Kapitel 52 – Asche und Staub
Kapitel 52 – Asche und Staub
Kelevan
Ich war verschwitzt, erschöpft und müde. Alomis trat neben mir aus der Kampfhalle und sah kein Stück besser aus. „Das hat gut getan“, stiess er aus, während er sich gähnend streckte. „Und hat müde gemacht.“
Ich nickte stumm. Mein Blick galt dem blendendschönen Wetter und dem klaren Himmel, der die schneebedeckten Dächer der Stadt wild funkeln liess, und den menschenleeren Strassen im Adelsviertel, die zu dieser frühen Stunde noch gänzlich unbelebt waren. Fast die ganze Nacht hatte unser geschwisterliches Kräftemessen angedauert. Es kam selten genug vor, dass wir uns alle am selben Ort befanden. Und wenn es dann einmal so war, hiess es: Jeder gegen jeden. Selbstverständlich waren unsere Brüder dem Alter nach einer nach dem anderen ausgeschieden, bis nur noch Alomis und ich übriggeblieben waren. „Hat gutgetan“, stimmte ich versunken in Gedanken zu.
Nierwil folgte uns heraus. „Akortis zankt sich mit Levran.“
Alomis kniff sich stöhnend ins Nasenbein und drehte sich um. „Wieso müssen sie sich wie echte Geschwister streiten? Es ist nicht so, als wären wir vom gleichen Blut!“
Nierwil und ich sahen ihm überrascht nach. Der sonst so stoische Alomis stiess ein genervtes Stöhnen aus? Zeigte offen seine Verbitterung? Meine Mundwinkel zuckten. „Am Tag deiner Ankunft hat er Levran noch einen Idioten genannt.“
Nierwil sah zu mir auf; seine Mundwinkel zuckten verräterisch. Mit jeder Sekunde fiel es ihm schwerer, nicht in lautes Lachen auszubrechen. „Alomis?“, presste er schliesslich hervor und erntete von mir ein halb amüsiertes, halb ernstes Nicken. Nierwil runzelte die Stirn. „So hat er sich schon seit einem halben Jahrtausend nicht mehr verhalten.“ Wieder nickte ich. „Denkst du …“ Nierwil zögerte. „Denkst du, er ist langsam darüber hinweg?“
„Dass ihm Magier die Gemahlin genommen haben?“
Nierwil verzog leidend das Gesicht. „Sie haben sie ihm nicht einfach so genommen …“
„Hm.“ Mein Kopf verfiel in ein regelmässiges, gedankenverlorenes Nicken. „Nein. Haben sie nicht.“
„Das war…“
Ein Knurren unterbrach Nierwil. „Das war.“ Die Betonung lag unüberhörbar auf der Vergangenheitsform. „Und ich würde es zu schätzen wissen“, Alomis schluckte, „wenn ihr sie ruhen lassen würdet.“ Er trat gerade wieder aus der Halle. „Akortis hat Levran noch einmal herausgefordert. Levran hat wieder einmal provoziert.“ Alomis trat neben uns und liess, so wie ich, den Blick über die weissen Dächer schweifen. „Ich gehe gleich auf Patrouille. Magier, aber auch Mornem verhalten sich in letzter Zeit zu unruhig.“ Damit war er verschwunden.
