Kapitel 14

Mysterien haben eine anziehende Wirkung. Ein Blick in Milans Augen und Skyla befindet sich in einem Raum voller geschlossener Türen. Geheimnisse, die ihr zuflüstern. Ein zu wirres Durcheinander, um den Sinn dahinter zu verstehen. Es gibt Durchgänge, die mit Absperrband und unzähligen Schlössern versehen sind. Am Boden sammelt sich Nebel, der ihr wie eine Katze um die Beine schlängelt. Ungläubig dreht sie sich in dem kreisrunden Raum um die eigene Achse. Auf der Suche nach einem Ausgang. Vergebens. Skyla ist gefangen in ihrem eigenen Kopf. Nur ein Moment der Unachtsamkeit und ihre Umgebung veränderte sich schlagartig. Emilies geliebte Brunnen fort, so wie sämtliches Sonnenlicht. Skyla fürchtet, langsam den Verstand zu verlieren. Frust baut sich in ihr auf. Wie kann sie nur so viel Pech anziehen?

 

„Mit deinen blauen Haaren fällst du von weitem auf“, dringt die Stimme des Geisterjägers an ihr Ohr.

Es klingt nach Spott und ein Wimpernschlag reicht aus, um in ihre allzu vertraute Welt zurückzukehren. Einen Ort, der ihr nicht fremd ist. Eine Umgebung, die ihr Sicherheit schenkt. Menschen, denen sie vertraut. Skyla kneift sich, um Gewissheit zu bekommen. Der Schmerz ist echt und es lässt sich kein Anzeichen finden, ob sie träumt oder nicht.

„Eine grellere Farbe konntest nicht nehmen oder?“

Sein bissiger Ton lässt Skyla aufblicken. Der Geisterjäger betrachtet sie mit schmalen Augen, als wäre sie ein schlechter Mensch, der sein Ego gekränkt hätte. Seine Haltung ihr gegenüber wirkt aggressiv. Seine freundliche Seite nun ganz verschwunden.

Verwirrt öffnet Skyla den Mund, doch Lukas ist schneller. „Als ob du mit diesem Rot im Haar nicht auffallen würdest!“

Milan lächelt mit gebleckten Zähnen. Skyla rechnet mit einem Konter, aber der Geisterexperte schweigt. Auch wenn Lukas‘ Rückenverstärkung wie gerufen kommt, ist ihr Milans neue Persönlichkeit nicht geheuer. Obwohl Emilie Milan immer wieder anspricht, haftet sein stechender Blick auf Skyla, die bereits Schutz hinter Lukas sucht. Hauptsache raus aus seinem Sichtfeld. Eine wahre Demütigung. Denn eigentlich fürchtet sie niemanden, aber dieser Fremde reißt sämtliche Schutzwälle ein und lässt sie schlecht fühlen.



 

Auch eine Emilie bekommt die angespannte Stimmung mit. Sie zwingt sich zu einem Lächeln und versucht, für Stimmung zu Sorgen. „Okay. Wie wäre es, wenn wir uns dann einfach mal auf dem Weg machen? Das wird sicherlich lustig.“

Lukas sucht gezielt Skylas Blick. Seine Haltung ist steif und seine Augen wachsam. Als Skyla zögerlich nickt, wirkt er nicht überzeugt.

„Sicher?“

Ein erneutes Nicken ihrerseits, doch noch immer scheint sich Lukas damit nicht zufrieden zu geben.

„Ich habe mich hierauf gefreut, Lukas.“

Sein Blick gleitet von ihr, als sich Milan zwischen die beiden Freunde schiebt und böse lächelt.

„Entschuldige bitte, aber ich entführe mal kurz die Kampfzicke hier.“

„Fass sie nicht an!“, folgt ein Wort der Warnung.

Überrascht blicken Milan und Skyla zu Lukas auf. Solch eine Reaktion ist sie von ihrem besten Freund nicht gewohnt.

„Wie wäre es, wenn du dich da raushältst!“, kontert Milan bissig und schnappt sich Skyla, um sie in den Hintergrund zu entführen.

