Aus Regen gewoben, aus Wind erzählt

Inzwischen ist Schottland nicht mehr nur ein Ort, zu dem ich reise. Es ist ein Teil meiner Geschichte, den ich weiterschreibe.
Jedes Mal, wenn ich die Highlands betrete, habe ich das Gefühl, nach Hause zu kommen. Ich erkenne Wege wieder, auf denen ich niemals zuvor gegangen bin, und finde in den Gesichtern der Menschen eine Vertrautheit, die sich nicht erklären lässt. Vielleicht liegt es an der Wärme, mit der man hier empfangen wird. Dieser stillen, unaufdringlichen Herzlichkeit, die nicht in Worten, stattdessen in Gesten liegt. Ein Nicken, ein Lächeln, ein „How are ye, lass?“ in einem Akzent, der klingt wie Musik.
Manchmal frage ich mich, was Sir Walter Scott wohl gesagt hätte, wenn er wüsste, welchen Weg sein Buch in meinem Leben nehmen würde. Dass seine Worte ein Mädchen aus der ehemaligen DDR dazu bringen würde, Jahrzehnte später im Nebel von Glen Coe zu stehen und zu weinen – nicht aus Traurigkeit, stattdessen aus Dankbarkeit. Womöglich hätte er gelächelt. Oder er hätte gesagt: „Ja, Mädchen. Die Geschichten finden immer den Weg zu denjenigen, die sie brauchen.“
Heute schreibe ich selbst Gedichte und Geschichten. Dabei habe ich manchmal das Gefühl, sie schreiben sich durch mich hindurch. Sie kommen mit dem Wind über die Hügel, mit dem Regen, der an die Fenster trommelt, mit dem Flackern eines Kamins, während draußen das Meer tost. Ich glaube, jeder, der schreibt, trägt eine Landschaft in sich. Meine ist aus Heide, Nebel und dem Klang von Dudelsäcken gemacht. Und bisweilen, wenn ich an meinem Schreibtisch sitze, um die ersten Zeilen eines neuen Gedichts oder eines neuen Romans zu tippen, höre ich sie wieder, diese leise Stimme aus dem Tal von Glen Coe, die mich schon vor Jahren begrüßt hat.
„Schreib weiter. Wir sind noch nicht fertig, du und ich.“
Dann lächle ich, trinke einen Schluck Tee und lasse Schottland wieder durch meine Finger fließen.




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