Nierwil murmelte ihm noch eine leise Entschuldigung nach. Müde legte ich ihm meine Hand auf die Schulter. „Er kommt darüber hinweg. Irgendwann … Du weisst besser als jeder von uns, wie es ist, wenn sich der innere Vampir einmal gebunden hat.“
Nierwil nickte widerstrebend. „Ich könnte Arrura niemals verlieren. Schon gar nicht … so …“ Mit einem Anflug von Wut in der Geste stützte er sich die Hände in die Hüfte. „Du hast Arrura letztens übrigens ganz schön erschreckt!“
Ich seufzte leise. „Ich weiss. Und das tut mir leid. Ich weiss nicht, wie sie auf den Gedanken kommt, ich könnte mich an einer Magierin vergreifen …“ Gedankenverloren schüttelte ich den Kopf. „Und was das andere angeht: Du wirst sie niemals verlieren. Alomis hat recht, Mornem macht sich bereit für einen Krieg, aber Menschen sind für uns keine ernstzunehmende Gefahr. Wir werden den Frauen so lange wie möglich nichts vom herannahenden Krieg erzählen. Eine Niederlage liegt nicht zur Debatte. Sie würden sich nur unnötig sorgen. Und was die aufständischen Magier angeht, so verbringt Arrura momentan viel Zeit mit Rjna. Die beiden haben ein halbes Bataillon an ihren Füssen kleben.“
„Und doch würde jedes Bataillon gegen Ifruel verlieren. Innerhalb von Sekunden.“
Da konnte ich ihm nur stumm zustimmen. Unsere Suchtrupps waren mit leeren Händen zurückgekehrt. Ifruel war wie vom Boden verschluckt. Aber eigentlich hatte ich nichts anderes von ihm erwartet.
Unzufrieden presste ich die Lippen aufeinander. „Aber nicht in nächster Zeit. Er wäre schön blöd, wenn er jetzt, wo er noch geschwächt ist, angreifen würde. Noch dazu, wenn wir alle hier versammelt sind.“
Ein Stöhnen hinter uns zog unsere Aufmerksamkeit auf sich. „Auaaa …“ Akortis kam, sich die Stirn reibend, aus der Halle. Levran an seiner Seite – dieselbe Geste ausführend.
Meine Mundwinkel zuckten. Ich konnte mir bildlich vorstellen, was Alomis gemacht haben musste. „Sind da zwei Sturköpfe aneinandergeraten?“
Nierwil musste meinen Gedanken geteilt haben. „Oder ineinander?“
Levran fauchte uns sichtlich bar aller Nerven an und lief an uns vorbei. „Mal sehen, was die Huren hier so bringen.“
Ich knurrte auf und wollte ihm schon nachgehen, da fasste Akoris nach meinem Handgelenk. „Lass ihn.“ Mürrisch sah er Levran hinterher. „Er wird keinem Weib Schmerz zufügen. Wenn du ihn jetzt rügst, ändert sich das vielleicht.“
Unzufrieden fauchte ich ihm hinterher, lenkte aber ein. „Kommt, machen wir uns auf den Weg, zurück ins Schloss.“
„Sein Verhalten ist das Letzte“, brauste Nierwil auf, sobald Levran mit Sicherheit ausser Hörweite war.
Akortis nickte. „Ich habe das Gefühl, sein innerer Vampir ist nie richtig erwacht. Wir haben alle einen Beschützerinstinkt dem Weibervolk gegenüber, den wir nicht so ohne Weiteres ignorieren können. Er scheinbar nicht. Das … ist doch mit unserer Verwandlung gekommen?“
Nierwil kratzte sich im Nacken. „Daran erinnere ich mich nicht mehr, Akortis. Das ist bei mir fast zweitausend Jahre her.“
Akortis stiess Nierwil belustigt den Ellbogen in die Seite. „Nah, unser Nesthäkchen hat das Gefühl, es ist erwachsen!“
Ich knurrte leise und durchbrach damit die gelockerte Stimmung der beiden. „Ich verstehe immer noch nicht, wieso Vater ihn verwandelt hat.“
Daraufhin wurden sie nachdenklich. „Das habe ich mich auch schon manches Mal gefragt.“ Akortis rieb sich, das Gesicht verziehend, über den nur schwerlich erkennbaren blauen Fleck auf seiner Stirn.
