Kapitel 73 – Nachsorge
Kapitel 73 – Nachsorge
Aurelie
Seit gestern, als ich aus den Gängen gekrochen kam und mich ins Bett gelegt hatte, war da diese unbändige Lust in mir gewesen. Unbändig, nicht beherrschbar, stetig anschwellend, unerträglich. Jetzt …, endlich war sie weg. Ich war so weit gegangen und hatte einem Wildfremden während des Tanzes beinahe schon die Hose runtergerissen. Wo blieb mein Schamgefühl? Wo mein Ehrgefühl? Wo mein Selbstwertgefühl?
Man konnte sich jetzt darüber streiten, ob ein Wildfremder nicht doch die bessere Wahl gewesen wäre als mein Gatte. Aber als der Vampir in mir gesteckt hatte, war das nicht befriedigend gewesen. Nein, denn ich hatte mich auf einmal nur noch geekelt. Und dann war da plötzlich Cyrus gewesen. Sicher, die Position, in der er mich – uns – gefunden hatte, war alles andere als vorteilhaft gewesen, aber seine Eifersucht hatte mich gleich noch verlangender gemacht. Sein Geruch, seine Hände, sein Blut … Meins!, hatte mein Körper mit jeder Faser seines Seins geschrien. Und sein Samen erst recht. Meins!
Ich war stolz auf mich, dass ich mir genommen hatte, was ich wollte. Befriedigung. Aber es war nicht genug gewesen. Es hatte mich nicht so befriedigt, wie ich es gebraucht hatte. Erst als er ebenfalls seinen Höhepunkt erreicht hatte, mir sein schwerer, lusterfüllter Atem ans Ohr gedungen war und ich seine Zufriedenheit praktisch schon spüren konnte, da war ich wunschlos glücklich gewesen und mein Körper hatte sich der Erschöpfung hingegeben.
„Danke“, flüsterte ich irgendwann leise, regte mich aber nicht. Nach wie vor klebte mein Blick an der Decke, meine Augen waren offen. Dennoch sah ich, dass er auf mich zukam. Er legte seine Hand auf meine Stirn, strich mit seinen Fingern über meine Wange und zog sie wieder weg.
„Ruh dich noch etwas aus. Hast du Hunger?“
Hunger nicht. Aber das unterschwellige Bedürfnis nach Nähe. Ich wollte, dass er sich zu mir legte und mich in den Arm nahm. Aber das wäre wohl zu viel verlangt von einem König. Niemals würde er sich auf einen Tisch legen, um mit mir zu kuscheln. Sowieso … sollte ich realistisch bleiben. Sein Ziel war es nicht, mich glücklich zu machen, sondern lediglich mich in andere Umstände zu bringen.
„Nein“, nuschelte ich. „Nein, ich brauche nichts.“ Lüge!, schollt mich mein Herz, welches keinerlei Grund sah, den König nicht einfach auf den Tisch zu ziehen und ihn zum Kuscheln zu zwingen.
Er brummte nur und wandte sich wieder von mir ab. „Kann ich dich ein paar Minuten alleine lassen? Dann lasse ich unsere Kutsche holen.“
„Ja …“, murmelte ich. Und schon war er verschwunden.
Als ich viel zu schnell darauf schon wieder Schritte hörte, wurde ich panisch. Schnell sprang ich vom Tisch und rückte meine Röcke zurecht. Die Schritte hielten exakt vor der Tür. Hastig huschte mein Blick durch den Raum. Ich fand den Dolch und bückte mich danach, als ein Klopfen ertönte.
Gehetzt richtete ich mich wieder auf, den Dolch fest umschlungen. In diesem Moment spürte ich, wie mir eine Flüssigkeit das Bein hinunterrann. Meine Nasenflügel zuckten und meine Augen wurden groß. Götter, jeder würde riechen, was hier geschehen war!
Nichts passierte. Nach einem kurzen Moment klopfte es erneut. „Darf ich hereinkommen, Majestät?“ Die Stimme konnte ich nicht so gut zuordnen. Aber ich hatte den Mann sicher schon mit meinem Gemahl reden hören. Er musste einer seiner Grigoroi sein.
„Ähh … das … passt nicht unbedingt …“, entgegnete ich zerstreut; der Griff um den Dolch wurde lockerer. Hier drinnen gab es kein Fenster. Götter, man würde es früher oder später riechen!
