Kapitel 65 – Der Markgraf

Kapitel 65 – Der Markgraf

 

Cyrus

Ich sah dabei zu, wie Aurelie das kleine, zerbrechliche Wesen in den Arm nahm. Instinktiv stützte sie den Kopf des Neugeborenen. Kaum ruhte dieser an ihrem Herzen, hörte er zu weinen auf und war völlig ruhig.

Sie mit einem Neugeborenen zu sehen, ließ mein Herz sehnsüchtig schmerzen. Die Vorstellung, es wäre unser Kind, nistete sich in mir ein. Aber ich verwarf das Bild sofort wieder, denn ich erkannte auch, dass sie zu jung für ein Kind war. Und dennoch …

Der Lehrling des Hohepriesters räusperte sich, als Aurelie das Kind einfach nur betrachtete. Schnell küsste sie seine Stirn, verlor sich dann aber schon wieder in ihren Gedanken. Kurz glaubte ich, Schmerz in ihren Augen aufblitzen zu sehen. Verspürte sie denselben Wunsch nach einem Kind?

Als sie weiterhin keinerlei Anstalten machte, das Kind weiterzureichen, räusperte auch ich mich. Sie blinzelte, sah auf und versteifte sich. Dann reichte sie mir das Neugeborene, sodass ich es vorsichtig auf meine Arme nehmen konnte, wobei ich eine Hand unter seinen Kopf legte, um ihn zu stützen. Mit der anderen Hand streichelte ich zärtlich die kleinen, kugelrunden Wangen.

„Hallo, kleiner Mann“, flüsterte ich ergriffen. „Willkommen in unserem Kreis.“ Auch ich küsste seine Stirn, was ihm mittlerweile gar nicht mehr gefiel. Er fing wieder an zu quengeln, weshalb ich ihn zeitnah wieder an seine Mutter zurückreichte. Meine Arme fühlten sich leer an, als er nicht mehr darauf lag, dabei war dieses winzige Kerlchen so unglaublich leicht gewesen. Es war schwer, meinen Blick von ihm zu lösen, um ihn der Mutter zuzuwenden. „Unsere herzlichen Glückwünsche zur Geburt.“

Sie nickte abwesend, blickte jedoch an mir vorbei zum Novizen des Hohepriesters, der noch ein paar Worte sprach und dann die Kerze ausblies. Die Weihe war vorbei, das Kind gesegnet und den Göttern vorgestellt. In zwei oder drei Wochen würde die Taufe stattfinden, wo das Kind seinen Namen erhielte.

Mein Blick ging zu Aurelie. Es kam mir vor, als kämpfte sie mühsam gegen die Tränen an. Instinktiv legte ich einen Arm um ihre Taille und zog sie näher. „Dürfen wir einen Vorschlag für einen Namen geben?“, fragte ich die Herzogin. Es war üblich, dass ein Fürst oder ein König bei der Weihe einen Namen vorschlug. Dieser wurde meist der Zweit- oder Drittname des Kindes.



Die Herzogin nickte leicht und zwang sich zu einem unechten Lächeln. „Natürlich, Majestät. Sehr gerne.“

Ich musste mich gar nicht auf ihren Herzschlag konzentrieren, um zu wissen, dass es ihr nicht recht war. Aber die Höflichkeit und die Traditionen zwangen sie zu dieser Antwort. Mein Blick glitt zu Aurelie, deren Blick noch immer an dem kleinen Wesen klebte. „Habt Ihr einen Vorschlag, Aurelie?“

Überrascht blickte sie zu mir hoch, räusperte sich aber schnell und wandte ihre Aufmerksamkeit wieder dem Kind, respektive seiner Mutter zu. Ihr Körper hatte sich indessen fast schon vertrauensvoll und wohlig an meinen angeschmiegt.

„Wie wäre es mit … Avino? Also, falls Euch der Name gefällt.“ Ihre Stimme brach zu Beginn, sodass sie noch einmal neu Luft holen musste.

Ich drückte sie noch etwas fester an mich. „Ein schöner Name“, sagte ich laut. Er gefiel mir wirklich ausgesprochen gut.

„Danke für Euren Vorschlag. Ich werde ihn mit …“ Die Herzogin stockte und sah sich um. „Ich werde es mit meinem Bruder besprechen.“

Aurelie sah zerrissen zu mir auf. Sollen wir es ihr jetzt schon sagen?, schienen ihre Augen zu fragen. Oder besser erst beim gemeinsamen Abendessen? In einem Moment unter vier Augen oder vielleicht doch erst bei unserer Abreise?

Die Frage war, würde es der frisch gebackenen Mutter besser gehen, wüsste sie, dass es um das Schicksal ihres Gatten noch nicht sicher bestimmt war? Was wusste sie überhaupt? War ihr bewusst, dass er eigentlich in der Todeszelle saß? Oder hatte sie nur Gerüchte gehört, wir hätten ihn eingesperrt und wusste nicht, wieso?