 

Aber Lukas setzt sich ebenfalls in Bewegung. Sein Versuch, sie aufzuhalten, scheitert nur deshalb, weil Emilie sich ihm in den Weg stellt. Er umrundet den Lockenkopf jedoch, woraufhin Milan angeödet schnaubt und die Finger von Skyla löst.

„Du bist so eine Nervensäge! Weißt du das?“

„Skyla hat sich bislang nicht einmal hinter mir versteckt! Nicht einmal! Woraus ich schließe, dass du ihr etwas angetan hast!“

Milan schüttelt verständnislos den Kopf und krempelt sich die Arme frei. Schnell schreitet Skyla zur Tat. Allein um eine Prügelei zu verhindern. Sie erreicht ihren besten Freund und muss ihn dreimal beim Namen nennen, damit er endlich den Blick von dem Geisterjäger nimmt. Denn Lukas wirkt entschlossen genug, sich auf Milan zu stürzen.

„Schon gut, Lukas.“

Mit einem Ausdruck von Enttäuschung senkt er den Blick.

„Nichts ist gut, Skyla. Ich sehe die Angst in deinen Augen.“

„Ich rede mit ihm und kläre das“, beschließt sie nach einem tiefen Atemzug.

 

Prüfend hebt Lukas den Kopf. „Hat er dir etwas getan?“

„Nein. Ehrlich!“

„Und warum fürchtest du dich vor ihm? Das muss einen Grund haben! Das bist nicht du!“

„Ich weiß es nicht.“ Es handelt sich um ein Geständnis. Skyla hat keine Ahnung, woher diese Furcht kommt. „Sorry, dass ich gerade so erbärmlich bin.“



Sie schnieft. Das Blut schießt ihr in die Wangen und der Pein ist kaum zu ertragen. Lukas‘ Zorn verfliegt mit einem Schlag. Seine Hände fangen ihr Gesicht ein und heben den Kopf ganz vorsichtig an, als bestehe dieser aus Porzellan. Sein Lächeln erinnert Skyla an seinen Vater. Thomas hat genau denselben herzlichen Ausdruck.

„Es ist okay, sich ab und zu auf andere zu verlassen. Du bist niemals allein. Das weißt du hoffentlich doch oder?“

Ihre Hände legen sich um seine. Es folgt ein tiefer Atemzug und es geht Skyla bereits besser. Lukas‘ Anwesenheit gibt ihr Kraft und Mut. Ihren Augen strahlen vor Entschlossenheit.

„Danke, Lukas. Ich kläre das kurz.“

Nun endlich bekommt sie ihn umgestimmt. Mit Stolz tritt er zur Seite und lässt sie passieren.

„Vergiss nicht, ich bin hier und schreite sofort ein, falls du mich brauchst. Ein Wort und wir verschwinden.“

Beflügelt von dem Band ihrer Freundschaft schreitet Skyla furchtlos zu Milan, dessen Abneigung sich nicht gelegt hat, wie sein bissiger Blick zeigt.

 

Das Wasser im Brunnen plätschert fröhlich vor sich hin. Es hat eine anziehende Wirkung auf Skyla. Ihr inneres Kind wird herausgekitzelt. Ein Sprung reicht aus, um sicher auf dem Brunnenrand zu landen. Mit einem Siegerlächeln blickt sie auf ihr Spiegelbild, das auf der Wasseroberfläche zu finden ist. Sie genießt den frischen Wind in ihren Haaren und aus Gewohnheit reckt Skyla ihr Kinn den Sonnenstrahlen entgegen. Ein Blick zu den Baumkronen und die farbenfrohe Palette des Herbstes bringt ihre Augen zum Glänzen. Alles ist perfekt, bis das Brunnenwasser sie erinnert, wer neben ihr steht. Milans Körperhaltung wirkt jedoch entspannter. Seine Arme liegen nicht mehr verschränkt vor seiner Brust und auch der finstere Blick ging fort.

