Kapitel 5 – Das Bankett
Kapitel 5 – Das Bankett
Cyrus
Ich lehnte mich zurück und legte dabei meine rechte Hand auf die Schulter von Carina, meiner Begleitung. Seit nun fünfzig Jahren war sie meine feste Partnerin, allerdings nahm ich sie heute das erste Mal mit zum Bankett. Sie warf mir ein Lächeln zu und ich erkannte in ihren Augen, wie sehr sie sich von dem Luxus des Goldenen Reiches blenden ließ.
„Gefällt es dir?“, fragte ich dennoch und beugte mich zu ihr rüber.
Lächelnd entgegnete sie: „Es ist wirklich wunderschön hier, Cyrus.“
Ich griff zu einem Glas Sekt und widmete mich wieder den anderen Gästen. Am Ende der großen Tafel und an den anderen Tischen saßen zahlreiche Vampire, allesamt wichtige Persönlichkeiten. Für mich aber beinahe gänzlich unbedeutend. Sie waren feige Vampire, ohne großen Einfluss, die mir nicht in die Quere kommen würden. Und falls doch, wären sie leicht zu töten. Einzig die fünf Minister des Inneren Rates würde ich im Auge behalten müssen. Neben mir und Carina war auch der Fürst des Südens, Andyr, mit seiner Gemahlin, der Fürstin, hier. Die beiden waren schon seit Jahrhunderten verheiratet und hatten einen gemeinsamen Sohn, der allerdings noch nicht in die Reife gekommen war. Der Fürst des Nordens, Kretos, war alleine da. Er war noch blutjung, erst frisch der Reife entstiegen. Seine Eltern waren erst kürzlich bei einem tragischen Unfall verstorben. Angeblich. Es würde mich nicht wundern, wenn der König sie ebenso auf dem Gewissen hätte, wie meine eigenen Eltern.
Heute war ich nicht hier, um mir stillschweigend noch höhere Steuern aufbrummen zu lassen. Nein, der heutige Tag, wäre der Beginn einer neuen Ära. Beide Fürsten sowie auch Carina waren eingeweiht. Sollte alles nach Plan verlaufen, würde die Königsfamilie nach dem heutigen Tage einmal existiert haben. Ich würde das hinterhältige Geschlecht der Ignis-Robur auslöschen. Ich, Cyrus, Fürst des Ostens, würde ihr Untergang sein.
Mein Blick glitt zum Kronprinzen – dem Einzigen seiner Familie, den ich beabsichtigte, heute am Leben zu lassen –, der links neben dem König saß und seinen Blick nicht von den Sklaven lassen konnte. Diese hatten sich rechts und links neben der Tür hingekniet und hielten den Blick in panischer Angst gesenkt. Sie würden heute Abend unseren Durst stillen, wann immer es uns danach gelüstete. Aber ihre Furcht konnte man beinahe schon riechen, was mich angewidert die Nase kräuseln ließ. Ich hatte sie mir bereits angesehen, aber keine von ihnen passte zu der Beschreibung der jungen Frauen, die in meinem Fürstentum vor drei Jahren für vermisst gemeldet worden waren. Aber das musste nichts heißen. Das Schloss war riesig. Und die Mädchen könnten sich in dieser Zeit verändert haben.
„Du bist so tief in Gedanken“, flüsterte Carina leise an mein Ohr und strich mit einer Hand über meinen Arm.
Es ärgerte mich, dass sie so viel Aufmerksamkeit von mir forderte. Trotzdem nahm ich ihre Hand, führte sie an meine Lippen und küsste ihren Handrücken. „Ich bin immer in Gedanken, meine Teuerste.“
Sie schenkte mir ein bezauberndes Lächeln. Mir war schleierhaft, wie sie so gelassen sein konnte. Spürte sie denn nicht die unangenehme Spannung, die unheilverkündend über dem Bankett lag? Die Angst der Sklaven, von denen heute vermutlich nicht mal die Hälfte die Nacht überleben würde?
