Kapitel 58 – Die geheime Schatzkammer

Kapitel 58 – Die geheime Schatzkammer

 

Aurelie

Jetzt wach? Die Worte hallten mir durch den Kopf, während ich noch dabei war herauszufinden, was hier gerade überhaupt passierte. Ob ich wach war? Ich hustete mir die Seele aus dem Leib und klammerte mich irgendwo fest, um nicht zurück ins eisige Kalt zu fallen. Was war passiert? Ich versuchte, tief Luft zu holen, doch ich bekam davon zu wenig. Meine Atemzüge waren kurz, abgehackt und unregelmäßig. Irgendwas klopfte mir fest auf den Rücken, aber es half nicht wirklich. Jetzt wach? Oh Götter, ich kannte diese Stimme. Und die Person, der diese Stimme gehörte, hatte nichts als Hass für mich übrig!

Ängstlich klammerte ich mich stärker an denjenigen vor mir, wer auch immer das war. Meine Beine schlang ich frierend um eine Hüfte und mein Gesicht vergrub ich in einem warmen Nacken. Warm ja. Mir war kalt. Ich hoffte sehr, dass das hier Timm war. Oder Irina. Oder … Mist. Grigoroi hatten keine Körperwärme mehr. Der Nacken war warm. Der ganze Oberkörper war warm und viel zu kräftig, um der einer Frau zu sein. Die Hand, die meinen Rücken klopfte, war groß. Die andere Hand hatte er an meinen Hintern gelegt, um mich zu stützen.

Er. Ja, es musste ein Mann sein. Die Statur, die großen Hände …, sie Haare an seinem muskulösen Nacken waren nicht übermäßig lang, aber zumindest so lang, dass sie meine Hände kitzelten. Weiche, trockene Haare. Warum war er trocken, während ich von Kopf bis Fuß pitschnass war?

„Aurelie!“, mahnte dieselbe Stimme.

„Ah!“ Ich schrie auf und drückte ihn von mir. Wieso hielt er mich? Wieso war ich nass? Was war hier los? Er allerdings hielt mich fest. Ansonsten hätte ich wohl erneut Bekanntschaft mit dem Wasser gemacht. Verwirrt sah ich mich um. Über uns strahlte der Mond. Ich erkannte die Umrisse des Berges, an dem das Schloss erbaut war. Und die des Schlosses. Was bedeuten musste, dass ich mich außerhalb befand! Endlich stellte er mich auf eigene Beine, direkt ins kalte Wasser. Zu meiner Erleichterung stellte ich fest, dass ich in dem Wasser stehen konnte. Es ging mir bis knapp über die Taille.

„Warum kannst du nicht schwimmen?“

Bibbernd schlang ich meine Arme um mich und sah ängstlich zu ihm hoch. „W…woher sollte ich das denn können?“



„Durch Lehrer, Eltern oder Geschwister. Meine Eltern haben mir das Schwimmen beigebracht, da konnte ich noch nicht einmal gehen.“ Er ging an mir vorbei und bewegte sich auf das Ufer zu.

„Du bist ja auch ein Junge gewesen!“, zischte ich und blieb erst noch zitternd auf dem ungewohnt unsicheren Untergrund stehen, ehe ich zögerlich einen Fuß vor den anderen setzte, um aus dem Wasser zu kommen. Immer wieder streifte etwas meine Füße und ließ mich aufspringen oder japsend innehalten. Mit meinen Augen versuchte ich zu sehen, wo ich hinlief, aber der See wirkte gänzlich schwarz in der Dunkelheit.

„Stell dich nicht so an. Es gibt hier nichts unter Wasser, was dir gefährlich werden kann.“ Mein Gemahl war sichtlich amüsiert. Er ging an mir vorbei und da sah ich, dass er vollkommen nackt war. Bis auf ein dünnes Ding, das gerade mal das Nötigste verdeckte! Aber das war völlig nass und dadurch sehr, sehr körperanliegend!

Wieder quietschte ich erschrocken auf. Schnell presste ich die Augen aufeinander und legte gleichzeitig an Tempo zu, sodass ich zwar immer wieder stolperte, aber schlussendlich bald schon den trockenen Sand unter meinen Füßen spürte. Mit jedem Schritt wurde es schwieriger, voranzukommen. Je weiter ich aus dem Wasser kam, desto schwerer lag mir der Rock meines Kleides um die Beine. Als ich mir relativ sicher war, an ihm vorbei zu sein, öffnete ich wieder meine Augen und stampfte entschlossen und ziemlich wütend zurück zum Schloss. Außerdem war mir kalt. Und ich war müde. Dieser verdammte …!