Ich schüttelte ganz leicht den Kopf. Ich wollte der Herzogin weder Angst noch Hoffnungen machen.

Der Lehrling des Hohepriesters verließ mit einer Verbeugung den Raum. Erst jetzt wurde die Stimmung zumindest ein wenig lockerer und leise Gespräche entstanden.

Ich zog Aurelie sanft zu einem der Fenster und sah hinaus. „Willst du nach dem Essen abreisen oder hier übernachten?“

„Ich würde gern die Nacht hierbleiben“, flüsterte sie. „Ich mag nur ungern in der Kutsche schlafen.“

Ich schmunzelte. „Dann lieber mit mir zusammen in einem Bett?“, fragte ich leise.

„Ich nehme das Sofa“, brummte sie entschieden, jedoch kaum hörbar.



Mein Grinsen wurde breiter, wenn auch teilweise bitter. „Der Boden sah auch ganz bequem aus.“

„Da habe ich schon an schlimmeren Orten geschlafen.“

„Wohl wahr. In meinem Bett zum Beispiel.“ Ich lächelte immer noch. Für Außenstehende würde es nach einer lockeren, zwanglosen Unterhaltung aussehen, auch wenn sie mittlerweile einfach nur noch unangenehm war.

„Störe ich?“, fragte jemand hinter uns, sodass ich überrascht den Kopf herumdrehte. Der Markgraf hatte sich leise genähert und neigte höflich seinen Kopf. Sofort spannte ich mich an. Der Blick, den dieser Mann meinem Weib zuwarf, gefiel mir ganz und gar nicht.

Auch Aurelie drehte sich um. „Nein, gar nicht“, antwortete sie sofort und lächelte ihn freundlich an. Viel zu freundlich.

„Ich bin überrascht, Euch wiederzusehen und hätte nie gedacht …“ Der Markgraf stockte kurz und sah mich an, als sei er sich unsicher, ob er weiterreden könne, ohne die Königin bloßzustellen.

„Ihr hättet nie gedacht, dass sie die Königin ist?“, vollendete ich den Satz. Wo hatten sie sich kennengelernt? Unter welchen Umständen? Wann? Als ich unterwegs war, um Ashur zu töten? Sicherlich trug sie Hemd und Hose und war daher nicht wiederzuerkennen gewesen. Hatten sie sich getroffen, noch bevor er sie erblüht war? Oder erst danach?

„Nun, ja“, gab er zu und schmunzelte. „Was für eine Ehre.“ Er schüttelte leicht den Kopf und das Schmunzeln wurde größer, dann aber glätteten sich seine Gesichtszüge und Ernst breitete sich darauf aus. „Ich hoffe, ich bin Euch nicht zu forsch in Erinnerung geblieben, Majestät“, merkte er zu Aurelie gewandt an.

„Nein, überhaupt nicht. Ganz im Gegenteil. Ihr wart ausgesprochen freundlich und zuvorkommend. Deutlich zuvorkommender, als ich in jener Situation damit gerechnet hätte.“ Auch auf ihre Lippen legte sich ein Schmunzeln. „Des Weiteren habe ich unser Gespräch sehr interessant gefunden.“ Nun neutralisierten sich auch ihre Gesichtszüge. „Es gibt mir jedenfalls noch immer zu denken.“

„Welches Gespräch?“, erkundigte ich mich neugierig und wandte mich meiner Gattin zu. Ich war es leid, Aurelie ständig die Informationen aus der Nase zu ziehen. Aber ich musste mich zusammenreißen. Ich durfte mir nicht anmerken lassen, wie viel Kraft es mich kostete, weiterhin gelassen zu erscheinen.



Kurz schien sie mit sich zu hadern. „Nun, der Markgraf und ich trafen uns vor mehreren Tagen des Zufalls und verfielen in ein interessantes Gespräch“, erklärte sie und erklärte nichts.

Ich könnte dieselbe Frage erneut stellen und würde vermutlich eine ähnliche Antwort erhalten. Süffisant lächelnd blickte ich zum Markgrafen. „Tatsächlich?“

„Es ist aktuell weder der richtige Ort noch der richtige Zeitpunkt für ein derartiges Gespräch. Nur so viel: Wir sprachen über die Langwierigkeit und Möglichkeiten, positive Änderungen für alle Beteiligten herbeizuführen.“

„Welche Art an Änderungen?“

„Lebensbedingungen für ehemalige Sklaven.“

Ich nickte nachdenklich und sah zu Aurelie, die erst kürzlich erwähnt hatte, dass wir Hilfsstellen für Frauen und Kinder zur Verfügung stellen sollten. Also war ihr Gespräch nicht privater Natur gewesen. Sie hatten über die Lebensbedingungen der Menschen gesprochen. Erschreckend, wie sehr mich diese Information beruhigte.

