Kapitel 53 – Nur zum Schein

Kapitel 53 – Nur zum Schein

 

Aurelie

Eine Woche später, es war wieder Abend geworden, sprach mich Tarischa besorgt an. „Naya, sicher, dass du nichts essen willst?“ Was sie nicht aussprach, aber zweifellos dachte, war das ‚schon wieder‘.

Ich aß kaum noch, brachte einfach nichts runter. Bereits jetzt magerte ich sichtlich ab. Aber ich war hier eingesperrt. War das da nicht zu erwarten? Den Zugang zum Geheimgang konnte ich einfach nicht finden. Es war auch möglich, dass er verschüttet war. Es war zum Verzagen. Blut trank ich nur, wenn Cyrus mich zwang, ihn zu beißen. Ansonsten schien er nicht mehr potent genug zu sein, seine Lust zur Härte zu bringen. Meine Motivation, ihn zu beißen, hielt sich in Grenzen. Und wenn ich ihn biss, trank ich nur wenig, denn er schmeckte abscheulich.

„Alles bestens“, wehrte ich ab und stützte mich notgedrungen an der Wand ab. „Ich habe keinen Hunger.“ Mein körperlicher Zustand besserte sich kein Stück. Aber auch das war nicht anders zu erwarten gewesen. „Ich lege mich hin.“Und erwarte wieder bestiegen zu werden, dachte ich mir für mich.

Es dauerte nicht lange. Als ich das Knacken des Türschlosses hörte, drehte ich mich auf meinen Bauch um und hob mühevoll mein Becken. Auf dass es möglichst schnell vorbei war. Den Fummel, den ich bereits die ganze Woche trug, bedecke mich in dieser Position nicht einmal mehr. Er musste nur noch eindringen, rammeln und wieder gehen. Ich hatte es aufgegeben, mich zu wehren. Ich wollte ihn nicht sehen. Es sollte einfach nur … vorübergehen.

Ich hörte, dass Fenna ihn überreden wollte, sich zu ihr zu legen. Offenbar wurde sie sogar handgreiflich, denn er verlangte wütend, dass sie ihre Hände wegnehmen sollte.

„Aber mit mir macht es mehr Spaß“, säuselte sie.

„Dessen bin ich mir sogar sicher“, gab er zurück. Und dennoch hörte ich kurz darauf, wie er meinen Vorhang beiseiteschob und ihn wieder zuzog. Er blieb stehen, musterte mich wohl. Auch die letzten Male hatte er mich auf den Bauch gelegt und von hinten genommen. Trotzdem fiel es ihm wohl nicht leichter, jemand anderes in mir zu sehen, um seine Lust anzuregen. Neu war, dass er sich diesmal komplett entkleidete. Sonst hatte er nur die Hose ein Stück heruntergezogen. „Bringen wir es hinter uns“, knurrte er, blieb aber stehen.



Verwirrt blickte ich irgendwann nach hinten. „Soll ich dich beißen?“, wollte ich müde wissen, den Blick auf sein schlaffes Glied gerichtet.

„Du bestehst nur noch aus Haut und Knochen.“ Er trat näher und ließ seinen Blick über meinen Körper gleiten. „Willst du dich also zu Tode hungern, ja?“ Anstatt eine Antwort abzuwarten, sprach er direkt weiter: „Oder soll ich dich bei lebendigem Leib verbrennen? Kannst du überhaupt noch brennen?“

„Keine Ahnung. Probieren wir’s doch aus“, entgegnete ich monoton, jedoch in vollem Ernst und setzte mich auf.

„Du willst also sterben und mit deinem Tod auch die ganze Welt vernichten.“ Seine Worte waren klar, sachlich. Dabei beugte er sich ein wenig vor, legte zwei Finger unter mein Kinn und zwang mich so, den Blick zu heben. „Hauptsache, auch ich sterbe. Nicht wahr?“

„Es ist nicht meine Schuld, dass du mein Geschlecht ausgerottet hast, Cyrus. Aber, nein. Ich wünsche dir nicht den Tod.“ Ich blickte hoch in diese grau-blauen Augen und konnte nicht verstehen, wie sie mich jemals faszinieren konnten.

