Kapitel 55 – Aurelie verschwunden
Kapitel 55 – Aurelie verschwunden
Cyrus
Ich erwachte mit den ersten Sonnenstrahlen und blickte sofort neben mich. Leer. Dabei hatte ich eigentlich gedacht, Aurelie würde sich die Nacht zu mir ins Bett schleichen. Oder sie würde fragen, ob ich bei ihr schlafen könnte. Nun, ich konnte nicht zu viel erwarten, sie war immerhin noch ein Kind.
Ich hatte mich gerade angezogen, als sich meine Tür öffnete. Der Besucher irritierte mich jedoch, denn üblicherweise war ich es, die Carina aufsuchte und nicht andersrum.
„Wir müssen reden!“, verlangte Carina und setzte sich nach einem kurzen Wink meinerseits auf den schmalen Sessel.
„Was gibt es?“ Ich setzte mich ihr gegenüber auf das Bett und beugte mich dabei ein wenig zu ihr vor, wobei ich einen Arm auf meinem Oberschenkel abstützte.
„Die Königin! Sie benimmt sich einfach wie … wie … wie ein …!“, fauchte Carina und fand offenbar nicht das richtige Wort, ohne die Königin zu beleidigen.
„Wie ein Kind?“, half ich ihr daher auf die Sprünge.
„Schlimmer! Ein Kind würde wenigstens gehorchen und sich an die Anweisungen eines Erwachsenen halten!“
Meine Mundwinkel zuckten. „Wirklich? Du warst immer brav?“
„Nun …“ Schnippisch verschränkte sie die Arme vor der Brust. „Bei den wichtigen Dingen schon. Und Unterricht ist für dein Weib unerlässlich!“
„Gib ihr Zeit, sich an dich zu gewöhnen. Sie war dabei, als wir ihre Familie ermordet haben. Aurelie hat gesehen, wie du dich auf ihre Mutter gestürzt hast.“
Erschrocken weiteten sich ihre Augen. „Sie war da? Was hatte sie denn da zu suchen? Bei den Göttern, da überrascht es mich nicht, wie sie sich mir gegenüber benimmt.“ Sie stoppte und schien nach den rechten Worten zu suchen. Ihre Gesichtszüge negierten sich jedoch rasch; die Überraschung und das Entsetzen wichen aus ihrem Blick. „Aber das ist trotzdem keine Rechtfertigung für ein solch maßloses Verhalten!“
Ich verdrehte die Augen. „Was an ihrem Verhalten war maßlos?“
„Alles!“, rief Carina. „Und das ist auch deine Schuld! Du hast ihr auch noch erlaubt, dich mit einer Waffe anzugreifen. Eine Waffe! Das einzige Spitze, womit sie hantieren sollte, ist eine Nähnadel und wenn es länger sein soll, eine Stricknadel. Aber kein Schwert!“ Gedanklich sah ich Aurelie mit einer Stricknadel auf mich losgehen. Das Bild ließ mich erneut grinsen. „Und du nimmst mich auch nicht ernst! Die Königin hat gestern auch den ganzen Tag so dumm gegrinst!“
„Carina“, brachte ich leise seufzend hervor und konzentrierte mich wieder auf das Gespräch. „Du kannst dir bei einem ersten Treffen zwar eine Meinung, aber kein Urteil bilden. Gib der Königin einfach Zeit. Nach der Reife wird es einfacher.“ Carina wollte darauf etwas erwidern, allerdings hob ich eine Hand, damit ich weiterreden konnte. „Was steht für heute auf dem Programm?“
Carina zog die Oberlippe hoch. „Konversation, Tischmanieren, wir üben wieder, im Gleichschritt zu gehen, sie soll ein paar Tänze üben, das Pianoforte spielen und die Violine. Darüber hinaus ein paar Gesangsstunden, Geschichtsunterricht und Geografie. Ebenso wie Kalligrafie und Kunst. Am Nachmittag …“
„Warte!“, rief ich dazwischen, als mir bewusst wurde, dass die Auflistung gerade mal das Programm eines halben Tages sein sollte. „Kunst, Musik und Tanz sind Beschäftigungen für die Freizeit. Das ist nicht wichtig.“
„Natürlich ist das wichtig! Immerhin ist bald Ballsaison und das Königspaar muss sich bei bedeutenden Familien als Gast zeigen!“
„Das wird bis auf Weiteres gestrichen. Die Königin und ich gehen auf keinen Ball.“
„Unmöglich! Das Volk muss dich und die Königin sehen!“
Ich fuhr mir mit einer Hand über das Gesicht. In dem Punkt hatte Carina recht. Aurelie und ich mussten uns zeigen. „Gut, such die drei wichtigsten Bälle für diese Saison raus. An diesen werden wir teilnehmen, aber nicht tanzen!“
„Aber Cyrus…!“
Ich stand auf. „Nein!“
„Eure Majestät! Das Volk wird darauf bestehen, dass Ihr Euch regelmäßig zeigt.“
„Sobald Aurelie ihre Reife durchlebt hat, werden wir solche Besuche häufiger machen. Bis dahin soll die Königin nur äußerlich perfekt wirken, in Wort und Haltung.“ Mit den Worten ließ ich Carina in meinem Schlafzimmer stehen. Es behagte mir gar nicht, dass sie Aurelies Tag komplett mit Lerneinheiten vollstopfte.
Natürlich folgte Carina mir. Das Gespräch war für sie noch längst nicht vorbei. „Die Königin hat starke Defizite in ihrem Verhalten!“
„Das ist mir bekannt. Und dir sollte bekannt sein, dass wir eine Stunde Unterricht am Tag vereinbart haben“, entgegnete ich.