„Bleib stehen, Aurelie!“, rief mein Gemahl hinter mir her, aber natürlich hörte ich nicht auf ihn. Ich warf nicht mal einen Blick über die Schulter. Ich durfte ihn so nicht sehen! Wollte ich nicht! Allerdings spürte ich wenig später einen Windhauch und schon stand er einen halben Meter vor mir und hielt mir ein großes Tuch hin. „Hier, trockne dich damit etwas ab.“

Schnell legte ich mir die Hände vor die Augen und schüttelte den Kopf. „Was soll das bringen? Meine Kleider sind durchtränkt! Außerdem solltet … viel eher Ihr Euch bedecken!“ Ich konnte nicht sagen, ob ich rot wurde. Allein beim Gedanken daran, wie wenig er am Körper trug, schoss mir dem Gefühl nach auf jeden Fall die Röte ins Gesicht! Da kam mir die Dunkelheit also doch noch zugute!



„Ich habe mir schon etwas umgebunden. Hier“, meinte er und ich spürte ein Tuch auf meinem Kopf. Wenig später rubbelten seine Hände vorsichtig meine Haare trocken. „Ich habe mehr Tücher mitgebracht. Du solltest das Kleid ausziehen. Mit den Tüchern kannst du dich bedecken.“

„Sicher nicht“, presste ich angespannt hervor. „Da bevorzuge ich es, nass zu bleiben.“ Außerdem beabsichtigte ich nicht, noch länger hier draußen zu verweilen.

„Wie kann man nur so störrisch sein?“, fragte er offensichtlich rhetorisch und genervt. „Ich verstehe nicht, warum du dich immer wieder wie ein Kleinkind verhältst! Wie stellst du dir eigentlich unsere gemeinsame Ehe und Regentschaft vor? Wie soll das funktionieren, wenn du mir nie die Wahrheit sagst?“

Wutentbrannt drehte ich mich um. „Womit habe ich denn nun schon wieder gelogen? Was glaubst du mir jetzt schon wieder nicht?!“

„Die Sache von gestern, Aurelie! Was hast du im Wald gemacht? Warum war Irina bei dir? Du warst voller Blut und Dreck!“

Ich wandte den Kopf ab und presste meine Lippen zusammen.

„Schön. Dann erzähle mir von den Geheimgängen.“

Überrascht sah ich zu ihm auf und erschrak, als er plötzlich nahe direkt bei mir stand. „Ich … ich habe sie als kleines Kind entdeckt. Und Stunden damit verbracht, sie zu erkunden“, murmelte ich melancholisch. „Zusammen mit Alex.“ Eine Träne löste sich aus meinem linken Auge und rann mir die Wange hinunter; mein Blick senkte sich für einen Moment hinunter auf seine Brust und wurde verschwommen. „Was willst du über sie wissen? Wieso? Es wird dir nichts bringen.“

„Es gibt Gerüchte über eine geheime Schatzkammer. Weißt du etwas darüber?“ Er kam mir noch näher und legte eine Hand unter mein Kinn, sodass ich ihn ansehen musste. Dabei hoffte ich, er würde die Tränen in meinem Gesicht nicht bemerken oder sie für Wasser halten. Immerhin waren meine Haare noch ziemlich nass.

Kurz fiel mein Blick auf seine Lippen, aber ich hob ihn schnell wieder. „Ich kann dich hinführen, wenn es das ist, was du willst.“ Zittrig atmete ich ein. „Aber du wirst nicht finden, was du erwartest.“

Seine Augen weiteten sich leicht. „Gut. Wir gehen sofort. Und du wirst Lee helfen, einen Plan anzufertigen.“ Seine Stimme duldete keinen Widerspruch.



Ich erhob eine Augenbraue. „Ich bin vielleicht noch ein Kind, aber ich bin mir fast sicher, dass es dir nicht recht wäre, wenn ich bei der nächsten Ratssitzung ununterbrochen niese …“ Abgehackt deutete ich auf die ganzen, nassen Stofflagen, die an meinen Beinen klebten. „Und in einem Kleid gehe ich ganz sicher nicht durch die Gänge. Da musst du mir wohl etwas borgen, denn irgendwer hat beschlossen, mir meine Kleidung wegzunehmen.“ Ich verschränkte fordernd die Arme.