„Dann musst du die Notwendigkeit sehen, mir ein Kind zu gebären!“, knurrte er, seine Augen zu Schlitzen verengt.

„Ich wehre mich doch gar nicht mehr“, erklärte ich leise. „Das Problem liegt wohl eher bei dir.“ Ich linste hinunter auf sein Gehänge, welches wirklich nur hing. „Alkohol wird dir nicht helfen, das wieder hinzukriegen“, kommentierte ich zudem seine Alkoholfahne.

„Aber es lässt mich vergessen, was alles passiert ist. Glaubst du etwa, nur weil du eine Frau bist, bist du das einzige Opfer?“ Er nahm meine rechte Hand und legte sie auf seine rechte Brust. Sofort wollte ich meine Hand wegziehen. Ich wollte ihn nicht berühren! Es war schlimm genug, wenn er mich berührte! „Töte mich“, flüsterte er.

Als hätte ich mich verbrannt, zog ich meine Hand zurück. „Irinas Leben ist an deines geknüpft, Cyrus!“ Außerdem wäre ich gar nicht mehr dazu in der Lage gewesen. Ich konnte ja kaum noch richtig gehen. „Was ist passiert? Wem hast du das Leben noch zur Hölle gemacht, in dieser einen Woche?“

„In dieser einen Woche?“ Er lachte humorlos auf. „Ich kam her, damit sich alles zum Guten ändert! Ich habe den alten König gestürzt, damit es besser wird!“ Er packte mich an der Hüfte und legte sich hin, wobei er mich mit sich zog. „Und das Schlimmste an allem ist, dass ich dich vermisse, sobald ich gehe! Und wenn ich dich sehe, will ich dir den Kopf abreißen!“ Seine Stimme klang müde, seine Augen schlossen sich.



Zittrig atmete ich aus – gezwungenermaßen an seine Brust. „In Ordnung, dann … mach die Augen zu“, brachte ich gebrochen hervor und drückte ihn an der Schulter herab, sodass er auf dem Rücken lag. Nun waren seine Augen wieder offen und er sah mich an, die Stirn leicht in Falten gelegt. „Du musst mich nicht ansehen.“ Ich hatte Mühe, überhaupt noch ein Wort über die Lippen zu bringen. Denn schlussendlich hatte er mit seinen Worten auch meine Gefühle beschrieben.

Er schloss sofort die Augen und sein Gesicht entspanne sich. Der König lag vollkommen ruhig da, nichts deutete darauf hin, dass er Angst hätte. Im Gegenteil, er wirkte sogar … glücklich.

Traurig schüttelte ich den Kopf. Er konnte mich wirklich nicht ansehen. Mein Anblick war ihm eine Qual. Aber ging es mir mit ihm denn so anders?

Langsam ließ ich meinen Kopf auf seine Brust sinken, mit Blick auf seinen Bauch. Die Decke zog ich über seinen entblößten Unterkörper. Auch sein Körper strotzte nicht mehr von Energie. Er aß zu wenig. Ich wusste es. Ich hob langsam meinen Arm und bemerkte, wie viel mir allein diese kleine Bewegung abverlangte. Ich aß auch zu wenig …

Leicht strich ich mit meinem Zeigefinger über seine Bauchdecke. „Was ist das?“, flüsterte ich leise.

Es dauerte, bis er antwortete. „Ein Frosch?“ Seine Stimme krächzte, als fiele es ihm fürchterlich schwer, etwas zu sagen.

