Kapitel 54 – Reise ins Goldene Reich

Kapitel 54 – Reise ins Goldene Reich

 

Cyrus

Die Reise zurück in den Osten verlief ohne Probleme. Die Flüsse standen höher als gewöhnlich, aber wir kamen trotzdem gut vorwärts. Die Natur blühte und der Osten zeigte sich von seiner schönsten Seite.

Aurelie übte nur mit mäßiger Begeisterung, wie sie möglichst wenig Gift bei einem Biss absonderte. Mittlerweile hatte sie natürlich herausgefunden, dass gerade das Gift die Lust schürte. Entsprechend häufig führten die Versuche dazu, dass wir miteinander schliefen, auch wenn es in der engen Kutsche nicht besonders bequem war. Es war in Ordnung. Doch sobald wir wieder daheim waren, würde ich sie aktiv üben lassen.

Daheim … Das war mittlerweile das Schloss der Goldenen Mitte. Meine Heimat war dort, wo meine Frau lebte und wo unser Kind groß werden würde. Und noch ein oder zwei weitere Kinder, so hoffte ich.

Nach einer Woche kamen wir bei Darleen an, die uns stürmisch begrüßte und sich vor allem darüber freute, dass der Bauch von Nayara nicht mehr ganz so flach war. Während es Nay störte, fand ich die sich abzeichnende Rundung unglaublich schön. Ich hörte unser Kind nicht nur, sondern ich sah nun auch, dass es seinen Platz einforderte. Und bald würde ich es auch spüren können. In ein paar Monaten sollte es groß genug sein, dass ich Tritte gegen ihre Bauchdecke mit der Hand spüren könnte.

Mit spürbarer Sorge in der Stimme berichtete Darleen uns beim gemeinsamen Abendessen zu dritt von einem seltsamen Gefühl. Von einer Art Fäden, die sie verschwommen sähe. Nayara hatte sanft gelächelt, während ich stirnrunzelnd darum gebeten hatte, sie möge sich doch erklären.

Sie war aufgestanden und einem dieser Fäden nachgelaufen, der scheinbar von mir auszugehen schien. Kurz darauf trafen wir auf Elok. Danach, bei einem anderen Faden auf Amaro.

„Du hast die Gabe unseres Gottes“, stellte ich verblüfft fest, als wir wieder zu Tische saßen. Bis dahin hatten mir schlichtweg die Worte gefehlt. Mein Blick glitt zu Nayara; meine Stirn runzelte sich. „Wieso wirkst du nicht überrascht?“

Nay schmunzelte. „Es ist doch nur logisch, dass die Fürstin des Ostens auch dessen Kräfte hat. Ausserdem hat mir der Kutscher, den Emili uns geschickt hat, einen Brief für Darleen mitgegeben. Ich habe ihn im Gepäck verstaut. Aber ich nehme stark an, du darfst Emili bald schon wieder beherbergen, Darleen.“



Darleen runzelte verwirrt die Stirn. „Emili …?“

„Sie ist nicht länger ein Mensch.“ Nay erhob die Hand und deutete Darleen, mit ihren Fragen zu warten. „Du wirst verstehen, wenn sie ankommt.“

Darleen und ich saßen noch bis spät in die Nacht zusammen und unterhielten uns. Sie hatte keine Nachrichten vom Goldenen Reich erhalten. Doch während sie es als gutes Zeichen sah, nahm ich es besorgt auf. Immerhin waren wir statt der geplanten zwei Monate ganze neun weg gewesen. Ausgerechnet den Winter hatten wir nicht im Schloss verbracht. Dabei waren diese Monate die härtesten des Jahres. Hatte es genug Nahrung gegeben? Waren die Speicher voll genug gewesen bei unserer Abreise? Ich machte mir ernsthafte Sorgen. Auch wegen der Warnungen von Kretos.

Am Morgen der Abreise kam Aurillia uns freudestrahlend entgegen und überreichte Nayara einen Reif. Das Metall glänzte in der Sonne Rotgold. Obwohl es einer Krone glich, war es in seiner Form schlicht. Einen gewissen Wiedererkennungswert hatte es aber allemal.

„Darf ich?“ Ich nahm Aurillia den Reif ab, ging auf Nayara zu. Diese ging grinsend vor mir auf ein Knie hinunter, vor aller Augen, mitten auf dem Schlosshof. Mit einer verschwommenen, nicht richtig greifbaren Erinnerung vor Augen, legte ich den Ring auf ihrem Haupt ab und krönte sie.

Für einen kurzen Moment blitzte vor meinem inneren Auge die Erinnerung an das Bild einer erwachsenen Nayara auf. Das Bild einer wunderschönen, starken Frau, die zu einer stolzen Königin herangereift war, aber mit einem weichen Blick in den Augen zu mir aufsah. Verwirrt machte ich einen Schritt zurück. „Wo hast du den Reif her, Aurillia?“

„Selbst geschmiedet. Nach einer Zeichnung von Emili. Sie sagte mal, diese Krone würde Naya irgendwann tragen.“

Als ich Stunden später, bereits wieder in der Kutsche Richtung Heimat unterwegs, noch immer nicht weiter war, hielt ich es nicht mehr aus. „Woher?“ Ich deutete auf die Krone, die noch immer Nayaras Kopf schmückte. Es lag mir praktisch auf der Zunge, ich wusste, ich hatte etwas dergleichen schon einmal gesehen!

