Kapitel 49 – Willkommen in deinem neuen Zuhause
Kapitel 49 – Willkommen in deinem neuen Zuhause
Aurelie
„Guten Morgen, Naya.“
Verschlafen gähnte ich und blickte augenreibend zu meiner … korrigiere, seiner Grigoroi. „Guten Morgen, Irina“, entgegnete ich leicht bedrückt. Gerade hatte ich mich noch darüber gefreut, die Nacht unbehelligt überstanden zu haben, doch jetzt kam mir das ganze Dilemma wieder in den Sinn.
„Wie fühlst du dich? Hast du Hunger? Soll ich dir ein Glas Blut besorgen?“ Irina trat an das Fenster und zog die Vorhänge zurück. Danach öffnete sie die Tür zum Balkon. Sofort wurde das Gezwitscher der Vögel lauter.
„Gut. Und nein. Ich habe keinen Hunger oder Durst.“ Jeglicher Hunger war mir seit der Nacht des Blutschwurs vergangen. „Wie geht es dir? Musstest du gestern bei ihm noch Bericht erstatten?“
Irina senkte den Kopf, ging rüber zum Kleiderschrank und holte saubere Wäsche heraus. „Mir geht es ehrlich gesagt ziemlich mies mit der aktuellen Situation. Er wollte wissen, ob es etwas Ungewöhnliches gab …“, sie machte eine kurze Pause und reichte mir Hemd und Hose. „Ich musste ihm erzählen, dass ich glaube, dass du eine Affäre hast. Er wollte einen Namen wissen. Aber da ich es nicht sicher weiß …“ Sie brach ab und rieb sich über die Stirn.
„Verstehe“, sagte ich emotionslos. Alles in meinem Inneren tobte. „Komm her.“ Ich versuchte, Wärme in meine Stimme zu legen, doch das wollte nicht recht funktionieren. Dennoch breitete ich meine Arme aus.
Irina seufzte tief, kam auf mich zu und warf sich in meine Arme. „Es tut mir ja so leid!“, hauchte sie.
„Ist schon gut.“ Sachte strich ich ihr über den Rücken. „Jetzt ist es geschehen und er weiß es. Es lässt sich nichts mehr dagegen unternehmen.“ Eine Weile blieb es ruhig und Irina umklammerte mich halt suchend. „Hast du ihm gesagt, wer?“
„Nein. Er fragte, ob ich es weiß. Und ich kann ja eigentlich nur raten, nicht wahr? Ich weiß es nicht, auch wenn ich eine Ahnung habe.“ Irina hob den Kopf und kicherte leise. „Ich muss ihm ehrlich antworten, aber wenn er seine Fragen so blöd stellt, kann ich ja nichts dafür.“
Zufrieden lächelte auch ich. „Stimmt. Manchmal ist er wirklich nicht der Hellste.“ Ich stimmte in das leise Gekicher ein und so verbrachten wir noch eine weile, Arm in Arm, auf meinem Bett und sprachen über Belangloses, Nervtötendes und Entrüstendes. Nur ein Name, ein Thema wurde fein säuberlich umgangen und ignoriert, auch wenn wir im Gespräch gezwungener Massen immer wieder daran anstießen.
Gen Mittag hin half mir Irina mit meinem Haar. Beinahe zu spät realisierte ich, was da noch immer in der Schublade des Frisiertisches lag.
„Soll ich dir die Haare hochstecken?“, fragte sie und wollte gerade die Schublade öffnen, in der sich mein Haarschmuck befand. „Wobei du mit offenen Haaren atemberaubend aussiehst.“
„Stimmt!“, bekräftigte ich schnell und griff nach ihrer ausgestreckten Hand. „Hochsteckfrisuren stehen mir sowieso nicht und zur Ratssitzung kann ich auch so gehen.“ In Hose und Hemd. Dazu noch mit offenen Haaren … ich musste nach außen hin wirken, als wäre ich ein widerspenstiges Kind, welches direkt aus dem Bette kam und sich nicht zu richten pflegte.
