Kapitel 74 – Das Angebot

Kapitel 74 – Das Angebot

 

Cyrus

„Raus!“, herrschte ich den Vampir an und legte demonstrativ meine Hand an das Schwert. Nicht genug, dass mein Gegenüber der Meinung war, Aurelie habe das Land besser geführt, obwohl sie noch ein Kind gewesen war. Nein, er sagte sogar, ich sei arrogant und selbstverliebt!

„Sie ist meine Schwester!“, schrie der Mann mit den kurzen, schwarzen Haaren. „Noch ein Kind!“

„Eure Mutter ging mit ihr zu ihrer Schwester. Sie hat dort ein gutes Zuhause.“ Mit wachsamen Augen musterte ich Gilead Seibling. Bisher hatte ich nicht oft mit ihm gesprochen. Mehr als bedeutungslose Grüße hatten wir nicht ausgetauscht. Doch nun war er in mein Arbeitszimmer gestürmt und verlangte ein Pferd. Dabei war er ‚Gast‘ in diesem Schloss. Gast auf Lebenszeit. Ein Gefangener in diesen Mauern, und das wusste er. Bisher hatte er sich ruhig verhalten, harmlose Briefe geschrieben und sich in der Bibliothek fortgebildet. Doch jetzt …

„Nein, das hat sie nicht! Ich muss mit meiner Schwester reden!“

Die Tür meines Arbeitszimmers öffnete sich. Stoisch nickte ich Timm zu. Auch Elok erhob sich, der erst gerade von seiner Reise zurückgekommen war.

„Entfernt Gilead aus dem Zimmer und setzt ihn unter Arrest“, befahl ich. „Dann kehre bitte umgehend wieder zurück, Elok.“

Die beiden Grigoroi flankierten Seibling und führten ihn aus meinem Arbeitszimmer. Kurz darauf fiel die Tür wieder ins Schloss.

Seufzend ging mein Blick zum Fenster. Ob es klug war, Gilead weiterhin im Schloss zu behalten? Aurelie hatte ihre Gründe gehabt, die ich zum Teil nachvollziehen konnte. Aber mittlerweile fragte ich mich, ob dieser Mann wirklich von Nutzen sein konnte. Gerade in diesem Moment machte er mehr Probleme, als dass er nützlich war. Eigentlich hatte ich mir gerade Eloks Bericht anhören wollen, da war er hineingeplatzt. Zum denkbar ungünstigen Zeitpunkt. Und trotz mehrfacher Aufforderung war er nicht gewillt gewesen, zu gehen.

Aurelie … Seit wir vor zwei Wochen von dem Ball zurückgekehrt waren, war sie wieder so distanziert wie eh und je. Als wäre diese wilde, leidenschaftliche Intimität auf dem Tisch nie gewesen. Oder das anschließende Gespräch in der Kutsche, in dem ich versicherte, nicht mehr grob zu ihr zu sein und ihr beim Akt nicht mehr wehzutun. Mehr, als ein wenig zusammen im Bett zu liegen und zu reden, war mit ihr nicht möglich. Ein wenig streicheln, ein wenig küssen. Reden.



Ich verstand diese Frau einfach nicht. Zuerst näherte sie sich mir, dann entfernte sie sich wieder mehrere Schritte. Jedes Mal, wenn ich glaubte, ich würde sie verstehen, wurde sie wieder eine arrogante, unverschämte Zicke. Völlig egal, wie sehr ich mich bemühte, sie ignorierte es. Warum gab ich mir bei ihr überhaupt noch Mühe? Das aktuelle Arrangement funktionierte. Ich hatte andere Frauen, mit denen ich mich vergnügen konnte. Und wenn Aurelie an meiner Seite an einer Ratssitzung teilnahm, verhielt sie sich vorbildlich. Es war ein guter Kompromiss, wie ich fand.

Es klopfte wieder. Elok trat ein und setzte sich auf den Platz mir gegenüber.