„Gut, dann warte ich hier draußen.“
Ja, dachte ich. Warten. Meine Gedanken flogen wild herum. Hatte ich wirklich mit ihm … geschlafen? Und das nach allem, was passiert war? Meine Stirn furchte sich. Aber andererseits musste ich früher oder später damit anfangen. Ich war sein Weib, seine Gemahlin und seine Königin. Auch wenn er mich die meiste Zeit nicht so behandelte. Aralie hatte nicht ganz Unrecht mit ihrer einen Aussage gehabt. Es war meine Aufgabe, ihm mit meinem Körper zur Verfügung zu stehen, um ihm irgendwann ein Kind zu gebären. Und wenn ich ehrlich mit mir selbst war, dann hatte sich mein Herz – seitdem ich den kleinen Brendon Avino Laramos Leiler, zukünftiger Herzog Lelier und mein Patensohn, in den Armen gehalten hatte – für die Idee geöffnet.
Ein Kind in meinen Armen zu halten, hatte sich so unglaublich schön angefühlt. Wie wäre es erst, wenn ich mein eigenes …
Eine Träne fiel zu Boden, als mir schlagartig bewusst wurde, dass das niemals eintreten würde. Ich erinnerte mich an meine Worte, als wäre es gestern gewesen. In der Reliquienkammer, tief unten im Berg. Ein versehentlich ausgesprochener Gedanke und eine stumme Bestätigung. Ich würde gebären und sterben. Vermutlich ließe er mich das Kind nicht einmal halten, ehe er mir einen Dolch ins Herz rammte. Meine Hände fanden zu meinem Bauch und strichen darüber. Sobald ich ein Kind unter meinem Herzen trug, begannen meine letzten Stunden zu schlagen. Der Anfang vom Ende.
Es klopfte erneut. Dieses Mal wurde die Tür sofort geöffnet und Cyrus trat ein. Er kam auf mich zu und musterte mich dabei von oben bis unten. Seine Nase blähte sich kurz auf, als er direkt vor mir stand. „Komm, wir fahren heim. Ich habe uns bereits verabschiedet.“ Seine Hände verschränkte er hinter seinem Rücken. Weder bot er mir seine Hand noch seinen Arm, um mich bei ihm einzuhaken.
„Gibst du mir dann bitte deinen Arm?“, verlangte ich möglichst selbstsicher. Ich stand gerade nämlich alles andere als stabil auf meinen Beinen.
„Der Flur ist zu schmal, um nebeneinander herzugehen.“ Er wandte sich mir zu und im nächsten Moment hob er mich auf seine Arme.
„Klar. Zu schmal“, schmollte ich leise. Jetzt waren wir doch doppelt so breit. Andererseits konnte ich nicht behaupten, dass ich der ersehnten Nähe besonders abgeneigt wäre. Ich schlang meine Arme um seinen Nacken und vergrub mein Gesicht zufrieden lächelnd an seiner Brust. Möglichst unauffällig verleibte ich mir seinen Geruch ein.
Er trug mich aus dem Zimmer und den ganzen Flur entlang. Hin und wieder berührten meine Schuhe die Wand. Die Musik wurde lauter. Stimmen, die lachten und sich unterhielten. Schuhe, die leichtfüßig den Boden berührten und doch rhythmisch passende, klopfende Geräusche von sich gaben, als würden hundert Trommeln synchron schlagen. Und dennoch hörte ich Cyrus‘ Herzschlag an meinem Ohr. Langsam, kräftig, beruhigend.
Kurz darauf traten wir in die angenehme, kühle Nachtluft. Ich fühlte mich geborgen. Wie widersprüchlich diese Gefühle in mir waren, war verrückt. Aber ich fühlte mich wohl und kuschelte mich noch näher an ihn an.
Als wir zum Stehen kamen, setzte er mich ab. „Schaffst du es, alleine in die Kutsche zu steigen?“ Seine Hand ruhte auf meinem Rücken.
„Selbstverständlich.“ Ich stieg in die Kutsche, wobei ich mühsam die Röcke hob. Anschließend setzte ich mich wieder in Fahrtrichtung hin und schaute zu Cyrus hinaus. Dieser setzte sich wieder mir gegenüber, wie schon auf der Hinfahrt.