Ich erstarrte. „Für wie begabt hältst du mich eigentlich?“, fragte ich verwirrt. „Das war ein Einhorn.“

Einen Moment lang war es ruhig. Dann fing er leise an zu lachen. Sein ganzer Oberkörper schüttelte sich und seine Bauchmuskeln spannten sich an. „Ich dachte, das Horn sei die Zunge des Froschs.“

Ich brummte unzufrieden. Ich wusste ja, dass ich kein Talent im Malen hatte, aber das war eine Beleidigung. „Du musst mehr essen“, merkte ich nach einer Weile leise an. Meine Finger strichen weiter sanft über seinen Bauch. Ich konnte gar nicht genug davon bekommen, ihn zu berühren und zu streicheln.

„Sagt die Richtige“, brummte er leise. „Noch eine Zeichnung, ja? Ich gebe mir diesmal wirklich Mühe, versprochen.“

„Ich habe es versucht“, gestand ich leise, denn das hatte ich wirklich. Aber kaum fand etwas den Weg in meinen Mund, landete es im nächsten im Abort. Ich überlegte kurz, dann fing ich wieder an zu zeichnen. Eine Kuh, einen Euter und daran vier Zitzen. Letztes Mal hatte er da so unglaublich weit danebengelegen, das konnte er gar nicht herausfinden.



Er schwieg lange und auf seiner Stirn bildeten sich nachdenkliche Falten. „Spontan würde ich sagen, eine Kuh. Aber das hatten wir schon. Und ein Drache kann es nicht sein, da fehlen die Flügel. Eine Spinne? Aber nicht mit so komischen Beinen. Vielleicht ein Wolf? Aber diese Hügel …“ Er grübelte weiter. Tatsächlich war es schön, einfach nur seine Stimme zu hören. Seine Gedanken. „Wieder ein Einhorn? Diesmal trächtig? Nein, wohl kaum. Aber es hat lange Beine.“ Eine seiner Hände legte sich um meine Hüfte. Ängstlich spannte ich mich an, doch meine Angst war unbegründet. Seine Hand blieb an Ort und Stelle – versuchte nicht, sich weiter nach unten vorzuarbeiten. Dennoch hielt ich die Luft an, nicht wissend, ob es mir gefiel oder nicht. „Ich sage, es ist ein Pferd.“

„Kuh“, flüsterte ich leise. „Du erinnerst dich“, hauchte ich und spürte, wie mein Herz sich zusammenzog.

„Ja, ich erinnere mich an viele Dinge. Leider.“ Er schwieg wieder. Ein sachtes Lächeln streifte seine Lippen. „Wir hatten nicht nur schlechte Tage, hm?“

„M-m.“ Ich schüttelte leicht den Kopf. Ruhig, jedoch mit einem müden Lächeln im Gesicht provozierte ich: „Mein Lieblingstag war der, an dem ich dich mit dem Schwert geschlagen habe.“

„Hast du nicht. Aber für dein Alter war es tatsächlich eine außerordentliche Leistung.“ Er holte tief Luft. „Ich muss immerzu an diese Kammer denken. Oder an unser Essen mit Darleen.“

„Na, das mit der Leistung will ich hoffen“, brummte ich. „Ich übe seit dreißig Jahren. Da darf auch etwas dabei rauskommen.“ Ich atmete tief ein und sog dabei seinen Geruch in meine Lungen. Er brachte mich beinahe zum Stöhnen. „Was war denn in der Kammer?“, nahm ich das Gespräch hastig wieder auf, in der Hoffnung, die Reaktion meines Körpers zu negieren. Meine Mundwinkel zuckten bei der Erinnerung an den silbernen Ring. „Ich habe dich gekrönt, aber das habe ich schon zuvor getan.“

„Es war der Raum als Ganzes. Hattest du nicht das Gefühl, du würdest einen geheimen, uralten und längst vergessenen Ort voller Geheimnisse betreten? Und eine Krone hat gefehlt. Interessiert es dich nicht, wo sie geblieben ist? Wohin sie verschwand? Und welche Geheimnisse es da unten noch gibt?“ Seine Hand an meiner Hüfte glitt höher und streichelte über meine Seite.



