Kapitel 11
Ein unauffälliger Griff in den Koffer und schon fangen die Hände an zu schwitzen. Rauchgeschosse und Sprengstoff aus nächster Nähe zu benutzen liegt Clive nicht. Doch auch wenn er sein Leben an jenem Ort lassen wird, verteidigt er Sina und einen jeden Verbündeten mit seinem Leben. Auch Lysander erwacht aus der Starre. Sein Löffel fällt hinab und kaum stemmt sich der Herzog hinauf, handelt Cuno und drückt ihn grob hinab auf den Platz. Während der Paladin sein Schwert zieht und Lysander dieses drohend unters Kinn hält, erhebt sich Clive mit der ersten Rauchgranate und der Kerze vom Tisch. Warnend gleitet sein Blick umher, ein jeder bewaffnet sich für den Kampf.
„Keine Bewegung oder ich jage alles in die Luft!“
Seine Stimme mag, zittern und doch hallt sie kraftvoll durch die Räumlichkeit.
Die Luft ist zum Zerreißen. Clive traut sich nicht mal, zu atmen. Sein Blick bleibt wachsam. Da sich keiner rührt, erhofft er sich gute Chancen für eine Flucht. Trotz Bedrohung beginnt Lysander laut zu lachen.
Der Herzog klatscht in die Hände und ruft: „Schon gut. Waffen runter, Leute. Unsere Gäste sind misstrauisch, zeigen wir ihnen doch, dass sie nichts zu befürchten haben.“
„Ganz schön große Worte für jemanden, der von einem Paladin bedroht wird“, brummt Cuno.
Das Grinsen des Herzoges wird breiter, als er aufblickt.
„Ihr habt eine Hexe an Eurer Seite, werter Paladin! Das ist Verrat an der Krone!“
„Fee! Nicht Hexe!“, schimpft Sina.
Cuno schnalzt verärgert mit der Zunge und blickt zu Clive auf. Ein Nicken soll sicherlich das Startsignal für einen Kampf sein, doch plötzlich bricht Cunos rechtes Bein weg und der Paladin stürzt hinab. Ein Blick zur Seite zeigt, dass der Herzog heil aus der Schlinge angelt und ein Machtwechsel stattfindet. Ein Schlag mit dem glatten Handrücken auf Cunos Arm sorgt dafür, dass dem Paladin sein Schwert aus der Hand gleitet. Cuno schnauft laut und flucht.
„Was zur Hölle! Was habt Ihr getan?“
Lysander klopft ihm frech auf die Schulter und lehnt sich an Cuno.
„Nervendruckpunkte. Ganz mies. Ich muss nur die richtige Stelle treffen und schon ist die Verbindung getrennt.“
Kaum erklärt tritt er mit hochgehaltenen Händen vom Tisch fern und fixiert bewusst Clive an.
„Wie du siehst, bin ich kein Feind. Wir hätten Euch längst töten können. Zweifelt doch nicht an meiner Ideologie. Was haltet ihr von einem Waffenstillstand?“
Es klingt zu schön. Zu einfach. Doch fürchtet Clive eine List. Als erkenne sein Gegenüber die Zweifel, schwenkt der Kopf rüber zu Sina. Bei dem charmanten Lächeln kombiniert mit einem Augenzwinkern meldet sich ein widerliches Brennen in Clives Brust. Lysander wurde gesegnet mit einer atemberaubenden Ausstrahlung. Engelsgleich. Vorzüge, die sich nicht ausblenden lassen. Hinzu kommt sein angenehmer Charakter. Aber ein auffälliges Interesse an Wundern. Die Furcht wurzelt tief, dieser Mann umgarnt Sina und missbraucht sie für seine Zwecke.
„Welch nobler Mut, Eure Identität preiszugeben, werte Sina. Fühlt Euch herzlichst willkommen in meinem Lager und fürchtet Euch nicht. Legt den Mantel gerne ab, denn vor mir oder all den anderen braucht Ihr nichts verstecken. In meiner Anwesenheit müsst Ihr Euch nicht verhüllen. Ich verspreche Euch Schutz und Gastfreundschaft.“
„Nicht!“, zischt Cuno, als Sinas Finger die Schnur ergreifen, die den Mantel auf ihr hält. „Das wäre unklug, Sina!“
Verschwendeter Atem. Sina bewies sich oft als dickköpfig, es gehört viel Überzeugungskunst dazu, sie für eine Sache zu gewinnen. Diese Frau vertraut ihrem Bauchgefühl und beweist sich als ungestüm. Ungeachtet der Tatsache, dass sie sich schon einmal in Gefangenschaft befand.