„Meinst du, das ist schlimmer als dein Schnarchen heute?“ Seine Stimme klang seltsam belegt, sodass ich nicht wusste, ob er scherzte oder es mir vorhielt.

„Ich schnarche nicht.“ Erhobenen Hauptes drehte ich mich von ihm weg. „Ich atme nur laut. Das sagt sogar Irina.“

Ohne ein weiteres Wort wandte sich mein Gemahl von mir ab. Aber anstatt in Richtung Schloss zu gehen, ging er zurück zum See. Dort sah ich im schwachen Mondlicht, wie er sich anzog und dann noch irgendwas aufhob. Als er zu mir zurückkam, legte er mir mehrere Tücher um die Schultern. „Gut. Zuerst ziehst du dich um. Und trinkst einen heißen Tee.“

 

Eine ganze Weile später lehnte sich mein Gemahl in der Küche mit dem Rücken am Zubereitungstresen an, während ich das heiße Wasser über dem Feuer aufsetzte. Erst hatte er rebelliert und darauf bestanden, jemanden aus der Dienerschaft zu wecken, aber irgendwann war es ihm wohl doch zu blöd geworden. Und ich musste gestehen, ich hatte die Arbeit sogar vermisst. Nicht die Bestrafungen oder den Druck, aber das Gefühl, etwas mit meinen eigenen Händen zu tun. Auch wenn ich, bedingt durch meinen Entwicklungsstand, in den meisten Dingen noch sehr tollpatschig war.

Mein Gemahl hatte mir bisher schweigend zugeschaut. Als ich das Feuer entzündete, als ich das Wasser aus dem Brunnenzugang in der Küche pumpte und auch, als ich den schweren eisernen Topf in der Feuerstelle über das Feuer hing. Er ließ mich machen und mit jeder Sekunde, die er einmal nichts einzuwenden hatte, wurde ich ruhiger und fühlte mich wohler. Das zum einen. Zum anderen sorgte seine Verschwiegenheit und Zurückhaltung dafür, dass mir unbehaglich wurde. Wer wusste schon, was er jetzt wieder geplant hatte? Was wollte er mir nun wieder vorwerfen?



Als ich mich vom Feuer zu ihm umdrehte, blieb mein Blick zuallererst eine ganze Weile an seinem Körper haften. Ich wusste nicht wieso, aber es dauerte, bis ich meinen Blick heben konnte, selbst der Tatsache bedacht, dass auch er gewandet war. Als ich bei seinen Augen ankam, war der Blick, der darin lag, unergründlich.

„Für dein junges Alter birgst du zu viele Geheimnisse“, stellte er nüchtern fest.

Ein schwaches, dafür aber echtes Lächeln ließ meine Mundwinkel sachte zucken. „Weniger als Ihr denkt, Gemahl.“ Ich trat einen Schritt weiter auf ihn zu. „Und ganz sicher nicht so viele wie Ihr.“ Es war wie verhext. Aber noch einmal tat ich einen Schritt nach vorn.

„Ich kann dir bestimmt das eine oder andere Geheimnis verraten. Aber dafür verlange ich im Gegensatz das Gleiche von dir.“

„Ich werde Euch zu der geheimen Kammer bringen. Damit habe ich eines meiner Geheimnisse offenbart. Ebenfalls habe ich Euch gestanden, von den Gängen zu wissen. Also wären wir bei zwei. Ich sehe, ich verlange zu wenig im Gegenzug.“ Verspieltheit machte sich in mir breit. Und wieder trat ich vor, sodass ich nun genau vor ihm stand und dabei meinen Kopf heben musste, wollte ich weiter den Blickkontakt zu ihm halten.

„Gut. Was möchtest du von mir wissen? Du darfst zwei Fragen stellen.“ Er streckte eine Hand aus und strich mir eine Strähne hinter mein Ohr.

„Wieso habt Ihr mich geheiratet? Und nicht einfach ermordet, so wie den Rest der Königsfamilie?“, kam es sofort aus mir herausgeschossen. Hatte es einen Grund gegeben? Wieso er mich noch nicht getötet hatte? Könnte mir dieser Grund die Sicherheit geben, dass er es nicht noch nachholen würde? Ein Gedanke, der immer wieder Besitz von mir ergriff.