„Die Krone?“ Nay lächelte schwach. Zusammen mit dem Gold auf ihrem Kopf sah sie aus wie ein Engel, vom Himmel gesandt. Bedacht griff sie nach dem Ring und hob ihn sich vom Kopf. „Aurillia hat hervorragende Arbeit geleistet.“ Diese hatte unbedingt bei einem der Grigoroi mitreiten wollen. Bestimmt würde ihr die Abenteuerlust aber bald schon vergehen. Spätestens, wenn ihr der Hintern schmerzte. „Ich war noch ein Kind, Cy. Weißt du noch? Die Reliquienkammer, tief unten im Schloss?“



Die Kammer! Wie hatte ich das nur vergessen können? „Ja, da waren diese Gegenstände auf den Podesten und drei Kronen, wo eigentlich vier sein sollten!“ Ich musterte die Krone, die Nay mittlerweile nachdenklich in den Händen hielt.

Heute sah sie der Nayara, die ich damals unten in der Kammer gesehen hatte, so unglaublich ähnlich. Die Haare waren lang, wie in meiner Vision. Aber obwohl ich sie in der Kammer als erwachsene Vampirin gesehen hatte, war es nicht die Nayara, die nun vor mir saß. Dabei konnte ich nicht benennen, worin der Unterschied lag. Mein Blick landete wieder auf der Krone.

„Woher weiß Emili von dieser Krone? War sie auch mal mit dir in der Kammer?“

Lächelnd schüttelte Nayara den Kopf. „Sie sieht Dinge und sie weiß Dinge. Ganz besonders, wenn sie mit den Göttern zusammenhängen. Das solltest du mittlerweile eigentlich bemerkt haben.“ Sie schmunzelte.

Ich legte einen Arm um Nayara und zog sie näher zu mir heran. „Auch die Götter können nicht alles wissen, Liebes. Ein Mensch erst recht nicht. Kretos hat die Gabe der Sicht, aber alles, was er sieht, sind Möglichkeiten. Er hat sicher nicht gesehen, dass die Brücke wegen Schnee und Wind einstürzt und wir deshalb bis anfangs Sommer in den Nordlanden verweilen müssen.“ Nachdenklich legte ich einen Finger an den schmalen Reif, den Nayara in ihren Händen hielt. „Der Hohepriester deutet die Zeichen der Götter anhand ihrer Sterne. Wenn die Götter also nun wirklich beschlossen haben, mit einem Menschen zu reden, dann wohl auch nur in Form von Zeichen“, mutmaßte ich. „Vielleicht bedeutet dieses Zeichen, dass wir die verschwundene Krone suchen sollen. Was meiner Meinung nach absolut unmöglich ist.“

Meine Verbundene zuckte nur mit den Schultern. „Spielt doch keine Rolle. Sollte diese Krone wirklich so wichtig sein, wird das Schicksal sie uns in die Hände spielen.“ Sie kuschelte ihren Kopf an meine Schulter. „Und jetzt hör auf, über Politik und Götter zu reden. Wir haben noch etwa zwei Wochen ganz allein für uns, Liebster.“ Ihre Stimme wurde schnurrend. „Die sollten wir mit Wichtigerem als belanglosen Mutmaßungen füllen.“

„So? Wolltest du aus dem Grund unbedingt wieder mit zwei Kutschen reisen? Damit wir diese hier weiterhin einsauen können?“ Ich lachte leise auf und schob meine Hand wieder auf ihren Bauch. „Was ist das Nächste, was du lernen möchtest, Liebes?“



„Ich bin doch immer noch dabei, zu üben, wenig Gift abzusondern …“, merkte sie unschuldig an.

„Ja, das können wir aber nicht mehrere Stunden lang üben. Dein Körper produziert mehr Gift als mein Körper Samen produzieren kann“, scherzte ich. Den Mann in mir störte es nicht, dass wir bei diesen Übungen regelmäßig übereinander herfielen. Allerdings wollte ich wirklich, dass sie es lernte. Deswegen ärgerte sich ein Teil von mir immer, wenn wir uns doch wieder vereinigten. „Ich hatte auch daran gedacht, dir das Schwimmen beizubringen.“

Augenblicklich versteifte sich ihr Körper. „Nein.“ Ihre Hände fanden zu ihrem Bauch. „Nein.“

Ich nickte leicht. Also würde ich warten, bis das Kind da war, um es erneut vorzuschlagen. „Also etwas anderes? Ich könnte dir beibringen, zu jagen. Mithilfe von Fallen anstelle von Geschwindigkeit. Denn Tiere, die du durch einen Biss tötest, könnten für Menschen schädlich sein.“

Stirnrunzelnd fragte sie: „Zersetzt sich unser Gift denn nicht?“

„Es kann ausgekocht werden. Aber ich weiß nicht, wie oft man das Fleisch bei dir auskochen müsste. Wahrscheinlich wäre es danach zäh und ungenießbar. Die andere Möglichkeit wäre, das Fleisch zu dörren. Aber es müsste danach noch eine ganze Weile an der Luft trocknen.“ Meine Mundwinkel zuckten. „Ich fand es großartig, als du für mich jagen warst, während der Zeit in der Fischerhütte. Dein Gift wirkt auf jede erdenkliche Weise belebend auf mich.“

Mein Weib verdrehte die Augen. „Lustmolch“, grummelte sie.