„Wie fühlst du dich?“, fragte er und musterte mich dabei.
„G…gut“, log ich stotternd und spürte regelrecht, wie mir die Röte ins Gesicht schoss. Zufrieden, befriedigt, wunschlos glücklich … das alles hätte meinen Gemütszustand deutlich treffender beschrieben. Jedoch hätte ich mich in Grund und Boden geschämt, das laut auszusprechen. Denn es war nun mal so, dass da diese Distanz war. Sie war entstanden, als er mich gezwungen hatte, seine Königin zu werden und ihn zu krönen. Sie wurde zu einer kleinen Schlucht, als er mich zum zweiten Blutschwur gezwungen hatte und dann zu einer schier unüberwindbaren Kluft, als er mich danach genommen hatte, ganz so, wie es ihm gefiel.
Und jetzt war ich über ihn hergefallen. Wieso? Hatte ich ihm vergeben? Nein. Aber dennoch war da die Sehnsucht nach ihm. Das Bedürfnis nach seiner Nähe, seiner Stimme und seinem Geruch. Würden wir diese Kluft irgendwann bezwingen? Oder fallen und uns den Hals brechen?
Cyrus klopfte von innen an die Kutsche, die sich daraufhin in Bewegung setzte. Nach einigen schweigsamen Momenten seufzte er. „Mach mal Platz.“
Ich hörte, wie mein Herz schneller zu schlagen begann. Die Hände an meinen Röcken, rutschte ich an den Rand und machte ihm Platz. Es interessierte mich tatsächlich gerade herzlich wenig, was er damit bezweckte. Ich freute mich einfach nur, dass er mir näher kam und damit sein Geruch intensiver wurde.
Er setzte sich neben mich, legte seinen Arm um mich und zog mich an meiner Schulter zu sich heran, sodass mein Kopf auf seiner Brust zum Ruhen kam. „Bereust du es?“
Ich atmete tief ein und schloss kurz die Augen. Ich ließ mir Zeit mit meiner Antwort und überlegte eine ganze Weile. „Nein“, antwortete ich schließlich ehrlich. „Es war … schön. Und die zügellose Lust ist weg. Das war … seltsam“, murmelte ich.
„Vielleicht zwingt uns der Blutschwur dazu, wer weiß“, überlegte er laut. Seine Brust vibrierte angenehm. „Ich weiß zu wenig darüber, aber vielleicht drängt er uns auf seine Art dazu, regelmäßig beieinander zu liegen.“ Cyrus legte die Füße hoch und platzierte sie auf die Bank gegenüber. „Bist du müde? Möchtest du einen Moment die Augen schließen?“
„Ich möchte nur kuscheln“, nuschelte ich leise.
„Natürlich“, entgegnete er, legte seine Lippen auf meinen Scheitel und umarmte mich noch etwas fester.
„Hat …“ Ich stockte. „Eh…es dir eigentlich …“ Verlegen räusperte ich mich. „Also …“
„Hm?“, brummte er und rutschte mit dem Hintern ein Stück weiter nach vorn, sodass er eine halb liegende Position einnehmen konnte. Dabei streichelte er mit einer Hand über meinen Oberarm.
Ich legte meinen Kopf auf seinen Schoß ab und wurde schon wieder rot. „O…ob es dir gefallen hat“, flüsterte ich beschämt.
Es war einen Moment still geworden, sodass ich schon glaubte, er wollte darauf gar nicht mehr antworten. Oder er war eingeschlafen. „Ja, es war schön. Wenn auch mit einem kleinen Punktabzug.“
Sofort versteifte ich mich. „Was soll das heißen?“, wollte ich angespannt wissen, die Stimme gepresst.