 

Skyla dreht sich zur Seite, um ihn direkt ins Gesicht zu blicken. Dabei rutscht ihr Fuß vom Rand ab und sie droht zu fallen. Milan handelt und gibt ihr Halt. Er stabilisiert ihre schräge Lage. Sein Arm liegt um ihre Taille und die Hand stärkt den Rücken, während seine andere Hand ihre gefangen hält. Es hat mehr etwas von einer Tanzeinlage statt von einem Rettungsversuch. Erschrocken blickt sie dem Geisterjäger in die Augen.



„Geht es dir gut?“

Milan klingt tatsächlich besorgt.

„Ja schon.“

Sie keucht. Der Schock sitzt noch tief. Ein Blick über seine Schulter und sie sieht, wie Emilie standhaft eine Mauer spielt. Alles nur, damit Lukas ihnen nicht dazwischen funkt. Skylas bester Freund schüttelt unschlüssig den Kopf, aber Emilie bleibt verbissen.

 

Milans Hände umfassen Skylas Taille und mit einer Drehung befördert er sie vom Brunnenrand auf dem sicheren Boden.

Verwirrt blickt sie auf. Milan kratzt sich verlegen und fixiert weiterhin den Brunnen an, während er spricht: „Steck deine Nase nicht in andere Angelegenheiten!“

Die Harmonie zerplatzt wie eine Seifenblase. Ein Moment, der von kurzer Dauer war. Die Wut drängt die Dankbarkeit zur Seite und Skylas sieht rot für diese unverschämte Aussage.

„Was sagst du da?“

Er betrachtet sie prüfend, als studiere er sie.

„Du bist bei mir eingebrochen. Dein Versuch, in meine Birne zu gelangen und Geheimnisse zu studieren, ist mir nicht entgangen!“

Skyla ahnt, wovon er spricht und doch braucht sie Klarheit. „Ich war in deinen Kopf?“

Milan hebt verwundert eine Augenbraue. „Das war keine Absicht?“

„Okay, okay! Auszeit!“ Sie hebt abwehrend die Hände. „Redest du von dem kreisrunden Raum mit den vielen Türen? Also hast du das auch gesehen?“

Seine Züge werden weicher. Fast schon mitleidig betrachtet er sie. „Oh. Deine Macht ist erst kürzlich erwacht.“

Skyla dreht sich einmal im Kreis und sucht nach vertrauten Dingen. Da wären Lukas, der Brunnen und die Stadt, in der sie groß geworden ist. Im Himmel fliegen keine Drachen und es laufen auch keine knuffigen Hasen herum, die sich mit dem menschlichen Volk unterhalten. Fast, aber nur fast, hat sie geglaubt, Teil eines Fantasyabenteuers zu werden. So wie in den Mangas, die sie gerne liest. Dann, wenn der Protagonist stirbt und als Held in einer neuen Welt erwacht.

 

„Also vom Temperament her bist du sicherlich eine Hexe!“ Verächtlich wandert Milans Blick an ihr herab. „Wahre Biester, wenn du mich fragst. Und das ist nicht einfach dahergesagt, denn ich spreche aus Erfahrung.“

Skyla blinzelt verdattert. Sein Dahergerede über Hexen posaunt er lockerflockig heraus, als wäre dies Gesprächsstoff für eine normale Unterhaltung.



„Hexen?“, wiederholt sie ungläubig.

Er nickt mit einem kecken Grinsen. „Ja, das passt gut zu dir. Ich bin mir sicher, du bist eine!“

„Solltest du Recht haben, dann werde ich als erstes daran arbeiten, dich in eine hässliche Kröte zu verwandeln.“

Es soll nur ein Scherz sein und doch lehrt sie ihm damit das Fürchten. Milan erstarrt zur Salzsäure.

„Was habe ich dir bitteschön getan, dass du mir so etwas Grausames antun möchtest?“ Als sie den Kopf verwundert schief legt, weicht er einen Schritt zurück und hebt entschuldigend die Hände. „Okay, okay. Ich habe es verstanden. Ich kann manchmal wirklich gemein sein, aber bitte verfluche mich nicht.“

Skyla lächelt böse und will sich diese Situation zu Nutze machen. „Dann sei gefälligst netter zu mir.“

Er nickt eilig und rückt ganz langsam weiter in den Hintergrund, bis Emilie ihn warnend ruft. Ihr entschlossener Blick gleicht einer Jägerin mit einer Flinte, die Freiwild entdeckt hat.

