29. Dezember – Die Nacht des Begehrens

Die Nacht loderte. Nicht mit Feuer, sondern mit einer Spannung, die unter der Haut lag – in jedem Atemzug, jedem unausgesprochenen Gedanken. Ailina konnte nicht schlafen. Die Wahrheit der letzten Nacht hatte sich in ihr festgesetzt wie ein Splitter aus Licht: scharf, schmerzhaft, lebendig.
Sie spürte ihn, noch bevor sie ihn sah.
Der Ruf kam nicht aus dem Wald, nicht aus der Luft, er kam aus ihr selbst. Ein Ziehen, tief in der Brust, das sie nach draußen trieb, fort vom Haus, fort von allen Warnungen.
Der Steinkreis lag im Mondlicht.
Die alten Steine ragten aus dem Schnee wie Hüter eines Geheimnisses, das älter war als Schuld und Gesetz. Runen glühten schwach an ihren Flanken, pulsierten im gleichen Rhythmus wie Ailinas Herz. Jeder Schritt, den sie näherkam, ließ die Luft schwerer werden.
„Du solltest nicht hier sein.“
Cáel stand am Rand des Kreises, als hätte der Ort ihn gerufen oder er ihn. Sein Blick war dunkel und rastlos. Sein Körper spannte sich wie unter unsichtbaren Fesseln.
„Du auch nicht“, erwiderte Ailina ruhig.
Der Wind änderte seine Richtung. Schnee wirbelte auf, tanzte um sie herum wie lebendige Funken. Die Schleier waren dünn. Sie konnte es fühlen. Die Anderswelt schien näher zu rücken.
„Geh“, sagte Cáel heiser. „Bevor ich vergesse, wer ich bin!“
Ailina trat einen Schritt näher. Dann noch einen. Jeder Abstand zwischen ihnen schien zu schmerzen.
„Und ich?“ fragte sie leise. „Was ist mit dem, was ich fühle?“
Das Amulett an ihrem Hals glühte nun heiß. Die Runen auf den Steinen antworteten. Licht kroch über den Boden, verband Steinkreis und Himmel.
Cáel schloss die Augen. „Das ist das Gefährlichste von allem.“
Als er sie wieder öffnete, lag darin kein Widerstand mehr – nur Verlangen, roh und unausweichlich. Er trat auf sie zu, langsam, als wäre jeder Schritt in ihre Richtung ein Verrat an seinem Schwur.
Die Luft zwischen ihnen vibrierte.
„Sag mir, dass ich gehen soll“, flüsterte Ailina.
Er sagte nichts.
Ihre Hände fanden sich wie von selbst. Seine Berührung war warm, real und ließ Magie durch ihren Körper schießen, wie ein Strom, der lange unterbrochen gewesen war. Der Steinkreis antwortete. Die Runen flammten auf – hell wie Sterne.




„Ailina…“
Cáels Stimme brach.
Sie küsste ihn.
Es war kein sanfter Kuss. Es war ein Zusammenprall von Welten, von Sehnsucht, von etwas, das zu lange unterdrückt worden war. Für einen Atemzug existierten kein Schwur, kein Gesetz, keine Götter. Nur sie.
Der Boden bebte. Ein grollendes Echo lief durch den Steinkreis, als würde etwas Tiefes erwachen. Licht schoss aus den Runen, verband Himmel und Erde. Bilder flammten auf. Der Druidenkreis zu einer früheren Zeit. Die Ahnen. Morrígans dunkle Schwingen.
„Die Liebe, die den Zyklus bricht…“
Cáel riss sich los, als hätte ihn etwas verbrannt. „Nein.“
Der Himmel zerriss.
Ein Schrei hallte durch die Nacht, nicht aus einer Kehle, stattdessen aus der Welt selbst. Die Steine begannen zu leuchten, uralte Worte brannten sich in die Luft.
„Was haben wir getan?“
Ailinas Stimme zitterte.
Cáel blickte sie an, bleich und erschüttert.
„Wir haben sie geweckt.“
Der Wind verstummte abrupt. Die Runen erloschen. Zurück blieb eine Stille, die schwerer war als jeder Sturm.
„Eine Prophezeiung. Die älteste von allen. Von der Liebe, die nicht hätte sein dürfen.“
Ailina legte eine Hand auf ihre Brust. Ihr Herz schlug wild, lebendig, unaufhaltsam.
„Ich bereue es nicht.“
Cáel schloss die Augen.
„Das macht es nur schlimmer.“
Er trat zurück. Sein Körper begann bereits zu verblassen.
„Die Götter haben uns gesehen. Ab jetzt wird jede Nacht einen Preis fordern.“
Nachdem er verschwunden war, blieb Ailina allein im Kreis zurück – mit bebenden Händen, brennenden Lippen und dem Wissen, dass sie soeben etwas Unumkehrbares ausgelöst hatte.
Die fünfte Raunacht war vergangen. Durch sie war das Begehren nicht länger nur Gefühl. Es war zum Schicksal geworden.

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