir fragen, ob es für uns noch eine Bleibe irgendwo gibt“, entschied ich.
Nay blieb noch eine Weile mit ihrem Pferd vor den zerstörten Überresten der Brücke verweilen und starrte gedankenverloren auf die andere Seite hinüber, während die Grigoroi sowie auch ich bereits gewendet hatten und bereit waren, zurückzureiten.
„Nay? Kommst du? Wir müssen zurück und eine Unterkunft für die Nacht finden!“ Ich blieb ebenfalls stehen und deutete den Grigoroi, schon vorzureiten. Nayaras Hände lagen auf ihrem Bauch, das konnte ich sehen. Machte sie sich Sorgen um das Kind?
„Gibt es keinen anderen Übergang?“, sprach sie leise, doch der peitschende Wind trug ihre Worte trotz des reissenden Wassers zuverlässig zu mir hin. Ihr weißblondes Haar hatte sich zu großen Teilen aus ihrem Zopf gelöst und umspielte wild ihr Gesicht, welches ich von hier aus im Profil betrachten konnte. Eine zarte, volle Unterlippe; die obere deutlich schmaler, aber nicht weniger anmutig. Die Nase nicht zu lang, nicht zu kurz, das Kinn unter einem eleganten Schwung ihrer Haut unter ihrem Mund platziert und die Wangenknochen hoch und kantig. Alles zusammen ein schlichtweg betörender Anblick. „Wie lange werden wir sonst hier festsitzen?“
„Ich glaube, es gibt ein paar Tagesritte entfernt eine weitere Brücke. Aber wenn diese hier schon eingestürzt ist…“ Ich ritt langsam auf sie zu, bis ich neben ihr zum Stehen kam. Sanft legte ich eine Hand auf ihr Knie. „Wir fragen morgen im Dorf, wo wir auf die andere Seite können.“ Die Alternative wäre, eine neue Brücke zu bauen. Unter den Wetterbedingungen und bei der Größe des Flusses würde das Monate dauern. Ich lächelte Nayara zu. „Komm, suchen wir erstmal eine Bleibe. Morgen wird alles besser aussehen.“ Hoffentlich.
Meine Hoffnungen wurden bitter enttäuscht, wie ich wenig später feststellen musste. Das Gasthaus war voll besetzt, sogar ein Kellerraum war provisorisch hergerichtet worden.
Als Nayara ihre Hand auf ihren Bauch legte, seufzte die Dame hinter dem Tresen und beugte sich ein Stück vor. „Wenn der Markt noch offen ist, geht zum Stand mit dem Fleisch. Der Jäger ist auf der anderen Seite der Schlucht. Die Hütte im Wald ist frei. Mit etwas Glück lässt seine Frau euch dort wohnen.“
Wir bedankten uns, fragten die Frau vom Fleischstand und nach einer zähen Verhandlung erklärte sie uns, wie wir zur Hütte kämen. Wir könnten dort so lange wohnen, wie nötig. Aber für die Dauer unseres Aufenthaltes sollten wir für das Dorf jagen, um es mit Fleisch zu versorgen. Elok hatte des Weiteren mit zwei Männern gesprochen, die dabei waren, Helfer zu finden, um Holz zu schlagen. Ein Teil als Brennholz, aber der größte Teil sollte für den Neubau der Brücke sein.
Ich sah zu Nayara und setzte ein breites Lächeln auf. „Wunderbar. Elok schaut morgen trotzdem, was mit der anderen Brücke ist. Und wenn die auch nicht mehr steht, dann helfen wir beim Neubau der Brücke.“
Nayara blickte besorgt Richtung Süd-Westen. Zum Goldenen Reich. „Ob zu Hause für alles gesorgt ist? Wir sind schon viel länger weg, als es geplant war.“
Sachte legte ich ihr eine Hand auf die Schulter. „Wir haben das Goldene Reich in guten Händen gelassen. Die Minister, Berater und auch Seibling wissen, was zu tun ist. Mach dir keine Sorgen.“ Ich lächelte immer noch. Aber ich dachte auch an die Warnungen von Kretos. Seine Visionen, in denen er einen dunklen, bedrohlichen Schatten sah. Mal vor dem Schloss, mal im Schloss. Und das Goldene Reich, dessen Boden ganz rot gefärbt war. Entgegen meiner Worte machte ich mir durchaus Sorgen. Jedoch war ich ehrlich genug mir selbst gegenüber, dass es mich nur in zweiter Linie besorgte. Das, was mir am wichtigsten war, war hier. Bei mir.
Am späten Abend saßen wir in einer kleinen Hütte, die der Fischerhütte recht ähnlich war. Allerdings hatte diese hier ein separates Schlafzimmer und eine gut eingerichtete Kochstelle. Auch waren die Möbel deutlich bequemer. Für sechs Personen war es dennoch ziemlich eng. Zum Glück wechselten sich die Grigoroi mit dem Jagen ab. Und sie beschwerten sich mit keinem Wort darüber, dass sie wieder über längere Zeit hinweg nur Tierblut trinken könnten.