„Gut. Brauchst du sonst noch etwas? Soll ich dich zum Ratssaal begleiten oder holt Cyrus dich ab?“
„Weiß ich nicht. Aber kannst du mich denn überhaupt allein lassen?“
„Nein. Nur, um Besorgungen zu machen. Aber er wird mich aussperren, wenn du zum Rat gehst.“ Sie nahm eine Strähne von meinem Haar und wickelte sie um ihren Finger. „Meinst du, Emili und Aurillia geht es gut?“
„Sicher“, murmelte ich leise. Bestimmt saßen sie gerade lachend auf einem Bauerskarren, die Füße von der Tragfläche herunterbaumelnd und leicht hin und her schwankend. Das regelmäßige Rattern des unbefestigten Bodens, über den die Räder rollten, spürten sie am ganzen Leibe, wurden durchgeschüttelt und hielten sie mutmaßlich vom Schlafen ab. Nicht, dass es Aurillia kümmern würde, das Mädchen konnte immer und überall schlafen. „Aber ich werde dir nicht sagen, wo sie sind, Irina. Tut mir leid.“
Ich stand auf und warf einen kurzen Blick in den Spiegel. Ich sah aus, wie ich mich fühlte. Ausgebrannt und leer. Alle meine Liebsten hatte ich auf die eine oder andere Art und Weise verloren. Alexander an den Tod, Emili und Aurillia hatte ich um ihrer Sicherheit Willen gehen lassen müssen und Irina schien mir weiter entfernt als all die anderen. Denn wechselte ich nur ein Wort mit ihr, würde ich es bereuen. Die Konsequenzen meines gestrigen Versagens würde ich heute zweifelsfrei zu spüren bekommen. Ich hätte sie auf Abstand halten müssen, stattdessen hatte ich zugelassen, dass sie mich in den Arm nahm und Gilead an mir roch.
Es klopfte an der Tür, gleich danach wurde sie geöffnet. „Bist du fertig, Aurelie?“
„Soll ich ihn noch etwas hinhalten?“, fragte Irina mir zuzwinkernd.
„Nein, passt schon, Irina. Ja, Cyrus, ich bin fertig“, entgegnete ich, mit einem Gefühl in meinem Magen, welches ich nicht annähernd zu bestimmen vermochte. Immer wenn ich ihn sah, tauchten die Erinnerungen an die Male auf, die er mich … und beim Gedanken daran wurde mir jeweils ganz schlecht. Doch dann war da auch stets das Gefühl von Nähe und Geborgenheit bei ihm. Und ich fragte mich zusehends, welches der beiden Gefühle schließlich siegen würde, denn so konnte dieser innere Kampf nicht ewig weitergehen.
Als er nach unserer zweiten Vereinigung von mir abgelassen hatte, sich neben mich gelegt und mich in seine Arme gezogen hatte, als hätten wir gerade etwas Wunderschönes geteilt, da hatte das Gefühl von Ekel eindeutig überhand gehabt. Weg war jeder Hauch von Vertrauen, Geborgenheit und Wohlsein in seiner Nähe. Doch jetzt, oder auch gestern, nachdem ich … ja ich konnte mich noch nicht einmal mehr richtig an die Geschehnisse erinnern! Ich war neben ihm im Bett aufgewacht, in seinen Armen gelegen, direkt an seiner Brust, und hatte das Gefühl gehabt, da gehörte ich hin. Und dann war er aufgestanden und hatte mich verlassen. Mit dem Gefühl des Verlusts in meinem Herzen hatte ich ihm nachgesehen.
Cyrus stand in meinem Wohnzimmer. Er trug eine schicke, aber schlichte schwarze Baumwollhose und ein schwarzes Seidenhemd, dazu einen passenden schwarzen Gürtel mit großer, silberner Schnalle. Um seinen Hals war ein rotes Tuch gebunden. Die schwarzen, leicht gewellten Haare trug er heute offen, sodass sie ihm teilweise ins Gesicht fielen.