Die Nähe, die dadurch entstand, dass mein Gemahl sich zu mir vorgebeugt hatte, verschwand. Er richtete sich auf und lehnte sich ein Stück zurück. „Kretos, der Fürst des Nordens. Als er dich beim Bankett berührt hat, um von dir zu trinken, hatte er eine Vision.“ Das Wasser fing an zu sieden und lenkte meinen Gemahl kurz ab. Aber er sah nur flüchtig zum Kessel und richtete seine Aufmerksamkeit wieder mir zu. „Kretos hat die Gabe der Voraussicht. Und er hat mir gesagt, er habe gesehen, dass eine Sklavin zur Königin gekrönt würde. Also habe ich alles daran gesetzt, diese Sklavin zu finden, die mir die Krone stehlen wollte. Ich gebe zu, dass es mein ursprünglicher Plan war, dich zu töten. Aber als der Hohepriester dich gesehen hat, hat er mir sehr deutlich gesagt, dass er nur dich krönen würde. Hätte ich dich aus dem Weg geräumt, hätte er mich nicht zum König gekrönt.“



Überrascht ging ich einen kleinen Schritt zurück. Ich lebte also wirklich nur noch, ausschließlich dank des Hohepriesters. Mit großen Augen sah ich meinen Gemahl an, nicht fähig, mir eine zweite Frage zu überlegen. Er hätte mich getötet. Und ich war so dumm und fühlte mich zeitweise sogar bei ihm geborgen! Wortlos drehte ich mich um und holte das Wasser vom Feuer. Den Kessel stellte ich auf eine Arbeitsfläche ihm gegenüber ab und griff nach einigen Kräutern. „Möchtet Ihr auch?“, fragte ich leise, behielt den Blick aber auf den Pflanzen; den Rücken ihm zugewandt.

„Ist das deine zweite Frage?“ Ich hörte ihn schmunzeln. „Und ja, ich nehme gerne einen Tee.“

Bemerkte er die Veränderung in meinem Verhalten nicht? Oder war es ihm einfach egal? Nun, wenn mein Verhalten nicht allzu offensichtlich war, sollte mich das wohl freuen. Es war besser, wenn er nicht wusste, wo mich meine Gedanken hinführten. Auf seine Bejahung hin nickte ich stoisch und sprach gleichzeitig ein leises: „Natürlich nicht“, zu seiner Anmerkung bezüglich meiner zweiten Frage. Konzentriert fing ich an, den Tee aufzugießen. Als er schließlich so weit war und nur noch ziehen musste, stand ich weiter vor den Tassen und starrte sie an.

„Und wie lautet dann deine zweite Frage? Oder willst du sie zu einem späteren Zeitpunkt stellen?“ Er stieß sich vom Tresen ab, gegen den er lehnte, kam auf mich zu und berührte mich fast, während er um mich herum griff, um die Tasse zu nehmen. Seine Körperwärme drang durch die Stoffe seines Hemdes, welches ich trug, als wäre es gar nicht vorhanden, und ließ mich erschaudern. Doch im selben Moment wurde mir klar, dass ich mich am liebsten schon wieder an ihn angelehnt hätte, ganz wie beim Schießen mit dem Pfeilbogen. Ich hatte das enorme Bedürfnis, mich bei ihm wohlzufühlen, und das, obwohl er mir gerade noch gestanden hatte, dass er mich um ein Haar umgebracht hätte. Kaltblütig. Aber das dürfte mich nicht überraschen. Vor Kindsmord schreckte er offensichtlich nicht zurück. Das hatte ich dem Gespräch, welches ich von den Geheimgängen aus belauscht hatte, klar entnehmen können. Auch wenn ich es bis jetzt verdrängt hatte. Dieser Mann hatte kein Herz. Aber wenn Kindsmord um das Herz bestimmte, so hatte auch ich meines verloren.



Von Traurigkeit überkommen senkte ich den Blick und lehnte mich gleichzeitig bewusst nach vorn über die Theke, um seiner Nähe zu entkommen. „Ja“, sprach ich irgendwann. „Ich werde mir meine zweite Frage aufsparen.“

„Gut, dann trink deinen Tee. Danach zeigst du mir die Schatzkammer.“ Mit diesen Worten wandte er sich von mir ab.