Ich zuckte leicht mit den Schultern. „Ich habe mir darüber keine Gedanken gemacht. Es ist schon magisch, wenn die Fackeln anspringen, aber ich habe nichts Besonderes gefühlt. Vielleicht sollte ich wieder hin“, überlegte ich laut. „Jetzt würde ich vielleicht etwas spüren.“ Natürlich, als ob er mich hier jemals wieder raus ließe. Vermutlich sah die Sonne das nächste Mal von oben. „Mich nimmt weniger Wunder, wo die vierte Krone ist, als viel mehr, wieso diese Kronen existieren.“

„Dieser Ort muss Jahrtausende alt sein. Hunderttausende Jahre vielleicht. Was immer auch in dieser Zeit niedergeschrieben wurde, ist längst zu Staub zerfallen. Aber ich könnte mir vorstellen, dass damals alle vier Reiche von allen vier Nachfahren der Götter regiert wurden. Nicht ein König. Sondern vier. Mit gleichen Rechten und Pflichten.“

„Damals, als jedes Mitglied der vier Familien noch von den Göttern gesegnet gewesen sein soll?“

„So wie jetzt. Nun, fast.“ Mein Gemahl legte sich etwas zurecht, um mich besser in der Dunkelheit erahnen zu können. „Drei von vier Kräften sind bereits erwacht. Feuer, Loyalität und Sicht. Es fehlt nur noch Wachstum. Und nun überlege mal, was mit den Eltern aller drei Träger der Kräfte passiert ist.“

Ich schluckte trocken. „Das ist eine seltsame Theorie.“

„Ich weiß. Aber es ist die einzige Verbindung, die ich sehe.“ Er legte seine freie Hand über seinen Kopf und starrte an die Decke. Ein Bein winkelte er gedankenverloren an. „Ich sollte wieder gehen. Timm erwartet mich.“

„Du solltest … dich auch den anderen zuwenden“, murmelte ich leise, spannte mich an und entzog mich seiner Berührung.

„Ein anderes Mal. Vielleicht.“ Mit den Worten stand er auf, küsste meine Stirn und ging zu seiner Kleidung, um sie anzuziehen.

Ich widerstand dem Drang, ihm dabei zuzusehen. Aber wenn ich ehrlich zu mir selbst war, dann wollte ich nicht, dass er ging. „Hast du dich schon um den zweiten Vampir im Kerker gekümmert?“, fragte ich leise, hielt die Augen aber weiter geschlossen und verharrte zusammengekauert auf der Seite liegend.

„Deine Gedanken machen wirklich seltsame Sprünge. Zuerst willst du, dass ich eine der Frauen hier nehme, und nun fragst du, ob der andere Vampir schon tot ist.“ Er stopfte das Hemd in seine Hose und schlüpfte dabei in seine Schuhe. „Es geht dich nichts mehr an, Aurelie. Du bist nur noch Königin zum Schein.“



Meine Fänge schnappten hervor und Tränen schossen mir in die Augen. Beides blieb ihm verborgen. „Verstanden, Durchlaucht“, entgegnete ich verletzt. Wo ich vorhin einfach nur seiner Stimme lauschen wollte, konnte ich es nun kaum mehr erwarten, dass er endlich ging.

Zum Glück tat er das. Ohne sich noch einmal umzudrehen. Wenig später hörte ich, wie die einzige Tür in diesem verdammten Gefängnis ins Schloss fiel, kurz darauf folgte das Knacken, welches verkündete, dass wir erneut eingesperrt waren.

Erleichtert atmete ich auf, drehte mich gleichzeitig aber schon wieder im Bett wieder herum und drückte meine Nase in den Stoff, wo er gerade noch gelegen hatte. Wehmütig ließ ich meine Tränen fallen.

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