„Hat Seibling noch etwas gesagt?“

Elok schüttelte den Kopf. „Nein. Timm hat damit gedroht, ihn in den Kerker zu werfen, wenn er sich nicht benimmt.“

Meine Mundwinkel zuckten. Etwas übertrieben, aber offensichtlich wirkungsvoll. „Also nochmal: Wo warst du so lange?“

„Nun, wie erwähnt, heftete ich mich an Freunde und Bekannte von Lelier. Ich spionierte Schenken und Gasthöfe aus. Alles deutet darauf hin, dass Lelier den Aufstand angeführt hat. Dort habe ich erst auch die Königin vermutet. Dann aber hörte ich von einem Mann, den alle nur ‚Unar‘ nennen.“

„Unar?“, hakte ich nach und furchte meine Stirn. Den Namen hatte ich noch nie gehört. Ich sollte in den Stammbäumen nachsehen, ob der Name dort irgendwo auftauchte. Trotz meines Alters kannte ich nicht alle Adelshäuser und Vampire. Oft blieben sie in ihren eigenen Reichen.

„Ja, angeblich weile er im Osten. Was mich stark verwunderte. Dennoch wollte ich dem Hinweis nachgehen. Auf dem Weg in den Osten traf ich dann zufällig …“ Elok stockte.

„Ja?“

Seine Schultern sackten etwas ab. „Ich habe Aurillia und Emili gesehen, die einen Händler anflehten, sie in den Osten zu bringen.“

Meine Augenbrauen hoben sich überrascht. Aurelies Zofen gingen nach Osten? „Und? Hast du mit ihnen gesprochen?“

„Ja. Nach einigem Zögern erklärten sie, die Königin habe sie fortgeschickt, mit der Anweisung, Darleen aufzusuchen.“

Meine Gedanken wanderten zurück zu dem Tag, als Aurelie und ich wie so oft aneinander geprallt waren und ich ihr damit gedroht hatte, ihre Zofen zu töten. Das war kurz bevor ich Irina mit einer Tasche im Flur erwischt und sie daraufhin an mich gebunden hatte. Also hatte Aurelie ihre Verbindungen kappen wollen. Die Möglichkeiten, sie zu erpressen. Sie wollte ihre Schwächen loswerden. Kluges Mädchen.



Elok sprach weiter und unterbrach meine Gedanken. „Ich wollte ihnen eigentlich nur etwas Gold mitgeben und weiterziehen. Doch dann habe ich zwei Männer gesehen, die auf die beiden Mädchen aufmerksam geworden sind. Zuhälter oder Sklavenhändler. Ich bin dazwischen gegangen und habe sie bis einen halben Tagesritt vor Eurem alten Schloss begleitet. Dort haben sich unsere Wege getrennt.“

Ich nickte abwesend. Beizeiten würde ich Aurelie damit konfrontieren. Sie hatte versucht, mich zu hintergehen, indem sie ihre Zofen wegschaffte. Dafür hat sie sie einer unnötigen Gefahr ausgesetzt. Das war mehr als leichtsinnig gewesen.

„Hast du mehr über Unar herausgefunden?“

„Nein, ich habe zwar in jedem Gasthaus und in jeder Spelunke nachgefragt, aber niemand hat diesen Namen bisher gehört.“

Nachdenklich rieb ich mein Kinn und kratzte über die Bartstoppeln. „Vermutlich eine falsche Fährte. Unar ist sicherlich nicht im Osten zu finden.“

„Soll ich in den Norden oder Süden aufbrechen?“

„Nein, ich brauche dich erstmal hier. Geh zu Timmok und lass dich auf den aktuellsten Stand bringen.“

„Timm? Wo ist Lee?“

Ich schluckte trocken, mein Herz wurde schwer. Lee … Noch immer hinterließ sein Tod eine riesige, schmerzende Wunde in mir.

„Timm wird dir alles erklären“, antwortete ich kurz angebunden und stand auf. Eloks Ankunft hatte mich überrascht. Eigentlich war ich bei seiner Rückkehr gerade im Begriff gewesen, selbst auszureiten. „Ich muss los, Elok. In zwei bis drei Tagen sollte ich zurück sein.“

„Natürlich, Majestät. Soll ich ein Auge auf den jungen Seibling haben?“

„Unbedingt! Danke.“ Ich klopfte Elok auf die Schulter und verließ meine Gemächer. Kurz darauf stand ich bei den Ställen, stieg auf mein Pferd und nahm die Zügel, die Galderon mir reichte. Im Schritt ließ ich mein Pferd durch die Stadt trotten, doch sobald ich sie hinter mir gelassen hatte, gab ich dem Tier die Sporen und ich galoppierte entlang der Felder. So kam ich zügig beim Anwesen der Leliers an. Der Herzog erwartete mich dort bereits. Wir verschwendeten keine Zeit für unnütze Floskeln, sondern ritten direkt weiter. Am späten Abend hielten wir an einem Gasthaus und setzten uns an einen der freien Tische. Möglichst weit weg von den Menschen.