„Eine Stunde reicht niemals! Vier Stunden. Dann sind zwei Stunden für geistige Tätigkeiten, wie Geografie, Diplomatie, Geschichte und mehr. Zwei Stunden für körperliche Tätigkeiten, wie Haltung, Tanz, Musik und Feinmotorik.“
Ich nickte seufzend. „Gut. Die theoretischen Einheiten legst du auf den Morgen, den praktischen Teil auf den Nachmittag. Und das nur, wenn keine Ratssitzung ansteht. Zu denen muss mich die Königin immerhin begleiten.“
„Das … das kann nicht Euer Ernst sein!“
„Der Rat wünscht es so. Daher sind die meisten Nachmittage ausgebucht.“ Carina presste die Lippen zu einer schmalen Linie zusammen. So wirkte sie immer so fürchterlich grimmig. „Hör auf damit, sonst bekommst du schneller Falten“, kommentierte ich und ging weiter. Wie sie reagierte, sah ich nicht mehr, aber das empörte Schnauben sagte mehr als tausend Worte.
Gerade, als ich meine Zimmer verlassen wollte, hörte ich Carina noch schnippisch sagen: „Wenn du übrigens zu deiner Königin willst, so muss ich dir mitteilen, dass sie nicht da ist.“
Nun hatte sie wieder meine volle Aufmerksamkeit. Ich schloss die Tür, drehte mich um und stand einen Wimpernschlag später direkt vor Carina. „Nicht da?“, wiederholte ich irritiert.
„Nicht da“, bestätigte sie mit einem affektierten Augenaufschlag.
Genervt strich ich durch meine Haare. Sofort fielen mir ein paar Strähnen ins Gesicht, weil ich die Haare heute offen trug. „Nun, dann hast du wohl den Vormittag frei“, erwiderte ich scheinbar gelassen. „Ich habe zu tun“, meinte ich direkt darauf und ging. Diesmal hielt Carina mich nicht zurück. Obwohl sie mir gesagt hatte, dass Aurelie nicht da war, ging ich zuallererst in die Gemächer meiner Königin. Ich hörte Stimmen aus dem Schlafzimmer und ging direkt dorthin. Allerdings waren da nur Aurillia und Emili, die gerade das Bett machten.
Als ich die Tür aufriss, erschraken beide, knicksten dann aber, nachdem sie den ersten Schock überwunden hatten. „Majestät“, nuschelten beide wie aus einem Mund.
„Wo ist die Königin?“, fragte ich.
„Wir wissen es nicht. Das Bett war schon leer, als wir kamen“, erklärte Aurillia.
„War das Bett benutzt? Hat Aurelie darin geschlafen?“ Beide nickten. Allerdings biss sich Emili auf die Unterlippe und Aurillia fand den Boden plötzlich sehr interessant. Ich räusperte mich, um wieder ihre Aufmerksamkeit zu bekommen. Da Aurillia redseliger war, sah ich sie an und hoffte auf weitere Informationen, die allerdings nicht kamen. „Was ist mit Irina?“
„Weiß ich doch nicht! Denkst du, ich bin so blöd und gehe ich die Quartiere der Grigoroi?“, platzte es aus Aurillia heraus.
Vielleicht sollte Carina eher den Zofen einmal ein paar Manieren beibringen. Aber dann würde sich Carina wohl von mir trennen.
„Sagt mir Bescheid, wenn die Königin wieder da ist“, entgegnete ich kurz angebunden und ging wieder. Auf dem Weg zum Arbeitszimmer kam mir einer meiner Grigoroi entgegen. Galderon, mein Stallmeister, der mich bei jedem Ausflug begleitete und sich um die Tiere kümmerte. Sein Auftreten war stets erst, sein Körper war massig und gut gebaut. Sowohl Haar als auch Augen waren so dunkel, sie reichten an die Farbe der Nacht heran.
Galderon neigte sein Haupt und wollte an mir vorbeigehen, allerdings bedeutete ich ihm, stehenzubleiben. „Warst du schon bei den Pferden?“
„Ja, Herr. Die Tiere sind versorgt.“
Ich nickte. Würde eins fehlen, wüsste er es. Selbst, wenn aus dem Bestand des alten Königs ein Reittier fehlen sollte. „Ich möchte nicht, dass es weitererzählt wird. Ich weiß aktuell nicht, wo die Königin ist. Geh zu Leeander und sag ihm, er soll im Schloss nach ihr suchen. Du siehst dich draußen um.“
„Wie Ihr wünscht, mein Herr.“ Galderon neigte erneut sein Haupt, machte auf dem Absatz kehrt und ging wieder in die Richtung, aus der er gerade gekommen war.
Ich blieb einen Augenblick lang im Flur stehen. Hoffentlich tauchte Aurelie bald auf, denn heute Nachmittag würde der Innere Rat wieder zusammenkommen. Die Kleine würde mir Rede und Antwort stehen müssen. Es konnte nicht sein, dass ich ihr Freiraum ließ, ihrer Neugierde nachgab und sie Dinge machen durfte, die einer Königin nicht zu Gesicht standen. Und dann dankte sie mir dies, indem sie einfach mitten in der Nacht verschwand! Hatte ich ihr zu viel durchgehen lassen? Ich wollte, dass sie anfing, sich in meiner Nähe wohlzufühlen und nicht, dass sie mein Verhalten ausnutzte, um mir auf der Nase zu tanzen!


































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