„Vater konnte kaum jemanden verwandeln.“ Nierwils Stimme war ernst geworden. „Wenn ich jemanden verwandle, habe ich es meist im Gefühl, ob es funktioniert oder nicht. Ob die Person stark genug für mein Gen ist. Was, wenn unser Vampirvater dieses Gefühl bei Levran gehabt hat? Und … er war doch einsam. Oder sehe ich das falsch? Hat er uns denn nicht erschaffen …, weil er nicht mehr nur dabei zusehen wollte, wie alle um ihn herum sterben?“
Ich blieb stehen. „Wie kommst du darauf?“
„War er denn nicht deutlich älter als du?“
Ich runzelte die Stirn. „So genau weiss ich das nicht. Ich weiss auch nicht, wie er überhaupt zu dem geworden ist, was er war … Darüber hat er nie gesprochen.“
Akortis zuckte mit den Schultern und setzte sich wieder in Bewegung. „Um ihn zu fragen, sind wir zwanzig Jahre zu spät dran.“
Knurrend starrte ich meines Bruders Rücken an und holte auf. „Soll das ein Vorwurf sein?“
„Nein. Ja.“ Akortis seufze. „Ich weiss schon, dass es notwendig war. Aber mit ihm hat so viel Wissen diese Welt verlassen.“
Ich schnaubte. „Hätte ich ihn lieber einsperren sollen? So wie Ifruel? Wie hätten wir das bewerkstelligt? Was hätte es vermocht, den Stärksten unter uns festzuhalten? Und wie, Akortis, hättest du seinem verrücktgewordenen Verstand noch Informationen entlocken wollen? Er hat nur noch ans Töten gedacht. Ans Töten und Foltern.“
Nierwil murmelte leise: „Er hat begonnen Frauen zu missbrauchen. Er hat Arrura einen riesigen Schrecken eingejagt. Zum Glück habe ich sie damals schreien gehört, bevor …“
Akortis sah auf. „Deshalb hast du dich Kelevan angeschlossen?“
Nierwil nickte. „Er hat versucht Arrura zu nehmen. Er hat es nicht anders verdient. Jeder Respekt, den ich bis zu diesem Moment für diesen Mann gehegt hatte, ist in jenem Augenblick verschwunden. Du kannst das gewiss nicht nachvollziehen, aber…“
„Doch. Ich denke, das kann ich. Zwar waren meine Gründe nicht dieselben, aber wir alle – selbst Levran – haben hinter Kelevan gestanden. Und geholfen.“ Letzteres kam nur leise über seine Lippen. Und es war wahr. Zwar hatte ich den entscheidenden Schlag geführt, aber ohne ihre Unterstützung hätte ich mein Leben gelassen.
Wir gingen gerade durch das Schlosstor, da kam uns eine Wache entgegen, riss die Augen auf, blieb wie vom Schlag getroffen stehen und erblasste. Nierwil und Akortis sahen den Mann überrascht an, mir jedoch schlug der Geruch von Angst in die Nase.
„Was ist passiert?“ Ich kannte dieses Verhalten von meinen Männern. Aber nur dann, wenn sie einen Fehler begangen hatten, von dem sie selbst wussten, wie schwer er wog.
„Mein König, habt Ihr nicht gerade noch die Prinzessin …?“
Augenblicklich spannte sich Nierwil an. „Welche Prinzessin?“
„P…prinzessin Rjna …“
„Was ist mit ihr?“ Erhobenen Hauptes trat ich einen Schritt auf den Wachmann zu und starrte ihn nieder. „Was ist passiert?!“
„Ich … habe sie doch an Euch übergeben …?“
„Nein. Wo?“
„I…im Garten! Sie wollte spazieren, Ihr seid an uns vorbeigekommen und wolltet Euch Ihrer annehmen …!“
Akortis knurrte. „Verdammtes Magiergesindel!“
Nierwil stimmte ihm zu und ich knurrte auf, um die beiden zum Schweigen zu bringen. Ich musste nachdenken! Er wollte mich gesehen haben? Mir fiel nur ein Mann ein, der den Geist eines Vampirs mit solcher Leichtigkeit manipulieren konnte. Und beim Gedanken, er könnte es auf Rjna abgesehen haben, lief es mir kalt den Rücken hinab.