Seine Lippen landeten wieder auf meinem Kopf. „Ich wollte, dass es dir gefällt. Deswegen habe ich meine Bedürfnisse hinten angestellt und mir zu viele Gedanken gemacht.“ Seine Lippen bewegten sich an meinen Haaren, während er sprach. Dann küsste er meinen Scheitel. „Aber es war schön, dich dabei zu sehen, zu riechen und zu hören, wie du stöhnst. Das habe ich beinahe mehr genossen als meinen eigenen Höhepunkt.“
„Also war es gut.“ Erleichtert atmete ich aus. Wenn es so war, konnten wir das vielleicht auch irgendwann wiederholen. Ich wollte nur nicht, dass er mich wieder wie ein Tier … „Wieso …“ War es vermessen, das zu fragen? „… wolltest du mich wieder wie ein Tier nehmen, Cyrus? Ich habe es doch freiwillig gemacht, dieses Mal?“
„Weil es sich für mich gut anfühlt. Ich mag es, auf den Hintern einer Frau zu sehen. Zu sehen, wie er an meinem Becken abprallt.“ Er schwieg kurz. Ich spürte, dass er die Luft anhielt. Nur langsam atmete er wieder aus. „Und ich kann die Frau dabei zusätzlich stimulieren. Es gibt viele Positionen, die von hinten sind und ihren Reiz haben. Im Stehen, auf allen Vieren und sogar im Liegen.“ Seine Hand glitt an meinem Oberarm weiter herunter. Ich hörte ihn deutlich schlucken. „Der Winkel ist anders. Und ich kann besonders tief in den Schoß einer Frau stoßen. Außer im Liegen. Das könnte dir vielleicht auch gefallen.“ Seine Hand glitt wieder nach oben zu meinem Oberarm und er streifte dabei meinen Ausschnitt.
Kurz zuckte ich bei der unerwarteten Berührung zusammen. „Das hat aber deutlich mehr weh getan als gefallen“, brummte ich leise.
„Ich kann auch vorsichtig sein, wie du nun weißt.“ Seine Stimme klang belegt. „Möchtest du die Nacht bei mir schlafen?“
„Ob ich … i…ich weiß nicht …“ Ich schluckte. Eingesperrt oder sein Bett. Was, wenn er am Morgen nochmal wollte? Oder sogar diese Nacht nochmal? Ich wollte das nicht so schnell wieder! Erst musste ich versuchen, Klarheit in mir zu schaffen! Verstehen, wieso ich getan hatte, was ich getan hatte! Andererseits war da seine Nähe, sein Geruch, und er machte mich süchtig. War meine Handlung, diese unbändige Lust, vielleicht wirklich, wie er gesagt hatte, von den Göttern gesandt? Zwangen sie uns dazu? Denn ich wollte nicht dazu gezwungen werden. Aber irgendwie war es doch genau das gewesen. Nur dieses Mal nicht durch ihn, sondern … mich selbst. Oder die Götter.
„Aber ich will nicht nochmal …“ Ich versteckte mein Gesicht in seinem Schoß. Was sich als schlechte Idee herausstellen sollte. Ich schreckte auf und blickte auf die Beule in seiner Hose. Stirnrunzelnd blickte ich auf. „Ich will nicht nochmal, Cyrus“, betonte ich.
„Das ist in Ordnung. Ich möchte nur deine Nähe noch ein wenig länger genießen“, erklärte er. „Und was meine Hose angeht … Meine Erregung ist leider nicht so leicht unter einer Schicht von Stoffen zu verstecken wie deine.“
„Aber wieso bist du erregt?“
Seine Hand glitt wieder über meinen Oberarm. „Da braucht es manchmal nicht viel und er steht schon. Deine Stimme. Ein Blick. Eine Berührung. Der Gedanke, bei dir zu liegen oder einfach nur eine kurze Erinnerung, wie du auf mir sitzt und vor Wollust dein Gesicht verziehst.“
Auch jetzt verzog ich das Gesicht. Allerdings eher weniger wollüstig. „Wollüstig? Ich war doch nicht …“ Ich sollte wirklich damit aufhören, mich selbst zu belügen. Ich hätte alles mit zwei Beinen und einem Glied dazwischen angesprungen, so sehr war ich von der Wolllust getrieben gewesen. „Gut, vielleicht doch …“, gestand ich ein. Leise merkte ich an: „Das mit diesem Vampir war nicht geplant. Ich wollte das auch nicht. Also, schon … aber, nicht.“ War das ein einigermaßen verständlicher, vollständiger Satz gewesen? Meine Gouvernante hätte mir die Ohren langgezogen.
Cyrus lachte stattdessen leise. Bevor er jedoch zu einer Antwort ansetzen konnte, stoppte die Kutsche. Es klopfte an der Außenwand. „Wir sind da!“
Cyrus wandte sich mir zu. „Also? Mein oder dein Bett?“































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