„Dann komm, der Rat wartet.“ Lächelnd bot er mir seinen Arm dar. In Anbetracht dessen, was er nun wusste, irritierte mich sein Verhalten. Kein Anschreien? Noch nicht einmal ein wütendes Wort? Aber mir sollte es nur recht sein. Ich ergriff seinen Arm und wir setzten uns in Bewegung. Die Stille, die uns umgab, schien tückisch. Als wolle sie uns still schleichend Geheimnisse entlocken, die nie ein Wesen zu hören bekommen sollte.
Wir gingen die Flure entlang. Schmerzlich wurde mir bewusst, dass ich diesen Weg die letzten Male mit Lee gegangen war. An seiner Seite hatte ich mich auf die Ratssitzungen gefreut. Ich hatte mich selbstsicher gefühlt. Ein Seitenblick auf meinen Gatten genügte und ich fühlte mich klein, schwach und erbärmlich. Und benutzt.
An der Tür zum Ratssaal blieben wir stehen. Cyrus öffnete die Tür, dann bedeutete er mir, zuerst einzutreten.
Die beiden Grafen, der Herzog und der Baron, sowie der Hohepriester, waren bereits anwesend. Letzterer warf mir einen längeren, fragenden Blick zu, die Hände hatte er locker gefaltet auf dem Tisch abgelegt.
Ich neigte begrüßend den Kopf, ignorierte den Blick aber ansonsten. Denn dieser Plan würde nicht mehr aufgehen. Nicht, solange Irina an ihn gebunden war. Aber das würde der Hohepriester nicht verstehen, denn für ihn war Irina eben nur eine Grigoroi. Sosehr ich diesen Mann respektierte, so wenig teilte ich seine Meinung zu unseren erschaffenen Untergebenen.
Ich ging direkt auf meinen Stuhl am Kopfende des Tisches zu; Cyrus schob ihn mir zurecht. Ich fing Targes‘ Blick auf. Und ignorierte ihn. Cyrus durfte nicht ahnen, wem seine wahre Treue galt und das komplett. Bestimmt hatte sich der alte Vampir Sorgen um mich gemacht. Zurecht. Was ich vorausgesehen hatte, war eingetreten.
Als auch Cyrus sich gesetzt hatte und alle Blicke abwartend auf ihm lagen, erhob ich räuspernd die Stimme: „Fangen wir an.“ Ich verkniff mir einen Satz zur Frage, weshalb ich die Sitzung leitete. Jeder konnte sich vorstellen, wieso. Wenngleich nicht zwingend, weshalb Cyrus dies zuließ, bei unserem Verhältnis zueinander. Aber taktisch gesehen war es nur logisch. „Erst das Wichtigste: Haben wir etwas Neues über die Aufstände? Gab es Nachricht von Elok?“
„Keine Informationen von Elok, nein“, beantwortete Graf Targes meine Frage, nahm einen Zettel und betrachtete ein paar Notizen, die er sich gemacht haben musste. „Die Aufstände sind weniger geworden, seit der König zurückgekehrt ist. Der Angriff auf Euch, Majestät, war offenbar ein letzter, verzweifelter Versuch.“ Graf Targes machte eine kurze Pause. „Wir haben in den letzten Tagen die Kontrollen in den Wirtshäuser und Schenken vervielfacht. Sie werden erheblich weniger besucht. Wo vorher gut dreißig, vierzig Mann in einem Lokal waren, sind es mittlerweile keine zehn mehr.“