Der König griff nach seinem Glas und sofort richteten sich alle Augen auf ihn. Jeder Körper in diesem Raum spannte sich an und wartete darauf, dass er das Wort an uns richtete. Doch er trank nur einen Schluck Wein und schwieg. Ich konnte ihm förmlich ansehen, wie er innerlich lachte. Wir alle warteten darauf, dass er das Bankett offiziell eröffnete. Oder wartete er auf etwas? Wusste er von meinem Plan?
„So ein schöner Kronleuchter“, flüsterte Carina neben mir.
Ich sah erst sie an, dann hob ich den Blick. Ja, der Saal war überladen mit Prunk und Protz. Nur die edelsten Stoffe als Gardinen, teure Tischdecken, farblich passende Teppiche. An der Decke prangte ein handgefertigtes Kunstwerk aus verschiedensten Farben, und der Kronleuchter war ein perfektes Beispiel für die unermessliche Verschwendungssucht des Königs. „Willst du ihn haben?“, fragte ich belustigt. In meinem Schloss herrschte Zweckmäßigkeit und es gab keine unnötigen Dekorationen. Ich hielt nichts davon, die Steuern meines Volkes auf diese Weise zu verschwenden.
„Ja, er würde sich wunderbar im Eingangsbereich machen.“
Ich schwieg dazu und machte mir eine Notiz, dass ich sie noch darüber informieren musste, dass ich vorerst vorhatte, in diesem Schloss zu bleiben. Das Volk müsste sich erst an ihren neuen König gewöhnen. Wenn sie es jedoch wünschte, konnte sie problemlos in den Osten zurückkehren. Unsere Liaison war eine, ohne jede Verpflichtung.
Ich wurde aus meinen Gedanken gerissen, als der König sich nun doch endlich erhob. Er trug einen goldenen Umhang, darunter eine schwarz-goldene Robe und einen schwarzen Wams, mit goldenen Stickereien und roten Edelsteinen. Diese formten sein Wappen, das sich so, mehr oder weniger auffällig, überall auf seiner Kleidung befand. Seine dunkelbraunen Haare, die bereits vereinzelt graue Strähnen aufwiesen, waren streng zurückgekämmt.
Er reichte seiner Frau die Hand, welche sich mit selbiger Geste ebenfalls erhob. Ihr Kleid hatte dieselbe, schwarz-goldene Farbe und zeigte dieselben, goldenen Stickereien. Eine Garderobe für einen einzigen Anlass. Danach würden die Gewandungen auf dem Müll landen.
Die Königin hatte langes, weißblondes Haar und war trotz ihres fortgeschrittenen Alters durchaus attraktiv. Ihr Gesicht war eine steinerne Maske aus Desinteresse und Arroganz. Vielleicht traute sie sich auch schlichtweg nicht, eine Gefühlsregung zu zeigen, um ihren Gemahl nicht zu erzürnen. Immerhin waren seine Wutausbrüche im ganzen Land bekannt und gefürchtet.
„Meine Freunde.“ Die strengen, unfreundlichen Gesichtszüge seiner Majestät straften den fröhlichen Ton seiner Worte Lüge. „Ich freue mich, dass ihr auch dieses Jahr wieder meiner Einladung gefolgt seid!“ Der Herrscher des Goldenen Reiches machte eine Geste, die uns Fürsten am Tisch miteinbezog. „Wir alle haben in den letzten fünf Jahren mit starken Rückschlägen zu kämpfen.“ Sein Blick glitt zu Kretos, dessen Eltern erst letztes Jahr verstorben waren. „Aber wo ein Ende ist, gibt es auch immer einen Anfang. Daher schaue ich voller Freude auf die nächsten fünf Jahre!“
Ich hob mein Glas und prostete dem König zu. „Auf die nächsten Jahre!“
Auch die anderen Fürsten stimmten mit ein und auch Carina zeigte ihr schönstes Lächeln.