„Danke, dass Ihr mich begleitet. Ich wusste gar nicht, dass Ihr Tyra kennt“, meinte der Herzog, nachdem wir uns etwas zu essen bestellt hatten.

„Ich war bei ihrer Schwester, als ich von dem tragischen Verlust hörte.“

Der Herzog hob interessiert die Augenbrauen und wartete auf weitere Informationen. Ich musste aufpassen, dass ich ihm nicht zu viel erzählte. Es gab zwar Gerüchte über Ashur, aber ich würde sie gewiss nicht bestätigen.

„Nun“, nahm ich den Faden wieder auf, „meine Männer und ich ritten zu Tyras Hof. Es war grauenvoll. Sie ist nicht gut, auf Vampire zu sprechen. Daher wird es nicht einfach sein, sie von Eurem Vorhaben zu überzeugen.“

Der Herzog nickte nachdenklich. „Aber der Plan hilft den Menschen, nicht den Vampiren. Es schadet den Vampiren sogar, weil die Menschen einen Ort haben, an den sie gehen können, anstatt sich weiterhin versklaven zu lassen.“

„In wenigen Jahren wird es die Wirtschaft zum Florieren bringen“, hielt ich dagegen.

Er brummte. „Ich konzentriere mich vorerst lieber auf die Probleme, die vor mir liegen …“

Unsere Getränke wurden gebracht. Durstig trank ich einen Schluck Wein. Trocken und herb glitt er mir den Gaumen hinab. „Vielleicht reißt Ihr ihre Mauern ein, wenn Ihr erzählt, dass Ihr kürzlich Vater geworden seid.“

„Oder ich mache alles noch schlimmer.“

„Ja, diese Möglichkeit besteht“, stimmte ich nachdenklich zu. „Dann konzentriert Euch einfach darauf, was ein Frauenhaus in dieser Gegend für positive Auswirkungen haben könnte.“

Wir sprachen über Für und Wider, wägten ab und dachten nach. Ich erzählte dem Herzog von Tyra, von dem wenigen, was ich über sie wusste. Unter anderem von der Tatsache, dass sie einen jungen Dieb bei sich aufgenommen hatte. Und diese scheinbare Herzensgüte ihrerseits machte den Herzogen zuversichtlich.

Wir aßen und gingen danach zu Bett, um mit den ersten Sonnenstrahlen weiterzureiten. Am späten Nachmittag kamen wir beim Hof an und stiegen von den Pferden. Ein schlaksiger Junge eilte aus der Scheune auf uns zu. Ein Grinsen schlich sich auf meine Lippen, als ich den selbst ernannten Straßenkönig erkannte. Und auch er erkannte mich, denn seine Beine stoppten sofort und seine Augen wurden groß. „Ach du lieber Kuhdung! Nicht wahr! Trügen mich meine Augen?“



Mein Grinsen wurde noch etwas breiter. Schön, dass er noch hier lebte. Und er hatte sich nicht gross verändert. Gewachsen war er ein gutes Stück.

Der Junge wollte wieder zurück in die Scheune huschen, jedoch stolperte er ungeschickt über seine eigenen Füße und fiel der Länge nach hin. Wie es der Zufall so wollte, direkt in eine Schlammpfütze hinein. Neben mir hörte ich den Herzog, der hörbar schnaufte und ein Lachen zurückhielt. Ich konnte mich im Gegensatz nicht mehr beherrschen und fing laut an, meiner Belustigung Ausdruck zu verleihen.

„Das ist nicht lustig!“, rief der Junge beleidigt und sprang wieder auf die Beine.

„Doch. Sehr sogar“, entgegnete ich amüsiert. „Und jetzt komm her und versorge die Pferde.“

„Du bist also nicht hier, um mich zu fressen?“

Der Herzog räusperte sich neben mir, blieb aber ansonsten still.