„Das ist ein zweischneidiges Resultat“, überlege ich laut. „Wir müssen die Wirtschaft ins Rollen bringen. Dazu gehört auch, dass Schenken und andere Geschäfte unserer Stadt gut besucht sind, damit diese wiederum Steuern abgeben können, welche unsere Kassen füllen. Auch sollte sich das Volk nicht spalten, das ist nicht unser Ziel. Zeitgleich könnte es aber natürlich sein, dass so weniger Pläne gegen uns geschmiedet werden. Oder aber nach dem letzten … Anschlag …“ Ich warf einen kurzen Seitenblick zu Cyrus. „… gehen sie vorsichtiger vor. Sich in öffentlichen Orten zu treffen ist nicht zwingend die beste Taktik, um geheime Gespräche zu führen. Haben wir sonstige Versammlungen bemerkt? Vielleicht an weniger öffentlichen Orten?“
„Die Ballsaison startet bald“, meinte Graf Dreidolch. „Ich denke, dass einige Vampire ihre Prioritäten aufgrund dessen kurzfristig verschoben haben. Sie wollen ja unerkannt bleiben. Also gehen wir davon aus, dass sie die nächsten Wochen nutzen werden, um in der Masse zu verschwinden.“
„Bälle zu planen ist auch ein hervorragender Grund, um Gäste einzuladen“, bemerkte Herzog Mir. „Ich befürchte beinahe, die Ballsaison wird genutzt, um ein weiteres Attentat in die Wege zu leiten.“ Sein Blick landete missbilligend auf meiner Kleidung. „Ihr müsst Euch als eine erblühte und erwachsene junge Frau präsentieren, Eure Majestät. Dann ist zumindest ein Hauptmotiv der Aufständischen fort.“
Ich verdrehte die Augen. „Ja, die Kleidung, die man an mir sehen will, ist dabei geschneidert zu werden.“ Nur ließ sich damit nicht kämpfen. „Damit bin ich dann aber nahezu schutzlos.“
„Vielleicht lässt sich ja ein Kettenhemd unter einem Kleid verstecken“, scherzte der König, wurde aber sofort wieder ernst. „Dein Schutz werde ich sein. Allerdings habe ich noch nicht zugesagt, dass wir einen Ball besuchen.“
„Es wäre die perfekte Gelegenheit um dem Volk zu zeigen, dass Ihre Majestät erblüht ist“, warf der Herzog wieder ein.
„Die Männer bei Bällen tragen zumeist Zierdolche. Die Klingen sind dennoch tödlich“, erklärte Graf Targes. „Wir können jedoch an den Bällen, an denen Ihr teilnehmt, ein komplettes Waffenverbot aussprechen und am Einlass kontrollieren, ob sich jeder daran hält.“
„Wir müssen uns in der Öffentlichkeit zeigen, das stimmt. Und ich glaube, ein Waffenverbot würde uns nach den letzten Ereignissen nicht schwach, sondern lediglich vorsichtig wirken lassen. So ungern ich auch die schwache Königin spiele, die sich nicht verteidigen kann. Das ist es wohl, was das Volk sehen will.“
Der König trommelte mit seinen Fingern auf dem Tisch. Dann sah er zu seinen Beratern, Herzog Mir und Baron Loich. „Wir werden auf den Eröffnungsball gehen, jedoch unangekündigt. Ich weiß, dass es eine Beleidigung gegenüber allen Adeligen ist, deren Bällen wir fernbleiben, aber darauf ist keine Rücksicht zu nehmen. Wie gehen wir am besten vor?“
„Sollten wir nicht selbst einen arrangieren? Am besten sogar den ersten des Jahres …“, merkte ich an, jedoch triefte meine Stimme geradezu vor Motivationslosigkeit. „Es ist unser erstes Jahr als König und Königin. Wir sollten sowohl zeigen, dass wir eine geschlossene Einheit darstellen, als auch, dass wir uns um unser Volk und deren Belange kümmern. Wir werden zahlreiche politische Gespräche führen müssen. Aus einem anderen Grund gibt es diese Bälle schließlich nicht. Die Adeligen wollen sich bei uns beschweren und uns Gold aus den Kammern ziehen.