Ein Feuer brannte im Kamin. Ich saß auf dem Teppich davor. Wenn ich ehrlich war, vermisste ich das Goldene Reich nicht. Ich hätte nichts dagegen, den Winter in dieser Hütte zu verbringen. Sollte das Goldene Reich sich ruhig gegenseitig zerfleischen …
Hinter mir erklang ein leises Stöhnen. Als ich den Blick umwandte, um vom Feuer zu meiner Verbundenen zu sehen, konnte ich beobachten, wie sie sich müde lächelnd und mit geschlossenen Augen auf dem Sofa weiter in die Strohpolsterung schmiegte, als sei es die Erfüllung all ihrer Träume.
„Wer hätte gedacht, dass es sich so früh schon als nützlich erwiesen würde, dass du reiten lernst“, scherzte ich. „Dabei wollte ich eigentlich nur, dass deine Wut auf mich etwas weniger wird. Und heimlich Zeit mit dir verbringen.“
Das brachte sie zum Schmunzeln, die Augen aber hielt sie geschlossen. „Als ob du freiwillig Zeit mit mir verbracht hättest. Sogar den Beischlaf hast du mir einmal verweigert.“
„Einmal? Wenn ich da noch ein paar andere Tage berücksichtige, dann ist es mittlerweile deutlich häufiger.“ Ich betrachtete Nayara und kam nicht umhin, den Anblick meiner entspannten Ehefrau zu genießen. „Was hältst du davon, wenn wir regelmäßig in so einer kleinen Hütte ein paar Tage verbringen? Wir können uns im Goldenen Reich eine schöne Ecke suchen.“
„Ja, das wäre schön“, brummte sie gelöst. „Hm …“ Sie runzelte die Stirn. „Ich mag mich nur an einmal erinnern. Habe ich etwas vergessen?“
„In der Hütte am Strand. Zwar habe ich nicht explizit abgelehnt, aber ich konnte dir trotzdem keine Befriedigung schenken.“ Tatsächlich war die Lust auch lange danach noch nicht zurückgekehrt. Ich war einfach zu erschöpft gewesen. „Aber ich wäre nun allzeit bereit“, sprach ich meine Gedanken laut aus.
Sie gluckste. „Das war doch aber nicht deine Schuld. Außerdem bist du immer noch nicht ganz gesund“, fügte sie ernst an.
„Heißt das, ich soll einen Antrag stellen? Schriftlich oder mündlich?“ Ich konnte gar nicht mehr aufhören, zu grinsen. „Oder soll ich es spezifizieren mit Länge, Häufigkeit der Stellungswechsel und Intensität der Orgasmen?“
„Idiot. Ich habe gesagt, du bist noch nicht gesund. Und Kranke und Verletzte bleiben im Bett.“ Als hätte sie ernst jetzt bemerkt, dass ihre Aussage durchaus zweideutig aufzufassen war, zog sich eine zarte Röte über ihre Wangen, die sie mühselig versuchte, vor mir zu verstecken.
Ich musste anfangen, zu lachen. Es war einfach zu süß, wenn sie rot wurde. Und es war schön, so offen und locker mit ihr reden zu können. „Wann bin ich denn wieder gesund, Majestät?“
„Wenn … du gegen mich im Schwertkampf gewinnst.“ Ihre Lippen formten sich zu einem spitzbübischen Grinsen. „Aber ich bin um einiges besser geworden, lass dir das gesagt sein!“
„Das heißt, ich soll mich nicht zurückhalten, ja?“ Mit meinem Rücken war ich immer noch stark eingeschränkt, nur meine linke Seite, den linken Arm konnte ich problemlos bewegen. Allerdings wusste ich auch, dass meine Beinarbeit noch hinkte. Wortwörtlich. Sie wusste um meine körperlichen Einschränkungen und würde diese sofort gegen mich nutzen.
„Einverstanden. Morgen früh direkt.“
„Gut, dann erst ein Test. Sonst köpfe ich dich ja noch versehentlich.“ Sie hatte sich vorgelehnt, gesellte sich zu mir auf den Boden und platzierte ihren Kopf entspannt auf meiner Schulter. Ihr Atem wurde ruhiger.
Erneut schlich sich ein Grinsen auf mein Gesicht, als ich realisierte, dass das ihr sogenannter Test war. Sich an mich zu lehnen, um zu sehen, ob ich es aushielte. Und dabei selbst einzuschlafen.
Dann, ganz plötzlich, waren Finger an meiner Wunde und drückten gnadenlos drauf.























































Kommentare