„Nein. Wir wollen mit Tyra reden. Ist sie da?“

Der ehemalige Straßendieb deutete aufs Haus und kam langsam näher. Dann bildete sich ein breites Grinsen auf seinem Gesicht. „Freust du dich, mich wiederzusehen?“

Tatsächlich freute es mich. „Du bist ein Stück gewachsen“, meinte ich. „Und ein wenig Fleisch hast du auch auf die Knochen bekommen.“

„Ja!“ Der Junge grinste noch breiter und stellte sich direkt vor mich hin. Der Dreck auf seiner Kleidung stank zum Himmel. „Also hast du mich vermisst!“, rief er und lachte aufgedreht. Im selben Moment umarmte er mich. Und rieb dabei seine verdeckte Kleidung an meiner.

Angeekelt stieß ich ihn von mir. „Was…!?“ Ich knurrte und sah an mir herab.

„Geteiltes Leid ist halbes Leid!“, rief er frech.

Der Herzog schnappte heftig nach Luft. Ich sah über meine Schulter. Sein Gesicht war erst weiß und färbte sich nun langsam rot. Ich durfte nicht vergessen, dass er bis zu seiner Zeit im Kerker ein starker Befürworter der Sklaverei war. Er würde sich nicht über Nacht komplett verändern und über solche Scherze lachen. Deshalb nahm ich ihm die Zügel seines Pferdes ab und überreichte sie mit meinen Zügeln dem Jungen. „Bring die Pferde in den Stall. Und dann kommst du ins Haupthaus.“

Das Lächeln des Knabens verschwand. Eilig nahm er die Zügel der beiden Pferde. „Ja. Natürlich“, nuschelte er, den Blick betreten zu Boden gerichtet.



Als der Kleine sich mit den Pferden in die Scheune verzog, und ich wieder aufblickte, sah ich bereits Tyra in der Tür stehen. Ihre Arme hatte sie vor ihrer Brust verschränkt, ihre Augen waren zusammengekniffen. Das kastanienbraune Haar hatte sie in einem unordentlichen Knoten hochgebunden, wovon ihr mehrere Strähnen ins Gesicht fielen.

Als ich mich ihr mit dem Herzog näherte, wurden ihre Augen noch schmaler. „Einer zweier Könige“, spottete sie. „Was wollt Ihr?“

„Nun, ich würde mich gern frisch machen und umziehen. Und dann möchten wir reden“, erklärte ich sachlich.

„Ich kann Wasser in die Scheune bringen lassen“, erwiderte sie und stellte sich demonstrativ in die Tür, um den Weg ins Haus zu versperren.

Der Herzog spannte sich neben mir an. „Wie redest du mit dem König, Mensch?“

„Wir möchten nur reden, Tyra. Und dir einen Vorschlag unterbreiten“, sprach ich schlichtend. „Wenn du dir alles angehört hast, kannst du immer noch entscheiden, ob du annimmst oder ablehnst.“

Ihre Wangenknochen traten sichtbar hervor, so fest drückte sie die Zähne aufeinander. Skeptisch sah sie zwischen mir und dem Herzog hin und her. Dann erst realisierte sie, wie verdreckt ich war. „Oh … Ja, gut. Kommt herein.“ Sie öffnete die Tür und ging vor. „Aber erwartet nicht, dass ich Eure Kleidung wasche!“

„Ich habe Wechselkleidung dabei.“ Demonstrativ hob ich die Tasche hoch, die ich dem Pferd zuvor noch abgenommen hatte.

Tyra ging voran, schon nach wenigen Schritten deutete auf eine kleine Kammer. Scheinbar die, in welcher der Junge schlief. „Hier könnt Ihr Euch umziehen. Ich lasse den Jungen dann gleich noch Wasser bringen. Und Ihr …“ Sie wandte sich an den Herzog und musterte ihn von oben bis unten. „… stellt Euch besser erst einmal vor“, verlangte sie mit erhobenem Kinn.

Herzog Lelier verzog skeptisch das Gesicht, weswegen ich vorsichtshalber noch stehen blieb. „Herzog Lelier ist hier, um dir ein Angebot zu machen.“

„Ich bezweifle, dass sie die richtige Person dafür ist“, widersprach der Herzog abschätzig.

„Reden wir gleich. Und dann sehen wir weiter.“ Mit diesen Worten ließ ich die beiden stehen, drehte um und verschwand in dem kleinen Zimmerchen.

Wie gut gefällt dir dieses Buch?

Klicke auf einen Stern zum bewerten.

Durchschnitt 0 / 5. Anzahl: 0

Bisher keine Bewertungen

Kommentare