„Was erhofft Ihr Euch dort zu finden?“

„Der alte König hat das Goldene Reich in den Ruin getrieben, aber zeitgleich enorm hohe Steuern verlangt. Das Gold muss irgendwo gelandet sein. Mutmaßlich in der geheimen Schatzkammer, die angeblich irgendwo in diesem Schloss ist.“ Mittlerweile hatte er sich wieder an den Tresen mir gegenüber gelehnt. Wobei ich noch immer von ihm abgewandt stand, nun aber nachdenklich über meine Schulter blickte. Seine Hände umschlossen die Tasse, als würde er sich daran wärmen.

„Hm“, machte ich lediglich nachdenklich und legte auch meine Hände um die wärmende Tasse vor mir. Was würde er machen, wenn er nicht fand, was er sich erhoffte? Aber ich hatte ihn immerhin schon gewarnt.

Er sah mich an, musterte mich und wusste wohl nicht recht, mit meiner Reaktion umzugehen. Wir beide tranken unseren Tee in Stille. Lediglich Blicke wurden ausgetauscht. Musternd, berechnend, abschätzend. Und das von beiden Seiten. Seine Tasse war lange vor meiner fertig. Doch ich bemühte mich, mich nicht drängen zu lassen. Stattdessen überlegte ich mir, durch welchen Zugang ich ihn mitnehmen wollte. Um in die Kammer zu kommen, mussten wir viele Stockwerke nach unten. Viel tiefer als das Schloss eigentlich gebaut war. Dort unten befanden sich Höhlenräume, die größtenteils von der Natur geschaffen worden waren. Am einfachsten wäre es folglich schon möglichst tief zu beginnen. Und einer der tiefsten Zugänge im Schloss war der Weinkeller. Aber dieser war mein Heiligtum! Mein Übungsraum! Und selbst wenn die Götter es höchstpersönlich verlangen würden, den würde ich geheim halten!

Ich führte meinen Gemahl in den Gästetrakt. Besser, ich zeigte ihm nicht mehr als nötig. Denn die Gänge waren mein! Mein Geheimnis! Meins und Alexanders. Es passte mir nicht, dass jetzt Fremde in das Geheimnis der Gänge eingeführt wurden. Als wir vor der Sackgasse im Südflügel standen, hob er fragend eine Augenbraue. Sicherlich hatte er bereits Nachforschungen betrieben, den Eingang aber nicht finden können. Der Gedanke zauberte mir ein Lächeln auf die Lippen. Alexander und ich hatten ebenfalls einiges an Zeit gebraucht, um die verschiedenen Mechanismen zu entschlüsseln, waren aber ganz offensichtlich erfolgreicher aus unserem Vorhaben hervorgegangen als mein werter Gemahl.



Möglichst breit und sichtversperrend platzierte ich mich auf den Knien vor der Wand, schloss die Augen und begann am Boden vor ihr entlangzutasten. Als ich die feine Kerbe gefunden hatte, die ich selbst vor einigen Jahrzehnten in den Boden geschlagen hatte, um den Mechanismus schneller zu finden, zuckten meine Mundwinkel erneut. Noch immer mit geschlossenen Augen fuhr ich mit meiner Hand von der Kerbe die Wand hoch, bis ich die kaum spürbare, leicht nachgebende Stelle darin fand.

Zufrieden ließ ich meinen Finger darüberfahren, drückte leicht, aber strich mit meinem Finger sofort weiter. Immerhin hatte ich einen gespannten Zuschauer im Rücken. Ich hoffte einfach, dass es ihm nicht möglich gewesen war, zu sehen, wie ich die Tür geöffnet hatte. Würde er jemals versuchen, die Gänge auf eigene Faust zu entdecken, wäre das sehr wahrscheinlich sein Todesurteil. Glück war während meiner ersten Exkursionen in den Gängen mein treuer Begleiter gewesen, ansonsten hätte ich den Weg hinaus mit Bestimmtheit nicht jedes Mal wieder gefunden. Mit einem kaum hörbaren Klicken löste sich der Mechanismus und unter meiner linken Hand, die ich wartend auf die Wand gelegt hatte, spaltete sich die Mauer in zwei.

Breit grinsend zog ich die kleine Öffnung auf und wandte meinen Kopf um, zu meinem Gemahl. Dieser blickte ungläubig zu der kleinen Tür in der Wand, die er vorhin noch nicht einmal hatte erahnen können. Da ich sowieso schon auf meinen Knien war, legte ich mich jetzt nur noch bäuchlings auf den Boden und zog mich, ohne noch ein weiteres Wort an meinen Gemahl zu richten, durch die Öffnung.

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