Gegen die Erwartungen lugt Sina zu dem Alchemisten rüber, als suche sie Rat. Auch Clive kann die Enthüllung nicht gutheißen und schüttelt daher flehend den Kopf. Nur, um am Ende enttäuscht zu werden. Denn eine schnelle Bewegung und der Mantel fließt hinab und offenbart ihre traumhaften Flügel, die schon viel zu lange im engsten Raum versteckt wurden. Daher wundert ihn es nicht, wie Sina genussvoll die Augen schließt und sich ihr Schmetterlingskleid in voller Pracht ausstreckt. Strahlend weiß und leuchtend hell. Glitzerstaub wirbelt bei jedem Flügelschlag auf. Ruhige, fast hypnotische Bewegungen, die Sina umso begehrenswerter erscheinen lassen. Verzaubert von ihrem Anblick haftet der Blick eisern an ihr. Clive wünschte, er könne den Blick von ihr abwenden und die feindliche Umgebung im Auge behalten, doch seit dem ersten Treffen verzauberte die Fee ihn. Ihre Besonderheiten hielt sie auf seinen Wunsch versteckt. Zu ihrem Schutz. Für seinen Fokus.
„Traumhaft schön. Welch eine Schande, dass Ihr Eure wahre Form verbergen müsst“, spricht Lysander Clives unausgesprochene Gedanken aus.
Worte, die Sina aufrichtig lächeln lassen, als habe sie endlich jemanden vor sich, der ihre Gefühlswelt versteht. Kaum öffnet sie ihre ozeanblauen Augen, wirft sie dem Herzog einen Blick voll von Dankbarkeit zu.
„Würde es doch nur mehr Menschen geben, die so denken, dann müssten sich Magieträger weniger fürchten.“
Es steckt so viel Aufrichtigkeit in ihren Worten. Kombiniert mit der Harmonie zwischen den beiden, versagen Clives Beine. Zitternd setzt er sich auf den Stuhl nieder und kämpft innerlich gegen diese giftigen Gefühle, die seinen Charakter verderben wollen.
Lysander umrundet den Tisch und Sina lässt sich von ihm begutachten. Er zeigt wahrhaftiges Interesse und bringt Sina sogar zum Lachen. Ehrliche Freude. Der Herzog überrascht sie mit einer Flut an Fragen, vertieft das Gespräch mit ihr und entführt sie sogar zum Tresen, wo die beiden auf ihr Treffen anstoßen. Die Stimmung um Clive und Cuno wirkt feierlich. Während der Paladin sein Gesicht vergräbt, als habe Sina den dümmsten Fehler überhaupt gemacht, erträgt Clive all die positive Stimmung kaum länger. Um sich nichts zu zerstören, wählt er den Rückzug. All die Erschöpfung und Müdigkeit wäre somit fort, doch der Herzschmerz wirkt umso unerträglicher. Ablenkung muss her! Ein Tagebucheintrag wäre aufgrund des aufgewühlten Geistes nicht objektiv, daher kehrt er zurück zum Krankenlager. Sein Auftreten wird von den anwesenden Helfern hinterfragt, nur meidet Clive sämtliche Gespräche und vertieft sich in seine Arbeit.
Die Mehrheit der Patienten erholt sich mit ein wenig Schlaf, daher fällt nicht viel Arbeit an. Zeit, die der Alchemist nutzt, um Medizin und andere Substanzen herzustellen. Sein Fehlen fällt auf. Daher bekommt er mitten in der Nacht Besuch von der Traumforscherin Gerta. Begleitet und unterstützt von Violante. Clive gibt sich Mühe, seine Gefühlswelt zu betäuben und eine Maske aufzusetzen, die sein Umfeld glauben lasse soll, die Welt sei für ihn heile. Aber täuschen kann er eine Frau wie Gerta nicht. Kaum landet ihre Hand auf seine und der mitfühlende Blick nimmt ihn Beschlag brechen die Tränen ungehindert heraus. Gefühle, die begraben werden sollten, aber nun an die Oberfläche durchbrechen. Mit solch einer Kraft wie eine Naturgewalt. Ein Ausbruch, der ihn mental und körperlich auslaugt. Willkommen geheißen von Gerta, die sich mütterlich um ihn kümmert. Liebe und Verständnis, was Clive in solch einem Umfang noch nie erlebte.