Ich schmunzelte, erwiderte darauf aber nichts. Denn im Grunde genommen war sie es, deren Interesse eher gering war, wenig Gift abzusondern.

Wir saßen Stunden in der Kutsche. Hin und wieder ritt ich auf einem Pferd nebenher, damit Nayara mit Irina und Aurillia reden konnte. Manchmal ritt Nayara auf einem Pferd, um die frische Luft zu genießen. Meistens saß sie jedoch bei mir in der Kutsche und Aurillia saß allein oder mit Irina in der zweiten.

Wir legten nur wenige Pausen ein und selbst nachts steuerten die Grigoroi unsere Kutschen über die Straßen. Zumindest, solange wir noch in den Ostlanden waren. Das änderte sich jedoch, als wir den Goldenen Fluss überquerten. Ob wir zwei Tage früher oder später ankommen würden, war nicht von Relevanz. Da war es mir wichtiger, sicher im Schloss anzukommen.



Die erste Nacht im Goldenen Reich verlief ruhig. Irina blieb bei Aurillia im Wagen, um ein wenig zu ruhen. Sie war am späten Abend jagen gegangen. Die anderen Grigoroi würden sich über die Nacht abwechseln.

Nayara und ich hatten es uns in der Kutsche wieder so bequem wie möglich gemacht. Wäre es nachts nicht noch so kalt, hätte ich es bevorzugt, draußen zu schlafen.

Am nächsten Tag lahmte eines der Pferde, sodass wir häufiger Pausen machen mussten. Am späten Abend erlösten wir es von seinen Qualen, sodass wir zwar genug zu essen hatten, aber nur noch vier Pferde, wodurch keiner mehr nebenher reiten konnte.

Nayara schlief diese Nacht unruhig. Vielleicht, weil wir dem Schloss und damit der Verantwortung immer näher kamen. Als ihr Knie voller Wucht gegen meinen Oberschenkel prallte, war die Nacht für mich endgültig vorbei. Ich setzte mich auf.

Nayara regte sich. „Was ist los?“, nuschelte sie schlaftrunken.

„Du hast mich getreten“, grummelte ich. „Ich vertrete mir etwas die Beine.“ Ich zog meine Stiefel an und warf meinen Wams über. Kurz darauf öffnete ich die Tür. „Kommst du mit? Oder magst du dich etwas ans Feuer setzen?“

Schwerfällig setzte sie sich auf und rieb sich die Augen. Dann packte sie eine der Decken, warf sie sich um die Schultern und schickte sich an, mir hinterherzukommen. „Setz mich ans Feu“, ein langes Gähnen unterbrach ihre Rede, „er. Na los lauf, es ist eng hier drin …“ Ihre Stiefel ließ sie an Ort und Stelle. Aber so kalt war es nun auch nicht. Insbesondere am Feuer, das uns die Grigoroi über Nacht aufrechterhielten.

Ich stieg aus der Kutsche. Als Nay herauskam, hob ich sie auf meine Arme, drückte sie an mich und trug sie die wenigen Schritte bis ans Lagerfeuer. Sie war so herrlich warm und kuschelig.

Am Feuer saß nur Amaro, der direkt noch etwas Holz nachlegte, als ich Nayara vor die Flammen setzte.

„Sind Stinan und Elok jagen?“ Amaro nickte und deutete auf den Wald, etwas weiter nördlich. Ich nickte knapp. „Ich vertrete mir etwas die Beine. Vielleicht gucke ich mal, wo die zwei sind.“ Bevor ich ging, drückte ich Nayara einen Kuss auf die Stirn. „Schlaf ruhig noch etwas, wenn du müde bist.“

Als Reaktion auf den Kuss schnurrte sie leise, die Augen geschlossen, die Lippen zu einem Lächeln verzogen. „Sei vorsichtig!“, rief sie mir nach, ehe ich zwinkernd zwischen den Bäumen verschwand.



Ich lief eine Weile, vertrat mir die Beine und blieb dann irgendwann bei einem Baum stehen. Ich öffnete meine Hose und erleichterte mich leise stöhnend.

Schlief sie vielleicht gerade wieder ein? Unterhielt sie sich mit Amaro? Ich konnte nicht fassen, wie wichtig mir diese widerspenstige Vampirin geworden war. Ein Leben ohne sie … war in meiner Welt nicht mehr im Geringsten erstrebenswert.

Gerade verpackte ich den kleinen Mann wieder in meiner Hose, da drang ein leiser, erstickter Schrei durch die Bäume zu mir hin und ließ mir das Blut in den Adern gefrieren.

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