„Ich habe Euch davon erzählt“, sprach sie, der mein Blick nicht entgangen war. Zum Markgrafen gewandt meinte sie: „Ich sollte mich wohl noch für die eine oder andere Flunkerei entschuldigen. Ich wollte gerne unerkannt bleiben.“

„Verständlich, in diesen Zeiten und nach allem, was Euch passiert ist, Majestät“, erwiderte der Markgraf.

„Ihr kommt aus den Südlanden. Habt Ihr vor, länger im Goldenen Reich zu verweilen?“

Der Markgraf zögerte. „Ich werde sicher noch eine Weile bleiben, ja. Es hängt von …“ Er drehte den Kopf und sah sich um, doch die meisten anderen Gäste hatten den Saal schon verlassen. Als Erstes die Herzogin. „Es hängt davon ab, wie lange mich meine Schwester braucht. Ich kann sie hier nicht ohne Mann zurücklassen, aber zeitgleich wartet meine Familie auf mich.“

Ich nickte nachdenklich. „Kommt uns doch bitte alsbald in unserem Schloss besuchen, Markgraf Erming. Ich denke, ein Gespräch mit unseren Ministern könnte höchst interessant werden.“

Aurelies Kopf schoss zu mir und der Griff um meinen Arm wurde für einen Moment fester. Dann lächelte sie. „Das ist eine hervorragende Idee, mein König“, sagte sie, noch immer zu mir blickend. Für einen Moment machte mein Herz einen Sprung. Jetzt gerade wirkte sie so glücklich. Daraufhin wandte sie sich an den Markgrafen: „Wir würden uns wirklich ausgesprochen über Euren Besuch freuen.“



„Dann werde ich gerne ein Zeitfenster frei machen. Meine Schwester wird einige Tage auf meine Anwesenheit verzichten können.“ Er verneigte sich knapp. „Das Essen wird bald aufgetragen. Ich werde mich noch etwas frisch machen. Wenn Ihr erlaubt?“

„Natürlich“, erwiderte ich lächelnd. Aurelie neben mir nickte. Ich lehnte mich an das kühle Glas des Fensters und verschränkte die Arme. Der Raum war mittlerweile leer, dennoch senkte ich meine Stimme. „Wir könnten ihn gebrauchen. Im Rat.“

„Er ist reflektiert. Und ganz sicher kein heuchlerischer Schmeichler.“ Nachdenklich sah sie aus dem Fenster.

„Das werden wir herausfinden, wenn er uns besucht. Falls es ihm ernst ist, wird er unserer Einladung folgen.“ Ich streckte meine Hand aus und legte sie an ihre Wange. Sie schüttelte sie nicht gleich wieder ab – sehr zu meiner Überraschung. Stattdessen ließ sie sich von meiner Berührung führen und hob den Kopf, um mir in die Augen sehen zu können. Ihre Lippen waren leicht geöffnet. Und meine Hand wurde regelmäßig von ihrem warmen Atem gestreift.

Ganz langsam glitt meine Hand zu ihrem Ohr und weiter in ihren Nacken. Sanft zog ich sie näher an mich heran; mein Blick landete auf ihren Lippen.

Ihr Atem wurde schneller, während auch ihr Blick nicht mehr meinen Augen galt. Ihr Mund öffnete sich noch ein Stückchen mehr, auf einmal zuckte ihre Oberlippe und ihre Fangzähne schnappten hervor. Für einen kurzen Moment schien sie wie erstarrt. Als ob sie erst noch begreifen müsste, was soeben geschehen war. Dann presste sie ihre rechte Hand auf ihren Mund. Ihre Augen fanden zu meinen zurück und zeugten von Überforderung. Kurz darauf ging ihr Blick schon wieder zurück zu meinen Lippen. Und dann roch ich ihre Erregung.

Die Fingerspitzen meiner einen Hand zogen sanfte Kreise in ihrem Nacken, während ich mit der anderen ihre Hand von ihrem Mund wegzog. Ganz langsam näherte ich mich ihm. Aber kurz bevor sich unsere Lippen berührten, stoppte ich.

Ihr schwer gewordener Atem drang an meine Lippen. Ich regte mich nicht, wollte sie nicht drängen, aber das Bedürfnis, sie zu küssen, war gerade so unermesslich groß!

„Wirst du mich danach wieder so verachtend ansehen wie nach unserem letzten Kuss vor deiner Abreise?“, krächzte sie, die Stimme bebend, und wirkte dabei so unfassbar verletzlich.



„Willst du es herausfinden?“ Kurz bevor sich unsere Lippen berührten, lehnte ich mich wieder zurück und räusperte mich. „Das Essen sollte fertig sein. Lassen wir unsere Gastgeberin nicht warten.“

Verletzt senkte sie den Blick und schluckte. „Nein, will ich nicht“, hauchte sie schließlich kaum hörbar, wobei ihre Hand zittrig zu ihrer Wange glitt; die Augen glänzend. Die Hand zur Faust ballend, vertrieb sie die Tränen aus ihren Augen und die Verletzlichkeit aus ihrem Blick; so auch das Gefühl aus ihrer Stimme. „Natürlich, Majestät. Gehen wir.“

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