Gerta stellt keine lästigen Fragen, kommentiert seine Schwäche nicht, sondern gibt ihm Kraft mit ihrer Anwesenheit. Während Violante Tee aufsetzt und ihn auf ihre Art aufmuntert. Mit Liebe in Gebäck und herzwärmenden Tee. Clive mag sich zwar wünschen, sie wären nicht Zeuge seines schwachen Moments und doch fühlt er unfassbare Dankbarkeit für ihre tröstende Gesellschaft. Daher hält er es nur für gerecht, der gesamten Reisegruppe die Wahrheit offen zu legen. Ungeachtet der Folgen. Zumal die Wahrheit so oder so durch Sinas Entscheidung ans Licht kommen wird. Kaum legt sich der Gefühlsausbruch, ärgert sich Clive über seine Entscheidung, fortgelaufen zu sein. Somit ließ er Sina allein bei einer fremden Person. Eine unbegründete Sorge, denn Cuno behütet ihre Gefährtin bis spät in die Nacht. Er greift sogar ein, als Sina über ihren Durst trinkt. Berauscht vom Wein verschläft die Fee den halben Morgen und erwacht mit einem gewaltigen Kater. Cuno scheint ein gutes Gespür zu haben, so überbringt er einen aufgesetzte Kräutertee und ein salziges Frühstück. Angefertigt von Clive, der es nichts übers Herz bringt, Sina unter die Augen zu treten. Zu seinem Bedauern sucht Herzog Lysander Clive auf und stellt viele unangenehme Fragen zum plötzlichen Verschwinden. Der Herzog lächelt verschmitzt, als wüsste er von den Verlustängsten und dem Liebeskummer. Doch zum Glück bleiben die Gefühle unkommentiert.
Kindisch mag Clives Verhalten sein, denn er weicht dem Herzog auch in den kommenden Stunden aus und behält eine abweisende Stellung. Auch gegenüber Sina. Sobald er die Fee sieht, versteckt er sich vor ihr und wird er entdeckt, meidet er den Blickkontakt und bestraft sie mit Abweisung. Kein kontrolliertes Verhalten, sicherlich sein dummer Selbstschutz, der zum Bruch einer Freundschaft führe kann. Doch noch wallt Bitterkeit in ihm und er fühlt sich nicht bereit, ihrer Nähe länger ausgesetzt zu werden. Zumal er immer wieder aus der Ferne die Harmonie zwischen Sina und Lysander beobachten kann. Die beiden wirken zu schnell vertraut, zu glücklich und fast überwiegend verbringen sie die Zeit gemeinsam. Immer in Beisein von Cuno, der ihnen mit grimmiger Miene folgt, wie ein bissiger Hund, der jederzeit eingreifen muss. Am Ende des Tages sucht der Paladin seinen Freund sogar auf und spricht das aus, was Clive ebenfalls befürchtet: Sina könnte sich womöglich von ihnen trennen. Sie macht den Anschein, als unterstütze sie Lysanders Vorhaben. Womöglich mag sie an der Seite des Herzoges verbleiben, statt mit ihnen weiterzureisen. Clive mag bewusst sein, dass Sinas Herz an Lysanders Seite erblühen könne und die Chancen auf die Heimkehr steigen. Denn Lysander hat mehr Möglichkeiten und Einfluss im Lande. Doch er zieht in den Krieg. Seine Verletzten erholen sich und der Aufbruch für alle Anwesenden steht in naher Zukunft. Die Reisegruppe konnte Kraft für die kommende Reise tanken und nahm die Wahrheit über Sina gefasster auf, als angenommen. Sina hinterließ Eindruck mit ihrem freundlichen Wesen, daher wird sie so akzeptiert, wie sie ist und nicht aufgrund ihrer Wunder ausgegrenzt.
Zwei Tage stärken sie sich im Zwischenposten. Zwei Tage zu viel. Der Aufbruch rückt näher und der Kontakt zu Sina geht verloren. Fast, als entfremden sich die beiden Freunde. Dabei sucht Sina den Kontakt zu Clive noch immer, trotz abwertender Haltung seitens des Alchemisten. Sie sucht sogar Rat bei Cuno, der eigentlich für seine Direktheit bekannt ist, nur diesmal überrascht der Paladin mit Diskretion. Er hütet die Wahrheit über Clives Gefühle eisern und wirkt auffällig freundlich und verständnisvoll, dass er kaum wiederzuerkennen ist. Selbst Mina erkennt das Dilemma und versucht Clive mit Beeren aufzumuntern, die sie ihm fast stündlich vorbeibringt. Reife Beeren, deren Süße Clive leider nicht erreicht. Denn die Nahrung schmeckt seit jenem Tag extrem fad und ungenießbar, dass Clive oft sogar drauf verzichtet. Stattdessen sehnt er sich auf den Moment der Abreise. Mit Furcht im Herzen. Und doch mag er es schnell hinter sich bringen wollen. Um die Erfahrung zu verarbeiten und daran zu wachsen.




















































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