„Wo kann sie sein? Wo hast du sie zuletzt gesehen?“
Die Wache führte uns, nakte Angst schwitzend, in den Garten und deutete auf eine Kreuzung. „Da.“
Akortis ging sofort in die Knie und liess seine Augen über den Kieselweg und die Grünfläche daneben gleiten. „Fusspuren. Von zwei Männern und einer Frau. Keine Gewaltanwendung.“ Skeptisch betrachtete er meine Stiefel. „Könnte hinkommen.“
„Also war es kein Eindringen in seinen Geist sondern jemand, der seine Gestalt wandeln konnte?“
Erleichtert atmete ich aus. „Los. Suchen wir sie.“
Der Mittag war ins Land gezogen. Das Schloss wurde von jedem einzelnen Diener auf den Kopf gestellt, während die Wachen die Stadt durchkämmten. Ich stand am Fenster der Zentrale und überblickte die Stadt. Von Ifruel hatte ich seit seiner Flucht nichts mehr gehört. Keine Angriffe auf Dörfer oder Städte meines Reiches. Keine Racheaktionen. Und mit jedem vergehenden Tag wurde das Gefühl, es würde noch etwas auf mich zukommen, grösser und unbehaglicher. Dasselbe mit Mornem. Zwar wäre es insgesamt ein Leichtes, einen von Menschen geführten und bewohnten Staat an sich zu reissen – und es schien, als bliebe mir bald nichts anderes mehr übrig –, es war aber etwas ganz anderes, nach der Eroberung ein Land zu führen, dessen moralische Ansichten sich von den unseren um Kontinente unterschieden. Das mornemische Volk galt als gewalttätig und unbelehrbar – die Männer insbesondere.
„Majestät!“ Keuchend kam einer der Diener angerannt. „Im … im Bedienstetenflügel! Die Prinzessin! Hauptmann … Tadurial hat sie gefunden!“
Augenblicklich drehte ich mich herum. „Bringt er sie her?“
„N…nein, Majestät. Er sagt, er will sie nicht bewegen.“
Ich versteifte mich. „Bring mich hin.“
Der Diener machte auf dem Absatz kehrt und eilte den Weg zurück, den er gekommen war. Unterwegs stiess Brem, Alomis’ Lehrling, zu uns, der ebenfalls mit gehetzt wirkendem Blick einem hastenden Diener folgte.
„Brem?“ Den Jungen sah man selten. Er war schüchtern, aber vor allem Tag und Nacht in seine Studien vertieft.
Brem nickte in einer angedeuteten Verbeugung. „Majestät. Man hat mir gesagt, man brauche einen Heiler?“
Meine Miene verdüsterte sich. Davon hatte ich noch keine Kenntnis gehabt. Der Diener, der mich geholt hatte, beschleunigte in eben jenem Moment seine Schritte, ganz so, als wäre er am liebsten davongelaufen.
Brem blieb ohne Antwort. Wenige Minuten später deutete man uns den Weg in eine dunkle Abstellkammer hinein. Tadurial hatte sich neben Rjna gekniet. Sein Leinenhemd lag über ihrem narbengezeichneten Körper und bedeckte gerade so das Nötigste.
Tadurial blickte auf und runzelte die Stirn. „Wo ist Alomis?“
Brem schwitzte. „Auswärts.“
„Was ist passiert?“
In dem Moment, in dem ich fragte, flatterten Rjnas Augenlider träge. Ihr Mund öffnete sich, doch Tadurial warnte: „Kein Wort! Ihr dürft nicht sprechen!“
Rjnas Mund schloss sich wieder. Ihre Augen schwammen in Tränen. Doch allzu bald schlossen sich ihre Augen wieder und sie blieb regungslos liegen.
Erst in diesem Moment, als mir der Blick in ihre Augen wieder genommen wurde, bemerkte ich Tadurials Hand, die sich um ihren Hals gelegt hatte. Ein Knurren stieg meine Kehle empor. „Was soll das hier?“
„Sie wurde angegriffen.“ Tadurial deutete Brem, sich auf Rjnas andere Seite niederzulassen, und nahm vorsichtig seine Hand von ihrer Kehle. „Hier. Der Schnitt ist nicht besonders tief, aber sie verliert dennoch viel Blut. Ausserdem kann sie sich nicht regen. Ich habe sie genauso hier liegend gefunden. Mit Asche und Staub bedeckt. Vom Angreifer keine Spur. Nur dies hier.“ Er griff neben sich. „Dieses Messer.“

























































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