„Heute Abend wollen wir feiern und erst morgen die leidigen Formalitäten klären“, entschied der König. Wie bei jedem Bankett. Erst wurde gefeiert und anschließend die Steuern eingetrieben, sowie weitere Vorhaben besprochen. „Daher erkläre ich das heutige Bankett offiziell als eröffnet!“ Das erste Mal an diesem Abend zog ein kurzes Lächeln auf den Lippen des Königs ein, welches aber sogleich wieder durch den scharfen Blick in seinen Augen negiert wurde.
Die Sklaven jammerten leise, ihre Angst roh und unverhohlen. Sie wussten genau, was heute Nacht passieren würde.
Der König fuhr mit seinem Monolog fort: „Ich habe weder Kosten noch Mühen gescheut, um den heutigen Tag zu zelebrieren! Wir werden tanzen, feiern und trinken! Aus diesem Anlass habe ich heute genügend Sklaven bereitgestellt, die nur darauf warten, euch freiwillig mit ihrem Blut zu dienen!“
Carina seufzte neben mir schwer. Ihr Blick ruhte auf den Sklaven und ihre Fangzähne schoben sich gierig heraus. Der Blutdurst stand ihr regelrecht ins Gesicht geschrieben.
„Halte dich zurück, Carina!“, warnte ich sie scharf. „Du darfst dich erst bedienen, wenn der König getrunken hat!“
Carina warf mir einen enttäuschten Blick zu, nickte dann aber ergeben und griff nach ihrem Champagner, um damit den Durst vorläufig zu vertrösten. Als ich wieder zum König sah, begegneten sich unsere Blicke. Ich lächelte bloß und neigte leicht meinen Kopf, als ob ich mich für diese kurze Unterbrechung entschuldigen wollte.
Der König schnaubte leise. „Nun denn! Lasst uns feiern und den Abend mit einem Tanz eröffnen!“
Das Streichquartett setzte ein. Den Musikern stand schon jetzt der Schweiß auf der Stirn. Penibel vermieden sie den Blick zu den Sklaven.
Der König führte seine Gemahlin zur Tanzfläche. Während sie den Eröffnungstanz tanzten, erhob ich mich und reichte Carina die Hand. Sie lächelte mich erfreut an, denn auch wenn ich ein guter Tänzer war, so tanzte ich nur äußerst selten. Carina hingegen liebte die gesellschaftlichen Tänze. So war es keine Überraschung, als sie mir voller Elan die Hand reichte und sich von mir auf die Tanzfläche führen ließ.
Auch Andyr, Fürst des Südens, führte seine Gemahlin auf die Tanzfläche, wo wir uns nach Ende des ersten Stücks dem Königspaar anschlossen.
„Es ist so wunderschön hier“, schwärmte Carina in meinen Armen, während ich sie über die Tanzfläche führte und sie dabei mehrmals drehte. Als ich nicht antwortete, seufzte sie theatralisch auf.
Ich wollte nicht reden. Ein Punkt, den Carina oft an mir kritisierte. Heute lag es allerdings vor allem daran, dass ich mich nicht ablenken lassen wollte. Ich musste wachsam bleiben und auf den perfekten Moment warten.
Während ich meine Begleitung von der einen in die nächste Drehung führte, flogen meine Augen immer wieder durch den pompös geschmückten Raum. Dieser Reichtum wurde auf den buckelnden Rücken von Menschen erbaut. Alles finanziert durch die drei Reiche der Fürsten, die an das Goldene Reich grenzten. Das goldene Reich hätte sich selbst ernähren können, es hatte die nährstoffreichsten Felder überhaupt, wären da nicht die gierigen Vampire gewesen, die sich nahmen, was sie wollten. Sie alle waren nicht besser als ihr König. Es war ein bequemes Leben im Überfluss. Sie frönten der Faulheit und der Ausbeutung. Doch das würde schneller ein Ende nehmen, als es sich die werten, ausbeuterischen Vampire überhaupt vorstellen konnten.




































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