Was es auch zu bedenken gibt: Die Menschen sind uns fortan gleichgestellt. Aber kaum ein Mensch wird die Mittel haben, einen Ball zu besuchen, was auch daran liegt, dass sie nicht adelig sind. Dennoch müssen wir dafür sorgen, dass sie sich in unserer Gesellschaft akzeptiert fühlen. Was mich zum nächsten Punkt bringt.“
Ich schaute einmal in die Runde. „Ich hatte zuletzt ein interessantes Gespräch über … nun, mich, den König und unsere Entscheidungen. Und die Ansicht meines Gesprächspartners hat mich nachdenklich gestimmt. Dass wir die Sklaverei verboten haben, war ein erster Schritt. Bis dieses Verbot aber wirklich umgesetzt werden kann, werden Jahrzehnte vergehen. Indessen werden viele ehemalige Sklaven aber entlassen. Unter anderem, da sie kein Besitz mehr sind. Frauen mit Kindern arbeiten nicht mehr so viel wie zuvor und das Kind ist kein zukünftiger Sklave, also wirft man beide auf die Straße. Das ist kein Zustand, lässt sich in dieser Übergangsphase aber genauso wenig verhindern …“
Wir sprachen über Möglichkeiten, um den Menschen diese Übergangszeit erträglicher zu machen, wie Arbeit in gesellschaftlichen Bereichen für die Frauen, mit der Möglichkeit auf kostenlose Unterbringung für sie und ihre Kinder. Auch im Schloss sollten noch einige Stellen frei sein und die Möglichkeit zur Unterbringung waren bereits vorhanden.
Darüber hinaus erwähnte Graf Dreidolch, dass das Erbrecht der Menschen neu aufgerollt werden würde, dies aber noch einiges an Zeit kosten würde.
Als ich das Thema Schulen ansprach, wurde jedoch darum gebeten, diesen Punkt in der nächsten Sitzung zu besprechen. Dabei hatte ich noch so viele weitere Punkte, die ich ansprechen wollte, um die Rechte und Lebensbedingungen der Menschen zu verbessern.
Mein Blick glitt zum Fenster. Die Sonne schickte sich bereits dazu an, unterzugehen. „Gut. Dann ist die heutige Sitzung beendet, vielen Dank, meine Herren.“ Ich erhob mich und winkte Graf Targes noch kurz zu mir. Die anderen Männer hatten den Raum bereits verlassen, doch da Cyrus uns sicher nicht allein lassen würde, stellte ich mich erst einmal vor Targes hin und bedankte mich. Wofür, das konnte sich Cyrus selbst ausdenken. Dann zog ich den alten, deutlich überraschten Vampir in eine Umarmung und flüsterte leise: „Bringt mein Schwert bitte in den alten Weinkeller, drei Etagen unter der Küche, hinterstes Regal.“ Und ließ ihn wieder los.
Graf Targes nickte kurz. „Es war mir eine Freude“, meinte er knapp, verneigte sich und ging.
Ich blieb mit meinem Gemahl zurück, beachtete ihn aber nicht weiter und wollte ebenfalls gehen, da griff er plötzlich grob nach meinem Oberarm. „Du und Graf Targes …?“ Seine Augenbrauen schossen in die Höhe und seine Lippen kräuselten sich angewidert. „Du hast eine Affäre mit diesem Mann?“
Halb schockiert und halb angeekelt verzog ich das Gesicht. Der Graf mochte ein Mann von Ehre sein, und bei Vampiren war das Alter eher nebensächlich, ja, aber beinahe viertausend Jahre Unterschied? „Götter bewahre, nein! Was bildest du dir ein?“
„Was war ihm dann eine Freude?“, knurrte er und seine Fangzähne schossen heraus. „Nein, weißt du was? Du wirst mich sowieso anlügen. Komm jetzt!“ Mein Gemahl ließ meinen Arm los, öffnete die Tür und hielt sie mir offen. Dabei bot er mir wieder den Arm an, um mich einzuhaken. Seine Fangzähne waren noch immer ausgefahren.
Ich blieb stehen. „Ich habe dich nicht angelogen“, entgegnete ich stoisch. Wann hatte ich ihn das letzte Mal belogen? Die Sache mit Irina? Als sie ihr Kind gebar?
„Gut. Dann sag mir, mit wem hast du eine Affäre?“ Sein Blick ruhte kalt auf mir, seine Wangenknochen traten hervor.