 

Der süße Kerl ist wie ausgewechselt und er tut Skyla schon etwas leid.

„Also …worüber wolltest du reden?“

Ihr Ton wird sanfter. Verständnisvoller. So wie ihr Ausbilder David es ihr beigebracht hat. Er sagt immer, dass sie mit Julian und Dominik sprechen soll wie mit kleinen Kindern. Das sei die wirkungsvollste Methode, damit die Jungs nicht dicht machen. Aber als Skyla an ihrem freundlichen Lächeln arbeitet, reagiert Milan genauso misstrauisch wie die zwei Jungs aus der Küche. Es ist, als liefe es Milan eiskalt den Rücken runter. Als stehe vor ihm die wohl beängstigte Bestie, die er je gesehen hat.

„Also“ Ihr Lächeln schwindet schlagartig, als er sich zum Gehen abwendet. „Hey! Wohin?“

„Du bist gruselig!“

Wenigstens ist er ehrlich.

Seufzend dreht sich Milan zu ihr. „Würdest du bitte aufhören, so creepy zu grinsen? Wirklich, was das auch werden soll, es ist unschön und unnatürlich.“

Skyla rollt mit den Augen. „Ich wollte doch nur nett sein.“

„Steht dir nicht.“

Womit hat sie seine schlechte Laune nur verdient?

Seine Stimmungsschwankungen sind unfassbar anstrengend.

Beleidigt verschränkt Skyla die Arme. „Und was verschlägt dich hier her? Ein Geist?“

„Eine Flinte!“ Milan klingt aufgebracht und sieht zornig an ihr vorbei. Skyla ahnt, dass er Emilie anvisiert. „Deine Freundin ist genauso ein Biest wie du es bist!“



Skyla hebt mahnend den Finger. „Vorsicht. Emilie kann verbissen sein, aber sie ist kein Biest.“

Milan belächelt die Aussage spöttisch. „Glaub du nur, Skyla. Dann kennst du deine Freundin nicht mal halb so gut.“

 

Das Gespräch wird ermüdend, woraufhin Skyla vorschlägt: „Okay. Nimm es Emilie bitte nicht übel. Ich weiß, sie kann verbissen sein, aber sie meinte es auf gar keinen Fall böse. Wenn du magst, dann halte ich dich nicht auf. Geh ruhig und ich kläre das mit Emilie.“

Damit ließe sie zwar die Chance auf ihre gewünschte Unterhaltung verstreichen, doch Skyla fürchtet, dass bei der schlechten Stimmung eh nur ein halbherziges Gespräch zu Stande käme. Daher hält sie es sinnvoller, ihn gehen zu lassen.

Misstrauisch betrachtet er sie. „Kein Scherz? Du lässt mich ziehen?“

„Aber klar. Das war so nicht geplant und es tut mir auch schrecklich leid.“

Milan nickt und macht die ersten Schritte in eine andere Richtung, bis er sich plötzlich umdreht und mit sich hadert. Skyla atmet laut aus und verzweifelt an ihm.

„Was zögerst du denn noch?“

„Ich kann nicht gehen!“ Er nuschelt und doch hat sie ihn verstanden. „Ich bleibe und behalte dich im Auge.“

Ihr ist nach Schreien zumute.

Erkennt er nicht, wie viel Ärger sein Dasein auslöst?

Sie fasst sich vor Hilflosigkeit an den Kopf. „Was? Wieso?“

Milan betrachtet sie ungläubig. „Na, warum wohl? Deine Kräfte sind erwacht und du hast keine Ahnung, was das für dich bedeutet!“

Leider wahr und doch reagiert Lukas bissig auf ihn.

„Geh doch einfach!“, fleht sie ihn an.

Aber er schüttelt eisern den Kopf. „Nein! Ich kann nicht!“

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