„Das werde ich dir nicht sagen“, erklärte ich ruhig. „Dennoch lüge ich dich nicht an. Habe ich nie.“
„Und die Sache mit den Geheimgängen?“ Ohne auf eine Antwort zu warten, ging er ein paar Schritte in den Flur hinein. Dann drehte er sich zu mir um. „Kommst du?“
Ich ging ihm nach, fragte jedoch: „Welche Lüge soll ich dir darüber erzählt haben?“
„Als ich meine Cousine begrüßt hatte. Du bist verschwunden und später in der Nähe der Gästezimmer wieder aufgetaucht. Voller Spinnweben im Haar und völlig verdreckt. Als ich fragte, wo du warst, lag dir das Wort ‚Geheimgang‘ auf der Zunge. Aber stattdessen hast du gelogen. Vor meiner Cousine.“ Wir gingen die Treppen hinauf zu den königlichen Gemächern. „Und andere Kleinigkeiten. Wie zum Beispiel die Tatsache, dass Irina schwanger war.“ Auf der obersten Stufe blieb er stehen und wandte sich zu mir um.
Blass geworden sah ich ihn an. „Woher weißt du das? Und wenn du es wusstest, wieso hast du sie verwandelt?“
„Ich habe euer Gespräch gehört und wusste, wessen Kind es war. Und ich weiß, wie es endet, wenn ein Mensch von einem Vampir schwanger wird. Es ist nicht schön, mitanzusehen. Daher habe ich zugestimmt, denn ich wusste durch die Krönung, wie wichtig dir Irina ist.“ Noch immer stand er eine Treppenstufe über mir, sodass ich den Kopf in den Nacken legen musste, um ihn anzusehen. Und es missfiel mir, derart zu ihm aufsehen zu müssen.
„Nun gut, dann habe ich dich in diesem einen Punkt belogen. Als ob du mit jedem Wort immer ehrlich gewesen wärst!“, warf ich ihm vor. „Aber ich habe es zumindest versucht! Im Übrigen bist du nicht besser als ich! Ich habe vielleicht Avino auf dem Gewissen, aber an deinen Händen klebt weitaus mehr Blut! Du hast Kinder getötet, gleich mehrere!“
„Ja“, war alles, was er dazu sagte. Dann machte er einen Schritt beiseite und ließ mich durch.
Ich warf ihm noch einen kurzen, teils verletzten Blick zu. Denn ja, aus irgendeinem Grund verletzte es mich mehr, als ich zugeben wollte, dass er mich stets als Lügnerin darstellte. Ohne ein weiteres Wort an ihn zu richten, ging ich an ihm vorbei, in Richtung meiner Gemächer.
Schon nach wenigen Schritten packte er grob meinen Nacken. Das vertraute Schleifen einer verborgenen Tür erreichte meine Ohren. Kurz darauf öffnete sich eine perfekt versteckte Wand und gab eine Treppe frei, die nach unten führte.
Mein Atem wurde schneller. „Was ist das?! Cyrus lass das, du tust mir weh!“ Verzweifelt versuchte ich mich aus seinem Griff zu winden, doch ohne jeglichen Erfolg.
Er drängte mich die Treppe hinunter. Unten hielten wir vor einer Tür mit einem riesigen Vorhängeschloss. Mit seinem Körper presste er mich an die Wand, sodass er in Ruhe das Schloss öffnen konnte. „Du wohnst vorerst hier. Aber keine Sorge, zu Ratssitzungen und offiziellen Anlässen darfst du hier raus.“ Er riss die Tür auf, packte wieder meinen Nacken und zog mich in einen seltsamen Wohnbereich voller Sitzkissen und Sessel. Weitere Räume gingen von dem seltsam runden Raum aus, die jedoch nur mit Vorhängen abgeschirmt worden waren. „Willkommen in deinem neuen Zuhause.“
„Wa…?“ Noch ehe ich etwas hätte sagen können, schubste er mich in die Mitte auf die Kissen, wo ich keuchend aufkam. Schnell schaute ich auf, wollte mich aufrappeln und hier wieder weg, was auch immer das hier war. Doch da stand er schon wieder an der Tür, warf mir einen letzten, dunklen Blick zu und schloss sie mit Wucht.
„Nein!“ Ich warf mich gegen die Tür und zog mit aller Kraft daran. „Du kannst mich hier doch nicht einsperren! Cyrus, lass mich raus! Cyrus! Cyrus!!!“



































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